Der extreme Winter von 1783/1784 auf der nördlichen Hemisphäre war Teil einer natürlichen Klimaschwankung und gilt als einer der härtesten überhaupt in Mitteleuropa,Zeitreihe der Lufttemperatur in Deutschland war aber auch in Nordamerika und Asien ungewöhnlich. Ihm folgten extreme Überschwemmungen im Februar und März 1784 in Mitteleuropa, die als eine der größten Naturkatastrophen der frühen Neuzeit in dieser Region angesehen werden. Die Ursache dafür wird in besonders schwefelreichen oder besonders heftigen und aschereichen vulkanischen Eruptionen gesehen, die sich in Island ereigneten.

Vulkanische Ereignisse Beim Ausbruch der Laki-Krater auf Island (Beginn 8. Juni 1783, Dauer etwa 8 Monate) produzierten insgesamt etwa 130 Krater ein Gesamtvolumen von ungefähr 12 bis 15 km³ Lava.R. Williams, J. Moore: Man Against Volcano - The Eruption on Heimaey, Vestmannaeyjar, Iceland. U.S. Dept. of the Interior, Geological Survey, Washington 1976. Hinzu kamen Gas- und Aschewolken. Die umfangreichen Mengen ausgestoßenen Schwefeldioxids reagierten mit den Wassertröpfchen der Wolken zu schwefliger Säure und Schwefelsäure.A Sulphurous Stench: Illness and Death in Europe Following the Eruption of the Laki Fissure (PDF; 149 kB). Neben geschätzten 122 Millionen Tonnen Schwefeldioxid traten möglicherweise bis zu 15 Millionen Tonnen Fluorwasserstoff (HF) und 7 Millionen Tonnen Chlorwasserstoff (HCl) aus.

Das hatte verheerende Folgen für das ganze Land: Aufgrund von Vergiftungen siechte das Vieh dahin (→ Fluorose) und die ausgelöste Hungersnot bewirkte, dass schätzungsweise 9350 Menschen in den folgenden Jahren starben, mehr als ein Fünftel der Bevölkerung Islands.Laki 1783 in The Significant Volcanic Eruption Database der NOAA (Abgerufen am 8. März 2013). In Westeuropa wirkte sich der Ausbruch ebenfalls aus: Die giftige Aerosolwolke legte sich über den gesamten Kontinent, besonders aber über die Britischen Inseln, und wurde als Höhenrauch oder auch „trockener Nebel“ wahrgenommen. Aufzeichnungen berichten, dass der Smog wochenlang am Himmel hing. Vergiftungserscheinungen machten sich durch Atemnot bemerkbar, so dass beispielsweise Bauern kaum noch ihrer Feldarbeit nachgehen konnten. Allein auf den Britischen Inseln starben um die 25.000 Menschen.John Grattan; Michael Durand; David Gilbertson; F. Brian Pyatt: Human Sickness and Mortality Rates in Relation to the Distant Eruption of Volcanic Gases: Rural England and the 1783 Eruption of the Laki Fissure, Iceland. Case Study, Western Oregon University, S. 19–23.

Der Ausbruch des Vulkans Asama in Japan 1783 hatte im Vergleich zur Eruption der Laki-Krater einen nur geringen Einfluss auf die Klimaveränderungen.G. A. Zielinski, R. J. Fiacco, Paul Andrew Mayewski, L.D. Meeker, S. Whitlow, M. S. Twickler, M. S. Germani, K. Endo, M. Yasui: Climatic Impact of the A.D. 1783 Asama (Japan) Eruption was Minimal: Evidence from the GISP2 Ice Core. (1994). Earth Science Faculty Scholarship, Paper 191 (englisch, pdf, 492 kB).

Wetterereignisse Winter in Nordamerika Benjamin Franklin berichtet von einem bemerkenswert kalten Winter in Philadelphia. Er war damals amerikanischer Botschafter in Paris und vermutete, dass die Kälte das Resultat eines Staubnebels in der Atmosphäre über Europa und Nordamerika war. Die Kälte war so stark, dass der Hafen von New York City zehn Tage lang zufror und Schlitten den Long-Island-Sund überqueren konnten.

Winter in Europa mini|Stahlstich der Eisflut des Jahres 1784 in Mülheim am Rhein mini|Ferdinand Kobell: Die zerstörte Alte Brücke in Heidelberg nach dem Eisgang, 1784 mini|Hochwasser in Würzburg Im gesamten europäischen Raum war der Winter außergewöhnlich kalt und schneereich. Wissenschaftler gehen davon aus, dass 1784 die Durchschnittstemperatur um ein Grad Celsius niedriger lag als üblich.

Die Frostperiode hielt in Mainfranken insgesamt 13 Wochen an. Die Kälte begann im Dezember 1783, und es froren daraufhin fast alle Gewässer in Mitteleuropa zu. Der Große Belt in Dänemark war schon so stark zugefroren, dass man ihn mit Schlitten und Wagen überqueren konnte. Um den 26./27. Dezember 1783 trat bei den Temperaturen eine kurze Besserung ein, bis zum Jahresende fielen sie jedoch erneut stark. Diese extreme Kälte hielt bis Mitte Januar 1784 an. Von Mitte Januar bis zum 21./22. Februar wurde diese Kaltphase immer wieder von kurzen Phasen mit etwas milderen Temperaturen unterbrochen. In diesem Zeitraum fiel auch häufig Schnee.

Der Winter war von Dezember bis Februar sehr schneereich. Vom 24. Dezember 1783 bis zum 21. Februar beobachtete man beispielsweise in Mannheim 29 Schneefallereignisse, die teilweise tagelang anhielten. Der Schnee wuchs in manchen Regionen auf mehr als 150 Zentimeter Höhe an, wobei am 27. und 28. Dezember 1783 im Rhein-Neckar-Raum um die 45 Zentimeter Schnee fielen. Der Februar brachte ebenfalls viel Schnee und Eis.

Ganz Europa wurde von Ende Dezember 1783 bis in den Januar von einer Kältewelle heimgesucht, die vom Schwarzen Meer bis an den Atlantik reichte. In Frankreich war es so kalt, dass in den Dörfern Wölfe auftauchten, um Vieh zu reißen. Die Schneemengen im Winter 1783/84 schränkten die Agrarproduktion in verschiedenen deutschen Ländern in solch erheblichem Maße ein, dass es zu gravierenden Versorgungsengpässen kam. Um diese Verknappungen zu überbrücken, griffen die jeweiligen Regierungen kontrollierend ein. In Königsberg wurde so viel Getreide gespeichert, dass nicht genügend Raum dafür vorhanden war. Im Darmstädtischen erfroren mehrere Menschen.Guido Nicolaus Poliwoda: Aus Katastrophen lernen. Sachsen im Kampf gegen die Fluten Elbe 1784–1845. S. 63. Auf der sächsischen Elbe bildeten sich Eisschollen, die immer dichter wurden, und in der Nacht vom 28. auf den 29. Dezember war der Strom vor der Augustusbrücke in Dresden zugefroren.

In Frankfurt am Main führte man im Januar 1784 wegen der anhaltenden strengen Kälte und zur Unterstützung der Armen Brot- und Holzsammlungen durch. Es wurden 14.752 Brote à sechs Pfund verteilt. In Speyer feierte man in bescheidenem Rahmen auf dem zugefrorenen Rhein, um mit den Einnahmen dieser Benefizveranstaltung ebenso der Armut entgegenzuwirken. Aus Angst vor einem möglichen Eisgang verordnete man in Köln und Bamberg öffentliche Gebete. In Stuttgart ließ man im Hof der Militärakademie einen Luftball steigen, der erleuchtet und mit einem kleinen Feuerwerk versehen war. Aus den Einnahmen dieser Veranstaltung kaufte man für die Armen der Stadt Holz, da die Preise dafür sehr hoch waren.Poliwoda, Katastrophen, S. 64.

Am 7. Januar wurden in Leipzig morgens um sieben Uhr minus 17,5 Grad Réaumur (−21,9 °C) gemessen. In Weida im Vogtland zeigte das Réaumursche Thermometer, ebenso am 7. Januar, morgens minus 21 Grad Réaumur (−26,3 °C). Doch auch im kalten Januar 1784 waren in Sachsen wärmere Abschnitte zu verzeichnen. Vom 15. bis zum 17. Januar herrschte Tauwetter, wobei eine maximale Temperatur von +5 °C erreicht wurde.

Diese meteorologische Konstellation, das Abwechseln von kälteren zu wärmeren Perioden, setzte sich im Februar 1784 fort und führte zu einem Auftürmen von Eis auf der Elbe, da dem kalten Januarabschnitt über Deutschland bis zum 21./22. Februar ein immer wieder von kurzen wärmeren Phasen unterbrochener kalter Abschnitt folgte. Der starke Frost hielt bis Ende Februar 1784 an, wodurch sich die Eismassen auf der Elbe bis zu 110 Zentimeter auftürmten. Hinzu kamen erhebliche Schneefälle im Kurfürstentum, die die Versorgungslage schwieriger werden ließen.Poliwoda, Katastrophen, S. 65.

Schneeschmelze Um den 23. Februar brachte ein plötzlicher Warmlufteinbruch die enormen Schneemassen, die sich im Winter angesammelt hatten, zum Schmelzen. Diese Warmluft wurde durch ein blockierendes Hochdruckgebiet über Osteuropa ausgelöst, das in Mitteleuropa eine südwärts orientierte Zirkulation zur Folge hatte. Die Veränderung der Großwetterlage führte in Mainfranken wie auch in weiten Teilen Europas warme Luftmassen aus westlichen und südlichen Richtungen heran. Der Winter war vorher überdurchschnittlich lange von den Großwetterlagen Hoch Mitteleuropa und Ost geprägt, wobei sehr kalte Luftmassen aus nördlichen und östlichen Richtungen herangeführt worden waren. Der Warmlufteinbruch wurde infolge großräumiger Aufgleitbewegungen von hohen Niederschlägen geprägt.

Bedingt durch die rasche und starke Erwärmung, die von heftigen Regenfällen begleitet war, kam es in den letzten Tagen des Februars 1784 zum Bruch und Aufstau des Eises in Deutschlands Flüssen. Aufgrund der enormen Schmelzwassermassen, des Eisstaus und der starken Niederschläge begannen die Pegel sehr schnell zu steigen. An allen größeren Haupt- und Nebenflüssen erfolgte der Eisgang gleichzeitig. Erschwerend kam hinzu, dass sich durch zeitweise herrschende Tauphasen mehrere Eisdecken übereinander geschoben hatten, die dann wieder festgefroren waren.

Nach diesem Warmlufteinbruch trat kurze Zeit später, bedingt durch die erneute Änderung der Großwetterlage, wieder Kälte ein, die Niederschläge ließen nach und die Pegel sanken rasch ab. Das blockierende Hoch hatte sich aufgelöst, und die vorherigen Wetterlagen konnten sich wieder etablieren. Es strömte wieder Kaltluft aus nördlichen und östlichen Richtungen nach Mitteleuropa.

Hochwasser im Frühjahr 1784 Das Hochwasserereignis wird als eine der größten Naturkatastrophen der frühen Neuzeit in Mitteleuropa angesehen. Das Hochwasser verwüstete ganze Talzüge, unzählige Brücken wurden zerstört. Es wird auch als „Jahrhundert-Eisgang“ oder „Eisflut“ bzw. „Winterhochwasser von 1784“ bezeichnet.

Köln wurde vom schlimmsten jemals verzeichneten Hochwasser heimgesucht. Beim erwähnten Temperatursprung war der Rhein fest zugefroren, während die Schneeschmelze sowie das aufbrechende Eis für einen Rekordpegel von 13,55 Metern sorgten – zum Vergleich, der Normalpegel beträgt 3,48 Meter. Die Fluten, auf denen schwere Eisschollen trieben, verwüsteten weite Teile der Uferbebauung und zerstörten alle Schiffe. Einzelne Gebäude, darunter auch Befestigungsbauten, stürzten aufgrund des Schollengangs ein. 65 Tote waren zu beklagen. In Beuel überstanden nur ganz wenige Bauten mit Steinfundament die Eisbrocken; alle Fachwerkhäuser wurden weggeschwemmt. – 2., erweiterte Auflage: Die rechtsrheinisch gelegene alte bergische Stadt Mülheim am Rhein, heute ein Kölner Stadtteil, wurde vollständig zerstört. Auch die Bäume des berühmten Nussbaumwaldes auf der Namedyer Werth (seit 1857 Halbinsel) nahe Andernach wurden durch die Eisschollen oberhalb ihrer Wurzeln regelrecht abgeschnitten. Der Andernacher Alte Krahnen entging der Katastrophe durch den rheinaufwärts angebauten Basalteisbrecher.

mini|Tafel mit Hochwasserstand im Jahre 1784 an der Alten Kommandantur in Saarlouis An der Mosel ist das Eishochwasser 1784 das bis heute höchste durch Hochwassermarken bezeugte Winterhochwasser. In Trier wurde der Höchststand des Wassers am 28. Februar 1784 beobachtet. Das Wasser reichte dort bis zum Pferdemarkt und in die Jakobsgasse hinein.Ludwig Müller: Witterungsbeobachtungen 1783–1813 (Handschriftensammlung), Stadtbibliothek Trier. Veröffentlicht durch den Trierer Stadtbibliothekar Gottfried Kentenich (1873–1939) in der Zeitschrift Trierische Chronik NF XVI; 1919/20. S. 56–61. An der Alten Kommandantur am Großen Markt in Saarlouis befindet sich eine Tafel, die den Wasserstand der Saar von 1784 markiert.

mini|Neckarhausen nach der Hochwasserkatastrophe, Februar 1784