Der Schwarzstirnwürger (Lanius minor) ist ein Vertreter der Gattung Lanius innerhalb der Familie der Würger (Laniidae). Schwarzstirnwürger gleichen stark Arten aus der Gruppe der Raubwürger, sind jedoch etwas kleiner. Der obligate Langstreckenzieher mit Überwinterungsgebieten in den Savannen und Halbwüstengebieten der Kalahari ist von Ost- und Südosteuropa ostwärts bis Zentralasien verbreitet. Die Art war noch zur Mitte des 20. Jahrhunderts in vielen Gebieten West- und Mitteleuropas Brutvogel. Heute ist er in diesen Bereichen selten geworden und vielerorts ganz verschwunden.

Merkmale mini|Adulter männlicher Schwarzstirnwürger Mit einer Gesamtlänge von bis zu 20 Zentimetern ist der Schwarzstirnwürger etwa starengroß, jedoch bedeutend langschwänziger und schlanker als dieser. Er weist in der Verteilung der grauen, schwarzen und weißlichen Gefiederanteile sehr starke Gemeinsamkeiten mit dem Nördlichen und Südlichen Raubwürger auf, ist aber dennoch bei ausreichenden Beobachtungsbedingungen zweifelsfrei zu bestimmen.

Das Oberseitengefieder ist vom Scheitel über Nacken und Rücken ungezeichnet grau. Die Schultern sowie die Arm- und Handschwingen sind schwarz. Der Bürzel ist grau, ebenso der Ansatz des deutlich gestuften, im Verhältnis zu Raubwürgern etwas kürzeren Schwanzes. Ab der Mitte ist der Schwanz schwarz, die äußeren Steuerfedern sind beim Männchen jedoch weiß. Die Unterseite ist hell. Brust und Flanken sind deutlich rötlichbraun behaucht, der Bauch ist meist sehr hell gräulichbraun. Die weißen Basen der Handschwingen erzeugen beim sitzenden Vogel einen immer sichtbaren, recht breiten Flügelspiegel, beim fliegenden eine sichelförmige weiße Markierung. Die Kehle ist fast rein weiß und kontrastiert sehr stark mit der breiten schwarzen Gesichtsmaske, die sich von der Stirn über die Augen – die breit verdeckt werden – bis in den Nacken zieht. Der schwarze Schnabel ist deutlich gezähnt, hoch und breit. Die Beine und Zehen sind dunkel graubraun. Vereinzelt kommen sehr dunkle, melanistische Individuen vor.Harris (2000) S. 163

Die Geschlechter unterscheiden sich in Größe und Gewicht nicht. Die Färbungsunterschiede lassen jedoch eine sichere Geschlechtsbestimmung zu. Weibchen sind insgesamt weniger kontrastreich gefärbt, die Schwarzanteile des Oberseitengefieders weisen einen gut erkennbaren Braunton auf. Die Gesichtsmaske ist bei weiblichen Schwarzstirnwürgern in den Umrissen zwar deutlich markiert, meist aber nicht schwarz ausgefärbt, sondern grauschwarz gesprenkelt. Insbesondere die Stirn ist sehr selten einheitlich schwarz, meist nur grauschwarz geflockt. Oft ist eine leichte Wellung und Sperberung des grauen Oberseiten- und hellen Unterseitengefieders zu erkennen. mini|Ins Adultgefieder mausernder Schwarzstirnwürger im Überwinterungsgebiet Bald nach dem Ausfliegen mausern Schwarzstirnwürger ins Jugendkleid, das bereits die Zeichnungskonturen des Erwachsenengefieders aufweist. Sie sind auf der Oberseite geflockt graubraun, die Flügel sind schwarzbraun. Vor allem die großen Armdecken weisen eine deutliche helle Randung auf. Der weiße Flügelspiegel ist bereits ausgebildet, auch die Augenmaske ist angedeutet. Die Unterseite ist hell, verwaschen schmutzigweiß und an den Flanken isabellfarben. Hier ist eine leichte Wellung und Sperberung des Gefieders zu erkennen. Im Winterquartier mausern die Jungvögel ins Adultkleid; nur selten sind einjährige Vögel mit Resten des Jugendgefieders im Brutgebiet anzutreffen.HBV Bd. 13/2 (1993) S. 1235

Verwechslungsmöglichkeiten Der Schwarzstirnwürger kann mit den beiden Arten des Raubwürgers, auf dem Zug auch mit dem Graumantelwürger verwechselt werden. Von allen drei Arten unterscheidet er sich durch die wesentlich geringere Größe, von den Raubwürgern durch die breite, zum Scheitel hin niemals weiß gerandete Gesichtsmaske, sowie durch die schlankere, weit weniger wuchtige Gestalt. Der Flügelspiegel ist ausgeprägter und auf die Handschwingen beschränkt. Schwarzstirnwürger sitzen meist aufrechter als Raubwürger. Der Graumantelwürger ist fast nur in Gruppen anzutreffen. Er ist auffallend langschwänzig. Der Schwanz ist im Gegensatz zum Schwarzstirnwürger in seiner zweiten Hälfte zur Gänze schwarz. Junge Schwarzstirnwürger sind von juvenilen Raubwürgern nur durch ihre geringere Größe sicher zu unterscheiden.

Stimme Der Gesang ist ein würgertypisches, anhaltendes Schwatzen, in das neben den für die Art charakteristischen krächzenden und gepressten Lauten viele, zum Teil sehr gute Imitationen anderer Vogelarten und Geräusche der Kulturlandschaft oder Hundegebell eingebettet sein können (Hörbeispiel als Video). Verschiedenste Vogelarten werden imitiert.HBV Bd. 13/2 (1993) S. 1237 Dem Gesang geht meist ein abgesetztes Eingangselement voraus. Der Reviergesang ist ein anhaltendes moduliertes Schilpen, das in einem langsamen Imponierflug vorgetragen wird.

Außerdem verfügen Schwarzstirnwürger über ein reiches Repertoire an Rufen. Die meisten klingen krächzend und rau. Erregungsrufe sind gereihte reck…sreck-Folgen (Hörbeispiel), beziehungsweise würgertypisches Tschäckern (Hörbeispiel), beim Erscheinen von Fressfeinden sind laute gä…gägä-Folgen zu hören. Ein intimer, leiser Kontaktruf, vor allem beim Nestbau, beim Balzfüttern oder bei der Futterübergabe geäußert, ist ein leises Krett.

Verbreitung mini|Verbreitung des Schwarzstirnwürgers Der Schwarzstirnwürger ist vom östlichen Mitteleuropa ostwärts bis an die Westgrenze der Mongolei und bis in die Grenzregionen des nordwestlichen Chinas verbreitet. Die dichteren Vorkommen beginnen in Ungarn, der Slowakei und auf der Balkanhalbinsel, wo in Rumänien allein etwa die Hälfte des europäischen Gesamtbestandes brütet[ Datenblatt Birdlife Europe engl.], umfassen im Südosten weite Teile der Türkei, das Kaukasusgebiet und reichen bis in den Nordiran. Nach Osten setzten sie sich über die Ukraine und das nordöstliche Schwarzmeergebiet fort und reichen weit in den Steppengürtel der zentralasiatischen Staaten. In Nordosteuropa bestehen schwindende, beziehungsweise sehr kleine Brutvorkommen in Polen, Litauen und Belarus sowie starke Populationen im europäischen und asiatischen Teil Russlands. Die östlichsten Brutgebiete liegen bei etwa 85° Ost, die nördlichsten bei 55° Nord.Harris (2000) S. 164

Die früher nicht unbedeutenden Vorkommen im zentralen und westlichen Teil Europas sind bis auf Reste in Nordspanien und Südfrankreich weitgehend erloschen. In Italien ist die Verbreitung des Schwarzstirnwürgers stark fragmentiert.

In der Schweiz und in Deutschland brütet der Schwarzstirnwürger zurzeit nicht. In Österreich kommt es fallweise zu Bruten von Einzelpaaren, vor allem im Seewinkel sowie in der südlichen Steiermark.

Den borealen Winter verbringt fast die gesamte Weltpopulation in der Kalahari im südlichen Afrika, vor allem in Botswana. Das Winterareal ist nach Harris fünfmal kleiner als das Brutgebiet, nach HerremansHerremans (1998) S. 488 umfasst es nur ein Zehntel. Nur wenige Schwarzstirnwürger überwintern weiter nördlich dieses Gebietes, einige wenige schon im Irak und im Süden der Arabischen Halbinsel.

Wanderungen Alle Populationen sind Langstreckenzieher. Die meisten europäischen Vögel verlassen ihre Brutgebiete im August und September, die ersten Nichtbrüter schon Ende Juli. Sie ziehen in einem Korridor zwischen Südwest und Südost meist über den Balkan nach Süden, überqueren das Mittelmeer auf der ägäischen Inselbrücke und erreichen in einem relativ schmalen Bereich im Grenzgebiet zwischen Libyen und Ägypten das afrikanische Festland. Weiter nach Süden folgen die meisten dem Niltal. Die kleinasiatischen Brutvögel ziehen entlang der Westküste des Roten Meeres, die zentralasiatischen überqueren den Persischen Golf und den Südteil der Arabischen Halbinsel und erreichen Afrika im Bereich des Horns von Afrika. Schwarzstirnwürger ziehen nachts. Sie benötigen für den Wegzug zwischen acht und zehn Wochen. In den Winterquartieren verweilen sie bis zu 22 Wochen. Der Heimzug erfolgt auf etwas östlicheren Routen (Schleifenzug) und dauert nur sechs bis acht Wochen. Die Winterquartiere werden von der Mehrzahl der Tiere innerhalb weniger Tage verlassen.Harris (2000) S. 165 Die ersten Schwarzstirnwürger erreichen bereits Mitte April die Brutgebiete, die Mehrzahl trifft jedoch erst Anfang bis Mitte Mai ein.Panow (1996) S. 131

Lebensraum Der Schwarzstirnwürger besiedelt in seinem gesamten Verbreitungsgebiet häufig Biotope, die zumindest teilweise vom Menschen gestaltet und meist, zumindest extensiv, genutzt werden.Panow (1996) S. 149 Von allen paläarktischen Würgerarten bevorzugt er die trockensten Habitate, in vollkommen wasserlosen Regionen brütet er jedoch nicht. Wichtige Requisiten eines geeigneten Schwarzstirnwürgerhabitats sind neben dem ausreichenden Nahrungsangebot einzeln stehende Bäume und freie, kurzrasige Flächen, in die völlig unbewachsene Areale eingebettet sein können. Die Art der Bäume scheint keine Rolle zu spielen, meist handelt es sich jedoch um Laubbäume. Nur in den hochgelegenen Brutgebieten Mittelasiens kommt die Art in alten Wacholderbeständen vor. Baumfreie, nur von Sträuchern oder Büschen bestandene Regionen, besiedelt der Schwarzstirnwürger im Gegensatz zu den meisten anderen Würgerarten nicht. In der Pistaziensavanne im Süden Turkmenistans kommt er nur dann als Brutvogel vor, wenn die Wuchsform der Pistazie Baumcharakter annimmt. Er bewohnt aufgelockerte Baumsteppen bis in die äußersten Randgebiete der borealen Wälder ebenso wie Trocken- und Gebirgssteppen, solange ausreichend Bäume zur Verfügung stehen. Schwarzstirnwürger brüten in weitflächigen, im Idealfall beweideten Obstgärten mit großen Baumabständen, in Weingärten, in baumbestandenen Weiden, oft in Alleen entlang von Straßen- und Bahndämmen oder in zum Beispiel aus Pappeln gebildeten Windschutzstreifen, die Kulturland begrenzen. Er meidet die Nähe des Menschen weniger als die anderen europäischen Würger. Brutplätze in unmittelbarer Nähe zu bewohnten HäusernHBV Bd. 13/2 (1993) S. 1251 sind ebenso bekannt wie solche in Parks inmitten von Großstädten. In Europa liegen seine Brutgebiete unter 900 Metern, in Teilen Zentralasiens und im Kaukasus kommt er noch in Höhen von über 2000 Metern als Brutvogel vor.

mini|links|300px|Habitat des Schwarzstirnwürgers im Überwinterungsgebiet in der KalahariIm borealen Winter ist er ein Charaktervogel der offenen Akazien- und Dornbuschsavanne. Dort, wo sich die Überwinterungsgebiete mit denen des Neuntöters überschneiden, bevorzugt der Schwarzstirnwürger die trockeneren Habitate.HBV Bd. 13/2 (1993) S. 1252 Er bewohnt aufgelockerte Mopanewälder sowie kultiviertes Land, wo er häufig Leitungsdrähte oder die Pfähle von Viehzäunen als Warten benutzt.

Wie einige andere Würgerarten neigen Schwarzstirnwürger zu aufgelockert koloniehaftem Brüten, sodass es zu relativ großen Bestandsdichten auf verhältnismäßig kleinem Raum kommen kann, benachbarte, ebenfalls gut geeignete Habitate aber ungenutzt bleiben. So brüteten nahe Odessa in einem nur 0,6 Hektar großen Bereich acht Paare erfolgreich. Solch hohe Siedlungsdichten bilden jedoch die Ausnahme. In der Regel liegen die Nestabstände zwischen 50 und 300 Metern.

Nahrung und Nahrungserwerb