mini|hochkant=0.7|Der Palermostein

Der Annalenstein der 5. Dynastie ist ein rekonstruiertes Artefakt aus dem alten Ägypten in Gestalt einer großen, beschrifteten Steintafel. Das Original war höchstwahrscheinlich von König (Pharao) Neferirkare, dem dritten Herrscher der 5. Dynastie im Alten Reich, in Auftrag gegeben oder letztmals unter diesem bearbeitet worden. Die Herkunft und der ursprüngliche Aufstellungsort des Artefakts konnten bislang nicht zufriedenstellend ermittelt werden. Der Annalenstein wurde zu einem unbekannten Zeitpunkt zerbrochen, es haben sich sieben unterschiedlich große Fragmente erhalten. Von diesen sieben sind der Palermostein und der Kairostein die größten und wichtigsten Fragmente.Toby A. H. Wilkinson: Royal annals of ancient Egypt. London u. a. 2000, S. 16–28, 42–50 u. 248 ff.

Der Annalenstein ist für die ägyptische Chronologie von großer Wichtigkeit, weil auf ihm die Namen von Königen von der Prädynastik bis zu König Neferirkare aufgeführt sind und für jeden Herrscher ab der 1. Dynastie sämtliche Jahresereignisse und Nilfluthöhen aufgelistet werden. Besonders intensiv erforscht wurden und werden vor allem die Angaben zu den Jahresereignissen unter den Herrschern. Bisherige Untersuchungsergebnisse lassen in den Ereignisangaben gewisse refrainartige und kanonische Muster erkennen, die sich im permanenten Wiederholen von jährlich oder alle paar Jahre stattfindenden Festen und Zeremonien ausdrücken. Diese Aufzeichnungen sind für Vergleiche mit sowohl zeitgenössischen als auch späteren Quellen und Dokumenten von großer Bedeutung, da sich bestimmte Aussagen und Anekdoten über einzelne Herrscher entweder bestätigen oder widerlegen lassen. Außerdem können Ägyptologen und Historiker die korrekte Herrschaftsdauer gewisser Könige ermitteln und ebenfalls mit späteren Quellen abgleichen. Nach bisherigem Stand werden dem Annalenstein Glaubwürdigkeit und Zuverlässigkeit bescheinigt, weil viele der Ereignisangaben, Orts- und Götternamen sowie bestimme Militärkampagnen dank zeitgenössischer Artefakte aus Königsgräbern archäologisch belegt werden konnten.Wolfgang Helck: Untersuchungen zur Thinitenzeit. Wiesbaden 1987, S. 122–126.Siegfried Schott: Altägyptische Festdaten. Mainz 1950, S. 52 ff.

Beschreibung Material Da bislang keinerlei eingehende petrologische Untersuchung der meisten Fragmente stattfand, liegen abweichende Materialbeschreibungen vor. In der älteren Literatur wird der Palermostein als Amphibolit, schwarzer Diorit oder schwarzes Quarz-Gestein bezeichnet. Bislang wurde aber nur das Fragment C5 petrologisch untersucht. Das Ergebnis war, dass jenes Bruchstück aus Olivin-Basalt besteht, was somit höchstwahrscheinlich auch auf die restlichen Fragmente zutrifft, sofern sie von ein und derselben Steintafel stammen.J. L. de Cenival: Un nouveau fragment de la Pierre de Palerme. In: Bulletin de la Société Française d’Égyptologie. Nr. 44, 1965, S. 14.

Form und Größe des ursprünglichen Objekts und der Fragmente Der Annalenstein maß ursprünglich geschätzte 140 × 200 cm und zerbrach später in mehrere Fragmente, von denen heute sieben Bruchstücke erhalten sind. Die beiden größten Bruchstücke heißen aufgrund ihrer heutigen Aufstellungsorte „Palermostein“ (P) und „Kairostein“ (C1, beziehungsweise K1). Der Palermostein ist annähernd schildförmig, ca. 43,5 cm hoch, ca. 25 cm breit und ca. 6,0 cm dick, wobei die Dicke des Steins unregelmäßig ausfällt. Er ist beidseitig beschriftet, wobei die Inschrift auf der Vorderseite besser erhalten ist als auf der Rückseite. Sie wurde in den Stein eingraviert und mit Kreide nachgezogen. Der Kairostein (Inventarnummer JE 44859) hingegen ist annähernd rechteckig, an seiner Rückseite ca. 42 cm hoch und ca. 26 cm breit und ca. 6,0–6,5 cm dick. Seine Vorderseite misst 36 × 26 cm, die Unterschiede rühren durch eine starke Beschädigung an der Front her. Sowohl Vorder- als auch Rückseite sind in den unteren zwei Dritteln so stark abgerieben, dass hier fast nichts mehr zu lesen ist.

Die restlichen fünf Fragmente sind ungleich kleiner. Aufgrund ihrer heutigen Aufbewahrungsorte werden vier von ihnen mit „C“ oder „K“ (für „Kairo-Fragment“) und das fünfte mit „L“ oder „L'“ (für „London-Fragment“) betitelt. Fragment „C2“ (JE 39735) ist annähernd dreieckig und misst etwa 8,4 × 9,2 cm. Bruchstück „C3“ (JE 39734) ist unregelmäßig geformt und misst etwa 9 × 11 cm. „C4“ (JE 39733) ist ebenfalls unregelmäßig geformt und hat die Maße 7,5 × 11,5 cm. Und „C5“ schließlich ist nahezu quadratisch und misst 9 × 9 cm. Das sogenannte „London-Fragment“ (UC 15508) ist wiederum dreieckig und 8,5 cm hoch und 8,0 cm breit.

Positionelle Zuordnung der einzelnen Fragmente mini|zentriert|hochkant=3.5|Rekonstruierte Positionen der einzelnen Fragmente nach W. Helck, W. Barta und J.D. Degreef. P = Palermostein, 1-5 = Kairofragmente, L = Londonfragment.

Es ist unsicher, ob alle Fragmente tatsächlich zu ein und demselben Annalenstein gehörten oder von verschiedenen Steintafeln stammten. Bereits in früherer Zeit bemerkten Forscher wie Henri Gauthier und Georges Émile Jules Daressy, dass sich die Schriftausführungen auf dem Palermostein von jenen des Kairosteins voneinander unterscheiden, die Größe der Schriftzeichen sowie die Eingravierungsrichtungen weichen voneinander ab. Zudem scheint die Beschriftung des Kairosteins deutlich nachlässiger zu sein als die des Palermosteins. Besonders auffällig aber seien die abweichenden Größen der Jahresfenster innerhalb ein und derselben Kalenderzeile. Außerdem sei verdächtig, dass die jeweiligen Herrschaftsenden und -anfänge zwischen zwei direkt aufeinander folgenden Königen inkonsistent ist: mal fehlen Sterbe- und Inthronisierungsdatum, mal nicht. Zu guter Letzt sei verdächtig, wie viele augenscheinliche Flüchtigkeits- und Wiederholungsfehler auftreten würden: so wird zum Beispiel für König Dewen (1. Dynastie) auf dem Kairo-Fragment C-5 die Gründung der Domäne Semer-Netjeru gefeiert, obwohl diese Institution schon unter König Djer fast hundert Jahre zuvor errichtet worden war. Die Gelehrten William Matthew Flinders Petrie und Toby Wilkinson werfen allerdings ein, dass es nicht unbedingt verwunderlich sein müsse, wenn an einem größeren Schriftobjekt mehrere Schreiber und Graveure gleichzeitig gearbeitet hätten. Dies war im Alten Ägypten nicht unüblich gewesen, wie bereits Petrie anmerkte. Die abweichende Fenstergröße innerhalb der Zeilen ist möglicherweise darauf zurückzuführen, dass der oder die Graveur(e) darum bemüht waren, das jeweilige Ereignis möglichst ordentlich und lesbar einzutragen. Gravurarbeiten mehrerer Graveure mag auch Flüchtigkeits- und Wiederholungsfehler erklären, besonders, wenn diesen eventuell schwer zu deutende oder gar widersprüchliche Vorlagen zur Verfügung standen.

Auch die unterschiedliche Dicke der Fragmente wirft die Frage auf, ob wirklich alle Fragmente dereinst zusammengehörten. So ist beispielsweise das Fragment C-4 verdächtig dick im Vergleich zum Palermostein und den anderen Kairo-Fragmenten. Gelehrte wie Werner Kaiser, Miroslav Bárta, und Rolf Krauss beispielsweise finden die Dicke der Fragmente C-4 und C-2 so auffällig, dass sie überzeugt sind, es müsse mindestens zwei Annalenstein-Versionen gegeben haben. Doch Gelehrte wie Gérard Godron und Wolfgang Helck halten dagegen, dass auch eine abweichende Dicke im Beschriftungsmaterial erstmal nichts Ungewöhnliches sei: Bei Naturmaterialien, die nach damaligen technischen Möglichkeiten ohnehin nicht bis zur Perfektion bearbeitet werden konnten, seien Abweichungen geradezu zu erwarten. Außerdem sei es auffällig, dass es für mehrere Annalenstein-Versionen viel zu wenig Fragmente gebe. Toby Wilkinson fasst abschließend zusammen, dass ohne eine penible petrologische Analyse aller Fragmente vorerst nicht endgültig geklärt werden kann, ob alle Fragmente tatsächlich zusammen gehören.

Die insgesamt fünf Kairo-Fragmente wurden unabhängig von ihrer ehemaligen Positionierung im Annalenstein auch nach dem heutigen Aufbewahrungsort in der Sammlung des Ägyptischen Museums von Kairo benannt, obwohl sich nur die Kairo-Fragmente C-2 und C-3 in unmittelbarer Nähe zum Kairostein (Kairo-Fragment C-1) im Annalenstein befanden und die beiden anderen Kairo-Fragmente (C-4 und C-5) viel eher in der Nähe des Palermosteins (P). Das Fragment mit der Bezeichnung P-1 (nach Helck; allgemein jedoch als LF für „London-Fragment“ betitelt) befand sich einst rechts vom Palermostein und ist heute im Petrie Museum of Egyptian Archaeology von London ausgestellt.

Die Kurzbezeichnungen für all die Fragmente werden von verschiedenen Ägyptologen unterschiedlich angegeben. So heißen sie beispielsweise bei Toby Wilkinson PS für den Palermostein, CF1 – CF5 für alle Kairo-Fragmente, wobei CF1 für den Kairostein steht und LF für das heute im Petrie Museum of Egyptian Archaeology von London befindliche Fragment. Jürgen von Beckerath jedoch bezeichnet den Palermostein mit P, die kleineren Kairo-Fragmente mit K1 – K4, das in London befindliche Fragment mit L und den Kairostein, als das größte sich heute in Kairo befindliche Fragment, mit C.

Datierung Im Laufe der Forschungen wurde wiederholt die Frage aufgeworfen, ob es sich bei dem Annalenstein in der heutigen Gestalt um ein zeitgenössisches Werk handelt, oder um eine akkurate Kopie aus späterer Zeit. Hintergrund sind gewisse Anachronismen, die besonders auf dem Kairostein, aber auch auf dem Palermostein, zutage treten. So werden beispielsweise Kartuschennamen für die Könige Djer, Semerchet (beide regierten in der 1. Dynastie) und Ninetjer (regierte während der 2. Dynastie) angegeben, obwohl zu deren Lebzeiten diese Form des Königsnamens noch gar nicht existierte. Kartuschen kamen erst mit König Huni gegen Ende der 3. Dynastie in Gebrauch und wurden unter König Snofru (mutmaßlicher Begründer der 4. Dynastie) zum vorgegebenen, festen Bestandteil der Königstitulatur. Auffällig ist auch, dass mit den Königen stets deren Mütter beim Namen genannt werden, nicht aber etwa die Ehefrauen.Wolfgang Helck: Untersuchungen zur Thinitenzeit. Wiesbaden 1987, S. 122–126.Silke Roth: Die Königsmütter des Alten Ägypten von der Frühzeit bis zum Ende der 12. Dynastie. Wiesbaden 2001, S. 26–30 und 376–382. Zu guter Letzt gibt der Annalenstein für jeden frühdynastischen Herrscher einen Goldnamen an. Auch hier sind sich die Ägyptologen bei der Quelle der Namen und in ihren Funktionen sehr unsicher, da der Goldname als Titulatur eigentlich erst unter König Djoser zu Beginn der 3. Dynastie eingeführt wurde.Toby A. H. Wilkinson: Royal Annals of Ancient Egypt. London 2000, S. 186.