mini|Altıntepe von der Zufahrtsstraße aus Südwesten. Durch Wasserläufe und Sumpfgebiete unpassierbare Wiese Altıntepe () ist der Siedlungshügel einer befestigten urartäischen Residenz mit einem Turmtempel und gut erhaltenen Grabkammern aus der zweiten Hälfte des 8. bis zur zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts v. Chr. Der Hügel liegt in der Nähe von Erzincan im anatolischen Hochland im Osten der Türkei. Die Anlage der westlichsten urartäischen Stadt wurde 1938 entdeckt, die Ausgrabungen ab 1959 erbrachten bedeutende Fundstücke aus der Blütezeit des Reiches, vor allem Bronzegefäße und Bruchstücke von Wandmalereien. Altıntepe war von der Frühen Bronzezeit bis ins Mittelalter besiedelt.
Lage
Altıntepe liegt im Landkreis Üzümlü in der Provinz Erzincan, 20 Kilometer östlich der Provinzhauptstadt am Nordrand einer weiten Ebene, die in nordwestlicher Richtung vom Karasu, einem Quellfluss des Euphrat, durchflossen wird. Der 60 Meter hohe kegelstumpfförmige Hügel vulkanischen Ursprungs ist nördlich der Autobahn E80 zwischen Erzincan und Erzurum zu sehen. Sein Gipfel erreicht 1215 Meter über Meereshöhe. Der Hügelfuß hat einen Durchmesser von 500 Metern, etwas mehr als die Entfernung bis zur Straße beträgt. In der westlichen Umgebung des Hügels weiden, wie zur urartäischen Zeit, Rinder und Schafe auf Wiesen, die von zahlreichen Bewässerungskanälen, sonstigen kleinen Wasserläufen und Sumpfflächen durchzogen sind. Der einzige Zugang ist daher eine Straße, die von der Autobahn abzweigt und in einem etwa zwei Kilometer weiten Bogen von Norden auf den Hügel zusteuert.
Zur direkten Nachbarschaft von Altıntepe gehört, zwei Kilometer Luftlinie westlich, der 40 Meter aus der Ebene aufragende Hügel Saztepe mit eisenzeitlichen Besiedlungsresten. Der Hügel mit einer Wasserpumpstation an seiner Spitze ist ebenfalls nur über einen Fahrweg von der Hauptstraße aus erreichbar. Gegenüber von diesem Abzweig liegt im Süden der Autobahn die kleine landwirtschaftliche Siedlung Saztepe. Zwischen beiden Hügeln produzieren an der Hauptstraße ein Betonwerk und eine Ziegelei. In diesem Bereich fanden Archäologen 500 Meter westlich von Altıntepe einen 140 × 200 Meter großen weiteren Siedlungshügel, der nach dem Namen eines Dorfes in der Nähe Küpesik Höyük genannt wird. Er ist mit ungeschultem Auge nicht erkennbar. Das sumpfige Grasland muss in antiker Zeit ein artenreiches Tiergehege (Paradeisos) gewesen sein, hauptsächlich ein Sammelplatz für Wildvögel. Durch die Anlage von Kanälen sind die Sumpfgebiete gegenüber damals deutlich zurückgegangen. Das Paradeisos findet sich auf dem Bodenmosaik einer Kirche aus dem 6. Jahrhundert abgebildet, die an der unteren Ostseite von Altıntepe freigelegt wurde. Küçük Höyük ist ein weiterer Hügel im Norden, der in der Mitte eines Baches liegt.
Östlich von Altıntepe erschweren kleinparzellige Ackerflächen (Zuckerrüben), Gemüsegärten und Baumreihen in der Nähe kleiner Dörfer die Bodenuntersuchung. Im Süden stören sandiges Schwemmland und Überschwemmungen in der Nähe des Karasu.
Forschungsgeschichte mini|Innerhalb der Stadtmauer im Nordwesten. Blick nach Westen. Im Hintergrund links in der Ebene der Hügel Saztepe Beim Bau der Bahnlinie Erzincan-Erzurum sollen Arbeiter im Jahr 1938 auf dem Altıntepe die ersten Bronzegefäße entdeckt haben. Die Bahnlinie verläuft jedoch in einigen Kilometern Entfernung und führt nicht über den Hügel. Daher ist eine andere Version mindestens ebenso plausibel, wonach Einwohner eines nahe gelegenen Dorfes eines der Kammergräber öffneten und plünderten. In jedem Fall wurde ein Teil der Fundstücke an das archäologische Museum in Ankara verkauft. Im April 1938 machten türkische Zeitungen in Istanbul und Ankara den Fundort durch illustrierte Artikel bekannt.Franz Steinherr: Die urartäischen Bronzen von Altintepe. (PDF; 4,0 MB) In: Anatolia. 3, 1958, S. 97–102. Hans Henning von der Osten veröffentlichte 1939 einen Bericht über seinen Besuch und beschrieb die Bronzefunde aus dem geöffneten Felsengrab.Hans Henning von der Osten: Neue urartäische Bronzen aus Erzincan. In: VI. Internationaler Kongress für Archäologie, 1939, S. 225–229 In den folgenden Jahren waren wiederholt Schatzsucher tätig. Im Jahr 1956 brachen Straßenbauarbeiter die nordöstliche der drei Grabkammern auf, wobei sie einige der Grabbeigaben zurückließen. Erste wissenschaftliche Ausgrabungen fanden zwischen 1959 und 1968 unter Tahsin Özgüç von der Universität Ankara statt. Er konzentrierte seine Arbeit auf die Burg und die wesentlichen Tempelanlagen und Wohnbereiche auf dem Hügel. Am Ende der Untersuchungen wurde das Grabungsfeld nicht wie sonst üblich als Sicherungsmaßnahme zugeschüttet, sondern blieb sich selbst und weiteren Raubgräbern überlassen und überwuchs allmählich mit Gras.
Eine zweite Grabungskampagne begann im Jahr 2003, geleitet von Mehmet Karaosmanoğlu, ebenfalls im Auftrag der Universität Ankara. Hierbei wurde die Kirche an der Ostseite des Hügels freigelegt. Neben der Klärung einiger offener Fragen aus den vorangegangenen Grabungen ging es besonders in den Jahren 2006 und 2007 um die Bodenerkundung der näheren Umgebung, um die wirtschaftlichen Beziehungen der Festungsanlage zu ihren Satellitensiedlungen oder den zeitweiligen Lagern, an denen Vieh gehalten wurde, in einem Radius von fünf Kilometern zu erforschen. Die natürlichen Grenzen des Gebiets sind der Fuß der Berge im Norden und der Karasu-Fluss im Süden.
Zum Untersuchungsgebiet gehört auch der flache Küpesik Höyük, der im Lauf der Zeit in der aus weichen, sandig-kiesigen Alluvialböden bestehenden Ebene verschwand. Die bis zu sechs Meter tiefen Löcher der Raubgräber zeigen jedoch eine entsprechend weit hinabreichende Folge von Kulturschichten.
Zusätzlich wurde 2007 eine Sondierungsgrabung am nordwestlichen Rand der Festung durchgeführt, bei der unter einer hohen Schuttschicht aus dem Mittelalter ein Mauerwerk aus mächtigen Quadern zum Vorschein kam, das als Terrasse gedeutet wird.
Saztepe wurde erstmals Mitte der 1950er Jahre von Charles Burney untersucht, im Jahr 1993 wertete Geoffrey D. Summers dessen gefundenes Material erneut aus und datierte die Keramik. Einen großen Teil bezeichnete er als Triangle Ware und ordnete sie der nach-urartäischen, achämenidischen Periode zu. Die als Phase II definierte Bauschicht in Altıntepe datierte Summers ebenso in die achämenidische Zeit.
Geschichte mini|Karte bekannter urartäischer Festungen Die ältesten Grabungsfunde stammen aus der frühen Bronzezeit. Auf den kleineren Nachbarhügeln ist Keramik aus der frühen Eisenzeit vorherrschend, auf dem Saztepe überwiegen dagegen Funde aus der späten Eisenzeit, also nach dem Untergang des urartäischen Reiches.
Urartu ist inschriftlich ab dem Beginn des 9. Jahrhunderts v. Chr. bekannt. Seine Hauptstadt lag im Hochland von Van im Südosten der Türkei. Das Siedlungsgebiet erstreckte sich in seiner größten Ausdehnung im Osten bis an den Urmiasee und den Sabalan, ein Gebirge in der iranischen Provinz Ost-Aserbaidschan, im Norden bis zu den Bergen Nordarmeniens und im Süden wurde es von Assyrien begrenzt.Mirjo Salvini: Geschichte und Kultur der Urartäer. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1995, S. 14f.
Altıntepe war die am weitesten westlich gelegene Siedlung an der Grenze zum phrygischen Reich. Bei der Expansion unter König Sarduri II. (reg. um 760–730 v. Chr.) dehnte sich das Machtgebiet mindestens bis hierher aus. Der Tempelkomplex wurde vermutlich in der 2. Hälfte des 8. Jahrhunderts errichtet, die Grabkammern werden auf Ende des 8., Anfang des 7. Jahrhunderts datiert. Eine Ritzinschrift erwähnt König Argišti II. (reg. 714–680). Über seine Herrschaft ist kaum etwas bekannt, außer dass er einige Inschriften an den am weitesten im Osten gelegenen Orten hinterließ.Antonio Sagona, Paul Zimansky: Ancient Turkey. Routledge, London/New York 2009, S. 328. Anfang des 6. Jahrhunderts v. Chr. brach der urartäische Staat in seinem Kernland zusammen. Es ist nicht eindeutig geklärt, ob Altıntepe und die Umgebung zu dieser Zeit weiterhin von urartäischen Siedlern bewohnt wurde, oder ob die vor allem auf dem Saztepe gefundene Keramik (Triangle Ware) der Ausdehnung des Achämenidenreichs zu verdanken ist. Klar ist, dass die Bewohner Altıntepe um diese Zeit verließen und einen Teil der beweglichen Güter mitnahmen.Işikli, S. 270f.
Die ausgegrabene Kirche aus dem 6. Jahrhundert n. Chr. belegt eine Besiedlung in frühbyzantinischer Zeit, die oberen Besiedlungsschichten reichen bis in das späte Mittelalter. Der urartäische Name der Festung ist nicht bekannt.
Beschreibung der Anlage Die Gipfelfläche des Altıntepe war von einem Mauerring mit Bastionen und Toren umgeben, die zu einem großen Palast im südlichen Zentrum führten. Dessen Größe lässt erkennen, dass es sich bei der Siedlung um ein lokales Verwaltungszentrum gehandelt haben muss. Ein großer Teil der Hügelkuppe nordwestlich des Palastes wurde von einem ummauerten Tempelbezirk mit Säulenhalle ausgefüllt. Da die Umfassungsmauer, die am Rand der ebenen Fläche verlief, an der Nord- und Ostseite einige Gebäudegrundrisse durchschneidet, dürfte sie später, gegen Ende der urartäischen Periode errichtet worden sein, als die zunehmend militärisch instabile Lage eine Befestigung erforderlich machte. Die rechteckige Grundform der Bastionen mit Eingängen von der Innenseite lassen auch an eine hellenistische Bauzeit der Mauer denken.
Tempel mini|Südseite des Tempels, von Säulenbasen der Portikus umgeben Altıntepe besaß den westlichsten Turmtempel des urartäischen Reiches, der wie alle anderen dem Hochgott Ḫaldi geweiht war. An den vier Außenwänden eines rechteckigen Hofes war eine Portikus vorgebaut, dessen Dach von sechs Holzsäulen je Seite, insgesamt 20, getragen wurde, deren steinerne Basen erhalten blieben. Dem Durchmesser der Säulenbasen nach zu urteilen, besaßen die urartäischen Holzsäulen einen Durchmesser vor 43 Zentimeter. Beim Flachdach waren die Balkenzwischenräume mit Schilfrohr ausgefüllt und mit einer Schicht Stampflehm überdecktSalvini, S. 136..
Der Turmtempel (susi) stand in der Längsachse des Hofes etwas nach hinten versetzt, sein Eingang lag im Südosten. Er war quadratisch und maß außen 14 Meter bei einer Wandstärke von 4,75 Metern. An der gut erhaltenen Sockelzone präparierten die Ausgräber innen und außen eine Blendmauer aus sorgfältig behauenen und fugenlos verlegten Steinquadern in zwei Reihen heraus. Die Wände oberhalb der Grundmauern waren aus Lehmziegeln errichtet und sind nicht mehr erhalten. Sie besaßen nach klassischem Muster Eckrisalite. Zum Eingang führten zwei Stufen hinauf, in die Steinblöcke an beiden Seiten war jeweils ein Loch gebohrt, in das wohl einst Lanzen hineingesteckt wurden. Vor der rückwärtigen Wand in der Cella befand sich ein Sockel für das Götterstandbild. Im Umkreis davor wurden zahlreiche Opfergaben in Form von Vasen und Speerspitzen gefunden. Solche, wie ein Turm aussehende Tempel scheint es in allen urartäischen Städten gegeben zu haben.
Der Eingang zum Tempelhof dürfte sich ursprünglich gegenüber der Tempelfassade in der Mitte der Südostwand befunden haben, aber mit dem Bau der angrenzenden Palastanlage nicht mehr benutzbar gewesen sein. An dieser Stelle wurde ein rechteckiger niedriger Steinaltar freigelegt. Zwischen ihm und der Südostwand kamen bei Grabungen die meisten der gefundenen Elfenbeinobjekte zum Vorschein. An der südwestlichen Umfassungswand waren auf ganzer Länge drei Räume angebaut. In der Außenwand des mittleren, gegenüber den seitlichen doppelt so großen Raumes befand sich vermutlich nach dem Bau des Palastes der Zugang zum Tempelhof. Nebenräume und Tempelhofmauer gehören zur selben Bauphase und ergaben zusammen einen quadratischen Grundplan mit 27 Metern Kantenlänge. Ein freistehender Bau mit zwei unterschiedlich großen Räumen westlich des Tempelhofs muss nicht aus derselben Zeit stammen. Er kommt als Priesterwohnung oder Schatzhaus in Frage.
Palast mini|Apadana. Westecke der Außenmauer