St. Johann (auch Johanniskirche) ist eine ehemalige Stiftskirche ist eine katholische Pfarrkirche in Osnabrück. Sie gilt als eine der frühesten großen gotischen Hallenkirchen Deutschlands. Schutzpatron der Kirche ist Johannes der Täufer. Sie umfasst ein dreischiffiges Langhaus, einen gerade geschlossenen Chor, ein Ostquerschiff und einen zweitürmigen Westriegelbau. Dieser ist Merkmal für die ursprüngliche Funktion als Stiftskirche. Bei dem kreuzförmig angelegten Bau mit monumentaler Westfassade wurden architektonische Anregungen aus Westfalen und Niedersachsen sowie aus dem Rheinland aufgegriffen und selbständig angewandt. Obwohl dieser Bau für den Beginn der Gotik in Deutschland von entscheidender Bedeutung ist, blieb er ohne wesentliche Nachfolge. Ihre Pfarrgemeinde gehört zum Dekanat Osnabrück-Stadt des Bistums Osnabrück.
Die Johanniskirche steht an der geschäftsreichen Johannisstraße in Osnabrück. Sie ist der Siedlungskern der alten Neustadt und ragt weit über deren Häuser hinaus. Neben dem Osnabrücker Dom, St. Marien und St. Katharinen ist St. Johann die vierte mittelalterliche Kirche in der Osnabrücker Innenstadt. Vor der Kirche befindet sich eine Kapelle. Sie verstärkt die Abgrenzung des Sakralbereiches aus der modernen Geschäftsstraße.
Baugeschichte Bischof Dietmar von Osnabrück (1003–1023) gründete das dem heiligen Johannes geweihte Kollegiatstift und legte am 13. Juli 1011 den Grundstein zur ersten Johanniskirche.Heinrich Schoppmeyer: Städte in Westfalen. Geschichte vom Mittelalter bis zum Ende des Alten Reiches. Schöningh, Paderborn, ISBN 978-3-506-76026-5, S. 32. Um das Stift und seine Lateinschule herum entwickelte sich eine Neustadt, die bis 1306 getrennt von der Altstadt verwaltet wurde. Durch Grabungen wurde innerhalb der heutigen Vierung der Johanniskirche der hufeisenförmige, apsidiale Chor aus der Gründerzeit ermittelt. Anscheinend bot dieser erste Chor nicht genug Platz, weshalb er um 1100 durch ein quadratisches Chorjoch und einen apsidialen Chorschluss erweitert wurde. 1147 wurden die Pfarrsprengel der neuen Pfarrei St. Johann und der älteren Dompfarrei abgegrenzt.Sabine Reichert: Die Kathedrale der Bürger. Zum Verhältnis von mittelalterlicher Stadt und Bischofskirche in Trier und Osnabrück. Aschendorff, Münster 2012, ISBN 978-3-402-15062-7, S. 36.
Am 25. März des Jahres 1256 legte der Bischof Bruno, Graf von Isenburg (1251–1258), den Grundstein für den umfassenden Neubau der zweiten Stifts- und Pfarrkirche und markierte damit den Baubeginn der heutigen Kirche.Hermann Poppe-Marquard: Osnabrück. 2., erweiterte Aufl., Verlag Antonius Fromm, Osnabrück 1958, S. 11. Das geschah etwa gleichzeitig mit dem letzten Ausbau des Chores am Dom zu Osnabrück. Es wird vermutet, dass der Neubau im 13. Jahrhundert auf der Ost- und Westseite aus Rücksicht auf den zunächst noch stehengelassenen Vorgängerbau begonnen wurde. Wie schon bei den vorherigen Kirchen diente die etwas herausragende trockene Sanddüne dicht an der uralten Handelsstraße wieder als Untergrund für die neuen Fundamente. Nach den Grundierungsarbeiten wurde vermutlich als erstes der Ostbau, also Chor und Querschiff hochgezogen. So wurde die zu klein gewordene alte Kirche zunächst an drei Seiten umschlossen und später ganz ersetzt. Aufgrund gefundener verschiedener Steinmetzzeichen wird davon ausgegangen, dass mehrere Meister und viele Bauleute am Neubau beteiligt waren. Am 18. August 1292 wurde der Schlussstein gesetzt und die Kirche feierlich geweiht. Die Bauarbeiten waren zum Zeitpunkt der Weihe jedoch noch nicht beendet und zogen sich bis zum Anfang des 14. Jahrhunderts hin.
Baubeschreibung hochkant|mini|Johanniskirche (2013) Aufbau/Grundriss Die Johanniskirche ist eine dreischiffige, dreijochige Hallenkirche mit Ostquerschiff, gerade geschlossenem Chor und einem zweitürmigen Westriegelbau mit kreuzförmigem Grundriss. Zwischen Chor und südlichem Querschiffarm befindet sich die Sakristei, zwischen Chor und nördlichem Querschiffarm sind rechtwinklig Stiftsgebäude angebaut. Im Norden schließt sich der Kreuzgang mit der Kreuzkapelle als Andachtsraum an. Das Bauwerk ist geostet.
Außenbau Der Ostbau und das Langhaus wurden aus Bruchsteinen, der Westbau aus Steinquadern erbaut. Das ursprünglich sehr reiche Maßwerk wurde während des Zweiten Weltkriegs beschädigt und anschließend mit einfacheren Formen der Backsteingotik erneuert.
Ähnlich wie es am Westbau und Chor des Domes der Fall ist, sind die Strebepfeiler am Chor und den Querschiffen der Johanniskirche zu Eckverstärkungen reduziert. Die Wände des quadratischen Chores werden durch drei schmale, spitzbogige Fenster mit einfach abgeschrägter Laibung gegliedert. Sie bilden eine pyramidal ansteigende Fenstergruppe. Die Ostwände des Querhauses werden von zwei Fenstern durchbrochen. Die Fenster der Nord- und Südseite des Querhauses stehen in Bezug zu den gleichartigen Fenstern der Halle, welche die ersten hohen, vierteiligen gotischen Fenster in Osnabrück waren.
Der gewaltige verquaderte Westbau ist abgesehen von seiner zwölfteiligen Maßwerk-Rose und den Eckverstärkungen ungegliedert. Seine untere Westfront wurde stark restauriert. Die Fensterrose entstand vor dem Zweiten Weltkrieg nach einem Entwurf von Dominikus Böhm. Der ursprünglich portallose Westbau gilt als Beispiel für die andauernde Orientierung an niedersächsischen und westfälischen Bauelementen. Aus dem mächtigen Unterbau erwachsen zwei dreigeschossige Türme. Die unteren Stockwerke sind durch einen Westriegel miteinander verbunden. Dessen Fenster weisen die gleichen Maßwerkformen auf wie die Fenster der unteren Turmgeschosse, mit denen sie auf gleicher Höhe liegen. Der Nordwestturm hat ein schlichtes Pyramidendach. Den Südwestturm ziert eine schlichte Barockhaube mit Laterne, die die Brände des Zweiten Weltkrieges überstanden hat. Der Ausbau der oberen Turmgeschosse zog sich bis in das 14. Jahrhundert hinein. Damals wurden auch die Quersatteldächer und Spitzgiebel des Langhauses hinzugefügt.
Innenraum mini|hochkant|Blick zum Chor mit dem Triumphkreuz, der Kanzel und dem Hochaltar von 1512 (Künstler: Meister des Hochaltars der Osnabrücker Johanniskirche) Das Innere der Kirche zeichnet sich durch Höhe und Weite aus. Die gleich hohen Schiffe der Kirchenhalle und hohe, breite Maßwerkfenster in den Seitenschiffen ergeben einen lichten Innenraum. Während die Ost- und Westbauten mauerhaft konzipiert sind, ist die Halle für die Mitte des 13. Jahrhunderts zukunftsweisend. In ihr sind zisterziensische Strenge und klassische Schönheit vereint. Obwohl der kreuzförmige Grundriss und verschiedene Bauelemente romanische Nachklänge zeigen, lässt sich der gesamte Raumeindruck in die Frühgotik einordnen. Die Fundamente der Chöre der vorherigen Kirchen befinden sich unter der Vierung, dem Mitteljoch des Querschiffs. Zu der Vierung führen vom Chor aus vier Stufe hinab. Durch ornamentierte Schlusssteine wird das Gewölbe hier achtteilig betont, und die Birnstabrippen sind mit Zierscheiben versehen. Es ist das größte Gewölbefeld der Kirche. An die Vierung schließen sich im Norden und im Süden je ein Kreuzarm, sowie das gotische Langhaus an, das aus dreimal drei Gewölbefeldern gebildet wird. Die Breite der im Osten fast quadratischen Joche fällt von Osten nach Westen ab. Im Westbau finden das Mittelschiff und die Seitenschiffe ihre Verlängerung und ihren Abschluss. mini|links|hochkant|Innenansicht zur Orgel im Westen Die drei Schiffe des Langhauses haben das klassische Breitenverhältnis 1:2:1. Dünne Pfeiler trennen das Mittelschiff von den Seitenschiffen. Die Scheitel der Kreuzrippengewölbe sind etwa 18 m hoch und aus Bruchstein rund gemauert. Die gleichmäßigen, breiten und unprofilierten spitzbogigen Gurt- und Schildbögen sind nicht abgetreppt. Sie werden nur an den Baunähten zwischen Vierung, Schiff und Westbau durch dünne, quergelegte Rundstäbe ergänzt. Im Hinblick auf die Entstehungszeit im 13. Jahrhundert sind die quadratischen Pfeiler mit eingestellten dünnen Eckdiensten sehr schlank und der Übergang in die Gewölbezone nur wenig betont. Nur ein knapper Kämpfer trennt Pfeiler, Gurt und Schildbogen. Er ist zugleich Deckplatte für die Kapitelle mit Knospen und Blattwerk. Während die Kapitelle im Ostteil nur sehr sparsame Stängel-, Knospen- und Blattformen darstellen, zeigen sie im Langhaus reiches, naturalistisches Blattwerk. Die Kapitellornamentik erinnert an die Marburger Elisabethkirche. Die Pfeilerformen von St. Johannis lassen sich mit denen von St. Ludgeri zu Münster und den Kirchen in Braunschweig vergleichen.
Sakristei Zwischen Chor und dem südlichen Querschiffarm befindet sich die Sakristei. Im Inneren ist sie quadratisch angelegt. Ein mittlerer Bündelpfeiler und entsprechende Wandvorlagen tragen die vier Kreuzgewölbefelder. Die Sakristei ist mit einem Zeltdach gedeckt. Vier dreigeteilte Fenster bringen Tageslicht in den Raum. Der aus Bronze gegossene Türzieher zeigt einen Löwenkopf auf einem Vierpass aus Weinlaub. Er hält den Zugring im Maul und wird auf den Anfang des 14. Jahrhunderts datiert.
Kreuzgang Der dreiflügelige Kreuzgang verläuft an der Nordseite der Kirche. Die Entstehungszeit lässt sich aufgrund des gotischen Maßwerks und der Konsolen auf den Anfang des 14. Jahrhunderts datieren. Der Kreuzgang umfasst dreißig hintereinanderliegende Joche. In den einzelnen Jochen weist er offene, dreiteilige Arkaden auf, von denen die mittlere jeweils leicht ansteigt (ähnlich wie bei der Fensterform der Dominikanerkirche in Osnabrück). Er ist mit einem Kreuzgewölbe aus Bruchsteinen geschmückt und seine Außenwände sind aus Quadern errichtet. Zwei Kapellen aus dem 14. Jahrhundert sind angegliedert. Der Kreuzgang kann direkt von der Straße betreten werden. Ein Zugang befindet sich auf der Seite der Johannisstraße, der zweite öffnet sich zur Johannisfreiheit. Aus dem Inneren der Kirche gibt es entweder durch ein Portal im nördlichen Querschiff direkten Zugang in den Ostteil des Kreuzgangs, oder durch eines im nördlichen Seitenschiff des Westbaus. Dieses Portal führt in den Vorraum des Kreuzgangs.
Andachtskapelle Die Osnabrücker Patrizierfamilie von Bar stiftete Anfang des 14. Jahrhunderts die Andachtskapelle. Sie wird auch Kreuzkapelle genannt. Das Mauerwerk der Kapelle besteht aus Quadern und Bruchsteinen. Das ansonsten schmucklose Äußere erlangt so farbliche Bewegung. An der Süd- und Westseite befindet sich je ein zweigeteiltes Maßwerkfenster mit Fünfpass. Den Eingang ziert ein schlichtes spitzbogiges Portal. Die zwei hohen Kreuzgewölbe sind aus Ziegelsteinen errichtet. Die Gurt- und Diagonalrippen sind zur Zierde doppelt gekehlt. Die Schlusssteine sind mit Wappen verziert, auf denen Bären zu sehen sind. Sie erinnern an die Familie von Bar. In der Kapelle steht heute ein von Walter Mellmann gestalteter moderner Altar. Über ihm befindet sich das Tabernakel. An der Südwand befindet sich eine Hälfte einer ehemaligen Doppelmadonna im Strahlenkranz aus dem Anfang des 15. Jahrhunderts. Die zweite Hälfte befindet sich in der St. Ansgarkirche in Osnabrück-Nahne.
Kapitelhaus An der Nordseite des Chores und der Ostseite des Kreuzgangs befinden sich die zwei Flügel des Kapitelhauses. Aufgrund zahlreicher Umbauten ist die Datierung umstritten.
Ausstattung Hochaltar der Johanniskirche mini|Hochaltar Der Hochaltar der Johanniskirche zählt zu den bedeutenden Arbeiten des münsterischen Bildhauers Evert van Roden.