mini|hochkant|Alfred Gusenbauer (2008) Alfred Gusenbauer (* 8. Februar 1960 in St. Pölten, Niederösterreich) ist ein österreichischer Politiker (SPÖ). Er war von Jänner 2007 bis Dezember 2008 Bundeskanzler von Österreich. Von 2000 bis 2008 war er Bundesparteivorsitzender der SPÖ.

Seit dem Ende seiner politischen Karriere ist er als Berater (2009 für den Bankkonzern Hypo Group Alpe Adria) und Lobbyist sowie in verschiedenen Positionen in der Bau-, Immobilien- und Finanzbranche tätig, u. a. als Aufsichtsratsvorsitzender der Strabag SE.derstandard.at vom 28. Juli 2010, Gusenbauer war 2009 Hypo-Berater (abgerufen am 7. Dezember 2011). Im Dezember 2023 legte er sein Mandat als Aufsichtsratsvorsitzender der Strabag mit Jahresende vorzeitig zurück. Im Februar 2024 kündigte er seinen Rückzug aus den Aufsichtsräten von Signa Prime Select und Development mit 18. März 2024 an.

Herkunft und Familie Gusenbauer stammt aus einer Bauarbeiterfamilie. Sein Vater Oswald war bei den Österreichischen Donaukraftwerken angestellt und seine Mutter Gertrude war u. a. als Reinigungskraft tätig. Alfred Gusenbauers Schwester Andrea wurde 1961 geboren.spiegel.de vom 2. Oktober 2006, SPÖ-Chef Gusenbauer Bieder, mürrisch, siegreich. Mit seiner Lebensgefährtin Eva Steineroe24.at vom 4. Oktober 2006, Gusenbauers Partnerin ganz persönlich (abgerufen am 12. Juli 2011). lebt Gusenbauer seit Mai 2020 in Weißenkirchen in der Wachau und gemeinsam haben sie eine mittlerweile volljährige Tochter.

Bildung Alfred Gusenbauer besuchte von 1966 bis 1970 die Volksschule in Ybbs an der Donau und von 1970 bis 1978 das Bundesgymnasium in Wieselburg. Daraufhin begann er zuerst ein Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Wien, konzentrierte sich aber in der Folge auf das Studium der Politikwissenschaft und der Philosophie, in dem er 1987 über das Thema „Die österreichische Friedensbewegung: Träger, Strukturen und Aktivitäten zwischen 1980 und 1986“ im Ost-West-Kontext promoviert wurde.

Berufliche Tätigkeit Gusenbauer war von 1981 bis 1990 Angestellter der SPÖ, sowie von 1984 bis 1990 Vorsitzender der SJÖ. Von 1990 bis 1999 war er in der Kammer für Arbeiter und Angestellte für Niederösterreich beschäftigt, von 1999 bis Ende Jänner 2000 Landesgeschäftsführer der SPÖ Niederösterreich.

Tätigkeiten nach dem Rücktritt Von Ende 2008 bis Ende Juni 2009 war Gusenbauer als Referatsleiter für Europafragen der niederösterreichischen Kammer für Arbeiter und Angestellte tätig.

Weiters ist er geschäftsführender Alleingesellschafter der Gusenbauer Projektentwicklung & Beteiligung GmbH. Die Firma wurde am 12. Oktober 2008 errichtet und am 21. November 2008 als Specht Projektentwicklung & Beteiligung GmbH unter Dr. Leopold Specht, Rechtsanwalt in Wien, ins Firmenbuch eingetragen. Specht – laut Wiener Zeitung engster Vertrauter von Jelena Nikolajewna Baturina, der Ehefrau von Juri Michailowitsch LuschkowDie russische Milliardärin Elena Baturina kämpft nach dem Sturz ihres Mannes um ihr Firmen-Imperium Die Oligarchin von Kitzbühel, Wiener Zeitung vom 12. Oktober 2010 (abgerufen am 4. Juli 2011). – ist auch politisch aktiv und unter anderem im Aufsichtsrat der Österreichische Bundesbahnen-Holding Aktiengesellschaft und der Austro Control Österreichische Gesellschaft für Zivilluftfahrt mit beschränkter Haftung sowie im Vorstand zweier Stiftungen und Gesellschafter mehrerer GmbHs und in mehreren Gesellschaften Geschäftsführer.Firmenbuchauszüge zu FN 100262w, 305779a und Namensabfrage. Gusenbauer hat die Gesellschaft mittels Übertragungsvertrag vom 12. Dezember 2008 übernommen und hält 100 Prozent der Anteile mit der eingezahlten Mindesteinlage von 35.000 Euro.Firmenbuchauszug zu FN 319413a. Per Ende 2017 wies die Gesellschaft einen kumulierten Reingewinn von 9,758 Millionen Euro aus.

Seit Sommer 2009 ist Gusenbauer in beratender Funktion als Osteuropa-Experte für die WAZ-Mediengruppe (u. a. Beteiligungen an den Tagesblättern Kronen Zeitung und Kurier) tätig.Gusenbauer berät WAZ-Verlag in Österreich In: DiePresse.com vom 12. Juli 2009, abgerufen am 12. Juli 2011.

Vom 31. Juli 2009 bis 1. Mai 2010 saß Gusenbauer im Aufsichtsrat der Alpine Holding GmbHFirmenbuchauszug vom 10. Oktober 2009 zu FN 36605g. und übernahm im Juli 2010 den Aufsichtsratsvorsitz des Konkurrenzunternehmens, des Baukonzerns STRABAG SE.Ex-Arbeitgeber stellt Gusenbauer „unter Beobachtung“ In: DiePresse.com vom 30. April 2010, abgerufen am 12. Juli 2011. Gusenbauer ist ebenfalls Vorsitzender der Haselsteiner-Familienstiftung.

In der vom österreichischen Immobilieninvestor René Benko gegründeten Signa Holding ist Gusenbauer in mehreren Geschäftsbereichen tätig: Am 17. September 2009 wurde er Mitglied des Aufsichtsrats der SIGNA-RECAP Holding AG.Firmenbuchauszug vom 10. Oktober 2009 zu FN 251831s. Stand 2018 leitet er als Vorsitzender die Aufsichtsräte der Signa Development Selection, der Signa Prime Selection und der Signa KidInvest.

Im Herbst 2009 übernahm Gusenbauer einen Posten als Europa-Direktor des chilenischen Investmentfonds Equitas European Funds (Immobilien, Informationstechnologie, Umwelttechnik und Agrarindustrie), einer Tochter der Fondsgesellschaft Equitas Capital SpA mit Sitz in Santiago de Chile.Neuer Job für Gusenbauer in der Vermögensverwaltung. DiePresse.com vom 7. November 2009, abgerufen am 12. Juli 2011.

Im Juni 2010 wurde er weiters in das Board of Directors des kanadischen Bergbaukonzerns Gabriel Resources berufen, eines Unternehmens, das zu 80,46 % an dem umstrittenen Rosia Montana Gold-Projekt in Rumänien beteiligt ist.Rumänien: Kirchen und Umweltverbände laufen seit Jahren Sturm gegen ein gigantisches Bergbauprojekt. mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de vom 31. Oktober 2010, abgerufen am 12. Juli 2011.Denver Gold Forum – September 2010 (abgerufen am 12. Juli 2011) (PDF; 7,6 MB). In: deraktionaer.de vom 27. Oktober 2010, abgerufen am 12. Juli 2011.

Seit Kasachstan Anfang 2010 den OSZE-Vorsitz übernommen hat, berät Gusenbauer den kasachischen Präsidenten Nursultan Nasarbajew.

Im Frühjahr 2011 machte der Immobilienunternehmer Axel Mader seinen langjährigen Freund Gusenbauer zum vorsitzenden Stiftungsvorstand der Wartenfels Privatstiftung.Immo-Branche: Weiterer Job für Gusenbauer. In: derstandard.at vom 15. April 2011, abgerufen am 12. Juli 2011.

Seit 31. Mai 2011 ist Alfred Gusenbauer Miteigentümer der Cudos Advisors GmbH, eines Unternehmens, über welches Investitionskapital aufgebracht werden soll. Wie er sind außerdem mit je 25 % der Anteile an der Cudos Group beteiligt sein langjähriger Anwalt Leopold Specht, der Finanzmann Alon Shklarek, Eigentümer der Investment- und Beratungsgruppe ASP Holding, und der IT-Fachmann Andreas Frech.

Von November 2011 bis Jänner 2012 hielt Alfred Gusenbauer als Gastprofessor mehrere Vorlesungen zum Thema „Die Realpolitik der EU-Institutionen im politikwissenschaftlichen Fokus“ an der Universität Innsbruck.PolitikerIn in Residence In: uibk.ac.at, 15. November 2011.

Seit 2016 ist Gusenbauer Mitglied des Aufsichtsrats des in Berlin ansässigen Think-Tank Dialogue of Civilizations Research Institute. (abgerufen am 9. April 2017).Der lange Schatten nach Moskau Wiener Zeitung, 5. April 2017. Das Institut war vom früheren Präsidenten der russischen Eisenbahnen Wladimir Iwanowitsch Jakunin gegründet worden, der als Putin-Vertrauter gilt. Nach eigenen Angaben sei er dort jedoch nicht mehr tätig.

Er soll zudem die Hapsburg Group koordiniert haben, deren Ziel es gewesen sei, Stimmung für die pro-russische ukrainische Führung des 2014 abgesetzten Präsidenten Wiktor Janukowitsch zu machen.Meret Baumann: Die Spur führt zu Gusenbauer, Neue Zürcher Zeitung vom 25. Februar 2018. Gegenüber der Zeitung Der Standard bestritt er jedoch den Vorwurf des Lobbyings.Gusenbauer dementiert "diskretes Lobbying" in Ukraine, Der Standard vom 14. Juni 2018. Abgerufen am 11. Dezember 2023.

Berichte, nach denen Gusenbauer am 21. September 2016 in den Aufsichtsrat der Novomatic gewählt werden und dann dessen Vorsitz übernehmen sollte,Ex-Kanzler Gusenbauer wird Aufsichtsratschef der Novomatic , kurier.at, 13. September 2016. bestätigten sich nicht. Allerdings war Gusenbauer zuvor jahrelang als Lobbyist für den Glücksspielkonzern tätig gewesen und hatte zeitweise dem Aufsichtsrat des deutschen Tochterunternehmens Löwen Entertainment angehört.

Bis 2017 war er Mitglied des Aufsichtsrates der RHI AG. Nach einer Anfechtungsklage des Investors Rupert-Heinrich Staller gegen vier Mitglieder des Aufsichtsrates, darunter auch Gusenbauer, wegen Verstoßes gegen die im Aktiengesetz geforderte Diversität bei der Besetzung des Aufsichtsrates mit Frauen, Abs. 2a Aktiengesetz. schied Gusenbauer aus.

Im Jahr 2017 gehörte er dem Beirat des Alpenländischen Kreditorenverbands an.

Politische Laufbahn miniatur|links|Alfred Gusenbauer mit Wladimir Putin bei dessen Staatsbesuch in Österreich im Februar 2001 1981 begann seine politische und berufliche Laufbahn bei der SPÖ als Schriftführer. Von 1990 bis 1999 arbeitete er als Angestellter der Kammer für Arbeiter und Angestellte für Niederösterreich. Im Jahr 1999 wurde er Landesgeschäftsführer der SPÖ Niederösterreich und 2000 Bundesgeschäftsführer der SPÖ, bevor er im selben Jahr zum SPÖ-Bundesparteivorsitzenden gewählt wurde.

Zudem war er von 1984 bis 1990 Bundesvorsitzender der Sozialistischen Jugend (SJ) und von 1985 bis 1989 Vizepräsident der Sozialistischen Jugendinternationale (IUSY). Weiters bekleidete er 1989 die Funktion des Vizepräsidenten der Sozialistischen Internationale (SI). 1990 bis 2000 war Gusenbauer Bezirksparteivorsitzender der SPÖ Melk und ist seit 1991 Stadtparteivorsitzender der SPÖ Ybbs an der Donau, Mitglied des Landesparteivorstandes der SPÖ Niederösterreich, Mitglied des Landesparteipräsidiums der SPÖ Niederösterreich, Mitglied der österreichischen Delegation zur Parlamentarischen Versammlung des Europarates seit 1991 und Vorsitzender des Sozialausschusses der Parlamentarischen Versammlung des Europarates 1995–98. Von 2000 bis 2008 war er SPÖ-Bundesparteivorsitzender, von 2000 bis 2007 war er Klubobmann des Sozialdemokratischen Parlamentsklubs, in dem Josef Cap währenddessen als geschäftsführender Klubvorsitzender agierte.

Gusenbauer galt in seiner Funktion als Parteivorsitzender bis zur Nationalratswahl 2006 als umstritten. Bei den Nationalratswahlen 2002 konnte die SPÖ mit Gusenbauer als Spitzenkandidat zwar vier Mandate (+ 3,36 %) zulegen; die ÖVP (+ 15,39 / + 27 Mandate) war aber deutlich erfolgreicher, behielt gemeinsam mit der FPÖ (- 16,9 % / - 34 Mandate) die Mandatsmehrheit und bildete mit ihr neuerlich eine Koalitionsregierung.

Bei der Nationalratswahl 2006 wurde die SPÖ mit 35,34 % der Stimmen wieder stärkste Partei. Am 8. Jänner 2007 einigten sich SPÖ und ÖVP auf die Bildung einer Großen Koalition. Das Koalitionsübereinkommen wurde von Teilen der Partei, einigen der SPÖ nahestehenden Organisationen und Studierendenvertretern teils heftig kritisiert. Im Mittelpunkt der Kritik standen vor allem die unzureichende Berücksichtigung des SPÖ-Wahlprogramms, was den ursprünglich angekündigten Ausstieg aus dem Eurofighter-Kaufvertrag und die Abschaffung der Studiengebühren betrifft, sowie die Ressortaufteilung zwischen SPÖ und ÖVP. Das Abkommen wurde vom Bundesparteivorstand mit 75 % Zustimmung genehmigt.

miniatur|Alfred Gusenbauer bei der Eröffnung des Crossing-Europe-Filmfestivals 2008 in Linz

Die neue Bundesregierung unter Alfred Gusenbauer wurde am 11. Jänner 2007 von Bundespräsident Heinz Fischer angelobt. Während dieses Staatsakts fand auf dem Heldenplatz nahe dem Bundeskanzleramt eine Demonstration mit rund 2.000 Teilnehmern, großteils Studierenden, statt. Der Grund war die während des Wahlkampfs von Gusenbauer versprochene völlige Rücknahme der Studiengebühren, welche im Koalitionsübereinkommen nicht berücksichtigt wurde, woraufhin unter anderem die ÖH-Vorsitzende Barbara Blaha sowie die VSStÖ-Vorsitzende Sylvia Kuba aus der SPÖ austraten.