mini|Renzo De Felice, 1975
Renzo De Felice (* 8. April 1929 in Rieti; † 25. Mai 1996 in Rom) war ein italienischer Historiker und gehörte zu den bedeutenden Faschismusforschern Italiens. Er verfasste eine mehrbändige Mussolini-Biographie. 1995 wurde er mit dem Antonio-Feltrinelli-Preis ausgezeichnet.
Leben Renzo De Felice wurde am 8. April 1929 in Rieti als einziges Kind des Zollbeamten Vittorio De Felice und seiner Frau Giuseppina Bonella geboren.Paolo Simoncelli: Renzo De Felice. La formazione intellettuale. Le lettere, Florenz 2001, S. 19, 21. Seine Mutter stammte aus San Marino, sein Vater war Freiwilliger und Offizier auf Zeit im Ersten Weltkrieg, wovon er eine starke, durch Giftgas verursachte Lungenkrankheit davongetragen hatte, und erneut Freiwilliger im Zweiten Weltkrieg gewesen.Emilio Gentile: De Felice, Renzo. In: Dizionario Biografico degli Italiani (DBI). Istituto della Enciclopedia Italiana, Rom 2015; Paolo Simoncelli: Renzo De Felice. La formazione intellettuale. Le lettere, Florenz 2001, S. 19. Die Jugend De Felices war durch eine schwierige Beziehung zu seinem faschistischen Vater gekennzeichnet.Paolo Simoncelli: Renzo De Felice. La formazione intellettuale. Le lettere, Florenz 2001, S. 19. Seine schulischen Anfänge waren alles andere als brillant: In Rom besuchte De Felice das altsprachliche Gymnasium (liceo classico) „Goffredo Mameli“, an dem er wiederholt Nachprüfungen in verschiedenen Fächern absolvieren musste und schließlich zwei Mal durch die Abiturprüfung fiel.Paolo Simoncelli: Renzo De Felice. La formazione intellettuale. Le lettere, Florenz 2001, S. 20 f. Bis zur Gründung der Republik Italien hieß das Gymnasium „Regina Elena“. Nach der Hochschulreife, die er 1949 mit nur sehr mäßigen Noten am altsprachlichen Privatgymnasium „Marco Terrenzio Varrone“ in Rieti erlangte, schrieb er sich auf Wunsch des Vaters für ein Jurastudium ein, wechselte jedoch bereits im akademischen Folgejahr zu Philosophie.
Im Rahmen des neuen Studiengangs besuchte der junge De Felice auch die historischen Kurse Federico Chabods.Emilio Gentile: Renzo De Felice. Lo storico e il personaggio. Laterza, Rom, 2003, S. 22. Während des Studiums war De Felice engagiertes Mitglied des Partito Comunista Italiano mit trotzkistischen Tendenzen: Wiederholt nahm er an Auseinandersetzungen mit neofaschistischen Studenten teil. 1950 wurde er von der Polizei angehalten, als er gegen die Atombombe demonstrierte, und im Juni 1952 wurde er sogar verhaftet, als er sich anschickte, eine Demonstration gegen den Besuch des amerikanischen Generals und NATO-Kommandeurs Matthew Ridgway in Rom durch das Verteilen nicht genehmigter Flugblätter vorzubereiten. Den Vorfall erwähnte Italiens Ministerpräsident Alcide De Gasperi im Parlament.Emilio Gentile: Renzo De Felice. Lo storico e il personaggio. Laterza, Rom, 2003, S. 4; Paolo Simoncelli: Renzo De Felice. La formazione intellettuale. Le lettere, Florenz 2001, S. 23–25. Seinen Studienabschluss erreichte De Felice am 16. November 1954 mit Bestnoten.Emilio Gentile: Renzo De Felice. Lo storico e il personaggio. Laterza, Rom, 2003, S. 23. Ab November 1955 war er Stipendiat an dem 1946 von Benedetto Croce gegründeten Istituto Italiano per gli Studi Storici in Neapel. Nach Chrustschows Enthüllung über die Verbrechen seines Vorgängers Stalin und der Niederschlagung des ungarischen Volksaufstandes durch die Sowjetunion gehörte De Felice 1956 zu den Unterzeichnern des Manifesto dei 101, die sich gegen die Unterstützung der Aktion in Ungarn durch die kommunistische Partei Italiens aussprachen. Wenig später trat er – wie viele Intellektuelle, zu denen auch sein Lehrer Delio Cantimori zählte – aus dem PCI aus. Am 4. April 1959 heiratete De Felice Livia de Ruggiero, die Tochter des Philosophen Guido De Ruggiero.Emilio Gentile: De Felice, Renzo. In: Dizionario Biografico degli Italiani (DBI). Istituto della Enciclopedia Italiana, Rom 2015.
1962 wurde De Felice die Dozententätigkeit (libera docenza) in Storia moderna verwehrt. Diese erhielt er erst zwei Jahre später.Emilio Gentile: De Felice, Renzo. In: Dizionario Biografico degli Italiani (DBI). Istituto della Enciclopedia Italiana, Rom 2015. 1968 wurde De Felice ordentlicher Professor für Storia contemporanea (Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts) an der Universität Salerno. Drei Jahre später wechselte er an die Universität Rom, wo er zunächst eine Professur für die Geschichte der politischen Parteien in der Fakultät der Literaturwissenschaften innehatte; 1979 wechselte er zur Fakultät der Politikwissenschaften, bis er 1986 schließlich Professor für Storia contemporanea an derselben Universität wurde. Giuseppe Angelo (Hrsg.): Renzo De Felice. Bibliografia 1953–2002. S. 22 f.
1970 gründete er die Zeitschrift Storia contemporanea, die er herausgab und an der er bis zu seinem Lebensende maßgeblich mitwirkte. Ab 1992 war De Felice Präsident der Fondazione Ugo Spirito (heute: Fondazione Ugo Spirito e Renzo De Felice) und ab 1995 in der Nachfolge Giovanni Spadolinis Präsident der Giunta centrale per gli studi storici („Zentralverbands der historischen Studien“). Seine Ernennung zum Präsidenten der Giunta centrale durch Silvio Berlusconi (auf Vorschlag des der Alleanza Nazionale angehörenden Kulturministers Domenico Fisichella) war dabei auf die Kritik „linker“ Historiker gestoßen.Jens Petersen: Stumme Institutionen. Der Faschismus, Renzo De Felice und Italiens Historikerzunft. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7. Dezember 1994. Am 25. Mai 1996, dem Todestag De Felices, erschien in der letzten Ausgabe der Zeitschrift Storia contemporanea ein Nachruf, der erklärte, dass mit dem Tod ihres Gründers und Herausgebers auch die Zeitschrift nicht weiter existieren könne. Giuseppe Angelo (Hrsg.): Renzo De Felice. Bibliografia 1953–2002. S. 23–25. In den Tageszeiten erschienen weltweit über 120 Meldungen bzw. Nachrufe auf De Felice.Fiorenza Fiorentino: Bibliografia di e su Renzo De Felice. In: Luigi Goglia, Renato Moro (Hrsg.): Renzo De Felice. Studi e testimonianze. Edizioni di Storia e Letteratura, Rom 2002, S. 338–506, hier S. 484–490.
Werk De Felice vertrat die Ansicht, man müsse die Realität des Faschismus verstehen, bevor man über ihn urteile. Kritiker haben in diesem Ansatz eine apologetische Tendenz gesehen.So z. B. Wolfgang Schieder: Faschismus als Vergangenheit. Streit der Historiker in Italien und Deutschland. In: Walter H. Pehle (Hrsg.): Der historische Ort des Nationalsozialismus. Frankfurt am Main 1990, S. 136–154, hier S. 139 ff. De Felice hebt hervor, der Faschismus habe im Gegensatz zu traditioneller „Reaktion“ die aktive Teilnahme der Massen an der Politik bewirkt. Den Faschismus deutet er als revolutionäre Bewegung der Mittelschicht, deren Wurzeln bis in die Aufklärung zurückreichen. Nach De Felice kam der Faschismus nicht als Angst vor einer proletarischen Revolution auf, sondern als Rollenbestimmungsversuch der aufkommenden Mittelschicht. De Felice betonte nicht die Gemeinsamkeiten, sondern die Unterschiede von Faschismus und Nationalsozialismus. Für ihn stand der Faschismus außerhalb des „sengenden Kegels des Holocaust“.Renzo De Felice in einem Interview im Corriere della Sera (27. Dezember 1987). Zitiert nach Wolfgang Schieder: Die Geburt des Faschismus aus der Krise der Moderne. In: Christoph Dipper (Hrsg.): Deutschland und Italien 1860–1960. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 2. Aufl., S. 162. De Felice verneinte die Existenz einer dem faschistischen Italien eigenen Rassenideologie und beschrieb Mussolinis Diktatur als autoritäres, wenig gewalttätiges, ja paternalistisches Regime, nicht aber als totalitäre und damit dem nationalsozialistischen Deutschland vergleichbare Diktatur. Dabei maß De Felice weder Mussolinis Eroberungskriegen noch den blutigen Besatzungsherrschaften in Libyen, Äthiopien und auf dem Balkan eine entscheidende Bedeutung bei. Dem faschistischen Italien sei Völkermord vollkommen fremd gewesen.Aram Mattioli: »Viva Mussolini!« Die Aufwertung des Faschismus im Italien Berlusconis. Paderborn u. a. 2010, S. 34 f; Wolfgang Schieder: Die Verdrängung der faschistischen Tätervergangenheit im Nachkriegsitalien. In: Asfa-Wossen Asserate, Aram Mattioli (Hrsg.): Der erste faschistische Vernichtungskrieg. Die italienische Aggression gegen Äthiopien 1935–1941. Köln 2006, S. 191. Jegliche Parallelisierungen mit zeitgleichen europäischen Bewegungen lehnt De Felice ab. Einen europäischen Faschismus, wie ihn Ernst Nolte sah,Dazu vor allem Ernst Nolte: Der Faschismus in seiner Epoche. Action francaise – Italienischer Faschismus – Nationalsozialismus. Piper, München 1963. habe es nicht gegeben. Der Faschismus sei nichts mehr als die politische Linie Mussolinis. Die Herrschaft Mussolinis unterteilt De Felice in eine gute Zeit der frühen Jahre und die negativen Jahren des späteren Regimes. Die Jahre von 1929 bis 1936, in denen der Duce seine Macht konsolidieren konnte, bezeichnete er als „Jahre des Konsenses“ (anni del consenso). Die jahrelange Zustimmung der schweigenden oder akklamierenden Mehrheit bis zu den schlechten Tagen des Kriegs kann nach De Felice nicht nur als das Ergebnis von Manipulation und Zwang betrachtet werden. Sehr stark hebt De Felice die friedliche, prowestliche Ausrichtung der italienischen Außenpolitik bis 1934 hervor. Die spätere Verstrickung Italiens in Kriege sieht er nicht als zwangsläufig in der Logik des Regimes liegend.François Bondy: Was ist Faschismus? In Italien hat ein Historiker mit einem kleinen Buch einen politischen Streit entfesselt. In: Die Zeit (5. September 1975).
Über die Zeitschrift Journal of Contemporary History beeinflusste De Felice mit seinen Thesen auch die englischsprachige Literatur stark. Erst ab 2010 erschienen in den Fachzeitschriften Journal of Modern Italian Studies und Italian Studies mehr kritische Artikel zum italienischen Kolonialismus und Völkermord in Libyen.Ali Abdullatif Ahmida: Genocide in Libya: Shar, a Hidden Colonial History. London / New York 2020, S. 58.
Schriften (Auswahl) Monographien Mussolini. Il rivoluzionario 1883–1920. Einaudi, Turin 1965. Il fascista. La conquista del potere 1921–1925. Turin 1966. L’organizzazione dello Stato fascista 1925–1929. Turin 1968. Il duce. Gli anni del consenso 1929–1936. Turin 1974. (Rezension) Lo Stato totalitario 1936–1940. Turin 1981. (Rezension) L’alleato. L’Italia in guerra 1940–1943. Dalla guerra “breve” alla guerra lunga. Turin 1990. Crisi e agonia del regime. Turin 1990. La guerra civile 1943–1945. Turin 1997.
Die Deutungen des Faschismus. Herausgegeben von Josef Schröder, Muster-Schmidt, Göttingen 1980. (Rezension)
Interview-Bände Der Faschismus. Ein Interview von Michael A. Leeden. Mit einem Nachwort von Jens Petersen. Klett-Cotta, Stuttgart 1977 (italienisches Original: Intervista sul fascismo, herausgegeben von Michael A. Ledeen, Laterza, Rom/Bari 1975). Rosso e Nero. Herausgegeben von Pasquale Chessa. Baldini & Castoldi, Mailand 1995.
Aufsätze Beobachtungen zu Mussolinis Außenpolitik. In: Saeculum. Jahrbuch für Universalgeschichte, Band 24 (1973), S. 314–327. Mussolinis Motive für seine Rückkehr in die Politik und die Übernahme der Führung der RSI (September 1943). In: Rudolf Lill (Hrsg.): Deutschland – Italien, 1943–1945. Aspekte einer Entzweiung (= Reihe der Villa Vigoni. Bd. 3). Niemeyer, Tübingen 1992, ISBN 3-484-67003-7, S. 38–51.
Journalistische Schriften
Scritti giornalistici. Collana Contemporanea, Mailand, Luni Editrice. Bd. 1, Unterbd. 1: Dagli Ebrei a Mussolini. 1960–1974. Herausgegeben von Giuseppe Parlato, Einführung von Stefano Folli, 2016, ISBN 978-88-798-4492-5. Bd. 1, Unterbd. 2: Dagli Ebrei a Mussolini. 1974–1977. Herausgegeben von Giuseppe Parlato, 2016, ISBN 978-88-798-4502-1. Bd. 2, Unterbd. 1: I nemici dello stato di diritto, 1978–1983. Herausgegeben von Giuseppe Parlato, Vorwort von Pierluigi Battista, 2017, ISBN 978-88-798-4493-2.