Das Kastell Kösching (antiker Name Germanicum) war ein römisches Militärlager auf dem Gebiet des heutigen Marktes Kösching im Landkreis Eichstätt in Bayern. Das Alenkastell wurde als Standort einer berittenen römischen Einheit zur Limesverteidigung im Frühjahr 80 n. Chr. errichtet.

Lage mini|links|Das Kastell in seiner Lage zum Limes mini|300px|Das Alenkastell mitten im Ort Kösching ist vollkommen überbaut. Der Plan zeigt Grabungs- und Beobachtungsergebnisse bis 1960. Die Anlage wurde am nördlichen Ufer der Donau (Danuvius) auf einer Hochterrasse der Rißeiszeit gegründet. Nördlich von Kösching erstreckt sich ein hügeliges Land, das als Hochebene über der Altmühl mündet. Der ebenfalls nördlich der heutigen Marktgemeinde gelegene Köschinger Forst bestand noch im 18. Jahrhundert fast ausschließlich aus Laubwald.Elisabeth Weinberger: Waldnutzung und Waldgewerbe in Altbayern im 18. und beginnenden 19. Jahrhundert. Steiner, Stuttgart 2001. ISBN 3-515-07610-7. S. 166. Das Köschinger Land besitzt vielfach kalkhaltige Lehmböden von massiver Stärke, die für den antiken Ackerbau sicher eine Herausforderung darstellten.

Forschungsgeschichte Heutige Erkenntnisse zum Kastell Kösching gehen durch die vollständige Überbauung weitgehend auf stichpunktartige Grabungen zurück. Schon der Geschichtsschreiber Johannes Aventinus (1477–1534) berichtete von einem alten Burgstall bei Kösching, der „Cesarea“ genannt würde. Es seien dort drei römische Inschriften aufgefunden worden und beim Ackern kämen immer wieder römische Münzen aus dem Boden. 1509 dokumentierte Aventinus die Grabinschrift des Marcus Varius Montaninus sowie eine Inschrift aus der Regierungszeit des Kaisers Antoninus Pius (138–161). Im frühen 19. Jahrhundert mutmaßten Gelehrte in Kösching erstmals das von der Tabula Peutingeriana bekannte Germanicum. Eine klare Lokalisierung gelang aber erst ab 1889 in der Flur „Gemäuert“, als dort Teile eines großen repräsentativen Gebäudes mit 31 Räumen zum Vorschein kamen, dessen Funktion in der Vergangenheit verschieden interpretiert wurde. Durch die Lokalisierung eines Bades in dessen Mitteltrakt,Günter Ulbert, Thomas Fischer: Der Limes in Bayern. Theiss, Stuttgart 1983, ISBN 3-8062-0351-2, S. 113 könnten die Mauerreste höchstwahrscheinlich als Raststation (Mansio) angesprochen werden.Ernst Aichner: Ingolstadt und der oberbayerische Donauraum. Theiss, Stuttgart 2003, ISBN 3-8062-1716-5. S. 160. Die Baureste waren 1890 im Auftrag der Kommission zur Erforschung der Urgeschichte Bayerns durch den Gymnasialdirektor Joseph Fink (1850–1929) und den Heimatforscher Ferdinand Ott (1851–1928) ergraben worden.Wilhelm Ernst: Beobachtungen und Funde im Bereich des Römerkastells Germanicum-Kösching. 1954–1960. In: Sammelblatt des Historischen Vereins Ingolstadt 70, 1961, S. 3–66; hier: S. 8.

Die Baureste des Kastells fanden sich 1893 mitten in dem damaligen Marktflecken Kösching. Dort waren sie bereits von dem für die Reichs-Limeskommission (RLK) tätigen Generalmajor a. D. Karl Popp (1825–1905) gemutmaßt worden.Rainer Braun: Karl (Ritter von) Popp (1825–1905). Der vergessene bayerische General und Limesforscher. In: Bayrische Vorgeschichtsblätter, München 2010. S. 319–331. S. 329. Ab 1897 fanden erste Untersuchungen durch den zum Streckenkommissar der Reichs-Limeskommission ernannten Fink statt,Hans-Jörg Kellner: Die Fundmünzen der römischen Zeit in Deutschland. Abt. 1 Bayern, Band 1 Oberbayern, Mann, Berlin 1960. S. 103. wobei er durch die bereits starke Bebauung und den Unmut der Köschinger Bevölkerung behindert wurde. Ab 1903 schnitt Fink unter diesen schwierigen Umständen an unterschiedlichen Stellen den doppelten Kastellgraben an, konnte Teile der Wehrmauer identifizieren und Überreste des Westturms am Südtor beobachten. 1904 wurden die Arbeiten der Reichs-Limeskommission in Kösching abgeschlossen. Modernere Nachgrabungen konnten die damaligen Ergebnisse nicht immer bestätigen. So stellte der Heimatforscher Hermann Witz (1868–1936) während seiner kontinuierlichen Beobachtungen während des Baus der Köschinger Kanalisation ab 1925 fest, dass Fink die Nordfront rund 23 Meter zu weit nördlich angenommen hatte. Witz konnte im Juli 1931 eine Untersuchung an der südlichen Kastellmauer vornehmen. In diesem Bereich bestätigten sich Finks Feststellungen weitgehend.Hermann Witz: Kastell Kösching. Ost- und Südfront. In: Sammelblatt des Historischen Vereins Ingolstadt 52, 1933, S. 1–14; hier: S. 4. Im August 1931 legte Witz einen lange Schnitt an der südlichen Ostmauer an, der zeigte, dass Finks Eintragungen zu dieser Mauer um einige Meter zu weit westlich lagen. In diesem Zusammenhang bezweifelte Witz auch eine kleine Eintragung Finks im Kastellplan, die einen Schnitt im nördlichen Bereich der Ostmauer markieren sollte.Hermann Witz: Kastell Kösching. Ost- und Südfront. In: Sammelblatt des Historischen Vereins Ingolstadt 52, 1933, S. 1–14; hier: S. 6. Erneute Untersuchungen fanden während der Überbauung des Westteils der Flur „Gemäuert“ kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs statt und wurden 1940 publiziert.Josef Reichart: Neue Beobachtungen im „Gemäuert“ bei Kösching. In: Sammelblatt des Historischen Vereins Ingolstadt 58, 1940, S. 45–51.

Während der Vorkriegs- und Nachkriegsjahre beobachteten insbesondere die Heimatforscher Josef Reichart (1897–1987) und Wilhelm Ernst (1916–2004) die im Ortsgebiet von Kösching anhaltenden Bauarbeiten. So konnte Ernst während der Ausschachtungen an der Kanalisation im Herbst 1956 erneut den Verlauf der südlichen Kastellmauer bestätigen, wie ihn Witz beschrieben hatte.Wilhelm Ernst: Beobachtungen und Funde im Bereich des Römerkastells Germanicum-Kösching. 1954–1960. In: Sammelblatt des Historischen Vereins Ingolstadt 70, 1961, S. 3–66; hier: S. 11. 1960 fanden sich wieder beim Bau einer Kanalisation die beiden Wehrgräben an der Ostseite der Fortifikation.Wilhelm Ernst: Beobachtungen und Funde im Bereich des Römerkastells Germanicum-Kösching. 1954-1960. In: Sammelblatt des Historischen Vereins Ingolstadt 70, 1961, S. 3–66; hier: S. 12. Der Graben des älteren, im Jahre 80 n. Chr. angelegten Holz-Erde-Lagers konnte ebenfalls kurz vor dem Zweiten Weltkrieg in der Flur „Gemäuert“ durch Reichart erstmals angetroffen werden. Beim Bau einer Wasserleitung 1954 wurde dieser Graben in voller Breite durchschnitten.Wilhelm Ernst: Beobachtungen und Funde im Bereich des Römerkastells Germanicum-Kösching. 1954–1960. In: Sammelblatt des Historischen Vereins Ingolstadt 70, 1961, S. 3–66; hier: S. 13–14.

Der moderne Straßenverlauf deutet teilweise noch die Lage des Kastells an. So lässt der „Ludwigsgraben“ die ungefähre Lage der Kastellgräben im Westen und Süden erkennen, während die „Kastellstraße“ und „Ambergergasse“ im Bereich der östlichen Lagerringstraße (Via sagularis) liegt. Über den einstigen römischen Principia (Stabsgebäude) erhebt sich die heutige Köschinger Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt.

Baugeschichte Holz-Erde-Lager Durch den Fund einer im Zweiten Weltkrieg in München zerstörten, zweiseitig beschriebenen Bauinschrift, von der jedoch ein Abguss erhalten blieb, wurde das ursprüngliche Holz-Erde-Lager auf die Regierungszeit von Kaiser Titus (79–81) ins Frühjahr 80 n. Chr. datiert. Damit stand in Kösching das älteste bezeugte Lager nördlich der Donau. Die beidseitig beschriebene, gleichlautende Bauinschrift, die 1906 beim Bau des Mädchenschulhauses aufgefundene wurde, lautet:

Vorderseite:; Inschrift bei Ubi erat lupa. [Imp(eratori) Tito Caesari divi Vespasi-] [a]ni f(ilio) Vespasia[no Aug(usto) pontifici maximo] trib(unicia) pot(estate) VIIII imp(eratori) [XV co(n)s(uli) VIII p(atri) p(atriae) censori et] Caesare(!) divi Ves[pasiani filio Domitiano co(n)s(uli) VII] collegioru[m omnium sacerdoti ---?]

Rückseite: [Imp(eratori) Tito Caesari divi Vespasiani filio Vespasiano Augusto pont(ifici) max(imo) trib(unicia) pot(estate) VIIII imp(eratori)] XV co(n)s(uli) VIII p(atri) p(atriae) censor[i] [et Caesari divi V]espasiani f(ilio) Domi- [tiano co(n)s(uli) VII] collegior(um) omnium [sacerdote pr]oc(uratore) C(aio) Saturio ---?]

Übersetzung: „Dem Imperator Titus Caesar, Sohn des vergöttlichten Vespasian, Vespasian dem Erhabenen, dem Oberpriester, Inhaber der tribunizischen Gewalt zum 9. Mal, Imperator zum 15. Mal, Konsul zum 8. Mal, Vater des Vaterlandes, Zensor und für den Caesar Domitian, Sohn des vergöttlichten Vespasian, Konsul zum 7. Mal, Mitglied aller Priesterkollegien, der Statthalter Caius Saturius…“

In den Schriftzeichen zeigten sich noch rote Farbspuren. Eine Kopie der Bauinschrift wird in der heutigen Hauptschule Kösching verwahrt. Die älteste bisherige bekannte dendrochronologische Datierung passt zur Inschriftendatierung, denn sie stammt aus dem Jahr 79 n. Chr.C. Sebastian Sommer: Trajan, Hadrian, Antoninus Pius, Marc Aurel …? – Zur Datierung der Anlagen des Raetischen Limes. In: Bericht der Bayerischen Bodendenkmalpflege 56 (2015), S. 321–327; hier: S. 142.

Der 1939 rund 70 bis 80 Meter südlich des Steinkastells am heutigen Anwesen „Schillerstraße 2“ aufgefundene südliche Grabenabschnitt des Holzkastells bestätigte ältere Vermutungen, dass dieser eine von der späteren steinernen Befestigung abweichenden Lage einnimmt.Thomas Fischer, Erika Riedmeier Fischer: Der römische Limes in Bayern. Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 2008. ISBN 978-3-7917-2120-0. S. 142. Nach der vorgefundenen Lage überschnitt die jüngere Fortifikation das ältere Lager in dessen nördlicher Hälfte. Am Haus „Schillerstraße 1“ wurde im Jahr 1954 beim Bau einer Wasserleitung dieses Grabenwerk in Gänze durchschnitten. Dabei wurde von Ernst festgestellt, dass dieser Umfassungsgraben acht Meter breit und rund zwei Meter tief gewesen sein muss. Das Fundgut aus der Verfüllung war sehr reichhaltig. Offenbar nutzten die römischen Einwohner den Graben nach Auflassung des Holz-Erde-Lagers als Müllgrube. Aus dem Fundgut war ein wohl mittelkaiserzeitliches, abgenütztes bronzenes Salbengefäß bemerkenswert. An Keramik fanden sich unter anderem das Fragment einer Bilderschüssel aus den ostgallischen Werkstätten Heiligenberg, das dünnwandige Randstück einer raetischen Firnisware vom Typus „Dressel 2“ sowie ohne Drehscheibe gefertigt frühgermanische Scherben. Neben dem Graben fanden sich in dem Bereich immer wieder Spuren des Lagerdorfs.Wilhelm Ernst: Beobachtungen und Funde im Bereich des Römerkastells Germanicum-Kösching. 1954–1960. In: Sammelblatt des Historischen Vereins Ingolstadt 70, 1961, S. 3–66; hier: S. 14.

Im Juli 1937 konnte südlich des Holz-Erde-Lagers eine römische Straße untersucht werden, die beide Kastelle im Süden umging. Die Straße war bereits zur Zeit der Reichs-Limeskommission bekannt gewesen und konnte nun erneut untersucht werden. Ihre Trasse war rund 6,50 Meter breit und besaß noch eine 0,30 bis 0,40 Meter starke Decke aus verschieden großen Kalksteinbrocken. Auf beiden Seiten des Straßenkörpers wurden die für römische Straßen typischen Abzugsgräben festgestellt.Josef Reichart: Neue Beobachtungen im „Gemäuert“ bei Kösching. In: Sammelblatt des Historischen Vereins Ingolstadt 58, 1940, S. 45–51; hier: S. 45–46.

Steinkastell