mini|hochkant|Middlemarch, 1871 Middlemarch. Eine Studie über das Leben in der Provinz (OT: Middlemarch. A study of provincial life) ist der Titel eines 1871 und 1872 zunächst in zweimonatigen bzw. monatlichen Lieferungenim Verlag William Blackwood and sons, Edinburgh, London und dann im selben Jahr als Buch publizierten Romans von George Eliot, einem PseudonymVon Koppenfels (siehe Weblinks) nennt als Gründe für ihr Pseudonym das Bekenntnis zu ihrem Lebenspartner George Henry Lewes, eine Verbeugung vor der französischen Schriftstellerin George Sand, Eliots Abgrenzung zu einer Riege seicht schreibender Frauen und schließlich den Schutz ihrer Privatsphäre. Siehe auch Schmitter (siehe Weblinks), Schwarz (siehe Weblinks) und Zerbst (siehe Literatur), S. 1125. der Schriftstellerin Mary Ann Evans. Ihr Hauptwerk wurde in vielen Auszeichnungen (s. u.) der Weltliteratur zugeordnet.Sampson, siehe Literatur, S. 637: „In der Vielfalt der Szenen und Charaktere sowie in seinem Humor ist Middlemarch einer der größten englischen Romane.“ (In amplitude of scene, character and humour Middlemarch is as great as any novel in the language.) Eliots „bedeutendster Roman“, der „Höhepunkt im Schaffen der Autorin.“ Kindlers neues Literatur-Lexikon. Studienausgabe, Kindler 1996, Band 5, siehe Literatur, S. 129 f. In ihrer umfangreichen Erzählung beschreibt die Autorin Ausschnitte aus dem sozialen Leben der fiktiven englischen Provinzstadt Middlemarch um 1830. Im Mittelpunkt stehen die Beziehungen zwischen Frauen und Männern, die sich in der Anbahnung von Ehen entwickeln und im Ehealltag bewähren oder scheitern. Wegen dieser Thematik wird in der Literaturwissenschaft die Zuordnung Eliots zum frühen Feminismus diskutiert.Strubel (siehe Weblinks) sieht einen „subtilen Feminismus“, und Wilke (siehe Weblinks) liest eine „frühe feministische Literatur.“ Schwarz dagegen meint (siehe Weblinks): „Einerseits eignet sie sich als Vorbild für spätere Feministinnen (…). Andererseits war sie mitnichten feministisch. Ihre Protagonistinnen sind fast durchweg starke Persönlichkeiten, bleiben aber in Konventionen gefangen, nicht zuletzt der des unbedingten Ehewunsches.“ So auch Zerbst (siehe Literatur, S. 1126): „Ein feministischer Roman ist letzten Endes nicht aus Middlemarch geworden. (…) an der Front der Frauenbewegung stand George Eliot nie.“ Bronfen (siehe Literatur, S. 11) merkt an, dass der "Umstand, dass George Eliot sich ein weibliches Glück jenseits der Ehe nicht vorstellen kann, (…) altmodisch" wirkt. Ähnlich Moscovici (siehe Literatur), S. 665: Eliot „Sie dachte nicht, dass die Zeit reif für gleiche Rechte war.“ (She did not consider that the times were ripe for egalitarian views.) Die erste von mehreren deutschen Übersetzungen (s. u.) von Emil Lehmann erschien 1872/73.im Verlag von Franz Duncker, Berlin.
Inhalt Übersicht Die Handlung spielt zwischen 1829 und 1832 vorwiegend in der fiktiven mittelenglischen Kleinstadt Middlemarch, im Dorf Lowick, auf Landgütern mit den Herrenhäusern der Großgrundbesitzer Tipton Grange, Stone Court, Freshitt Hall, Lowick Manor und in den von armen Pächtern bewohnten Weilern.
In den acht Büchern des Romans wechseln vier im Wesentlichen zeitlich parallel zueinander verlaufende Beziehungsgeschichten miteinander ab: Dorothea Brooke und Edward Casaubon bzw. Will Ladislaw, Tertius Lydgate und Rosamond Vincy, Fred Vincy und Mary Garth, Nicholas Bulstrode und Julia Casaubon-Dunkirk (Vorgeschichte) bzw. Harriet Vincy.
Präludium Vom Beispiel der Teresa von Ávila aus postuliert die Erzählerin, dass hin und wieder die „Herzschläge und Seufzer“ einer Frau „der Sehnsucht nach dem unerreichbaren Guten gelten, sich verlieren und sich zwischen Hindernissen verstreuen, statt ihre Kräfte in einer eindrucksvollen Handlung zu bündeln.“ Im Finale wird diese Thematik, auf die Entwicklung Dorotheas bezogen, wieder aufgegriffen.George Eliot: Middlemarch. Eine Studie über das Leben in der Provinz. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg, 1021, S. 8 f.
Erstes Buch Miss Brooke Im ersten Buch und zu Beginn des zweiten werden die Hauptpersonen eingeführt und ihre Lokalitäten beschrieben. Dorothea Brooke, die weibliche Hauptfigur des Romans, lebt nach einem Internatsbesuch in der Schweiz seit einem Jahr mit ihrer jüngeren Schwester Celia als Mündel ihres Onkels Arthur Brooke in seinem Herrenhaus Tipton Granche (Kap. 1 ff.). Die 19-Jährige ist, im Unterschied zu Celia, eine geistig-religiös interessierte, teilweise realitätsferne junge Frau und setzt sich idealistisch für Sozialprojekte ein, z. B. hat sie eine Kinderschule gegründet und plant neue hygienische Häuser für die Kleinbauern. Sie wird wegen ihrer in der Provinz ungewöhnlichen Persönlichkeit vom benachbarten, auf Freshitt Hall wohnenden Baronet Sir James Chettam umworben, einem Mann in ihrem Alter. Sie entscheidet sich jedoch für Reverend Edward Casaubon ('|k|æ|z|ə|b|ɑ:|n), einen in seinem Wesenskern egozentrischen, in seiner Forschung für sein geplantes Buch The Key to All Mythologie eingesponnen 45-jährigen Gelehrten (Kap. 29), an dessen einsamem wissenschaftlichem Leben auf seinem Gut in Lowick sie teilhaben möchte und von dem sie sich eine höhere Bildung erhofft (Kap. 4). Chettam überwindet schnell seine Enttäuschung und umwirbt Celia. Als Dorothea Ende Dezember von ihrer Hochzeitsreise zurückkehrt, sind die beiden verlobt. mini|Familienbeziehungen der Hauptpersonen Die Figuren der drei anderen Handlungsstränge sind durch komplexe Verschwägerungsreihen des Ehepaars Vincy mit Featherstone und Garth einerseits und Bulstrode andererseits verbunden. Fred Vincy ist der älteste Sohn des Kaufmanns und Bürgermeisters von Middlemarch. Die Familie hat kein großes Vermögen, feiert jedoch gern und bewirtet ihre Gäste großzügig. Ihr sorgloser Umgang mit Geld und ihr anspruchsvoller Lebensstil überträgt sich auf die Kinder. Fred hat aus Desinteresse sein Theologiestudium abgebrochen und lebt, von der Mutter verwöhnt, bei seinen Eltern in den Tag hinein (Kap. 11). Er hat sich leichtsinnig verschuldet und bemüht sich um keine Ausbildung und Arbeit, weil er auf das Erbe seines angeblich kinderlosenwie sich am Ende herausstellt hat er einen unehelichen Sohn, dem er seinen Besitz vererbt. Onkels Peter Featherstone in Stone Court spekuliert. Er ist in Mary Gath, eine Freundin aus ihrer Kinderzeit, verliebt, die er oft bei seinen Besuchen des kranken Onkels sieht, bei dem sie als Haushälterin angestellt ist. Rosamond Vincy, Freds attraktive blonde 22-jährige Schwester, ist „nach allgemeiner Meinung […] eine selten anzutreffende Mischung aus Schönheit, Klugheit und Liebenswürdigkeit“.George Eliot: Middlemarch. Eine Studie über das Leben in der Provinz. Rowohlt Taschenbuch Verlag Hamburg, 1021, S. 391 Sie hat märchenhafte Träume und über die Provinz hinausreichende Lebensansprüche. Als sie von der adligen Familie des seit Kurzem in der Stadt praktizierenden Arzt Tertius Lydgate und von seinen Studien in Edinburgh und Paris erfährt (Kap. 11, 16), sieht sie in ihm die Möglichkeit eines gesellschaftlichen Aufstiegs. Sie organisiert eine Begegnung mit ihm im Haus ihres Onkels Featherstone, der von Lydgate behandelt wird. Er gefällt ihr, sie lenkt sein Interesse auf sich und findet Gegenliebe.
Zweites Buch Alt und jung Dorotheas und Casaubons Flitterwochen im Dezember 1829 in Rom führen zu den ersten Enttäuschungen. Während der Gelehrte in der Vatikanischen Bibliothek für sein Buch recherchiert, organisiert er für Dorothea ein Besichtigungsprogramm der Highlights der Stadt mit einem Fremdenführer (Kap. 19). Sie würde sich gern mit ihrem Mann über ihre Eindrücke austauschen, doch für ihn sind seine früheren Rom-Erlebnisse zu trockenem Reiseführerwissen erstarrt, und so durchstreift sie wie in einem Bildungspflichtprogramm die Museen und historischen Ruinen ohne emotionalen Bezug zu ihrer Gegenwart. Als sie die Unzufriedenheit Casaubons mit seinen Untersuchungen bemerkt und ihm vorschlägt, seine umfangreichen Notizen über immer neue Details auf ihre Brauchbarkeit für sein großes philosophisches Werk zu überprüfen und zu sortieren, bevor sie sie kopiert, berührt sie seinen wunden Punkt: Er hat längst den Überblick über sein Forschungsziel verloren und wirkt erschöpft, doch kann er sich nicht aus seiner Sammelmanie lösen und sieht ihr Hilfsangebot als Eingriff einer Unwissenden, die kein Verständnis für die mühevollen Tiefen seiner intellektuellen Arbeit hat, in sein Werk.
In dieser Situation begegnet ihr Will Ladislaw, Casaubons junger Verwandter, der sich zur Ausbildung bei einem deutschen Maler in Rom aufhält (Kap. 21). Sie besuchen zusammen das Atelier des Künstlers Naumann, der Dorothea und Casaubon porträtiert, und sie würde ihn gern als gleichaltrigen Freund in ihr Leben einbeziehen. Ladislaw fühlt sich zu Dorothea hingezogen, hat eine Aversion gegen den Onkel und will seinen Plan, Maler zu werden, aufgeben und in England ein von der finanziellen Unterstützung Casaubons unabhängiges Leben beginnen. Dieser spürt die Rivalität des jungen Mannes und will keine weitere Beziehung zu ihm.
Dem 27-jährigen Lydgate gefällt Rosamond Vincy, aber er kann von seiner adligen Familie kein Erbe erwarten und muss sich erst als Arzt und Forscher Anerkennung verschaffen, bevor er das Einkommen hat, für eine Familie zu sorgen (Kap. 12, 16). Er sieht in seinem Beruf die Möglichkeit, das Leben der Menschen durch seine Vorstellung von Medizin auf wissenschaftlicher Grundlage zu verbessern. Er weiß jedoch, dass seine Pläne in einer Provinzstadt nicht leicht umzusetzen sind, weil sie auf den Widerstand der etablierten Ärzte stoßen (Kap. 15). Deshalb sucht er die Unterstützung des frommen Methodisten und Bankiers Nicholas Bulstrode, der ihn als Leiter seines neuen Hospitals einstellen will, an dem Lydgate Infektionskrankheiten untersuchen könnte.
Drittes Buch Warten auf den Tod Nach ihrer Rückkehr aus Rom ist Dorothea ernüchtert. Auch Casaubon merkt, dass er nicht seine hohen Erwartungen an sich als Forscher und Ehemann gleichzeitig erfüllen kann (Kap.30) und projiziert seine Unzufriedenheit auf Unterhaltungsansprüche seiner Frau. Sie weist seinen Vorwurf als ungerecht zurück, denn ihr einziger Wunsch sei, ihren Mann bei seiner Arbeit zu unterstützen und daran teilzuhaben. Zu diesem Zeitpunkt, im März 1830, fragt Will Ladislaw das Ehepaar in einem Brief, ob er sie in Lowick Manor besuchen darf. Casaubon lehnt dies ab. Kurz darauf bricht er zusammen und Lydgate diagnostiziert einen Herzanfall als Folge permanenter geistiger Überforderung und mahnt zur Reduzierung der Arbeit. Dorothea bittet ihren Onkel, Ladislaw die Ablehnung mitzuteilen. Dieser nutzt jedoch diese Situation für die Vorbereitung seiner Kandidatur als Abgeordneter gegen die von den anderen Gutsbesitzern unterstützen Torys und stellt Ladislaw als seinen Sekretär und Herausgeber der von ihm erworbenen liberal-fortschrittlichen Zeitung Pioneer ein. Hintergrund ist die Diskussion über die Reformpolitik Russels. Der neue Redakteur soll das Blatt als Gegengewicht zum konservativen Trumpet aufbauen, allerdings tritt Brooke als unabhängiger Kandidat und gemäßigter Reformer auf und wirbt um die Unterstützung der Whigs-Anhänger. Casaubon ist über Wills Entscheidung, in Middlemarch zu bleiben, verstimmt und vermutet hinter der Initiative Brookes einen Plan seiner Frau, um Ladislaw in ihrer Nähe zu halten (Kap. 34). mini|Mary Garth und Fred Vincy