mini|Münster St. Nikolaus, Überlingen, Mittelteil des Schutzengel-Altars mini|Fegefeuer-Darstellung von 1519 in der Predella des Hochaltars der Bad Wimpfener Stadtkirche mini|Fegefeuerdarstellung aus der elsässischen Legenda Aurea von 1419, Universitätsbibliothek Heidelberg Fegefeuer, selten Fegfeuer (lateinisch Ignis purgatorius oder Purgatorium, „Reinigungsort“, „Läuterungsort“), bezeichnet die Läuterung, die nach einer in der Westkirche entwickelten theologischen Lehre eine Seele nach dem Tod erfährt, sofern sie nicht als heilig unmittelbar in den Himmel aufgenommen wird. Dieser Zwischenzustand wird gleichnisweise als Ort der Läuterung, gewissermaßen als Intermediärzone, oder als zeitlicher Prozess vorgestellt. Nachdem die Kirchen der Reformation die Lehre vom Fegefeuer verworfen haben, wird sie heute fast nur noch von der römisch-katholischen Kirche vertreten; für die Ostkirchen hingegen hat sie nie größere Bedeutung gehabt. Innerhalb der Dogmatik gehört das Thema Fegefeuer zur Eschatologie, welche die vier letzten Dinge behandelt: Tod, Jüngstes Gericht bzw. Apokalypse, Himmel und Hölle. Eng mit der Lehre vom Purgatorium verbunden ist jene vom Partikulargericht über die Seele des Einzelnen unmittelbar nach dem Tode.

Biblische Grundlegung Die Lehre vom Fegefeuer wird traditionell mit zwei Bibelstellen begründet: und . Das Konzil zu Trient verzichtete allerdings darauf, 1 Kor 3,13–15 als Schriftbeweis heranzuziehen, obwohl dieses vielfach gewünscht wurde.Vgl. Theobald Freudenberger: Die Bologneser Konzilstheologen im Streit über 1 Kor 3,11ff. als Schriftzeugnis für die Fegfeuerlehre. In: Erwin Iserloh, Konrad Repgen (Hrsg.): Reformata reformanda. FS Hubert Jedin zum 17. Juni 1965. Erster Teil, Münster 1965, S. 577–609.

Unter katholischen und evangelischen Neutestamentlern besteht schon seit Mitte des 20. Jahrhunderts weitgehender Konsens darüber, dass Paulus von Tarsus kein Läuterungsgericht kannte und dieses deshalb in 1 Kor 3,13–15 auch nicht meinte (Joachim Gnilka).Joachim Gnilka: Ist 1 Kor 3,10–15 ein Schriftzeugnis für das Fegfeuer? Eine exegetisch-historische Untersuchung, Düsseldorf 1955, S. 115, hier zit. nach Gunther Wenz: Evangelische Gedanken zum Fegfeuer, 2016, S. 11. Hans-Josef Klauck kommentiert: „Dem Feuer entrissen“ sei bei Paulus eine sprichwörtliche Redewendung und heiße so viel wie ‚knapp davongekommen‘. „Seit Origenes, der seinerseits auf die stoische Weltbrandlehre zurückgreift, hat man diesen Abschnitt zur Begründung der Lehre vom Fegfeuer herangezogen. Der Intention, die Paulus damit verbindet, und dem Vorstellungsmaterial unterschiedlicher Herkunft, das er hier einsetzt, liegt diese ausgearbeitete Konzeption noch fern.“Hans-Josef Klauck: 1. Korintherbrief, 2. Korintherbrief. St. Benno Verlag, Leipzig 1989 (= Lizenzausgabe des Kommentars Neue Echter Bibel), S. 36. Ingo Broer fasst den biblischen Befund so zusammen: Die Fegefeuerlehre sei „eine v[on] den Kirchenvätern ins Christentum eingeführte Vorstellung, die versch[iedene] Anschauungen u[nd] Belege der Bibel zusammensieht u[nd] auf ähnl[iche] Gedanken in der paganen Lit[eratur], z. B. bei Platon u[nd] Vergil, zurückgreifen kann“.

Dogmengeschichte mini|Barocke Fegefeuer-Darstellung im Beinhaus zu Stans NW Die Vorstellung vom Feuer als Reinigungssymbol war bereits im Altertum verbreitet. Die frühe Kirche dachte jedoch zunächst an ein refrigerium interim, so bei Tertullian (um 150–220), an einen Ort, an dem sich die Gerechten nach ihrem Tod erfrischen können, solange sie auf die Seligkeit nach dem Jüngsten Gericht warten. Für Tertullian ist das refrigerium gleichbedeutend mit Abrahams Schoß. Die Seelen, die im refrigerium schlafen, erleiden keine Qualen und bleiben dort bis zu ihrer Auferstehung.

Im 6. Jahrhundert integrierte Papst Gregor der Große die Vorstellung von einem Fegefeuer in die christliche Heilsökonomie, wodurch sie bis zur Reformation im lateinischen Westen der Christenheit kultur- und sozialgeschichtlich prägend wirkte:

„Man muss glauben, dass es vor dem Gericht für gewisse leichte Sünden noch ein Reinigungsfeuer gibt, weil die ewige Wahrheit sagt, dass, wenn jemand wider den Heiligen Geist lästert, ihm weder in dieser noch in der zukünftigen Welt vergeben wird . Aus diesem Ausspruch geht hervor, dass einige Sünden in dieser, andere in jener Welt nachgelassen werden können.“Gregor der Große: Dialogi de vita et miraculis patrum Italicorum, IV, 39 online.

Petrus: „Kann es nun etwas geben, was den Seelen der Verstorbenen zu helfen vermag?“ Gregorius: „Wenn die Sünden nach dem Tode nicht untilgbar sind, so pflegt die Darbringung des heiligen Opfers den Seelen auch noch nach dem Tode viel zu nützen, so zwar, dass die Seelen der Verstorbenen es selbst manchmal erbitten.“Gregor der Große: Dialogi de vita et miraculis patrum Italicorum, IV, 55 online.

Im 12. Jahrhundert wurde der Begriff Purgatorium üblich und dem System der Limbus untergeordnet. Wahrscheinlich hat der Schwarze Tod und die aus ihm resultierenden Massenbestattungen ohne kirchliche Begräbnisfeier den Eifer verstärkt, durch Gebete dem Fegefeuer schneller zu entweichen. Historische Belege deuten darauf hin, dass die Idee des Fegefeuers in Nordeuropa viel stärkere Verbreitung fand als im Mittelmeerraum. So finden sich vor allem in Norddeutschland zwischen 1450 und dem Beginn der lutherischen Reformation großzügige Erlasse für Messstipendien, mit denen die Zeit der Verstorbenen im Fegefeuer verkürzt werden sollte. Regionale Studien lassen darauf schließen, dass diese Form der Frömmigkeit erst mit katholischen Geistlichen im Zuge der Gegenreformation nach Spanien und Italien gelangte.

Im Jahr 1476 wurde das kirchliche Ablasswesen auf Initiative von Raimund Peraudi durch eine päpstliche Bulle auf die Seelen im Fegefeuer erweitert und erfuhr dadurch eine gesteigerte Popularität. Durch Gebete und gute Werke glaubte man, damit verknüpfte Ablässe auch Verstorbenen im Fegefeuer zuwenden zu können. Als besonders nützlich wurde zum Beispiel die Stiftung eines Bades für Arme angesehen (Seelbad). Dass diese guten Werke zunehmend durch Geldspenden an die Kirche abgeleistet wurden, führte vor dem Hintergrund aggressiver Werbung für dieses Modell zur bekannten reformatorischen Ablasskritik.

Römisch-katholische Lehre Da nach der Lehre der katholischen Kirche „nichts Unreines in den Himmel kommen kann“, ist die Vorstellung eines Ortes oder eines Prozesses der Läuterung entstanden, der Fegefeuer genannt wird. Im Fegefeuer besteht die Qual darin, dass der Verstorbene zwar schon die vollkommene Gegenwart und Liebe Gottes spürt, sich aber aufgrund seiner Sünden dieser Liebe nicht würdig fühlt. Genau das macht den großen Schmerz aus. Der Mensch wird so von seinen letzten Sündenfolgen aus der zeitlichen Existenz durch seine Reue geläutert.

Das Fegefeuer erfährt, wer in der Gnade Gottes stirbt, aber noch nicht vollkommen geläutert ist, um die Heiligkeit zu erlangen, die notwendig ist, in die Freude des Himmels eingehen zu können. Das Purgatorium ist somit völlig verschieden von der Bestrafung der Verdammten in der Hölle.Katechismus der Katholischen Kirche 1030, 1031 Die sogenannten Armen Seelen sind im Fegefeuer also nicht endgültig festgehalten, sondern sie haben immer die Gewissheit, daraus entlassen zu werden, und zwar stets in Richtung Himmel. Gebete der Lebenden, besonders im Rahmen des Memorialwesens, sollen helfen, diese Zeit zu verkürzen.

Das Fegefeuer ist der Ort, an dem diejenigen, die im Stand der heiligmachenden Gnade sterben, noch zeitliche Sündenstrafen abbüßen sollen. Diejenigen, die nicht im Stand der Gnade sterben, gehen gemäß der 1336 in der Bulle Benedictus Deus entfalteten Lehre für immer dem Himmel verloren; sie kommen in die Hölle.

Die Lehre von einer Läuterung der Seelen nach ihrem Tode und die Möglichkeit des Gebetes für die Verstorbenen sieht die katholische Kirche in der Heiligen Schrift angedeutet und vor allem durch die durchgängige Gebetspraxis der alten Kirche gerechtfertigt.Deutsche Bischofskonferenz (Hrsg.): Katholischer Erwachsenenkatechismus. Band 1: Das Glaubensbekenntnis der Kirche. (1985) Online, S. 424. mini|Darstellung in St. Lorenzen (Südtirol) mini|Darstellung des Fegefeuers auf einem Grabstein von 1747 an der Münchner Frauenkirche Der Kirchenvater Augustinus deutete dahin, dass nach dem Tode noch die Seelen einiger Gläubiger durch Feuer geläutert, also das Irdische aus ihnen ausgebrannt werde. Im 12. Jahrhundert war die Vorstellung eines Fegefeuers endgültig in der Volksfrömmigkeit verankert, und erst dann war auch die Bezeichnung Fegefeuer gebräuchlich. Der Ausdruck Purgatorium ist erstmals beim Erzbischof von Tours Hildebert von Lavardin († 1133) nachweisbar.Zur Wortgeschichte vgl. Meinolf Schumacher: Sündenschmutz und Herzensreinheit. Studien zur Metaphorik der Sünde in lateinischer und deutscher Literatur des Mittelalters. Fink, München 1996, ISBN 3-7705-3127-2, S. 468–470 (Digitalisat). Seit dem 13. Jahrhundert ist das Gedankenmodell unter Theologen und in den Gemeinden allgemein bekannt, theologisch völlig ausgebildet findet sich die Lehre bei Thomas von Aquin und wurde durch Dantes Göttliche Komödie in der europäischen Literatur- und Kunstgeschichte verankert.

Eine Klärung der Lehre vom Purgatorium brachte die Konstitution Benedictus Deus (1336) (DH 1000 ff.). Darin heißt es:

Die Lehre vom Fegefeuer betont die Notwendigkeit der Läuterung nach dem Tode, allerdings vermeiden viele Theologen mittlerweile Mutmaßungen über zeitliche und räumliche Dimensionen dieses Geschehens. Bereits das Konzil von Trient hatte vor allzu drastischen Darstellungen gewarnt, die nur davon ablenken, dass die Lehre vom Purgatorium die Sorge vor der Verdammnis zu mildern bezweckt. Man hält daran fest, dass die Lebenden den Verstorbenen durch Gebet, Mitfeier der Heiligen Messe und Taten der Nächstenliebe zu Hilfe kommen können (DH 1820).

In der neueren Theologie wird der Gedanke des Fegefeuers als eines Ortes mit „zeitlichen Strafen“ im Sinne eines Zeitablaufs oft abgelehnt. Stattdessen sprechen die Theologen von einem Reinigungsgeschehen. Das Reinigungsgeschehen ist ein „Aspekt der Gottesbegegnung“siehe Pemsel-Maier, Gisbert Greshake und ist somit ein Bild der Hoffnung des Gläubigen auf eine Läuterung und Reinigung durch Gott.

Romano Guardini formuliert Mitte des 20. Jahrhunderts:

Nicht zu verwechseln mit dem Fegefeuer ist der Limbus. Dieser war allerdings nie Teil der dogmatisierten kirchlichen Lehre.

Für den deutschen Sprachraum hält man die etablierte Rede vom Fegefeuer für „eine recht unglückliche Übersetzung des amtlichen Wortes ‚purgatorium‘, ‚Läuterungsort‘ bzw. ‚Läuterungszustand‘“ und betont die bloß bildliche Ausdrucksweise: „Das Feuer läßt sich verstehen als die läuternde, reinigende und heiligende Kraft der Heiligkeit und Barmherzigkeit Gottes.“

Der von Papst Johannes Paul II. im Jahr 1992 approbierte Katechismus der Katholischen Kirche behandelt das Fegefeuer im Artikel 12 „Ich glaube das ewige Leben“ unter III „Die abschließende Läuterung – das Purgatorium“.KKK 1030 ff: III Die abschließende Läuterung – das Purgatorium

Der Weltkatechismus bringt das oben genannte Zitat von Gregor dem Großen zur Verdeutlichung: „Man muss glauben, dass es vor dem Gericht für gewisse leichte Sünden noch ein Reinigungsfeuer gibt, weil die ewige Wahrheit sagt, dass, wenn jemand wider den Heiligen Geist lästert, ihm weder in dieser noch in der zukünftigen Welt vergeben wird . Aus diesem Ausspruch geht hervor, dass einige Sünden in dieser, andere in jener Welt nachgelassen werden können.“

Das Kompendium des Katechismus der Katholischen Kirche (KKKK Nr. 210) beschreibt das Purgatorium (Fegefeuer) so:

Der Kardinal Joseph Ratzinger schrieb unter anderem: