mini|Deportationsrouten (1939–1945) Als Eichmannreferat, auch Judenreferat, wird ein Gestapo-Referat im Reichssicherheitshauptamt (RSHA) während des Zweiten Weltkrieges bezeichnet. In dieser Dienststelle, in der Berliner Kurfürstenstraße 115/116, wurde ab 1941 die sogenannte Endlösung der Judenfrage administrativ koordiniert und organisiert. Die Mitarbeiter des Eichmannreferates waren somit maßgeblich am Holocaust beteiligt. Leiter dieser Dienststelle war ab Dezember 1939 durchgehend Adolf Eichmann; ab 1941 war Rolf Günther sein ständiger Stellvertreter.Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich, Frankfurt am Main 2007, S. 129 f., 209. Sogenannte „Judenreferenten“ gab es auch in etlichen anderen NS-Ämtern, insbesondere das Auswärtige Amt verfügte über ein eigenes „Judenreferat“, sowohl in Berlin als auch in vielen Botschaften. Ferner existierten regionale „Judenreferate“ innerhalb Deutschlands, die Befehle nur zögerlich vom RSHA entgegennahmen und eigene Befehlsketten, meist innerhalb der regionalen Gestapo, hatten.als Beispiel: Carsten Schreiber: Elite im Verborgenen. Ideologie und regionale Herrschaftspraxis des Sicherheitsdienstes der SS und seines Netzwerks am Beispiel Sachsens. Oldenbourg, München 2008, ISBN 3-486-58543-6.
Aufbau Das Referat ging aus dem Bereich II/112 des SD-Hauptamtes hervor, welches 1936 gebildet worden war. Anfang 1937 hatten sich die hier eingesetzten SD-Offiziere eine Art Manifest, mit der ihrer Auffassung nach „schändlichen“ Rolle des Judentums gegeben, aus der sie die Berechtigung zur Verfolgung und Vertreibung ableiteten. Das sollte mit dem Ziel einer „Endjudung Deutschlands“ erfolgen.Michael Wildt: Die Judenpolitik des Sicherheitsdienstes 1935 bis 1938. München 1995, S. 95 ff. Vermutlich stammte dieser Text von Adolf Eichmann, der bereits in den Anfangsschritten 1936 dem Referat zugegliedert worden war.
Mit der Bildung des Reichssicherheitshauptamtes 1939 wurde fast alle in diesen Anfangsjahren hier tätigen SD-Mitarbeiter übernommen. Vom Herbst 1939 datiert eine Konzeption Heinrich Müllers, der zufolge das bisherige Gestaporeferat II B (Konfessionen, Juden, Freimaurer, Emigranten und Pazifisten) aufgegliedert und der Bereich Judenangelegenheiten/Emigranten zu einem eigenen Sachgebiet zusammengefasst werden sollte.Wildt: Generation. S. 358. Das Sachgebiet entsprach der Zuständigkeit der seit Januar 1939 bestehenden Reichszentrale für jüdische Auswanderung, deren Geschäftsführer Eichmann war. Im Geschäftsverteilungsplan vom Februar 1940 firmierte das Eichmannreferat als IV D 4 (Auswanderung, Räumung) im Amt IV des RSHA, dem Gestapo-Amt. Für Eichmann, der bislang dem Sicherheitsdienst (SD) angehörte, bestand so die Möglichkeit, nachgeordneten Gestapodienststellen Anweisungen geben zu können.Wildt: Generation. S. 360. Die Zuständigkeit Eichmanns für die exekutive Behandlung der „Judenfrage“ war am 4. Januar 1940 durch Reinhard Heydrich entschieden worden. Im März 1941 wechselte das Eichmannreferat aus der Ländergruppe IV D in die Kirchengruppe IV B des RSHA und wurde nun als Referat IV B 4 bezeichnet. Gruppenleiter war Albert Hartl; Eichmann besprach Vorlagen und Entscheidungen jedoch direkt mit Amtsleiter Heinrich Müller, ohne sich an den formalen Dienstweg über Gruppenleiter Hartl zu halten.Nach dem Urteil im Eichmann-Prozess, siehe Wildt: Generation. S. 361. Im März 1944 wurde das RSHA entsprechend den Kriegserfordernissen umgegliedert; das Eichmannreferat firmierte nun als Fachreferat IV A 4 b in der Gruppe IV A unter Friedrich Panzinger.Wildt: Generation. S. 701.
Personal und Aufgabenverteilung Die Größe des Eichmannreferats mit Dutzenden von Mitarbeitern überstieg die der anderen RSHA-Referate, die üblicherweise fünf bis sechs Mitarbeiter hatten.Lozowick, Malice (PDF-Datei; 230 kB). S. 4. Mehr Abteilung denn Referat, „entstand eine europaweit agierende Deportationszentrale“.Wildt: Generation. S. 859. Der SS-Obersturmführer Rudolf Jänisch leitete die Geschäftsstelle des Eichmannreferates während der gesamten Dauer ihres Bestehens.Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Frankfurt am Main 2007, S. 281.
Die Bedeutung des Referats wurde zusätzlich unterstrichen durch die getrennte Unterbringung von den anderen Referaten der Gruppe IV B in der Berliner Kurfürstenstraße 115/116, dem ehemaligen Vereins- und Wohngebäude des jüdischen Brüdervereins.Wildt: Generation. S. 699.topographie.de: Lozowick, Malice (PDF-Datei; 230 kB). S. 3. Das repräsentative Vereins- und Wohngebäude des jüdischen Wohlfahrtvereins war zwischen 1908 und 1910 erbaut worden. Einige Beamte des Eichmannreferats wohnten gemeinsam in einem angrenzenden Haus.
Sachgebiete und Leitung SachgebietOrganigramm des RSHA und Eichmannreferates (pdf, 970 kB, S. 12.). Aus Jonathan Littell: Die Wohlgesinnten. Übersetzt von Hainer Kober. Berlin Verlag, Berlin 2008, ISBN 978-3-8270-0738-4.SachgebietsleiterDienstrangZeitraumAufgaben Sachgebiet IV B 4a (Auswanderung)Rolf Günther SS-Sturmbannführer und Stellvertreter Adolf Eichmanns1941 bis März 1944Deportation von Juden Sachgebiet IV B 4b (Recht)Friedrich SuhrRegierungsrat, SS-ObersturmbannführerJuli 1941 – November 1942 Rechtsfragen bei Konfiszierung, Verwaltung und Verwertung von Eigentum der Deportierten, sowie Kooperation mit weiteren Behörden, die in die Enteignung der Deportierten involviert warenOtto Hunsche Regierungsrat, SS-Hauptsturmführer November 1942 – März 1944
Personelle Aufgabenverteilung von 1941 bis März 1944 SachbearbeiterAufgabenSachgebietFranz NovakTransportIV B 4aHerbert Mannel Auswanderungsstatistik IV B 4a bis Dezember 1941 Franz Stuschka Organisation, ab Januar 1942 Zensur der jüdischen HäftlingspostIV B 4aKarl Hrosinek AdministrationIV B 4bFritz WöhrnGenerelle Fälle bis Dezember 1941 IV B 4b danach mit gleichem Aufgabengebiet IV B 4aErnst MoesEinzelfälle bis Dezember 1941 IV B 4b danach mit gleichem Aufgabengebiet IV B 4aWerner Kryschak Einzelfälle ab Januar 1942 IV B 4aRichard Gutwasser Finanzen & Besitz IV B 4bMax Pachow Finanzen & Besitz ab Januar 1942 IV B 4bOtto Hunsche von Dezember 1941 bis November 1942 Stellvertreter von Friedrich Suhr IV B 4bFriedrich Boßhammer „Vorbereitung der Lösung der europäischen Judenfrage in politischer Hinsicht“ Januar 1942 – November 1942 IV B 4b, danach mit gleichem Aufgabengebiet IV B 4aKarl Kube Verfügungen Januar 1942 – November 1942 IV B 4b, danach mit gleichem Aufgabengebiet IV B 4aHans Wassenberg Aberkennung der deutschen Reichsangehörigkeitab April 1943 IV B 4aAlexander Mischke Aberkennung der deutschen Reichsangehörigkeit ab April 1943 IV B 4aWilly Jeske Bekämpfung von Staatsfeinden ab April 1943 IV B 4bPaul Pfeifer Bekämpfung von Staatsfeinden ab April 1943 IV B 4b
Das Eichmannreferat in Berlin wurde im Wesentlichen von österreichischen Mitarbeitern aufgebaut, die nach dem „Anschluss“ von Österreich an das Deutsche Reich zunächst die Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Wien und später jene in Prag begründet hatten. Diese Männer, unter ihnen Franz Stuschka und Franz Novak, waren „Alte Parteigenossen“ und fanden in der Wiener Zentralstelle nach Phasen der Arbeitslosigkeit eine erneute Anstellung. Sie besetzten später im Berliner Eichmannreferat vielfach übergeordnete Dienstposten.Hans Safrian: Eichmann und seine Gehilfen. S. 49 ff.
Aufgaben mini|Beteiligung des Eichmannreferates bei Judendeportationen: Frau mit Kindern auf dem Weg in die Gaskammer des KZ Auschwitz-Birkenau im Mai/Juni 1944, Aufnahme des SS-Mannes Bernhard Walter, die mit Genehmigung Eichmanns in Auschwitz angefertigt wurde (Auschwitz-Album)
Eichmann war seit August 1938 Leiter der Wiener Zentralstelle für jüdische Auswanderung gewesen, die die zwangsweise Emigration von jüdischen Österreichern betrieb. Die Wiener Zentralstelle sowie eine weitere in Prag wurden der im Januar 1939 entstandenen, ab Oktober 1939 ebenfalls von Eichmann geleiteten Reichszentrale für jüdische Auswanderung unterstellt. Nach dem deutschen Überfall auf Polen organisierte Eichmann im Oktober 1939 die Deportation von Juden nach Nisko. Die Deportationen an die deutsch-sowjetische Demarkationslinie wurden bald eingestellt, ihre Bedeutung ist bis heute ungeklärt:Zur Bedeutung der Nisko-Aktion: Wildt: Generation. S. 471 f. Als möglich gelten ein zu eigenmächtiges Handeln Eichmanns, aber auch ein „Modellversuch“, in dem Heydrich und das kurz zuvor entstandene RSHA die Durchführbarkeit von Deportationen ins besetzte Polen beweisen wollten.
Am 21. Dezember 1939 bestimmte Heydrich Eichmann zum Sonderreferenten für die „Durchführung der Räumung im Ostraum“ im Amt IV des RSHA.Wildt: Generation. S. 490 ff. Als Sonderreferent sollte Eichmann die von Himmler angeordnete Deportation von Juden und Polen aus Westpreußen und dem Warthegau, den vom Deutschen Reich annektierten westpolnischen Gebieten, durchführen. Bei den zuvor durchgeführten Deportationen in das Generalgouvernement, den besetzten Teil Polens, waren Schwierigkeiten aufgetreten, da die dortigen deutschen Besatzungsbehörden sich nicht in der Lage sahen, alle Deportierten unterzubringen. Zudem bestanden Transportprobleme. Laut der Niederschrift über eine Besprechung im RSHA am 30. Januar 1940 übernahm das Eichmannreferat die „zentrale Steuerung der Räumungsaufgaben“.Vermerk über die Sitzung vom 30. Januar 1940 (Nürnberger Dokument NO-5322); zitiert bei Wildt: Generation. S. 496. Dabei unterstand dem Eichmannreferat das „Amt für die Umsiedlung der Polen und Juden“ in Posen, später als „Umwandererzentralstelle“ bezeichnet. Zwischen Mitte Februar und Mitte März 1940 wurden über 40.000 Menschen aus dem Warthegau deportiert, ehe die Widerstände innerhalb der NS-Führung zu groß wurden.
mini|Mann mit Judenstern im September 1941 Zudem waren Mitarbeiter des Eichmannreferates an der Ausarbeitung des sogenannten „Madagaskarplans“ beteiligt.Peter Krause: Der Eichmann-Prozess in der deutschen Presse. Campus Verlag, 2002, ISBN 978-3-593-37001-9, S. 25. Der Plan sah die Deportation von vier Millionen europäischen Juden auf die vor der Ostküste Afrikas gelegene Insel Madagaskar vor, damals eine französische Kolonie. Nach späteren Angaben Dieter Wislicenys befasste sich Eichmann das ganze Jahr 1940 intensiv mit dem Madagaskarplan. Hierzu seien nach der deutschen Besetzung Frankreichs auch Studien im Pariser Kolonialministerium betrieben worden.Wildt: Generation. S. 504. Den Planungen waren diesbezügliche Überlegungen des „Judenreferenten“ vom Auswärtigen Amtes Franz Rademacher vorangegangen, die durch den Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop unterstützt wurden. Über Rademacher ließ Ribbentrop das Eichmannreferat von den außenpolitisch geprägten Erwägungen informieren, welche im Wesentlichen die Abtretung Madagaskars durch das Vichy-Regime an das Deutsche Reich vorsahen. Im Eichmannreferat wurden diese „Reservatspläne“ durch Erich Rajakowitsch, Theodor Dannecker und Eichmann geprüft und bezüglich ihrer praktischen Umsetzung weiter ausgearbeitet. Das Ergebnis, ein vierzehnseitiger Bericht, wurde Mitte August 1940 Rademacher zugeschickt. Der Madagaskar-Plan wurde jedoch nicht umgesetzt.Hans Safrian: Eichmann und seine Gehilfen. S. 93f.