Überinvestitionstheorien sind in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelte Beiträge zur Konjunkturtheorie in hoch entwickelten Industriestaaten, wo Investitionsgüter stärker von Konjunkturschwankungen betroffen werden als Konsumgüter.Dirk Piekenbrock, Gabler Kompakt-Lexikon Volkswirtschaftslehre, 2009, S. 442 Eine Überinvestition kann durch das Akzelerationsprinzip erklärt werden. Danach werden durch Änderungen der Produktion bestimmte Nettoinvestitionen ausgelöst, die auch zur Erhöhung der Produktionskapazitäten beitragen.Dirk Piekenbrock, Gabler Kompakt-Lexikon Volkswirtschaftslehre, 2009, S. 7 Während des Aufschwungs wird die Investitionsgüterproduktion weiter ausgedehnt als dem späteren langfristigen Bedarf entspricht, so dass ein Angebotsüberschuss an Investitionsgütern vorhanden ist. Gegensatz ist die Unterinvestition.
Unterschieden werden die monetäre Überinvestitionstheorie von Knut Wicksell und Friedrich August von Hayek sowie die nicht-monetäre Überinvestitionstheorie von Gustav Cassel, Arthur Spiethoff und Joseph Schumpeter.
Knut Wicksell Wicksell untersuchte, auf welche Weise eine Volkswirtschaft im Gleichgewicht auf monetäre Impulse reagiert. Er unterscheidet zwischen einem natürlichen Kapitalzins und dem Geldzins. Der natürliche Kapitalzins ist der Zins, bei dem in einer reinen Tauschwirtschaft Ersparnis und Investition ausgeglichen sind. Er entspricht der Grenzproduktivität des Kapitals. Der Geldzins ist der Zins, für den am Markt Kredite aufgenommen werden können.Georg Ewerhart: Geld und Produktionsstruktur. Duncker und Humblot, Berlin 1991. S. 8. (Volkswirtschaftliche Schriften. Heft 416.)
Gemäß der monetären Überinvestitionstheorie nach Wicksell kommt es zu einem Anstieg der internen Verzinsung der Unternehmen, also des „natürlichen Zinssatzes“, etwa durch technischen Fortschritt, über den bestehenden Geldzinssatz. Auf dem Kapitalmarkt steigt die Nachfrage nach Krediten, um neue Investitionen zu finanzieren. Zunächst nährt die zusätzliche Liquidität den Aufschwung, in dessen Verlauf auch Investitionsprojekte mit niedrigeren (erwarteten) Renditen finanziert werden. Diese erhöhte Kreditnachfrage wird von den Banken befriedigt, die Giralgeldmenge wird ausgeweitet. Es steigt die Nachfrage nach Sachkapital, während das Angebot konstant bleibt. Dies führt zusammen mit der wachsenden Giralgeldmenge zu einem steigenden Preisniveau, ohne dass sich die realen Größen ändern. Der inflationäre Prozess kommt erst zu einem Ende, wenn die Banken den Geldzins dem natürlichen Zins erneut anpassen.
Ludwig von Mises Ludwig von Mises rückte die Wirkung einer expansiven Geldpolitik in den Mittelpunkt. Er untersuchte also den Fall, dass die Banken durch Giralgeldschöpfung den Geldzins unter die Höhe des natürlichen Zinses senken. Den natürlichen Zins nimmt er im Rahmen seiner Analyse als konstant an. Er erkannte, dass ein monetärer Impuls nicht gleichmäßig auf die Struktur der Preise wirkt. Die Preise für Rohstoffe und Halbfabrikate und die Löhne stiegen früher als die Preise konsumnäherer Güter.Vergleiche Ludwig von Mises: Geldwertstabilität und Konjunkturpolitik. Jena 1928. S. 45.
Friedrich August von Hayek Hayek untersuchte die Wirkung monetärer Impulse nicht nur auf die Wirtschaft als Ganzes, sondern auch, wie die Produktionsstruktur beeinflusst wird. Dazu erweiterte er die Modelle seiner Vorgänger um das Produktionsstrukturmodell einer temporalen Kapitaltheorie. In dieser Theorie braucht der Produktionsprozess Zeit, was bei nichttemporalen Theorien unberücksichtigt bleibt. Hayek geht von einem einfachen, linearen Modell aus, bei dem die Konsumgüter in einem stufenförmigen Prozess entstehen. Georg Ewerhart: Geld und Produktionsstruktur. Duncker und Humblot, Berlin 1991. S. 9. (Volkswirtschaftliche Schriften. Heft 416.) Aus den Produktionsfaktoren Arbeit und Boden entsteht Kapital, das durch weiteres Hinzufügen von Arbeit und Boden zu konsumnäheren Gütern umgewandelt wird. In der letzten Produktionsstufe entstehen aus den Kapitalgütern schließlich Konsumgüter. In diesem Modell besteht das Kapital ausschließlich aus Umlaufkapital.
Ein Produktionsumweg kann sich lohnen, wenn die Produktion dadurch effektiver wird. Dem steht der Zins entgegen, weswegen eine Produktion lukrativer ist, die weniger Zeit benötigt. Daher führt ein niedriger Zins dazu, dass eine kapitalintensivere Produktion begünstigt wird. Hat der niedrigere Zins reale Ursachen, etwa eine erhöhte Sparquote, führt er zu einer größeren Produktion. Ist er jedoch auf eine erhöhte Vergabe von Krediten zurückzuführen, steigt die Nachfrage nach Kapitalgütern, ohne dass die Konsumnachfrage fällt. Das führt mittelfristig zu Inflation. Wenn die Banken die Kreditvergabe nicht systematisch ausweiten, müssen sie den Zins wieder anheben. Die neugeschaffenen konsumfernen Produktionsstufen werden wieder unrentabel. Investitionsprojekte, die zum bisherigen Geldzinssatz noch rentabel waren, werden abgebrochen. Da es an Zwischenprodukten fehlt, kann die konsumnahe Produktion nur mit einer Verzögerung der Nachfrage angepasst werden. Das führt zu Arbeitslosigkeit und einer allgemeinen Wirtschaftskrise.
Vorgeschlagene Gegenmaßnahmen Nach Wicksell müsste die Zentralbank rechtzeitig den Leitzins anheben, um der Überinvestitionskrise vorzubeugen.Gunther Schnabl / Andreas Hoffmann: Geldpolitik, vagabundierende Liquidität und platzende Blasen in neuen und aufstrebenden Märkten Download vom Wirtschaftsdienst 2007/4 Auch Hayek empfiehlt eine rechtzeitige Anhebung des Leitzinssatzes durch die Zentralbank, wodurch aber die Finanzkrisen nicht völlig vermieden werden könnten.Friedrich August von Hayek: Geldtheorie und Konjunkturtheorie, Wien/Leipzig 1929
In einer späteren Schaffensperiode machte Hayek den politischen Einfluss auf die Zentralbanken für eine zu expansive Geldpolitik verantwortlich.Friedrich August von Hayek: Denationalisation of Money. Institute of Economics Affairs, London 1976 () Er vertrat daraufhin die Ansicht, dass der einzige Weg, monetäre Stabilität zu erreichen, die Entstaatlichung des Geldes sei.Kevin Dowd: Experience of Free Banking. Routledge, London 1992, S. 4.
Empirische Untersuchungen 1969 stellte Milton Friedman fest, dass die Theorie nicht mit empirischen Tatsachen übereinstimmt. 1993 analysierte er die Frage mit neueren Daten und kam zum gleichen Ergebnis.
Nach Ansicht vieler Wirtschaftshistoriker haben die Volkswirtschaften nach dem Zweiten Weltkrieg weniger schwere Boom-Bust-Zyklen erlebt, weil Regierungen wirtschaftliche Rezessionen mit Fiskal- oder Geldpolitik bekämpft haben.
Diese Ergebnisse werden von zeitgenössischen Vertretern der Österreichischen Schule bestritten.
Rezeption Die monetäre Überinvestitionstheorie war die dominierende Vorstellung in der Zeit um 1929. Der amerikanische Präsident Herbert Hoover, der dieser Theorie in der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre weitgehend folgte, beschwerte sich später in seinen Memoiren bitterlich über diese Empfehlungen.Hans-Helmut Kotz: Die Wiederkehr des Zyklus – und die neue Debatte um die Stabilisierungspolitik
Zeitgenössische Ökonomen wie John Maynard Keynes und Milton Friedman kamen zu der Ansicht, dass die von Friedrich August von Hayek vertretene Politikempfehlung der Tatenlosigkeit die Große Depression verschärft hat. Milton Friedman erinnerte sich, dass an der Universität von Chicago so ein „gefährlicher Unsinn“ nie gelehrt wurde und dass er gut verstehen konnte, warum in Harvard – wo so ein Unsinn gelehrt wurde – kluge junge Ökonomen sich von der Makroökonomie ihrer Lehrer abwandten und Keynesianer wurden.J. Bradford DeLong, , National Bureau of Economic Research, Working Paper No. 3546, S. 1. Er schrieb:
Der Vertreter der Österreichischen Schule Lawrence H. White wendet jedoch ein, dass Hayeks Überinvestitionstheorie keine Deflationspolitik fordere. Hayeks Zwiespältigkeit in der (später als verhängnisvoll eingestandenen) Frage der Deflationspolitik habe nicht speziell mit der Überinvestitionstheorie zusammengehangen, sondern mit seiner damaligen Hoffnung, dass die Deflation die Lohnrigidität brechen werde.Lawrence White, The Clash of Economic Ideas: The Great Policy Debates and Experiments of the 20th Century (Cambridge University Press), S. 94;
Überinvestition in der Betriebswirtschaftslehre In der Betriebswirtschaftslehre vertritt Michael C. Jensen mit seiner 1976 entwickelten These des freien Cashflow die Auffassung, dass das Management in etablierten Unternehmen wenig Möglichkeiten habe, die Gewinne rentabel anzulegen. Anstatt eine Gewinnausschüttung an die Aktionäre im Rahmen des Shareholder Value vorzunehmen, werden erkennbar überflüssige Investitionen getätigt (Verwaltungsgebäude, Unternehmenskäufe), die sich nach einigen Jahren als unrentable Fehlinvestition erweisen.Michael C. Jensen/William H. Meckling, Theory of the Firm: Managerial Behavior, Agency Costs, and Ownership Structures, in: Journal of Financial Economics 3, 1976, S. 305–360
Literatur Friedrich August von Hayek: Geldtheorie und Konjunkturtheorie, Wien/Leipzig 1929. Friedrich August von Hayek: Denationalisation of Money. Hobart Paper 1976, ISBN 978-0-255-36239-9, PDF Joseph Schumpeter: Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung Knut Wicksell: Geldzins und Güterpreise, 1898
Siehe auch Überkonsum Überproduktion Überproduktionstheorie Unterkonsum Unterkonsumtionstheorie
Weblinks Gunther Schnabl, Andreas Hoffmann: Geldpolitik, vagabundierende Liquidität und platzende Blasen in neuen und aufstrebenden Märkten (PDF; 171 kB)
Einzelnachweise
Kategorie:Betriebswirtschaftslehre Kategorie:Konjunktur Kategorie:Konjunkturpolitik Kategorie:Volkswirtschaftslehre