mini|Die Schilleroper (Zustand 2007) mini|Schilleroper in Hamburg St. Pauli, Freilegung der Rotunde Stand September 2021 Die Schilleroper ist ein denkmalgeschütztes Zirkus-Theater in Hamburg-St. Pauli und Namensgeberin der Straße Bei der Schilleroper.Hamburger Presse über die Auseinandersetzung mit dem Denkmal, 2012 Derzeit steht das in Deutschland einzigartige Gebäude mit der amtlichen Belegenheit Bei der Schilleroper 14 / 16 / 20 leer.
Geschichte 19. Jahrhundert Die Schilleroper gehörte bis zum Inkrafttreten des Groß-Hamburg-Gesetzes und seiner Grenzverschiebungen zur preußischen Nachbarstadt Altona/Elbe. Der durch Krieg und Abnutzung veränderte runde Stahlskelettbau war 1889 bis 1891 für 38.000 Mark für den Circus Busch erbaut worden. Er wurde 1891 mit einer Galavorstellung eröffnet und fasste insgesamt dreitausend Zuschauer. In Nebengebäuden befanden sich u. a. Artistenwohnungen, ein Requisitenfundus und Elefantenställe. Der Zirkus zog bereits 1899 in einen neuen festen Zirkusbau am Zirkusweg nahe der Reeperbahn um.
Durch seine ursprüngliche Nutzung erhielt das 24 Meter hohe Hauptgebäude der Schilleroper die von einem Zirkuszelt oder großen Zelttheater abgeleitete Rundform. Diese Rotunde, deren Gestalt im Verlauf des 20. Jahrhunderts mehrfach verändert wurde, war bis 2021 von ein- und zweigeschossigen Anbauten umgeben. So wurde u. a. das historische Foyer und Bühnenhaus nur vereinfacht wieder aufgebaut, nachdem es im Zweiten Weltkrieg durch Bomben stark beschädigt worden war. Die Grundstücksfläche beträgt rund 3050 m².
20. Jahrhundert Ab 1904 wurde der frühere Zirkusbau nach Plänen des Architekten Ernst Michaelis zum Theater umgebaut und am 20. April 1905 mit Schillers Wilhelm Tell wiedereröffnet. Zugleich erhielt das Gebäude anlässlich dessen einhundertsten Todestags den Namen „Schiller-Theater“. Dort wurden Opern und Tragödien, Revuen und so genannte „Sittenstücke“ aufgeführt. In den 1920er Jahren standen zahlreiche Stücke mit politisch-zeitgeschichtlichen Inhalten auf dem Spielplan – wie Lebenslänglich, Pioniere in Ingolstadt, Paragraph 218 oder Brechts und Weills Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny. Auch Laiengruppen der Hamburger Arbeiterbewegung nutzten es für ihre Aufführungen. Hans Albers hatte hier 1939 als Mitglied des Ensembles eine Reihe von Bühnenauftritten.
Das Theater stand ab 1927 kurz vor der Zahlungsunfähigkeit und wurde durch Subventionen des Altonaer Magistrats gerettet. Anfang 1933 erhoben die Nationalsozialisten deswegen Korruptionsvorwürfe gegen Oberbürgermeister Max Brauer und den zuständigen Senator August Kirch; tatsächlich hatten beide von Intendant Max Ellen Geschenke und Zahlungen angenommen und standen deswegen nach der Machtergreifung auch vor Gericht.Christa Fladhammer/Michael Wildt: Max Brauer im Exil. Briefe und Reden 1933-1946. Christians, Hamburg 1994, ISBN 3-7672-1219-6, S. 24–27 und 196
Nach einem Umbau 1932 wurde aus dem „Schiller-Theater“ die „Oper im Schiller-Theater“, dann die „Schiller-Oper“. Sie wurde am 4. September 1932 mit einer Aufführung des Freischütz wieder eröffnet. Weder die Neubarock- noch die Jugendstilfassade (Architekten: Lehmann bzw. Hein) und auch nicht die expressionistische Moderne des Umbaus von 1932 (Architekten: Esselmann & GerntkeOlaf Bartels: Altonaer Architekten - eine Stadtbaugeschichte in Biographien. Hamburg 1997, ISBN 3-88506-269-0) haben überlebt.
In der Epoche ab 1933 passte sich auch die „Schiller-Oper“ schnell den neuen politischen Verhältnissen an und führte, erhaltenen Programmheften zufolge, u. a. das Dramenfragment Der Wanderer. Ein Spiel in einem Prolog, elf Bildern und einem Epilog … auf, dessen Autor NS-Reichspropagandaminister Joseph Goebbels war. Andererseits wurden Werke der modernen Musik von Hindemith oder Krenek aufgeführt, und Franz Lehár dirigierte im Januar 1939 hier die Erstaufführung seiner Operette Giuditta.Eberhard von Wiese: Am Neuen Pferdemarkt ließ schon Franz Lehár die Puppen tanzen. In: Hamburger Abendblatt vom 1. März 1980
Kurz nach Beginn des Zweiten Weltkriegs endete der Theaterbetrieb mit der letzten Vorstellung von Sonnenstrahl im Hinterhof am 11. September 1939, da kein Luftschutzkeller vorhanden war. Während des Krieges wurden das Gebäude zeitweilig als Lager für italienische Kriegsgefangene genutzt. 1943 wurde das Gebäude durch eine Brandbombe schwer beschädigt.
Nach Kriegsende diente es – ebenso wie zahlreiche andere unbeschädigt gebliebene Gebäude – als Notunterkunft für Ausgebombte und Flüchtlinge. Offenbar war die Rotunde mindestens bis 1951 noch als Arena nutzbar, denn am 21. August 1951 führten dort zwei Motorradartisten ihr Können beim Fahren an der senkrechten Innenwand einer dazu errichteten Eisentrommel vor.Todesfahrt unter der Kuppel. In: Hamburger Abendblatt vom 22. August 1951 1952 ging das Gebäude per Zwangsversteigerung an Kurt Ehrhardt über. Bis 1963 beherbergte der Bau ein Hotel, anschließend wurden bis zum Ende der 1970er Jahre Arbeitsmigranten, u. a. Arbeiter der Blohm + Voss-Werft, einquartiert, bevor er von verschiedenen Firmen als Lagerhalle genutzt wurde.
In den frühen Morgenstunden des 10. März 1975 war das Gebäude von einem Großfeuer stark beschädigt worden. Bereits im September 1974 war es nach einer Brandstiftung zu einem kleinen Feuer gekommen. In beiden Fällen kam kein Bewohner dauerhaft zu Schaden, ebenso wenig wie durch eine defekte Heizung, die im Februar 1964 für Rauchgasvergiftungen verantwortlich war.
Seit Ende der 1960er Jahre legten die Söhne des Erwerbers, Eberhard und Frank Ehrhardt, als Sprecher einer aus fünf Parteien bestehenden, verstreuten Erbengemeinschaft wiederholt neue Pläne für das Gebäude vor. Dazu gehörte laut einem Zeitungsartikel von September 1979 auch die Rückkehr des Zirkus Busch-Roland in eine neue Arena für bis zu 2500 Zuschauer, mit angeschlossenem Hotel und einer Ladenpassage.Zirkus als „Untermieter“. In: Hamburger Abendblatt vom 17. September 1977 1978 wird über ein Projekt des Zirkus Barum berichtet, die Schilleroper wieder dauerhaft als festen Zirkusbau und für einen sog. „Winterzirkus“ zu nutzen.Michael Schweer: Selbst im Winter sollen in Hamburg die Bären tanzen. In: Hamburger Abendblatt vom 19. Mai 1978 Auch eine Theaternutzung wurde im Jahre 1979 noch einmal erwogen, als das Deutsche Schauspielhaus nach einer Ausweichspielstätte für die Spielzeit 1980/81 suchte, wofür das Gebäude renoviert und umgebaut werden sollte. Der Plan scheiterte jedoch am Einspruch des Bezirksamts Mitte, das sich auf die Ausweisung des Areals als Grünfläche im Bebauungsplan berief.
Ende der 1970er Jahre wurde das Gebiet „St. Pauli-Nord S1 Schilleroper“, welches bis 2004 städtebaulich saniert wurde, nach dem Gebäude benannt. Planabbildung des Sanierungsgebiets St. Pauli-Nord S 1 Schilleroper], Bearbeitungsstand: September 2008; aufgerufen am 30. Oktober 2011 Luftbild des Sanierungsgebiets St. Pauli-Nord S 1 Schilleroper]; aufgerufen am 30. Oktober 2011 Planabbildung des Erneuerungskonzepts für das Sanierungsgebiet St. Pauli-Nord S 1 Schilleroper], Stand: Januar 2004; aufgerufen am 30. Oktober 2011 Die Schilleroper wurde in diesem Zusammenhang zeitweilig als Standort für ein kommunales Stadtteilzentrum in Betracht gezogen,Bezirk saniert Eigentümer, taz Hamburg Nr. 5074 vom 9. November 1996; aufgerufen am 8. November 2011Stadtteilzentrum ade, taz Hamburg Nr. 5084 vom 21. November 1996; aufgerufen am 8. November 2011 für das im Rahmen des sogenannten „Armutsbekämpfungsprogramms“ der Stadtentwicklungsbehörde ein besonders hoher Bedarf gesehen wurde.Soziale Stadt – Bundestransferstelle. Endbericht, Abschnitt 9.3F + B Forschung und Beratung für Wohnen, Immobilien und Umwelt-GmbH, Evaluation der Maßnahmen zur Armutsbekämpfung als Bestandteil sozialer Stadtentwicklung. Ergebnisse der zweiten Projektstufe der begleitenden Evaluation und Gesamtbewertung im Auftrage der Stadtentwicklungsbehörde Hamburg, Hamburg 1997 (Anlage zur Drucksache Nr. 15/7778 der Hamburgischen Bürgerschaft) Sie unterliegt seither besonderen Bindungen und Auflagen des Baurechts, die Umbauten oder einen Abbruch mit zusätzlichen Genehmigungsanforderungen (sog. „sanierungsrechtliche Genehmigung“ nach §§ 144f. Baugesetzbuch) versehen. Diese Auflagen gelten fort, da das Grundstück der Schilleroper ausdrücklich nicht aus der Sanierungsbindung entlassen wurde.
Im Jahr 1986 wurde ein neuer Bebauungsplan (St. Pauli 24) aufgestellt, der anstelle der Schilleroper eine „Gemeinbedarfsfläche“ mit öffentlich begehbarer Marktfläche und Läden zur Nahversorgung vorsah. Zu dieser Zeit wurde ein (Teil-)Abbruch bzw. umfassender Umbau des Gebäudes als vorteilhaft betrachtet, weil man bei einer Wiederbelebung als Theater oder Veranstaltungszentrum mit nicht hinnehmbaren Lärm- und Verkehrsbelastungen für das hoch verdichtete, umliegende Wohn- und Gewerbegebiet rechnete. Zudem hatte das nördlich anschließende Schanzenviertel noch nicht den Charakter eines über Hamburg hinaus bekannten Ausgeh- und Vergnügungsstadtteils, so dass eine „neue Schilleroper“ als Fremdkörper ohne wirtschaftlich tragfähige Perspektive erschien.
Trotzdem begannen die Eigentümer des Ensembles 1988 mit den Vorbereitungen für eine erneute kulturelle Nutzung, zunächst in Form eines Kulturvereins, der auch den Betrieb des Kinos in der nahe gelegenen Bernstorffstr. 93-95 wieder aufnahm. Anfang der 1990er Jahre wurden von Seiten des Eigentümers und Geschäftsführers der Hanseatischen Mediengesellschaft Schilleroper mbH, Eberhardt Ehrhardt, auf Grundlage des Bebauungsplans von 1986 weitere neue Planungen für ein Veranstaltungszentrum, Büros, Restaurants und Läden an die Öffentlichkeit getragen: Nach Plänen des Hamburger Architektenbüros BRT (Bothe, Richter, Teherani) sollte dazu der Zentralbau abgebaut, saniert und auf einem 5 Meter hohen Sockel als Veranstaltungsbereich für bis zu 800 Personen neu errichtet werden. Dies wurde vom zuständigen Bezirk Hamburg-Mitte jedoch mit folgender Begründung zurückgewiesen: „Der Kern der Nutzung, nämlich der multifunktionale Veranstaltungsbereich sowie die Büronutzung, schließen Musik, Theater, Konferenzen und weitere Veranstaltungen ein, deren planungsrechtliche Unzulässigkeit bereits gerichtlich festgestellt wurde.“Schilleroper: Neues Zentrum oder historisches Denkmal?, In: Hamburger Abendblatt vom 13. August 1998
Seit 1993 klagte der Eigentümer in mehreren Instanzen auf Befreiung von den Festsetzungen des Bebauungsplans und des Erneuerungskonzepts für das Sanierungsgebiet. Daraufhin forderten Kommunalpolitiker wegen fortgesetzter Verstöße gegen das Sanierungsziel ein Enteignungsverfahren gegen den Eigentümer einzuleiten.
In den 1990er Jahren kam es auch wegen der Unterbringung von vorwiegend afghanischen Asylbewerbern in dem bereits stark „herunter gekommenen“ Gebäude zu heftigen politischen Auseinandersetzungen. Die Anbauten waren bereits seit Januar 1990 mehrere Jahre lang zur Unterbringung von Asylbewerbern genutzt worden. Von 1997 mietete der Bezirk Hamburg Mitte, auf Veranlassung des Bezirksamtsleiters Rolf Miller (SPD), erneut Unterkünfte in dem Gebäude von der Pächterin „PR Beherbergungs-Betriebe GmbH (Norderstedt)“ an, um darin 70 Flüchtlinge unterzubringen.