mini|hochkant=1.2|Jacques Tilly (2026) Jacques Tilly (* 27. Juni 1963 in Düsseldorf) ist ein deutscher Bildhauer und Kommunikationsdesigner sowie Karnevalswagenbauer.

Leben Jacques Tilly besuchte von 1973 bis 1982 das Comenius-Gymnasium Düsseldorf. Seit 1984 entwirft und baut er politisch-satirische Wagen für den Düsseldorfer Rosenmontagszug. Von 1985 bis 1994 studierte er an der Universität Essen Kommunikationsdesign.

Er ist Mitglied des Beirats der evolutionär-humanistischen Giordano-Bruno-Stiftung. Jacques Tilly lebt mit seiner Frau, der Filmemacherin Ricarda Hinz, in Düsseldorf-Oberkassel. Sie haben zwei gemeinsame Söhne.

Künstlerisches Schaffen Karnevalswagen Die Karnevalswagen aus der Werkstatt von Jacques Tilly zeichnen sich durch eine besonders bissig-satirische Art aus, die vor allem aktuelle gesellschaftspolitische Entwicklungen thematisiert. Diese Karnevalswagen haben dem Düsseldorfer Rosenmontagszug eine verstärkte bundesweite und internationale Aufmerksamkeit verschafft. Viele seiner Wagen und Entwürfe haben lautstarke Proteste hervorgerufen.

Auflistung einiger umstrittener Motivwagen:

1994 ein nackter Kanzler Kohl: Nachdem ein Bonner CDU-Anwalt mit einstweiliger Verfügung gedroht hatte, musste eine Figur umgebaut werden, die den damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl als nackten Indianerhäuptling darstellte. 1996 Kruzifixwagen: Eine bundesweite Protestwelle stoppte den Weiterbau eines politischen Wagens, der die Reaktion bayerischer Politiker auf den Kruzifix-Beschluss aufs Korn nahm. 1997 Busenkrieg: Als auf einem Wagen das vom Kölner Dachverband der Karnevalisten ausgesprochene „Busenverbot“ im Karneval verspottet wurde, kam es zum „Busenkrieg“ zwischen Köln und Düsseldorf. 2000 Stichwahl in Düsseldorf: Ein Wagen, der die in einer Stichwahl unterlegene Düsseldorfer SPD-Oberbürgermeisterin Marlies Smeets ins Bild setzte, konnte nach Protesten nicht realisiert werden. Seit diesem Vorfall hält Tilly unter Inanspruchnahme der Narrenfreiheit alle politischen Wagen Düsseldorfs bis zum Rosenmontagszug geheim,Stand 2018 manche werden erst in den letzten Stunden vor dem Zug fertiggestellt. 2005 Kardinal Meisner: Ein Wagen, der Kardinal Meisners Haltung zum Schwangerschaftsabbruch satirisch als Inquisitor mit einer Frau auf einem Scheiterhaufen darstellte, rief Proteste katholischer Organisationen hervor. 2007 Selbstmordattentäter: Der Zentralrat der Muslime übte heftige Kritik an einem Wagen, der sich über islamistische Selbstmordattentäter lustig machte. 2009 Skinhead Rüttgers: Ein Wagen, auf dem der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers als Skinhead das Cello des Musikers Thomas Beckmann zerstört, kritisierte die Streichung von Geldern für Beckmanns Obdachlosenhilfe. Dies führte direkt zur Rücknahme der Streichung der Obdachlosenhilfe. 2009 Papst-Wagen: Kardinal Meisner kritisierte den Wagen, auf dem Papst Benedikt XVI. dem mit „Antisemitismus“ beschrifteten Teufel in der Gestalt von Richard Williamson die Hand schüttelte: „Es ist mir ein Anliegen, dies nicht unwidersprochen zu lassen. Die Darstellung ist nicht nur falsch, sie ist auch verletzend.“; siehe auch 2015 Charlie-Hebdo-Wagen: Die Düsseldorfer Karnevalisten ließen, im Gegensatz zu vorsichtigeren anderen Städten, gleich vier Wagen von Jacques Tilly zum islamistischen Terror fahren, um die Narrenfreiheit zu verteidigen. So wurde über den Rosenmontagszug auch in den Fernsehnachrichten von ARD und ZDF besonders als politisches Ereignis und nicht nur als Brauchtum berichtet. 2016 Jarosław-Kaczyński-Wagen, auf dem dieser, in Militäruniform, den Fuß auf den Kopf einer vor ihm niederknienden Polin stellte. Neben ihm stand dabei ein Radio mit der Beschriftung Radio Maryja. 2022 war neben der COVID-19-Pandemie auch vom Überfall auf die Ukraine gekennzeichnet. Tilly karikierte den Vorgang mit der Darstellung Wladimir Putins, der das Land im Ganzen verspeisen will, verbunden mit der an ihn gerichteten Aufforderung Erstick dran!!! Da der Düsseldorfer Karneval aufgrund der genannten Ereignisse erst im Sommer stattfinden sollte, wurde sein Wagen im März zum Brandenburger Tor in Sichtweite der Russischen Botschaft Berlin gefahren. 2023 entstand ein Wagen, auf dem ein als Indianer verkleideter Karnevalist, ein Ureinwohner Amerikas sowie ein bunter Papagei zu sehen waren. Der Vogel zeigte auf den Indianer mit Vogelfederschmuck und dieser wiederum auf den biertrinkenden Weißen mit Indianerfederschmuck. Auf beiden Sprechblasen stand: „Das ist kulturelle Aneignung!“ 2023: Der Klammer-Woelki wurde im Folgejahr als Exponat in das Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland aufgenommen.

Großplastiken Tilly gibt Kurse, in denen der Karnevalswagenkünstler die Anfertigung von Großplastiken schult.

Sein Team übernimmt in der karnevalsfreien Zeit auch Auftragsarbeiten. Mit den Großplastiken, wie zum Weltjugendtag Köln 2005, zum G20-Gipfel in Hamburg 2017 oder zum Brexit, beziehen der Künstler und sein Team immer wieder Stellung zu politischen und weltanschaulichen Fragen.

Auflistung einiger nennenswerter Großplastiken:

Anlässlich der Schließung der Galeria-Karstadt-Kaufhof-Filiale in der Straße Am Wehrhahn in Düsseldorf (2020) installierte Tilly für eine ver.di-Protestveranstaltung eine drei Meter hohe Plastik von René Benko. Mitarbeiter durften mit Boxhandschuhen darauf einschlagen, bis die Skulptur auseinanderfiel., zdf.de, 17. Oktober 2020. 2022 entstand ein Wagen, mit dem nach der Flutkatastrophe im Ahrtal für die Unterstützung der Opfer geworben wurde. Drei Affen symbolisierten die Untätigkeit von Politik, Bürokratie und Versicherungen. Anlässlich des deutschen Ausstiegs aus der Atomkraft am 15. April 2023 steuerte das Tilly-Team eine Saurier-Figur zu einer Greenpeace-Feier am Brandenburger Tor bei.

Weitere Arbeiten Neben den politischen Wagen bauen Tilly und sein Team jährlich dutzende Prunk- und Werbewagen für Städte wie Aachen, Düsseldorf, Hilden, Krefeld und Ratingen. Außerdem entstehen in seiner Werkstatt karnevalistische Bühnendekorationen, so für die Fernsehsitzung (Düsseldorf Helau) des Düsseldorfer Karnevals.

Russischer Strafprozess mini|Tillys Putin-Karikatur von 2022 Ende 2025 wurde gegen Tilly in Russland ein Strafverfahren eingeleitet,Ludwig Krause, Angelina Burch: „Wir stehen 111 Prozent hinter Jaques Tilly“. In: Rheinische Post, 20. Dezember 2025, S. C2. und im Februar 2026 begann in Moskau das Gerichtsverfahren: Tilly wurde die Verunglimpfung von Staatsorganen – einschließlich der Armee und des Präsidenten – vorgeworfen. Präsident Wladimir Putin war im Lauf der Jahre auf elf Wagen in den Düsseldorfer Rosenmontagszügen karikiert worden.Jens Ruhnau, Ludwig Krause: Putin, wie sich Putin nicht sehen möchte. In: Rheinische Post, 19. Dezember 2025, S. C1. So hatte 2025 ein Wagen die Aufschrift „Hitler-Stalin-Pakt 2.0“: Putin und US-Präsident Donald Trump geben sich die Hände und zerquetschen dazwischen den ukrainischen Staatschef Selenskyj.

Tilly kündigte an, seine russlandkritische Arbeit fortzusetzen: Der Despot werde 2026 erst recht als Motiv auftauchen. Er wolle aber als Reaktion auf das Verfahren keine „besonders extremen“ Wagen machen, sondern „gute politische Satire, so wie immer“. Er verstehe die Anklage als Ermutigung, dass seine Arbeit denjenigen weh tue, die gemeint seien. Er bezeichnete Rosenmontag für sich als „normalen, wenn auch sehr harten Arbeitstag“ und verwies darauf, dass ihn das Verfahren über Aschermittwoch hinaus beschäftigen werde.

In Mainz und Köln verzichteten die Organisatoren 2026 hingegen auf neue Putin-kritische Motivwagen und verwiesen auf bisherige Solidaritätsbekundungen bzw. auf Vermeidung von Wiederholungen. In Mainz wurden stattdessen Bundeskanzler Merz, Bayerns Ministerpräsident Söder und Donald Trump satirisch thematisiert. Mehrere Politiker, so Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst, riefen zur Solidarität mit Tilly auf. Dazu äußerte sich NRW-Europaminister Nathanael Liminski so: „Wir wussten […], dass Putin ein Kriegstreiber und Diktator ist.“ Mit dem „Scheinprozess“ zeige er, dass er „eine ziemliche Mimose ist und nicht einmal einen guten Witz über sich selbst aushalten kann“.

Am 2. April 2026 verurteilte ein Moskauer Gericht Tilly in Abwesenheit zu einer Haftstrafe von achteinhalb Jahren und einer Geldstrafe von 200.000 Rubel (rund 2200 Euro). Ein Moskauer Berufungsgericht bestätigte am 9. Juni 2026 das Urteil. Gegenüber dpa erklärte Tilly: „Damit ist der Fall abgeschlossen. Ich sehe keinen Anlass, diesen absurden Schauprozess zu verlängern. Das Urteil ist ohnehin eine Farce. Es wird unsere satirische Arbeit im Karneval nicht beeinflussen. Wir machen weiter wie bisher.“Queer.de: Moskauer Gericht bestätigt Haftstrafe gegen Satiriker Tilly

Auszeichnungen 2008: Verleihung der Klinzingplakette 2013: Verleihung der Leo-Statz-Plakette 2013: Verleihung des Düsseldorfer des Jahres in der Rubrik Kultur 2016: Verleihung des Jan-Wellem-Rings der Stadt Düsseldorf 2017: Menschenrechtspreis von Amnesty International 2019: Preis für Zivilcourage durch den Heinrich-Heine-Kreis 2019: Preis für bildende Künstler durch die Düsseldorfer Jonges 2020: Verleihung des Rheinlandtalers durch den Landschaftsverband Rheinland 2024: Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen 2025 wurde Tilly eine Ausstellung im Stadtmuseum Landeshauptstadt Düsseldorf gewidmet.

Filme 2015: Die große Narrenfreiheit. Ein Dokumentarfilm über Jacques Tilly und den Düsseldorfer Karnevalexpress.de: , 18. März 2015.narrenfreiheit-film.de, Webseite der Filmemacher Steve Antonin (Kalkofes Mattscheibe), Daniela Antonin und Michael Goergens. 2016: Jacques Tilly – Enfant terrible des Karnevals. Dokumentarfilm von Christoph Simon und Holger MöllenbergErstsendung im WDR am 7. Februar 2016, abgerufen am 7. November 2020. Jetzt noch auf YouTube.com, abgerufen am 7. November 2020.

Publikationen Satire, Kunst und Karneval. Droste Verlag, Düsseldorf 2015, ISBN 978-3-7700-1565-8. mit einem Vorwort von Jürgen Becker: Despoten. Demagogen. Diktatoren. Alibri Verlag, Aschaffenburg 2018, ISBN 978-3-86569-299-3. Mehr Wagen. Das Werkstattbuch. Alibri Verlag, Aschaffenburg 2020, ISBN 978-3-86569-313-6. Wer hat Angst vor Pappmaché? Alibri-Verlag, Oktober 2026, ISBN 978-3-86569-459-1

Literatur Udo Achten: Jacques Tillys Narrenfreiheit. Klartext-Verlag, Essen 2007, ISBN 978-3-89861-728-4.

Weblinks

Grossplastiken – Jacques Tilly Team, mit mehreren hundert Werken

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Einzelnachweise

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