mini|Sitzend: Reichswirtschaftsminister und Präsident der Deutschen Reichsbank Walther Funk mit den neuernannten Vizepräsidenten der Reichsbank Emil Puhl (links stehend) und Kurt Lange bei der Betrachtung der Entwürfe zu den neuen Zwanzigmarkscheinen (1940). mini|Die deutschen Vertreter in der Transferkommission 1934, von links: Schacht, Blessing, Puhl, v. Wedel.
Emil Johann Rudolf Puhl (* 28. August 1889 in Berlin; † 30. März 1962 in Hamburg) war ein deutscher Beamter der Deutschen Reichsbank, von Februar 1939 bis zum Mai 1945 deren Vizepräsident. Er galt als „Hitlers wichtigster Staatsbankier und Devisenbeschaffer“Wirtschaftswoche, Nr. 50, 1996, S. 121. während des Zweiten Weltkriegs. Am 11. April 1949 wurde Puhl im Wilhelmstraßen-Prozess zu fünf Jahren Haft verurteilt.
Ausbildung und berufliche Anfänge Puhls Eltern waren Otto Theodor Richard Puhl (8. November 1855–17. Juni 1938) und Alma Albertine Wilhelmine Puhl, geborene Weckmann (6. März 1861–8. Dezember 1943). Sein jüngerer Bruder war Richard Carl Fritz Puhl (* 4. Oktober 1891 in Hamburg; † 4. Oktober 1970). Puhl wuchs in Hamburg auf und trat nach einer kaufmännischen Lehre in einem Hamburger PrivatbankhausEmil Puhl 70 Jahre. In: Hamburger Abendblatt, Ausgabe 198 vom 27. August 1959, S. 17. 1913 bei der Reichsbank in Elberfeld ein.Entwurf zu einer Pressenotiz anlässlich des 50. Geburtstags des Mitglieds des Reichsbankdirektoriums Puhl, 17. August 1939, BArch R2501/6362 Von 1916 bis 1918 wurde er im Ersten Weltkrieg an der Westfront eingesetzt und war danach bis 1920 in französischer Kriegsgefangenschaft.Zweiter Weltkrieg. Die Schweiz und die Goldtransaktionen im Zweiten Weltkrieg. Unabhängige Expertenkommission Schweiz. Überarbeitete und ergänzte Fassung des Zwischenberichts von 1998, Anhang 1, S. 6.
Nach dem Krieg führte Puhl seine Laufbahn an verschiedenen Reichsbank-Niederlassungen in Mittel- und Norddeutschland fort. Ab 1924 war er als stellvertretender Vorstandsbeamter an der Reichsbank-Hauptstelle Leipzig, ab Februar 1929 als Leiter der Reichsbank-Nebenstelle Worms tätig. Einige Monate später erfolgte seine Berufung nach Berlin, wo er als Referent des Reichsbankdirektoriums mit der Bearbeitung von Devisenangelegenheiten beschäftigt war.Entwurf zu einer Pressenotiz anlässlich des 50. Geburtstags des Mitglieds des Reichsbankdirektoriums Puhl, 17. August 1939, BArch R2501/6362
Zeit des Nationalsozialismus Ab Juli 1933 leitete Puhl das Dezernat für „ausländischen Zahlungs- und Kreditverkehr“.Peter Hampe, Albrecht Ritschl: Neue Ergebnisse zum NS-Aufschwung. Berlin 2003, S. 68. Puhl stieg am 1. Juli 1934 zum Mitglied des Reichsbankdirektoriums auf. Er war förderndes Mitglied der SS, beantragte am 19. November 1937 die Aufnahme in die NSDAP und wurde rückwirkend zum 1. Mai desselben Jahres aufgenommen (Mitgliedsnummer 5.852.526).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/33380141 Puhl und Max Kretschmann (1890–1972) blieben nach der Entlassung des Reichsbankpräsidenten Hjalmar Schacht im Januar 1939 als einzige Mitglieder des Reichsbankdirektoriums „unter dem Druck ihrer Partei“ auf ihren Posten.Eckhard Wandel: Das deutsche Bankwesen im Dritten Reich (1933–1945). In: Deutsche Bankengeschichte. Band 3, Frankfurt am Main 1983, S. 171. „Dass Puhl nicht entlassen wurde, obgleich auch er Schachts Denkschrift unterschrieben hatte, […] dafür dürften Puhls gute Kontakte zu Nationalsozialisten und zur Geschäftsgruppe Devisen bei Görings Vierjahresplanbehörde […] ausschlaggebend gewesen sein“.Zitiert nach Ralf Banken: Edelmetallmangel und Großraubwirtschaft. Die Entwicklung des deutschen Edelmetallsektors im „Dritten Reich“ 1933–1945. Akademie-Verlag, 2009, ISBN 978-3-05-004380-7, S. 673 (= Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte, Beiheft 13). Am 11. Februar 1939 wurde er im Rang eines StaatssekretärsErnst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Frankfurt am Main 2007, S. 474. auf Vorschlag des neuen Präsidenten, Reichswirtschaftsminister Walther Funk, als Nachfolger von Rudolf Brinkmann zum Vizepräsidenten der Deutschen Reichsbank ernannt und amtierte vom 2. August 1940 bis zum 8. Mai 1945 als „geschäftsführender Vizepräsident“. Seine Verantwortung versuchte Puhl später auf der Anklagebank in Nürnberg herunterzuspielen:
Von 1935 bis 1945 war Puhl zudem Mitglied im Aufsichtsrat der Deutschen Golddiskontbank und 1944 deren stellvertretender Vorsitzender.Wilhelmstraßenprozess, S. 151. Des Weiteren war er Mitglied des Aufsichtsrates der Diskont-Kompagnie AG, Berlin und ab dem 16. September 1937 dort Vorsitzender des Aufsichtsrates. Zudem war Puhl Vorsitzender des Verwaltungsrates der Hauptverwaltung der Reichskreditkassen in Berlin und Mitglied des Aufsichtsrates mehrerer Banken und Unternehmen.
Emil Puhl und die „Goldwäsche“ in der Schweiz Neben seiner Tätigkeit als geschäftsführender Vizepräsident und damit „heimlicher Herrscher der Reichsbank mit exzellenten Beziehungen zu Himmler, Heydrich und zur SS“Jean Ziegler: Die Schweiz, das Gold und die Toten. Bertelsmann, Gütersloh 1997, S. 54. galt ein Schwerpunkt von Puhls Arbeit vor und während des Zweiten Weltkriegs seinem Amt als Verwaltungsratsmitglied der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich zusammen mit Kurt Freiherr von Schröder in der neutralen Schweiz.Joachim Distel: Die Errichtung des westdeutschen Zentralbanksystems mit der Bank deutscher Länder. Mohr Siebeck, 2003, ISBN 3-16-148081-3, S. 27. Die Schweiz sollte nach 1939 zur „Golddrehscheibe Europas“ werden, die dem nationalsozialistischen Regime Deutschlands und seinen Helfern wertvolle Dienste bei der Verwertung und „Wäsche“ des schmutzigen, weil in den besetzten Ländern geraubten Goldes leistete. Die Schweiz und ihre Nationalbank wickelten annähernd vier Fünftel der Goldverkäufe der Deutschen Reichsbank ab. Puhls Rolle dabei war vergleichbar der eines „Dealers“, der den Nationalbankiers in Bern das deutsche Raubgold brachte und es gegen harte Schweizer Franken tauschte. Diese Devisen waren von entscheidender Bedeutung für die deutsche Kriegs- und Rüstungswirtschaft, da kriegswichtige Rohstoffe ansonsten auf dem Weltmarkt weder mit deutschem Gold noch mit Reichsmark zu kaufen waren.Werner Rings: Raubgold aus Deutschland. Die „Golddrehscheibe“ Schweiz im Zweiten Weltkrieg. 2. Auflage. München 1997, S. 47–85. Ralf Banken: Edelmetallmangel und Großraubwirtschaft. Die Entwicklung des deutschen Edelmetallsektors im „Dritten Reich“ 1933–1945. Akademie-Verlag, 2009, ISBN 978-3-05-004380-7, S. 673 (= Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte, Beiheft 13). Die Schweiz und die Goldtransaktionen im Zweiten Weltkrieg. ISBN 978-3-0340-0616-3 (= Veröffentlichungen der UEK, Band 16). „Eine Voraussetzung für die Fortführung des Kriegs war deshalb der systematische Raub von Gold in den überfallenen Ländern, das gegen Devisen eingetauscht wurde“.Zitiert nach Rolf Surmann, Dieter Schröder: NS-Raubgold. Die Rolle der Schweiz. In: Rolf Surmann, Dieter Schröder (Hrsg.): Der lange Schatten der NS-Diktatur. Texte zur Debatte um Raubgold und Entschädigung. Münster 1999, S. 160.
Reichsbankvizepräsident Puhl verstand es, seine – allerdings auch ob der guten Geschäfte euphorisierten – Schweizer Kollegen über die Herkunft des deutschen Raubgolds zu täuschen. Er erschien ihnen „stets als ein gediegener und vertrauenswürdiger Herr, den man einer Lüge nicht für fähig“ hielt.Werner Rings: Raubgold aus Deutschland. Die „Golddrehscheibe“ Schweiz im Zweiten Weltkrieg. 2. Auflage. München 1997, S. 49. Robert M. W. Kempner, US-amerikanischer Hauptankläger im Wilhelmstraßen-Prozess, erinnerte sich an Puhl als einen „höflichen, freundlichen, ansprechbaren Herrn, einen typischen Beamten“, der seine ganze Intelligenz aufgeboten habe, „um aus der Sache herauszukommen“.Werner Rings: Raubgold aus Deutschland. Die „Golddrehscheibe“ Schweiz im Zweiten Weltkrieg. 2. Auflage. München 1997, S. 115. Heute ist es unstrittig, dass Puhl eine „Schlüsselfigur des Raubgoldhandels“Johannes Bär: Der Goldhandel der Dresdner Bank im Zweiten Weltkrieg. Kiepenheuer, 1999, S. 126. während des Zweiten Weltkriegs war. Die Unabhängige Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg (UEK) ging Ende der 1990er Jahre unter anderem der Frage nach, wie das Direktorium der Schweizerischen Nationalbank (SNB) vor 1945 „eine so enge und freundschaftliche Beziehung zu einer zwielichtigen Figur wie Reichsbankvizepräsidenten Emil Puhl“ knüpfen konnte.Die Schweiz und die Goldtransaktionen im Zweiten Weltkrieg. Unabhängige Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg, Bern 1998 (Zwischenbericht), S. 23; Endbericht, Zürich 2002 (= Veröffentlichungen der Unabhängigen Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg UEK, Band 16). Die Historiker erkannten, dass Puhl „kein nationalsozialistischer Aktivist“ gewesen sei, er sich aber „für die Zielsetzungen der NS-Goldpolitik“ engagierte. „Gleichzeitig verstand es Puhl meisterhaft, bei seinen regelmässigen Aufenthalten in der Schweiz Skepsis gegenüber dem NS-Regime durchschimmern zu lassen und sich auch als Anti-Nazi auszugeben. Führende Persönlichkeiten aus Finanz und Wirtschaft wussten ihn als kompetenten Fachmann und angenehmen Gesprächspartner zu schätzen“.Die Schweiz und die Goldtransaktionen im Zweiten Weltkrieg. Unabhängige Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg, Bern 1998 (Zwischenbericht), S. 29 (= Veröffentlichungen der Unabhängigen Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg UEK, Band 16).
Nach Kriegsende Am 1. Mai 1945 wurde Puhl von den Alliierten festgenommenJoachim Distel: Die Errichtung des westdeutschen Zentralbanksystems mit der Bank deutscher Länder. Mohr Siebeck, 2003, ISBN 3-16-148081-3. und gab am 3. Mai 1946 eine Eidesstattliche Erklärung in einem Internierungslager bei Baden-Baden ab, die im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher während der Aussage von Walter Funk am 7. Mai 1946 verlesen wurde. Im Verfahren gegen den ehemaligen Reichsbankpräsidenten belastete der Zeuge Puhl seinen früheren Vorgesetzten schwer.Zeuge Funk im Zeugenstand. In: 123. Tag. 7. Mai 1946, Vormittagssitzung. In: Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Gerichtshof Nürnberg. Band 13. Nürnberg 1947, S. 186–227; Puhl wurde am 15. Mai 1946 in Nürnberg auch zum „Melmer-Gold“ verhört. Von den Depots in den Tresoren der Reichsbank in Frankfurt am Main, in denen die SS Gold, Juwelen und andere Wertsachen von Häftlingen der nationalsozialistischen Vernichtungslager im Osten deponierte („Melmer-Gold“), wusste Puhl laut Aussage seines Mitarbeiters Albert Thoms von Anfang an.Verlesung der Erklärung Thoms. In: 130. Tag. 15. Mai 1946. In: Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Gerichtshof Nürnberg. Band 13. Nürnberg 1947, S. 617–661; Dazu das Affidavit, das Puhl am 3. Mai 1946 in Baden-Baden in US-amerikanischer Gefangenschaft zu Protokoll gab Aufgrund der Ermittlungen und Zeugenaussagen im Hauptkriegsverbrecherprozess erhoben die alliierten Strafverfolger auch gegen Puhl Anklage.
Puhl wurde am 4. November 1947 im Wilhelmstraßen-Prozess, dem 11. Prozess, der im Rahmen der Nürnberger Prozesse stattfand, angeklagt. Der Staatsanwalt beschrieb Puhls Rolle so:
Verteidigt wurde Puhl von Hans Gawlik, einem ehemaligen NSDAP-Mitglied und Staatsanwalt am NS-Sondergericht in Breslau. Gawlik, der sich später als Leiter der Zentralen Rechtsschutzstelle um die Integration von NS-Tätern in die bundesrepublikanische Gesellschaft bemühte, bestritt, dass Puhl eine aktive Rolle gespielt hatte. Nicht einmal Puhls NSDAP-Mitgliedschaft sei bewiesen. Gawliks Plädoyer gipfelte in der Charakterisierung seines Mandanten als eines unbescholtenen, rechtschaffenen Deutschen: