mini|Grenze von 1907 und Wasserscheide bei Preah Vihear Der Grenzkonflikt zwischen Thailand und Kambodscha ist ein seit den 1950er-Jahren schwelender internationaler Konflikt und wurde teilweise mit Waffengewalt geführt. In der Kontroverse geht es vor allem um den Tempel Prasat Preah Vihear, einen aufgegebenen hinduistischen Tempel der Khmer aus dem 10. bis 12. Jahrhundert, und das umliegende Gelände. Der von der UNESCO als Weltkulturerbe gelistete Tempel selbst sowie das umliegende Gebiet, das den Zugang zum Tempel ermöglicht, wird von beiden Staaten beansprucht, aber von Kambodscha kontrolliert.

Chronologie 19. Jahrhundert Die (Grenz-)Konflikte zwischen Kambodscha und Thailand begannen bereits im 19. Jahrhundert zwischen 1833 und 1846 mit dem Siamesisch-Vietnamesischen Krieg. Siam (heute Thailand) erhielt die Oberherrschaft über Kambodscha. Während der Regierungszeit von König Phra Nang Klao (Rama III.) und König Mongkut (Rama IV.) wurden die kambodschanischen Könige von den Thai-Königen gekrönt. Dann regierte 1861 Frankreich über Saigon und Südvietnam und zeigte Interesse an Kambodscha.

Nur zwei Jahre später, am 7. Dezember 1863 wurde zwischen Siam und Kambodscha ein Vertrag unterzeichnet, in dem die Abhängigkeit Kambodschas von Siam festgeschrieben wurde. Zuvor hatte Frankreich Siam zur Krönung von Prinz Norodom im Jahr 1860 eingeladen.

In einem 1867 unterzeichneten Vertrag zwischen Siam und Frankreich wurde festgelegt, dass mit Ausnahme von Siem Reap, Battambang und Sisophon ganz Kambodscha unter französische Protektion kam.

Der letzte Konflikt im 19. Jahrhundert war gekennzeichnet durch den Französisch-Siamesischen Krieg 1893, in dem Frankreich Laos und das Ostufer des Mekong besetzte und Siam zwang, einen Pakt über die Rechtmäßigkeit dieser Inbesitznahme zu unterschreiben.

20. Jahrhundert In dem im Februar 1904 unterzeichneten Vertrag zwischen Siam und Frankreich erklärte sich Siam bereit, das Gebiet östlich des Mekong und das Land südlich der Dongrek-Berge an Frankreich zurückzugeben. Siam erhielt dafür die Provinz Chanthaburi zurück, die Frankreich zuvor besetzt gehalten hatte. Im März 1908 unterzeichneten beide Länder einen weiteren Vertrag, in dem das Besitzrecht Siams über Siem Reap, Battambang und Sisophon an Frankreich abgetreten wurde. Als Ausgleich erhielt Siam Dan Sai, Trat und alle Inseln zwischen Laem Ling („Affen-Kap“, nördlich von Ko Chang) und Ko Kut. Trotzdem übte Siam weiterhin Amtsgewalt über Preah Vihear aus, indem es Lizenzen zur Holzgewinnung und Elefantenjagd in jenem Gebiet vergab.

1929 besuchte Prinz Damrong verschiedene historische Sehenswürdigkeiten in der Provinz Si Sa Ket. Am Prasat Preah Vihear wurde er vom französischen Gouverneur von Kampongthom und einigen uniformierten französischen Beamten begrüßt, wobei auf dem Tempelgebiet eine französische Flagge gehisst wurde. Dieser Vorgang wurde später beim Internationalen Gerichtshof als Beweis vorgelegt.

Thailändische Feldmesser begannen 1934 mit der Vermessung der Grenzen zwischen Siam und Kambodscha, wobei sie den Tempelkomplex auf thailändisches Gebiet legten. 1939 wurde die Karte von Luang Wichitwathakan, dem Generaldirektor des thailändischen Fine Arts Department untersucht, der entdeckte, dass die Grenze entlang eines Baches anstatt auf der Linie der Wasserscheide verlief. Die Regierung unter Feldmarschall Plaek Phibunsongkhram versuchte mit der französischen Regierung von Indochina ein Übereinkommen zu treffen. In einer öffentlichen Bekanntmachung wurde am 11. Oktober 1940 das Gebiet rund um den Tempel unter thailändische Protektion gestellt. Im Oktober 1940 registrierte das Fine Arts Department den Prasat Preah Vihear als „Nationales Historisches Denkmal“. Die thailändische Regierung nahm offen das Gelände in Besitz und ernannte Luang Sri zum Verwalter, der daraufhin in einer Höhle nahe dem Tempel lebte (siehe Französisch-Thailändischer Krieg).

Währen des Zweiten Weltkriegs verbündete sich Thailand 1941 im so genannten „Tokio-Vertrag“ mit Japan und erhielt dadurch alles Land zurück, das während der Regierungszeit von König Chulalongkorn (Rama V.) an Frankreich abgetreten werden musste. Im Jahr 1946 musste Thailand die Gebiete jedoch an das französische Protektorat zurückgeben, da man Mitglied der Vereinten Nationen werden wollte. 1949 brachte Frankreich mit Zustimmung von Kambodscha eine Beschwerdeschrift gegen Thailand vor, in der es darauf bestand, sämtliches thailändisches Personal aus dem Gebiet abzuziehen, da dies rechtmäßig zu Kambodscha gehöre.

1958 bekräftigte Kambodscha mehrfach seine Ansprüche auf Preah Vihear. Das kambodschanische Ministerium für Öffentlichkeitsarbeit veröffentlichte detaillierte juristische Argumente und bezichtigte Thailand der Verdrehung historischer Fakten. Als Beleg wurde der Vertrag von 1904 zitiert. Im August desselben Jahres waren die Beziehungen so gespannt, dass Thailand in sechs Provinzen entlang der thailändisch-kambodschanischen Grenze Truppen mobilisierte. Nach fehlgeschlagenen Verhandlungen im Dezember 1958 brach Kambodscha seine diplomatischen Beziehungen zu Thailand ab. Im Oktober 1959 rief die kambodschanische Regierung den Internationalen Gerichtshof in Den Haag an und verlangte den Abzug thailändischer Truppen aus der Nähe von Preah Vihear sowie öffentliche Anerkennung des kambodschanischen Besitzanspruches durch Thailand. Hierauf reagierte Thailand im Dezember 1959 mit einer erneuten Bekanntmachung, dass Preah Vihear ein nationales Denkmal sei. Der Disput konzentrierte sich nun auf den Vertrag von 1904, in dem die zugehörige Karte nach Angaben von Thailand nicht von der Kommission abgesegnet worden sei. Auf dieser Karte lag Preah Vihear auf kambodschanischem Gebiet. Im Juni 1962 entschied der Internationale Gerichtshof mit neun zu drei Stimmen, dass Phreah Vihear auf kambodschanischem Gebiet liege und dass Thailand nie der Karte von 1904 widersprochen habe.

1970 nahm die Regierung von Lon Nol die diplomatischen Beziehungen zu Thailand wieder auf. Preah Vihear wurde als Touristen-Attraktion für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Im Jahr 1975 besetzte das Regime der Roten Khmer Kambodscha, seine Truppen bezogen Stellung in den Dongrek-Bergen. Das Gebiet rund um Preah Vihear wurde vermint und es wurden noch heute sichtbare Betonbunker errichtet. Nach dem Sieg über die Rote-Khmer-Truppen öffnete die kambodschanische Regierung den Tempel im August 1998 erneut für den internationalen Tourismus. In den ersten Tagen wurde Preah Vihear von bis zu 30.000 Menschen besucht.

21. Jahrhundert mini|Prasat Preah Vihear mini|hochkant|Grundplan von Preah VihearWährend einer UNESCO-Konferenz in Christchurch im Jahr 2007 meldete Kambodscha die Bewerbung von Preah Vihear für eine Nominierung zum Weltkulturerbe an. Bei einem Treffen am 22. Mai 2008 zwischen thailändischen und kambodschanischen Abgesandten wurde im UNESCO-Hauptquartier in Paris vereinbart, die Karte des Gebiets um den Tempel neu zu definieren. Am 26. Mai 2008 gab die thailändische Regierung ihre Unterstützung Kambodschas bei der Bewerbung zum Weltkulturerbe bekannt.Bangkok Post, General News, 25. Mai 2008 Am 17. Juni 2008 stellte Außenminister Noppadon Pattama eine neue Karte des Gebietes um den Tempel vor, die von Phnom Penh zur Unterstützung der UNESCO-Nominierung gezeichnet worden war. Diese Karte musste nach Artikel 190 der thailändischen Verfassung vom Parlament abgesegnet werden. Kritiker jedoch bezweifelten die Rechtmäßigkeit, da ein Streifen thailändischen Landes nun auf kambodschanischer Seite sei. Sie warfen der Regierung vor, dieses Land im Gegenzug für wirtschaftliche Vorteile abgetreten zu haben.Bangkok Post, General News, 19. Juni 2008 Im Juni 2008 wurden die andauernden Proteste der Volksallianz für Demokratie (PAD; „Gelbhemden“) gegen die Verfassungsänderung durch die Regierung von Samak Sundaravej durch den Beschluss des Kabinetts, die Karte offiziell zu bestätigen, erneut angestachelt. Am 24. Juni 2008 sperrte die kambodschanische Regierung den Tempel für die Öffentlichkeit. Sie befürchtete, eine Ausbreitung der thailändischen Proteste über die Grenze.Bangkok Post, Cambodia closes Preah Vihear, 24. Juni 2008 Am 27. Juni 2008 riefen die Demokratische Partei und einige Senatoren das thailändische Verfassungsgericht an, den Kabinettsbeschluss vom 17. Juni für ungültig erklären zu lassen.Bangkok Post, General News, 27. Juni 2008

Am 8. Juli 2008 ernannte die UNESCO den Tempel zum Weltkulturerbe. Einen Tag später stellte der Oberste Gerichtshof von Thailand fest, das von Außenminister Noppadon Pattama und dem kambodschanischen Deputy Prime Minister Sok An unterzeichnete Kommuniqué verstoße gegen die Verfassung.nationmultimedia.com , 9. Juli 2008 Am 10. Juli 2008 trat der thailändische Außenminister Noppadon Pattama aufgrund der Anschuldigungen zurück.Bangkok Post, General News, 10. Juli 2008

Am 15. Juli 2008 überschritten drei Thailänder aus Protest die Grenze und betraten die Tempelanlage. Sie wurden von kambodschanischen Grenzpolizisten festgenommen. Gerüchte, thailändische Truppen hätten daraufhin die Grenze überschritten, stellen sich als unwahr heraus und die Demonstranten kamen noch am selben Tag frei. Die kambodschanische und thailändische Armee zogen in den nächsten Tagen im Umfeld des Tempels jeweils mehrere hundert Soldaten zusammen. Die politische Führung wollte die Situation diplomatisch bei einem Krisentreffen am 21. Juli 2008 klären.BBC, Thai-Cambodia stand-off continues, 16. Juli 2008https://web.archive.org/web/20080717155721/http://www.bangkokpost.com/170708_News/17Jul2008_news01.php Troop build-up at border, 17. Juli 2008 Am 20. Juli 2008 legte Kambodscha bei den Vereinten Nationen wegen der Stationierung von über 1000 thailändischen Soldaten in unmittelbarer Nähe des Tempels Beschwerde ein.Bangkok Post, www.bangkokpost.com/200708_News/20Jul2008_news001.php Cambodia complains to UN, 20. Juli 2008 – Artikel nicht mehr verfügbar

Am 3. Oktober 2008 flammte der Streit zwischen Kambodscha und Thailand um den Hindutempel an der gemeinsamen Grenze wieder auf. Bei einem mehrminütigen Schusswechsel etwa drei Kilometer westlich des Tempels wurden nach Angaben beider Seiten mindestens drei Soldaten verletzt, zwei Thailänder und ein Kambodschaner. Beide Seiten beschuldigten sich gegenseitig, die Grenze überschritten zu haben.CNN, , 3. Oktober 2008

Nachdem am 15. Oktober 2008 bei einem erneuten Schusswechsel zwei kambodschanische Soldaten getötet und mehrere Soldaten auf beiden Seiten verletzt worden waren, einigten sich beide Staaten am 16. Oktober auf die Durchführung gemeinsamer Grenzpatrouillen. Am 3. April 2009 ereignete sich ein weiterer Schusswechsel, bei dem zwei kambodschanische Soldaten ums Leben kamen. Kambodscha warf den thailändischen Truppen vor, erneut in ihr Territorium eingedrungen zu sein.Der Standard, Tote bei Scharmützel an Grenze zu Thailand, 3. April 2009Bangkok Post, At least 2 killed in border clashes, 3. April 2009 Am 1. Juni 2009 beschuldigte Kambodscha thailändische Soldaten, einen auf kambodschanischem Gebiet liegenden Hügel in der Nähe des Tempels besetzt zu halten, was Thailand abstritt.Bangkok Post, Thai troops stand guard near temple. 1. Juni 2009

Der von Kambodscha angerufene Internationale Gerichtshof in Den Haag forderte beide Seiten am 18. Juli 2011 auf, ihre Truppen um Preah Vihear abzuziehen und Beobachter von ASEAN auf das Gelände zu lassen. Am 18. Juli 2012 begannen beide Länder, ihre Truppen aus dem umstrittenen Gebiet um Preah Vihear abzuziehen. Die insgesamt 900 Soldaten sollten durch die Grenzpolizei ersetzt werden.Teilweiser Truppenabzug aus dem umstrittenen Gebiet um den Preah Vihear Tempel und Grenzpolizei als Truppenersatz Am 11. November 2013 präzisierte der Internationale Gerichtshof seine Entscheidung von 1962 dahingehend, dass auch die Umgebung um den Tempel vollständig zu Kambodscha gehöre und die Thailänder deshalb abziehen müssten.