Der Tod des Vergil ist ein historischer Roman von Hermann Broch, der im Juni 1945 gleichzeitig auf Englisch und Deutsch bei Pantheon in New York erschien. Seit 1936 hatte der Autor an dem Werk gearbeitet.Paul Michael Lützeler (Hrsg.): Hermann Broch. Kommentierte Werkausgabe. Band 4, Suhrkamp, Frankfurt am Main 4. Aufl. 1986, S. 516–518. Der Roman wurde bis 1976 auch auf Spanisch, Französisch, Serbo-Kroatisch, Italienisch, Polnisch, Schwedisch, Japanisch, Tschechisch, Rumänisch und Ungarisch herausgebracht.Lützeler: Werkausgabe. Bd. 4, S. 519 f.

Ausgangspunkt für den Roman bilden die letzten achtzehn Stunden im Leben des römischen Dichters Vergil.Lützeler: Werkausgabe. Bd. 4, S. 3.

Entstehung In einem Zeitraum von neun Jahren entstanden ab 1936 fünf Fassungen des Vergil-Stoffes:Die ersten drei Fassungen in: Paul Michael Lützeler, Brochs „Tod des Vergil“, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1988, ISBN 3-518-38595-X. Die Heimkehr des Vergil (1936), neunseitiges Manuskript, 1937 Version für den Rundfunk, erstmals abgedruckt 1953 in der Neuen Rundschau [ohne Titel] (1937), 48-seitiges Typoskript, erstmals veröffentlicht 1976 Erzählung vom Tode (1938), 55-Seiten-Typoskript, vor und während der dreiwöchigen Haft in Bad AusseeLexikon der deutsch-jüdischen Autoren. Bd. 4, 1996, S. 73–85, S. 74. bearbeitet Die Heimfahrt des Vergil (1938–40), 338-seitiger Schreibmaschinentext Der Tod des Vergil (Mitte 1940 bis Anfang 1945), Roman-Endfassung

Inhalt mini|Publius Vergilius Maro Brochs Roman stützt sich auf die teils legendenhaften Überlieferungen vom Leben des Dichters und bezieht sich auf ein historisches Ereignis. Am Abend des 20. September 19 v. Chr. landete Vergil im Hafen Brundisium. Augustus hatte den vom Tode gezeichneten Dichter der Äneis in Athen gedrängt, auf einem Schiff der kaiserlichen Flotte von Epirus aus die beschwerliche Heimreise auf sich zu nehmen. Als Bauernsohn aus Andes bei Mantua hätte er lieber in Griechenland – fernab von Rom – in schöpferischer Muße und philosophischen Betrachtungen gelebt. Am Tag darauf starb Vergil.

I Wasser – Die Ankunft Die äußere Handlung schildert, wie der Kranke am Abend in einer Sänfte vom anlandenden Schiff durch das mit Schaulustigen überfüllte Hafenviertel Brundisium, die steil ansteigende Elendsgasse hinauf zum kaiserlichen Palast getragen und dort in einem Gastgemach von Sklaven versorgt wird. Anlass des Menschenauflaufs sind die Ankunft und der bevorstehende Geburtstag des Kaisers. Kraftlos vom Husten, vom Fieber, umklammert er fest den Griff seines Manuskriptkoffers. Der Marsch der Träger durch den „vielfältigen Dunst der Menschentiere“Die Quellenangaben sind als „unsichtbarer Kommentar“ in den Quelltext eingebunden. wird gelenkt vom vorausschreitenden Knaben Lysanias, der ihm den Weg durch das Gedränge bahnt, indem er ihn als Zauberer und großen Dichter ausruft. Das beeindruckt den Pöbel jedoch wenig und man verspottet ihn als lebenden Leichnam, der das Zurückschleppen nach Italien nicht wert ist. Lysanias begleitet den Sterbenden als sein nur ihm sichtbarer Genius und seine kindliche Lebensstufe durch das ganze Buch.

Im Zentrum des Romans steht die innere Handlung: In personaler Form wird das Geschehen, v. a. der Kp. I, II und IV, konsequent aus der Perspektive des Protagonisten erzählt und in einer Art Bewusstseinsstrom mit seinen Gedanken vermischt. Er fühlt, dass er sterben wird, und gerät dadurch in eine existentielle Krise, die er zu fassen sucht, indem er das schwer Erklärbare und eigentlich Unsagbare – wie später seine Visionen von Unter- und Überwelt – mit immer neuen Wortschöpfungen spiralförmig umkreist. Sein Weltbild ist geprägt von polaren Kräften, die im ersten Kapitel in einer Wassermetaphorik miteinander verbunden werden: Wellen, heimflutend, verbrandet, hinweggespült usw. In Rückblicken erinnert er sich an verschiedene Lebenssituationen, v. a. an seine behütete Kindheit bei den bäuerlichen Eltern, seine Rolle als Günstling des Kaisers. Dann, ins Philosophische erweitert, denkt er über den Tod und sein Dichten im Zwischenbereich der Dämmerung als Gleiten im Strom des Lebens zwischen Licht und Dunkel, Erde und Himmel, Vergänglichkeit und Ewigkeit nach. Durch sein Leiden ist sein Bild von sich als Dichter-Prophet, der Zugänge sucht zu den Geheimnissen des ewigen Lebens und hinter der Vielfalt die Einheit und Wahrheit entdeckt und sprachlich formt, ins Wanken geraten, wie er es in der folgenden langen Satzreihung mit ungewöhnlichen Komposita-Bildungen ausdrückt: Dieses „Dahinfluten bis zu den nimmermehrerreichbaren Traumgewölben, aber dieses Fluten, aus dem Herzen entspringend, an den Gewölbegrenzen verbrandend und wieder heimflutend ins Herz, nahm Sehnsuchtswelle um Sehnsuchtswelle in sich auf […] brachte die dämmerungsschwingende mütterliche Sternwiege ihres Urbeginns zum Stillstand, und umzuckt von den dunklen Blitzen des Unten, von hellen des Oben, geschieden in Licht und Finsternis, in Schwärze und Grellheit, zweifarbig die Wolke, zwiefach der Ursprung, gewitterschwül, lautlos, raumlos, zeitlos. Oh aufgebrochene Höhle des Innen und Außen, oh, groß hinziehende Erde! – so klaffte die Nacht auf, zerbarst der Schlaf des Seins; stumm hinweggespült waren Dämmerung und Dichtung, hinweggespült ihr Reich, zerbrochen die Echowände des Traumes, und verhöhnt von den stummen Stimmen der Erinnerung, schuldbeladen und hoffnungsgebrochen, flutenüberströmt, flutenentführt, versank des Lebens übergroßes Aufgebot zum schieren Nichts. Es war zu spät geworden, es gab nur noch Flucht, das Schiff lag bereit, der Anker wurde hochgezogen; es war zu spät“.

II Feuer – Der Abstieg In seiner letzten Nacht versammelt Vergil, gierend nach dem Leben, „nochmals alles Sein in sich […], um lauschen zu können“, er fiebert und träumt, spricht mit aus seiner Vergangenheit auftauchenden Personen. In seinem Bett denkt er nicht nur über sein Leben, sondern auch über die Wirklichkeitserfassung durch seine Dichtung nach. Sie erscheint ihm eigentlich unbeschreiblich und nur in einer Bilderfolge in Annäherungen möglich: „Denn prall von Wirklichkeit sind die Bilder, weil Wirklichkeit stets nur wieder durch Wirklichkeit versinnbildlicht wird – Bilder und Aber-Bilder, Wirklichkeiten und Aber-Wirklichkeiten, keine wahrhaft wirklich, solange sie alleine steht, dennoch jede einzelne Sinnbild einer letztwirklichen Unerkennbarkeit, die ihre Gesamtheit ist“. Diesen Gedanken verbindet er bei der zunehmenden Brüchigkeit seines Körpers mit dem Wunsch, „es möge seine körperliche Einheit, die ihm mehr und mehr zu einer Scheineinheit geworden war, endlich aufgelöst werden, damit das Außergewöhnliche erfolge, damit Auflösung zur Erlösung werde, zur neuen Einheit, zum endgültigen Sinn“ und dies hatte ihn als kindliche Ängstlichkeit „von frühester Jugend an begleitet und verfolgt“. Sein Leben und Dichten war ein „einziges, unendliches Lauschen“ auf die Strömungen des Lebens um ihn ins Abgründige der „Erddunkelheit“ hinab und in die ewige „Sphären des Himmelslichtes“ empor, „janusartig stets beiden angehörig“, den Regionen des „Sternschwebens wie denen der Steinschwere“. Jetzt lauscht er dem Sterben und sieht, dass der Tod als Horizont des Seins von Anfang an in ihm angelegt war und dass er seine Aufgabe als Dichter immer darin sah, im „Zwischenreich des Abschieds“ das „Erkenntnisbild des Todes“ als Rückkehr des schicksalhaften Kreislaufs zur Einheit zu erfassen. Diese Lebensaufgabe war kein freier Entschluss, es war „ein schicksalsbefohlenes […] Müssen, dass er seine eigene Gestalt in der des Todes suche, um hierdurch der Seele Freiheit zu gewinnen“. Vergil hat sich im Leben nie gegen das Sterben gewehrt, wohl aber „gegen Gemeinschaft und Liebe“. Dieses Eingeständnis führt ihn im „Strom der Erinnerung“ an die Kindheitsorte seines goldenen Zeitalters zurück, zu seiner geliebten Plotia, die in den Gedanken des mehr an Knaben interessierten Dichters immer wieder die Funktion seiner Muse übernimmt, an die posillipische Höhle und an seine Dichtungen, aber das alles ist „verweht wie braunes Laub, nicht mehr erinnert, nur noch gewußt“. Beim Lauschen auf die Strömungen des Sterbens hört er nur undifferenzierte Geräusche, ein Stimmendickicht und keine erkenntnisreiche Einzeltöne, die zu einer neuen Einheit führen: „unrettbar ist der Verirrte im Dickicht eingekerkert, keine Bresche, keine Lichtung ist zu legen“. Er muss sich eingestehen, dass die Hoffnung des Sterblichen auf „Weltenerkenntnis […] vermessen und den Göttern ein Greuel“ ist. Sie „zerbräche an den Wänden der Unhörbarkeit“. Er versteht jetzt die vergeblichen Hoffnungen der „Pöbelinbrunst“, der „kreatürlichen Massen“ auf irdisches Glück durch einen cäsarischen, gottähnlichen Führer besser, auf die er in seiner Überheblichkeit immer herabgesehen hat.

Nach dieser Klage über das Scheitern aller Erkenntnisbemühungen erhebt sich Vergil von seinem Lager, blickt zum Fenster hinaus auf den Sternenhimmel und entwickelt die Idee des suchenden Menschen, der sich selbst, die eigene Seele, entdecken muss, „die Einheit des Seins, […] das reine Jetzt, das dem All und dem Menschen gemeinsam ist“, und der „die Erkenntnis der Vergeblichkeit“ braucht: „denn nur im Irrtum, nur durch den Irrtum, in den er unentrinnbar hineingehalten ist, wird der Mensch zum Suchenden […] Das Nicht-Erkennen, es wird ihm zum Wissensgrund,\ da es das fließende Wachstum seiner Seele ist,\ das unvollendbar Unvollendete seines eigenen Selbst“. Obwohl er keine höhere, universale Erkenntnis gewonnen hat, ist es für ihn ein Trost, dass er in der Welt Erfahrungen sammelte, und er hat die Zuversicht, dass nichts umsonst geschehen ist und darin ein Sinn liegt. Sein neuer Ausgangspunkt ist der prometheische Gedanke der irdischen Verwurzelung aller Fragen. Der Blick aus dem Fenster nach unten auf die Erde und zum Himmel zeigt ihm eine Kontrastszenerie: Auf der Straße sieht er eine streitende, derb-burleske Dreiergruppe, die in den folgenden Reflexionen immer wieder die unmündige, durch den Führer manipulierbare und an Bildung und Erkenntnis nicht interessierte Masse repräsentiert. Aber beim Blick nach oben auf den Sternenhimmel hat er die Vision einer alles umfassenden Harmonie, die die Gegensätze auflöst. So wird ihm die Schönheit der Nacht zum Symbol für die Aufhebung der inneren und äußeren Grenzen, „als das Unendlichkeitsspiel des irdischen Menschen in seiner Irdischkeit […] die schöne Selbsttäuschung aufs neu und aufs neu wiederholt,\ die Flucht in die Schönheit, das Fluchtspiel;\ Da enthüllt sich dem Menschen die Starrheit der verschönten Welt, […] die bloß in der Wiederholung unvergänglich wird und\ um solcher Schein-Vollkommenheit willen stets aufs neue\ gesucht werden muß“. Zugleich spürt er gegen diese erstarrte Schönheit „aus dem Raum seines tiefsten Vorwissens“ die „Verlockung einer ungeheuren Ur-Lust […] zur Allzersprengung, zur Weltzersprengung und zur Ich-Zersprengung“. Diese Zerstörungslust an allen Ordnungsprinzipien stammt aus der Vorschöpfung und ist begleitet von einem lauten Lachen, das die Menschen mit den Göttern verbindet: „es stammt das Lachen aus dem Wissen um die Ungöttlichkeit der Götter […] es stammt aus jener unruhigen, beunruhigend durchsichtigen Zone der Gemeinsamkeit\, die dämonisch zwischen dem Jenseitigen und dem Diesseitigen gespannt ist,\ damit in ihr, in solch dämmerhafter Dämmerzone\ Gott und Mensch einander begegnen können“. Dieses Lachen enthält den „Zersprengungskeim, der aller Weltenschöpfung von Anbeginn eingeboren ist, unausrottbar“ und signalisiert die „Überflüssigkeit jedweder Erkenntnis“.