Pallywood (Kofferwort aus Palestine und Hollywood), später auch Gazawood, ist ein im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt als politisches Schlagwort verwendeter Begriff. Er entstand nach der Tötung von Muhammad al-Durrah im Jahr 2000 während der Zweiten Intifada, als die Echtheit fotografischer Beweise infrage gestellt wurde. Der Begriff wird von einigen genutzt, um die Behauptung zu beschreiben, dass Palästinenser gestellte Szenen inszenieren, um israelische Gewalt übertrieben oder verfälscht darzustellen. Kritiker wiederum sehen darin eine Strategie, um die Glaubwürdigkeit palästinensischer Berichterstattung infrage zu stellen und Videos von israelischer Gewalt oder palästinensischem Leid pauschal als Fälschung abzutun. Während des Krieges zwischen Israel und der Hamas ab 2023 wurde der Begriff in Debatten genutzt, um Medienberichte aus der Region entweder als Propaganda zu kritisieren oder als Strategie zur Diskreditierung palästinensischer Opfer darzustellen. Einige Autoren bezeichnen den Begriff als Verschwörungstheorie.

Bildungsweise und Entstehung des Ausdrucks „Pallywood“ Pallywood ist ein Kofferwort nach dem Vorbild von Bollywood (= Bombay × Hollywood). Ihr zweiter Bestandteil -llywood ist abgeleitet aus Hollywood, ihr Wortanfang Pa- hingegen aus Palestine „Palästina“ oder auch aus Pally/Pallie, einer umgangssprachlichen, auch ethnophaulistisch gebrauchten Verkleinerungs- und Koseform von Palestinian „Palästinenser“.

Das Wort ist schon 2002 durch einen Usenet-Beitrag belegt.French Election Upset. rec.arts.sf.fandom, 15. Mai 2002. Weite Verbreitung erlangte es durch die 2005 online veröffentlichte 18-minütige Dokumentation des US-amerikanischen Historikers und jüdischen Israel-Aktivisten Richard Landes und durch die Verwendung in den Foto-Kontroversen im Libanonkrieg 2006, in denen auch die vergleichsweise seltener verwendete Analogbildung HizbollywoodIm Zweifel für den Zweifel. In: Der Tagesspiegel. 9. August 2006. geprägt wurde.

Seit Landes’ Dokumentation veröffentlicht wurde, benutzten die Medien den Ausdruck häufiger.Doreen Carvajal: The mysteries and passions of an iconic video frame. In: International Herald Tribune. 7. Februar 2005 (Archiv).Nidra Poller: In: PoliticsCentral. 13. September 2006.Thanassis Cambanis: Some Shunning The Palestinian Hard Stance. In: The Boston Globe. 6. September 2005.Thorsten Schmitz: In: Süddeutsche Zeitung. 16. Juni 2006. Der israelische Nachrichtensender Arutz Sheva behauptete 2006, das Wort „Pallywood“ sei ein üblicher Ausdruck geworden, genauso wie „Infotainment“, um die Medienberichterstattung des arabisch-israelischen Konflikts darzustellen."There's Something About Qana," Arutz Sheva (Channel 7), Israel, 3. August 2006. Das Mackenzie Institute for the Study of Terrorism, Revolution and Propaganda, ein regierungsunabhängiger, kanadischer Thinktank, schrieb 2006, dass unter Beachtung „einer langen Geschichte von Kamera-Inszenierungen […] der zynische Name ‚Pallywood‘ von einst betrogenen Journalisten für die Nachrichtenagenturen der Palästinensischen Autonomiebehörde verständlich wird.“ The Mackenzie Institute, Newsletter 6. Juli 2006.

Der Film von Landes und der Fall al-Durrah

mini|Darstellung der ikonischen Szene in der Avenue Al Qoods (Jerusalem) in Mali

Im Film Pallywood und weiteren Videos und Texten erhebt Landes anhand von Filmmaterial, das von palästinensischen Kameraleuten und UAVs der israelischen Armee stammt, den Vorwurf, die Berichterstattung werde von palästinensischer Seite systematisch manipuliert, und westliche Fernsehsender verwendeten palästinensisches Material zu unkritisch. Dies sei schon seit dem Libanonkrieg 1982 zu beobachten.Richard Landes: (Windows Media Video), SecondDraft.org. Unter anderem bezieht er sich – als besonders folgenreiches Beispiel – auf den Fall des palästinensischen Jungen Muhammad al-Durrah, über dessen angebliche Tötung in den Armen seines Vaters durch israelische Soldaten im Gazastreifen am 30. September 2000, zu Beginn der Al-Aqsa-Intifada, weltweit berichtet wurde.

Bei dem Fall waren am zweiten Tag der Intifada 2000 an einer Straßenkreuzung südöstlich der damals noch bestehenden jüdischen Siedlung Netzarim mit einem israelischen Wachtposten in Gaza einen Tag lang Fernsehteams in Erwartung konfliktträchtiger Bilder aufgezogen gewesen. Es kam am Nachmittag zu einer Attacke auf den Posten und in dem Zusammenhang auch zu Schusswechseln. Die anschließend gezeigte Krankenhausaufnahme und Beerdigung eines toten Jungen passen allerdings weder zeitlich noch von den Verwundungen her zusammen. Die vom palästinensischen Kameramann Talal Abu Rahme an der Kreuzung gedrehten Aufnahmen wurden von dem israelisch-französischen Journalisten Charles Enderlin mit anderen Aufnahmen zusammengeschnitten, kommentiert und vom französischen Sender France 2 in Kombination am selben Abend ausgestrahlt. Sie hatten scharfe Kritik am Vorgehen der israelischen Streitkräfte zur Folge. Die Bildfolge wurde zur Schulung und Motivation von Selbstmordattentätern verwendet, auf Briefmarken und Wandbildern verwendet. Sie war unter anderem bei einem Video von Osama bin Laden zu sehen und wurde bei der Ermordung des US-Journalisten Daniel Pearl von dessen Mördern im Hintergrund abgespielt.

Richard Landes stellt die Authentizität des Filmmaterials in Frage. Der Vorfall sei von palästinensischer Seite inszeniert worden. Er bezweifelt, dass Muhammad al-Durrah überhaupt erschossen wurde.James Fallows: In: Die Weltwoche. Ausgabe 29/03, Second Draft. Honestreporting.com.David Gelernter: In: Los Angeles Times. 2005.Photo of Palestinian Boy Kindles Debate in France. In: The New York Times. 7. Februar 2005. Die entsprechenden Zweifel wurden in anderen Medien ebenso thematisiert, nachdem sich zunächst das israelische Militär verantwortlich bekannt hatte.Israeli Army Says Palestinians May Have Shot Gaza Boy. In: The New York Times. 28. November 2000. Die Mordthese wurde zunehmend in Frage gestellt.Esther Schapira: auf: european-forum-on-antisemitism.org, 18. Juni 2008.

Folgen Am 2. Oktober 2007 erklärte das Büro des israelischen Premierministers Ehud Olmert, die für die zweite Intifada symbolkräftigen Bilder des Jungen mit seinem Vater seien zum Schaden des Staates Israel „offensichtlich inszeniert“ worden. Der palästinensische Kameramann, der die Aufnahmen für France 2 gemacht hatte, blieb bei seiner Darstellung. Eine von einer israelischen Untersuchungskommission durchgeführte Videoanalyse kommt zum Ergebnis, Muhammad al-Durrah könne nicht von israelischen Kugeln getroffen worden sein. Möglicherweise sei er sogar noch am Leben.Umstrittenes Gaza-Video: Israel weist Schuld an Tod von Zwölfjährigem zurück Der Spiegel, 20. Mai 2013. Enderlin selbst war nicht vor Ort gewesen.

Der französische Politiker Philippe Karsenty hat zehn Jahre lang Prozesse gegen France 2 und Charles Enderlin über mehrere Instanzen geführt. Dabei wurden weitere Minuten Film aus angeblich etwa 40 Minuten Rohmaterial freigegeben. Laut Karsenty und anderen hebt der vermeintlich tote al-Durrah seine Hand noch nach der Stelle, an der Enderlin vom Tod des Jungen spricht, um nicht von der Sonne geblendet zu werden. Am Boden sei kein Blut zu sehen, und der „Blutfleck“ am Bein stelle sich als rotes Taschentuch heraus.Kassenschlager aus Pallywood, von Ulrich W. Sahm, Jungle World Nr. 22, 30. Mai 2013. In die Auseinandersetzung um die Bilder wurden in der extremen Variante Aspekte der klassischen Ritualmordlegende aufgenommen, von israelischer Seite hingegen unterstellt, die Palästinenser wären für Propagandazwecke bereit, ihre eigenen Kinder zu erschießen.Who Shot Mohammed al-Dura? The Atlantic, James Fallows 1. Juni 2003.

2004 erlaubte France 2 drei bekannten Journalisten, Denis Jeambar, Daniel Leconte und Luc RosenzweigPoller 2005, das Rohmaterial zu sichten.. Etwa die Hälfte der Aufnahmen bestehe laut Jeambar und Leconte in vorgeblichen Verletzungen und Tot-Umfallen von kriegsspielenden jungen Palästinensern vor der Kamera, die danach wieder munter aufstünden.. Umstritten war, ob auch die Szene mit al-Durrah zu den gespielten Szenen gehörte oder eine wirkliche Schießerei zeigte. Hinweise auf den tatsächlichen Tod des Jungen seien darin keineswegs gegeben. Esther Schapira verweist auf etliche „For-Camera-Only“-Szenen, die als Ausschnitte nur für geübte Beobachter als solche zu erkennen sind. „For Camera Only“ nennen die israelischen Soldaten es, wenn Demonstranten etwa als Verletzte posieren und von Krankenwagen abgeholt werden, nur um kurz darauf wieder unverletzt aufzutreten.

In einem Prozess vor einem Pariser Berufungsgericht wurde 2008 die Aussage von Karsenty, es handele sich bei dem Bericht von France 2 um eine gestellte Inszenierung, für eine Aussage befunden, die im Rahmen der freien Meinungsäußerung keinen Straftatbestand darstellt.Stéphane Durand-Souffland: France 2 blanchie pour l’image choc de l’intifada. In: Le Figaro. 20. Oktober 2006.Pascale Robert-Diard: Reportage enfant Palestinien ; Charles Enderlin et France 2 gagnent leur procès. In: Le Monde. 20. Oktober 2006. Das Gericht bezog sich ausdrücklich auf Landes’ Stellungnahme in seinem Film Pallywood, äußerte Verständnis für die Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Kameramanns und sprach, entgegen der Vorinstanz, Karsenty vom Vorwurf strafwürdiger Verleumdung frei. Urteilstext Arrêt de la Cour d’Appel de Paris du 21 mai 2008 relaxant Philippe Karsenty 2012 entschied der Oberste Gerichtshof, die Freigabe des Rohmaterials sei nicht rechtens gewesen, und verwies zurück an das Berufungsgericht.Affaire Al-Dura: Karsenty essaie de prouver sa bonne foi, rue89, 17. Januar 2013 (Archiv). Im Juni 2010 gewann Karsenty eine Verleumdungsklage gegen Canal+ und die Agentur Tac Press, die in einer 2008 ausgestrahlten Dokumentation seine Zweifel am Fall al-Durrah mit Verschwörungstheorien zum 11. September 2001 verglichen hatten.Canal+ condamné pour diffamation dans un documentaire sur les rumeurs du web, Agence France-Presse, 11. Juni 2010, Lalande, Julien. Canal+ et l’agence Tac Presse condamnés pour diffamation, Ozap, 11. Juni 2010.

Am 26. Juni 2013 verurteilte ein Berufungsgericht Philippe Karsenty wegen Verleumdung des Journalisten Charles Enderlin und des TV-Senders France2 zu einer Strafe von 7.000,- Euro.Media analyst convicted over France-2 Palestinian boy footage . In: The Guardian. 26. Juni 2013.

Esther Schapira drehte zwei Dokumentarfilme zu dem Thema, so die preisgekrönte ARD-Dokumentation Drei Kugeln und ein totes Kind – Wer erschoss Mohammed al Durah? im Jahr 2002 sowie Das Kind, Der Tod und die Wahrheit.

In Das Kind, der Tod und die Wahrheit (Anspielung auf Der Müll, die Stadt und der Tod) beziehen sich Schapira und Georg M. Hafner auf zeitliche Unstimmigkeiten – die Schießerei begann um die Mittagszeit, die Einlieferung eines toten Jungen in das Krankenhaus fand bereits am Vormittag statt, der Vater wäre keineswegs verletzt gewesen – und nehmen daher an, der betreffende Junge wäre nicht Muhammad al Durah gewesen. France 2 drohte daraufhin die Zusammenarbeit mit der ARD zu beenden.ARD mit französischem Sender im Klinsch. In: Der Kontakter. 20. April 2009Katharina Sperber: So kann es nicht gewesen sein. In: Frankfurter Rundschau. 20. April 2009.

In dem Zusammenhang kam es auch zu einer Verleumdungsklage des Vaters von al-Durah gegen ein 2008 gedrucktes Interview mit dem israelischen Chirurgen David Yehuda. Yehuda hatte die vom Vater al-Durahs mehrmals in Medienberichten vorgezeigten Narben auf eine Attacke durch Angehörige der Hamas 1994 zurückgeführt, die ihn als angeblichen Kollaborateur mit Israel angegriffen hatten. Yehuda hatte ihn in dem Zusammenhang operiert.Avi Issacharoff: Israeli physician acquitted of libel against Mohammed al-Dura’s father. Auf: Haaretz. 16. Februar 2012 (Archiv). In zweiter Instanz wurde die Verleumdungsklage vor einem französischen Gericht zurückgewiesen.