mini|hochkant|Fountain, Foto von Alfred Stieglitz (1917)

Fountain (engl. Brunnen, Quelle) ist ein Ready-made aus dem Jahr 1917, das Marcel Duchamp zugeschrieben wird. Von einigen Kunsthistorikern wird dies bezweifelt und argumentiert, das Werk stamme von der Künstlerin Elsa von Freytag-Loringhoven.

Das Objekt, ein mit „R. Mutt“ signiertes handelsübliches Urinal aus einem Sanitärgeschäft, zählt zu den Schlüsselwerken der modernen Kunst. Seine „Nicht-Ausstellung“ bei der großen Schau der Society of Independent Artists im New Yorker Grand Central Palace im April 1917 führte zu einer Kontroverse über den Kunstbegriff. Das Original von 1917, von dem lediglich ein Fotodokument existiert, ist verschollen.

Später beanspruchte Duchamp die Urheberschaft für sich und von ihm autorisierte Repliken in unterschiedlichen Ausführungen finden sich weltweit in den Sammlungen namhafter Museen.

Beschreibung Das Original war ein seinerzeit handelsübliches weißes Urinal aus Porzellan oder Sanitärkeramik, Standardmodell „Bedfordshire“ der Firma J. L. Mott Iron Works aus New York City, das auf dem von vorn betrachteten rechten oberen Rand neben dem Wandauslass mit dem in Großbuchstaben in schwarzer Lackfarbe geschriebenen Namen „R. MUTT“ und der Datierung „1917“ versehen ist. Duchamp präsentierte das Urinal um 90 Grad gekippt liegend, also seiner eigentlichen Funktion beraubt, wodurch der Schriftzug als Signatur deutlich wird. Die Abmessungen sind unbekannt, das Original ist verschollen. Der einzige authentische Nachweis ist eine Fotografie, die Alfred Stieglitz im Entstehungs- und Ausstellungsjahr 1917 in seiner New Yorker Galerie 291 anfertigte. Arturo Schwarz benutzte das Foto als Vorlage für spätere, von Duchamp autorisierte Repliken.

Geschichte Für die symbolische Aufnahmegebühr von nur einem Dollar wurde Marcel Duchamp im Dezember 1916 zum einzigen europäischen Gründungsmitglied der neuen New Yorker Society of Independent Artists (SIA). Die Society sollte eine amerikanische Entsprechung zur französischen Société des Artistes Indépendants sein; geplante Ausstellungen sollten jedoch weder einer Zensur noch einer Vorauswahl durch eine Jury oder der Prämierung durch eine solche unterliegen. Vorsitzender der SIA war der Maler William Glackens, ein weiteres Mitglied des Direktoriums war der mit Duchamp befreundete Kunstsammler Walter Conrad Arensberg, der zugleich als Geschäftsführer der Künstlervereinigung fungierte. Arensberg und Duchamp kannten sich bereits seit der Armory Show von 1913, bei der Duchamp mit der Ausstellung seines als skandalös empfundenen Gemäldes Akt, eine Treppe herabsteigend Nr. 2 schlagartig in den Vereinigten Staaten bekannt geworden war.

Für den Beitrag von sechs Dollar durften maximal zwei Werke in der Jahresausstellung der Society gezeigt werden. Zur ersten und größten Ausstellung der Vereinigung, der Big Show im New Yorker Grand Central Palace im April 1917, reichte Duchamp das Urinal unter dem Pseudonym R. Mutt ein, um seine Urheberschaft an dem prekären Werk zu verschleiern. Mit dem provokanten Akt widerlegte der Künstler die im Vorfeld proklamierte „freie unzensierte“ Teilnahme: Das Urinal löste eine hitzige Diskussion bei den Society-Mitgliedern aus, von denen, mit Ausnahme des in den Plan eingeweihten Walter Arensberg, niemand etwas über den obskuren Mr. Mutt wusste. Nachdem sich die Society darauf geeinigt hatte, dass dieser maschinengefertigte Alltagsgegenstand keinesfalls Kunst sei, wurde Fountain von der Ausstellung ausgeschlossen. Duchamp und Arensberg zogen ihre Konsequenz und traten unter Protest aus der Society aus, ohne jedoch ihre Täterschaft zu offenbaren. Trotz der beachtlichen Teilnehmerzahl der Big Show – es wurden rund 2.500 Werke von 1.200 Künstlern, darunter Constantin Brâncuși oder Pablo Picasso gezeigt – blieb die Ausstellung nun vor allem wegen des einzigen nicht gezeigten Kunstobjekts im Gespräch: Marcel Duchamps Fountain.

Nur eine Woche später stellte Alfred Stieglitz, der den Eklat interessiert verfolgt hatte, Fountain in seiner Galerie 291 aus, wo er das Objekt als Ausstellungsstück vor dem Gemälde The Warriors von Marsden Hartley fotografierte.Foto in The Blind Man

Die New Yorker Dadaisten begannen bald darauf ihrerseits eine Kontroverse über den Fall Richard Mutt und sein vermeintliches Kunstobjekt zu führen, zumal Fountain in der zweiten (und letzten) Ausgabe der Dada-Zeitschrift The Blind Man mit der Fotografie von Stieglitz in dessen Galerie als Kunstobjekt präsentiert und in einem begleitenden Text von Arensberg und der Mitherausgeberin Beatrice Wood als solches legitimiert wurde. Sie konstatierten, dass der Künstler einzig und allein durch seine Auswahl einen beliebigen Gegenstand in den Status eines Kunstwerkes erheben konnte, wobei sie dem „gefundenen (Kunst-)gegenstand“ (Objet trouvé) einen konzeptuellen Aspekt zukommen ließen. Der Vorfall, der mutmaßlich auch durch Duchamps Freundeskreis als Skandal lanciert wurde, ging als „Richard Mutt Case“ in die Kunstgeschichte ein:

mini|links|„The Richard Mutt Case“ in The Blind Man Nr. 2

The Richard Mutt Case: They say any artist who pays six dollars may exhibit. Mr. Richard Mutt sent in a fountain. Without discussion, this object disappeared and was never exhibited. What were the grounds for refusing Mr Mutt’s fountain: Some contended it was immoral, vulgar. Others that is was plagiarism, a plain piece of plumbing. Now Mr Mutt’s fountain is not immoral, that is absurd, no more than a bathtub is immoral. It is a fixture which you see every day in plumbers’ show windows. Whether Mr Mutt made the fountain with his own hands or not has no importance. He CHOSE it. He took an article of life, placed it so that its useful significance disappeared under the new title and point of view - created a new thought for that object. As for plumbing, that is absurd. The only works of art America has produced are her plumbing and her bridges. — veröffentlicht in: The Blind Man. New York, 1917, Nr. 2, Seite 4

mini|hochkant|Replik von Duchamps Fountain im Musée Maillol, Paris

Kurz nach der Ausstellung in der Galerie 291 ging Fountain verloren. Laut Duchamp-Biograf Calvin Tomkins wurde es von Stieglitz mit der Aufgabe der Galerie 291 noch im selben Jahr auf den Müll geworfen, „ein Schicksal, das den meisten der frühen Ready-mades von Marcel Duchamp widerfuhr.“

Seit längerer Zeit wird diskutiert, ob Fountain nicht von Duchamp, sondern von Elsa von Freytag-Loringhoven geschaffen wurde. In einem Brief an seine Schwester Suzanne schrieb Duchamp selbst im April 1917:Une de mes amies sous un pseudonyme masculin, Richard Mutt, avait envoyé une pissotière en porcelaine comme sculpture. (dt.: Eine meiner Freundinnen hatte unter dem männlichen Pseudonym Richard Mutt ein Porzellanurinal als Skulptur eingereicht.)Im März 2019 ging die amerikanische Autorin Siri Hustvedt in The Guardian der Frage nach, wann die Kunstwelt diese Tatsache endlich akzeptiere. Sie hatte sich in ihrem neuesten Roman Memories of the Future (dt. Damals) mit dem Kunstwerk und seiner Entstehung beschäftigt.A woman in the men’s room: when will the art world recognise the real artist behind Duchamp's Fountain?, theguardian.com, 29. März 2019 Nach einer persönlichen Lesung des Romans Damals im April 2019 im Frankfurter Schauspielhaus schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung: „Die meisten werden das Werk nach wie vor Duchamp zuschreiben, aber Hustvedt setzt alles daran, dies zu ändern und der exzentrischen Künstlerin, von der Duchamp sagte, sie sei nicht futuristisch, sondern die Zukunft selbst, als Schöpferin von „Fountain“ Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.“Michael Hierholzer: Damals in New York, faz.net, 11. April 2019, abgerufen am 8. Mai 2019 In der Wissenschaft wird dies kontrovers diskutiert, unter anderem Bradley M. Bailey hat wesentliche Argumentationsschwächen dieser These aufgezeigt.

Interpretationen

Zu dem Titel des Objekts Fountain, zu deutsch „Springbrunnen“, „Trinkbrunnen“, „Wasserbehälter“, aber auch „Herkunft“, „Ursprung“ oder „Urquelle“ gibt es, ebenso wie zum Namen „R. Mutt“, verschiedene Interpretationen. Duchamp wählte das englische Wort für „Fontäne“ anstelle von „Urinal“ oder „Urinoir“, um das Pissoir durch Umbenennung und Verfremdung zum Kunstgegenstand zu erheben. Über das Pseudonym und die Signatur existieren verschiedene Spekulationen, so schreibt Rosalind Krauss, dass sich „R. Mutt“ anders betont in etwa wie das deutschsprachige „Armut“ anhöre. Duchamp wurde darauf in einem Interview von 1966 angesprochen, seine Antwort:

„Mott was too close so I altered it to Mutt, after the daily strip cartoon ‚Mutt and Jeff’ which appeared at the time, and with which everyone was familiar. Thus, from the start there was an interplay of Mutt: a fat little funny man, and Jeff: a tall thin man … And I added Richard. That’s not a bad name for a pissotiere. Get it ? The opposite of poverty. But not even that much, just R. Mutt.“

Er nimmt Bezug auf das damals sehr populäre Comicstrip Mutt and Jeff und auf die Sanitär-Firma J.L. Mott, von welcher er das Pissoir erwarb. Das „R.“ wurde in der zweiten Ausgabe der Dada-Zeitschrift The Blind Man als „Richard Mutt“ identifiziert, wobei im Französischen richard einen stinkreichen Menschen bezeichnet und in Silben zerteilt, als „rich“ und „art“ gelesen werden kann, also „reiche Kunst“. Das Kürzel „R. M.“ kann darüber hinaus auch als „Ready-made“ verstanden werden. „Mutt“ hingegen wird als Anspielung auf die Herstellerfirma Mott Iron Works, aber auch als das englische Wort für „Dussel“, „Idiot“ oder „Köter“ gesehen. Die rätselhafte Wortspielerei und die Mehrdeutigkeit der Namen hatte jedenfalls für den zweisprachigen Duchamp eine sicherlich nicht zufällige Bedeutung. Über die Zeit kamen verschiedene freudianisch-psychologische und sexuelle Interpretationsansätze hinzu: So wurde die Form des Urinals als „phallisch“ oder „vaginal“ gedeutet, woraus die Überlegung entstand, es könne sich um ein feminines oder bisexuelles Objekt handeln, wobei ein weiterer Bezug des Namens Mutt zum deutschen „Mutter“ angestrengt wurde.

Repliken mini|Eine Replik von 1964 in der Tate Gallery of Modern Art, London

Seiner „Schachtel im Koffer“, der „resümierenden“ Werkkiste Boite-en-Valise, die er ab 1941 auf 300 Exemplare limitiert herausgab, fügte Duchamp eine Miniatur von Fountain bei.Marcel Duchamp: Boite-en-Valise (Schachtel im Koffer), 1941, Edition 1968, LWL-Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte, Münster. → Die zweite von Duchamp autorisierte Replik wurde 1950 für eine Ausstellung in der Sidney Janis Gallery in New York angefertigt oder gekauft. Sie misst 30,4 × 38,2 × 45,9 cm, weicht aber in der Form vom Original ab. Auf 1953 ist eine weitere Nachbildung datiert, die Duchamp für einen Freund anfertigen ließ; eine weitere Replik mit den Maßen 33 × 42 × 52 cm wurde 1963 von Ulf Linde für das Moderna Museet in Stockholm in Auftrag gegeben, auf der Nachbildung steht in Großbuchstaben der Schriftzug „R. MUTT / 1917“. Die Signatur stammt allerdings nicht von Duchamp.