Den (eigentl. Hor-Den), auch Dewen gelesen, ist der Horusname eines altägyptischen Königs (Pharao) der 1. Dynastie während der sogenannten Frühdynastischen Zeit, welcher um etwa 2930 v. Chr. regierte. Er war der Nachfolger von König Wadji und der Vorgänger von König Anedjib.

König Den ist archäologisch durch eine beachtliche Vielzahl zeitgenössischer Artefakte, Gefäßaufschriften und Jahrestäfelchen aus Elfenbein aus seinem Grab bei Abydos gut belegt. Den war zugleich der Herrscher mit der längsten Regierungsdauer innerhalb der 1. Dynastie. Während dieser Zeit erlebte Ägypten eine Epoche der kulturellen, religiösen, politischen und künstlerischen Blüte. Seine Mutter war die König Meritneith, welche mit angrenzender Sicherheit als eigenständige Herrscherin die Regierungsgeschäfte übernahm, als Den selbst noch zu jung für das Königsamt war und trotzdem bereits auf dem Thron saß. Den war auch militärisch sehr aktiv und führte mehrere Eroberungs- und Verteidigungsfeldzüge gegen diverse Nachbarreiche. Unter Den wurde der wichtige Herrschertitel Nesut-bitj („Der von der Binse und der Biene“) eingeführt.

Name und Identität

Zeitgenössischer Name mini|links|hochkant=0.6|Horusname des Den auf einer Steinvase

König Dewen ist archäologisch besonders gut durch seinen Horusnamen bezeugt, wobei die Lesung und Deutung desselben sich bisher als problematisch erweist. Das liegt unter anderem daran, dass die Hieroglyphen der Frühzeit zum Teil noch ganz andere Lesungen und Bedeutungen haben konnten, als zum Beispiel während des Alten Reiches. So übersetzen beispielsweise die Ägyptologen Kurt Sethe und Alan Gardiner De(we)n mit „Der Wasserbringer“. In ähnliche Richtung tendieren Toby Wilkinson und Francesco Tiradritti, welche De(we)n mit „Der (Horus) das Wasser bringt“ übersetzen.Alan Henderson Gardiner: Egypt of the Pharaos. Oxford (UK) 1961, S. 401–402. Andere Gelehrte wie Hermann A. Schlögl bevorzugen die Übersetzung „Der die Flügel (des Horus) ausbreitet“.Hermann Alexander Schlögl: Das alte Ägypten. München 2008, S. 70. Wieder andere, wie zum Beispiel Edmund Meltzer und Ronald J. Leprohon, leiten den Horusnamen von dem altägyptischen Verb dewen (ḍwn) her, was „Diener (des Horus)“ oder „Ministrant (des Horus)“ ergeben würde.Ronald J. Leprohon: The Great Name: Ancient Egyptian Royal Titulary (= Writings from the ancient world. Band 33). SBL Press, Atlanta 2013, ISBN 978-1-58983-736-2, S. 33.

Dewen ist aber auch durch seinen Eigennamen Chasti gleichermaßen gut belegt. Dieser wird ebenfalls verschiedentlich gedeutet und übersetzt. Toby Wilkinson und Francesco Tiradritti übersetzen Chasti mit „Der von den Beiden Wüsten“ und betrachten den Namen als bildhafte wie symbolische Ergänzung zum Horusnamen. Sie begründen ihre Übersetzung mit der geografischen Lage Ägyptens, das in der Tat jeweils zur Ost- und Westgrenze hin von sengend heißen Wüsten gesäumt ist wie von zwei Schutzschilden. Kurt Sethe und Alan Henderson Gardiner übersetzen Chasti dagegen mit „Der Beduine“, während Hermann Alexander Schlögl „Der jagende Nomade“ beziehungsweise „Der Fremdländische“ vorschlägt, mit Bezug auf Dens Triumph über mehrere Wüstenvölker. Leprohon und Meltzer schließlich übersetzen Chasti mit „Der aus den Bergen“. Der französische Ägyptologe Gèrard Godron schlägt gar die Übersetzung „Der aus dem Sinai“ oder „Der Sinaitische“ vor und beruft sich dabei auf Dens Militärkampagnen auf dem Sinai.Jochem Kahl: Gérard Godrons Études sur l'Horus Den et quelques problèmes de l'Égypte archaique, Genève 1990. In: Archiv für Orientforschung. Bände 38/39. Wien / Horn 1991, , S. 245–248.

Zu guter Letzt bleibt Dens Goldname, Jaret-nebu, beziehungsweise Jaret-nebu-shen. Er ist bereits wegen seiner Schreibung außergewöhnlich: er setzt sich zusammen aus einer drohend aufgerichteten Königskobra, dem Goldkragen-Symbol und dem Schen-Ring. Wilkinson und Leprohon übersetzen den Namen mit „Goldkobra“ und „Goldener Uräus“.Toby A. H. Wilkinson: Early Dynastic Egypt. London / New York 1999, S. 177.

In späteren Königslisten König Den erscheint in späteren, vor allem ramessidischen, Königslisten und Dokumenten unter seinem hier stark verlesenem Eigennamen. Die Königsliste von Abydos nennt ihn „Sepatju“, geschrieben mit dem doppelt ausgeführten Gardiner-Zeichen N24 (Symbol für „Gau“ oder „Gebiet“). Diese Namensform geht mit ziemlicher Sicherheit auf das doppelt geschriebene Gardiner-Zeichen N25 für „Wüste“ zurück, mit dem Dens Eigenname ursprünglich gebildet wurde. Der Königspapyrus Turin nennt den Kartuschennamen „Qenqenet“, dessen Ursprung höchstwahrscheinlich auf eine Verlesung zurückzuführen ist: In der hieratischen Schrift (eine stark kursive Form der Hieroglyphen) sieht das Gau-Zeichen N24 aus wie das Zeichen Aa8 (es stellt stark stilisierte Bewässerungskanäle dar), dessen Lautwert eben „Qenqen“ ist.Dietrich Wildung: Die Rolle ägyptischer Könige im Bewußtsein ihrer Nachwelt. Band 1. München / Berlin 1969, S. 22–31.Iorwerth Eiddon Stephen Edwards: The Early Dynastic Period in Egypt. Cambridge University Press, London (UK) 1964, S. 21.

Die Königsliste von Sakkara aus dem Grab des Hohepriesters Tjuneroy (19. Dynastie) lässt Den merkwürdigerweise gar nicht auftreten – allerdings fehlen hier auch die Könige Narmer, Aha, Djer, Wadji und Semerchet der 1. Dynastie. Erwähnt werden nur die Könige Anedjib und Qaa. Warum dies so ist, bleibt rätselhaft. Walter Bryan Emery zum Beispiel schlägt als möglichen Grund vor, dass Anedjib und Qaa die einzigen Könige sind, deren Souveränität von Unterägypten anerkannt wurde. Und die Sakkara-Liste entspricht rein memphitischen Traditionen. Damit waren Anedjib und Qaa als Herrscher über Memphis bestätigt. Die Königsliste von Abydos und die Königsliste von Karnak hingegen spiegeln thinitische Traditionen wieder und führen deshalb alle Herrscher der 1. Dynastie auf.Walter B. Emery: Ägypten. London (UK) 1999, S. 19.

Der griechisch schreibende antike Chronist Manetho (etwa um 270 v. Chr.) erwähnt Den kurioserweise zweimal: das erste Mal nennt er Den Usaphâidós (Οὐσαφαῖδος) und ein ander Mal Kênkenés (Κενκένης). Der Name „Usaphaidos“ ist schlicht eine Übersetzung des Herrschertitels Nesut-bitj, den König Den eingeführt hatte. Der Name „Kenkenes“ hingegen könnte die Umschreibung für Dens Eigenname Chasti sein oder der spätramessidischen Form Qenqenet entlehnt sein.Nicolas Grimal: A History of Ancient Egypt. Weinheim 1994, S. 53–54.

Herkunft und Familie Die moderne Forschung sieht Den als Sohn des Wadji, allerdings ergibt sich diese These bisher nur aus dem Umstand, dass Wadji sein Vorgänger war. Manetho nennt als Vater einen gewissen Uenephês (Οὐενέφης), dessen wahre Identität jedoch umstritten ist. Dewens Mutter war die berühmte Königin Meritneith, die auch auf dem Palermostein erwähnt wird. Verheiratet war Den mit den Hofdamen Semat, Nachtneith und möglicherweise auch mit einer gewissen Qaneith. Letzteres ist allerdings umstritten.Silke Roth: Die Königsmütter des Alten Ägypten. Wiesbaden 2001, S. 18–23. Als mögliche Nachkommen werden unter anderem die Thronfolger Anedjib und Semerchet vermutet.Toby A. H. Wilkinson: Early Dynastic Egypt. London / New York 1999, S. 74–75. In einem ungewöhnlich großen Nebenbegräbnis nahe dem Eingang von Dens eigenem Grab fand sich die Stele einer weiteren Königin, die womöglich mit einer geheimnisvollen Batiires identisch ist. Batiires wird nur auf dem Kairostein erwähnt und dort als Mutter von Semerchet ausgewiesen. Der Name der Gemahlin aus Abydos ist jedoch durch den stark abgewetzten Zustand der Stele nur unvollständig erhalten, was die Gleichsetzung erschwert.Toby A. H. Wilkinson: Royal annals of Ancient Egypt. London 2000, S. 195.

Herrschaft König Den ist der Herrscher des frühen Ägyptens, der den Königstitel Nesut-biti (wörtlich: „Der von der Binse und der Biene“; sinnbildlich: „Der von Ober- und Unterägypten“) einführte. Damit legitimierte er sich als Alleinherrscher über Ober- und Unterägypten.Toby A. H. Wilkinson: Early Dynastic Egypt. London / New York 1999, S. 75. Der Nesut-bitj Titel sollte dabei auch den Dualismusglauben der Ägypter ausdrücken, nach welchem beide Landeshälften stets zusammenhalten sollten wie Brüder – sowohl religiös, als auch kulturell und politisch. Es war somit auch ein propagandistischer Titel.Nicolas Grimal: A History of Ancient Egypt. Wiley-Blackwell, Weinheim 1994, ISBN 978-0-631-19396-8, S. 53 & 54. Parallel dazu fand sich in seinem Grab die erste Darstellung eines ägyptischen Herrschers mit der Doppelkrone Ägyptens, der sogenannten Pschent. Auch ist unter Den erstmals die Jahreszählung mit Zahlen-Hieroglyphen belegt, nachdem zuvor die Regierungsjahre nur mit der Nennung des wichtigsten Ereignisses versehen waren.Siegfried Schott: Altägyptische Festdaten. Verlag der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz / Wiesbaden 1950, S. 52.

mini|links|hochkant=0.9|Elfenbeintäfelchen des Den, rechts oben ist ein Hebsed-Fest dargestellt. Links, neben Dens Horusnamen, erscheint der Name des „königlichen Sieglers“ Hemaka.

In den ersten Jahren seiner Herrschaft teilte der vermutlich noch minderjährige Den die Herrschaft mit seiner Mutter Meritneith, die als Königin später in Abydos ein Grab königlichen Ausmaßes erhielt.Wolfgang Helck: Untersuchungen zur Thinitenzeit. Wiesbaden 1987, S. 158–177. Auf einem Elfenbeintäfelchen aus Dens Grab ist der Herrscher bei der Begehung des 1. Sed-Festes (Hebsed) dargestellt (siehe Abbildung). Dieses wurde traditionell im 30. Regierungsjahr als „30-Jahre-Jubiläum“ begangen.Toby A. H. Wilkinson: Early Dynastic Egypt. London / New York 1999, S. 181–183. Auf dem Randfragment einer Kalksteinschale aus Dewens Grabkomplex ist der Vermerk „2. Begehung des Hebsed“ eingraviert. Dieses wurde traditionell im 33. Regierungsjahr eines Herrschers gefeiert, was die lange Amtszeit von Dewen untermauert.Werner Kaiser, Günter Dreyer: Umm el-Qaab: Nachuntersuchungen im frühzeitlichen Königsfriedhot. 3-/4. Vorbericht. In: Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Abteilung Kairo. (MDAIK) Band 46. von Zabern, Mainz 1990, , S. 80.

In Dens Herrschaft fällt ein Ereignis im 31. Regierungsjahr, das in der Vergangenheit durch Fehllesungen als „landesweite Volkszählung“ gedeutet wurde. Die genaue Übersetzung des Eintrages gestaltet sich schwierig, weshalb zwei Vorschläge in die engere Wahl gezogen wurden. Mit Sicherheit konnte jedoch eine Volkszählung ausgeschlossen werden. Des Weiteren ist auf mehreren Elfenbeinplaketten der Sieg über eine fremde Streitmacht festgehalten, die in den Inschriften als „Erste Niederschlagung des Ostens“ bezeichnet wird. Dabei werden die feindlichen „Fremden“ als Iuntiu (zu deutsch etwa „Bogenvolk“) bezeichnet. Die „Iuntiu“ waren räuberisch lebende Nomaden, die von der Sinai-Halbinsel stammten und unter anderem in einer Reliefinschrift des Königs Sechemchet (3. Dynastie) erwähnt werden.Wolfgang Helck: Untersuchungen zur Thinitenzeit. Wiesbaden 1987, S. 157, 161 & 187, .