Djer (eigentlich Hor-Djer) ist der Horusname eines altägyptischen Königs (Pharaos) der 1. Dynastie während der sogenannten Frühdynastischen Zeit, welcher gemäß Thomas Schneider etwa um 2980 v. Chr. regierte.Thomas Schneider: Lexikon der Pharaonen. Düsseldorf 2002, S. 126. Er war der Nachfolger von König Aha und der Vorgänger von König Wadji.

Djer regierte ungewöhnlich lange, es wird gemutmaßt, dass er vielleicht schon als kleines Kind auf den Thron kam und seine Mutter als eigenständige Herrscherin anfänglich die Regierungsgeschäfte für ihn führte. Djer war außerdem ein politisch wie kulturell sehr aktiver Herrscher. Unter seiner Herrschaft erlebten Kunst und Handel eine neue Blüte und auch das Metallhandwerk erfuhr einen beachtlichen Fortschritt (wie Gold- und Kupfergriffe und -werkzeuge beweisen).

Name und Identität Zeitgenössischer Name König Djer ist ausschließlich durch seinen Horusnamen bezeugt. Dieser erscheint auf Artefakten aller Art (Tonsiegel, Tongefäß-Ritzungen, Gefäßinschriften, Elfenbein-Etiketten etc.) und taucht auch außerhalb Ägyptens auf, so zum Beispiel in der Levante, auf dem Sinai und im unteren Nubien (heutiger Norden Sudans). Sein Name wird mit einem Gardiner-Zeichen dargestellt, das bereits in der Frühzeit unterschiedlich detailliert ausgeführt sein konnte und deshalb heute bisweilen unterschiedlich gelesen und gedeutet wird. Die Mehrheit der Ägyptologie identifiziert das Zeichen als M37, das ein zusammengeschnürtes Flachsfaserbündel abbildet und „Djer“ (ḏr) gelesen wird. Andere Gelehrte sehen darin eine frühe Variante des Gardiner-Zeichens O42, das einen mit Stricken zusammengehaltenen Pflockzaun darstellt. Die Lesung bleibt allerdings stets dieselbe. Die exakte Bedeutung des Namens „Djer“ ist zwar unsicher, doch wird heute allgemein eine Übersetzung als „Abwehrer (des Horus)“ akzeptiert.

Djers Eigenname wird möglicherweise bereits in Tonsiegelabdrücken überliefert. Mehrere Tonsiegel zeigen König Djer in Gestalt einer sitzenden Königsfigur im Wechsel mit einer Imiut-Standarte. Der Sitzfigur ist der Serech mit Djers Horusnamen beigefügt. Sowohl über als auch unter dem Serech erscheint eine Zeichengruppe, die aus den Symbolen M17 (ein Schilfrohrblatt) und X1 (ein Brotlaib) zusammengesetzt ist und Itj gelesen wird. Weitere Tonsiegel zeigen nur Djers Serech und besagte Zeichengruppe im Wechsel. Gelehrte wie Josep Cervelló Autuori sehen darin den Geburtsnamen von Djer und die Vorlage für die späteren Königslisten.Josep Cervelló Autuori: Narmer, Menes and the Seals from Abydos. In: Zahi A. Hawass, Lyla Pinch Brock: Egyptology at the Dawn of the Twenty-first Century. Kairo 2003, S. 168–175.

In späteren Königslisten Der Kairostein, ein Bruchstück des berühmten Annalenstein der 5. Dynastie, nennt Djers vollständige Titulatur. Nach seinem Horusnamen erscheint die Darstellung einer sitzenden Königsfigur mit der Doppelkrone Ägyptens. Es ist unklar, ob es sich um einen eigenständigen, zusätzlichen Königstitel handelt, den Titel Nesut-bitj ersetzen sollte, oder bloß um eine Art Determinativ, das den genannten König als Herrscher über ganz Ägypten ehren soll. Auf die Königsfigur folgt ein Kartuschenname. Hinter diesem wiederum steht ein weiterer Name, der möglicherweise eine frühe Form des späteren Goldnamens darstellte: Ni-nebu („Der Goldene“). Ähnlich wie bei Ninetjer aus der 2. Dynastie sind sich die Ägyptologen bei der Zuordnung des Namens und in seiner Funktion sehr unsicher, da der Goldname als Titulatur eigentlich erst unter Djoser (3. Dynastie) eingeführt wurde.

Der Kairostein nennt auch den möglichen Eigennamen des Herrschers, der mit „Iti“ wiedergegeben wird und in einer Kartusche steht. Hierbei handelt es sich allerdings um einen Anachronismus, da die Schreibung des Königsnamens in Kartuschen erst unter Pharao Huni gegen Ende der 3. Dynastie eingeführt wurde.Wolfgang Helck: Der Name des letzten Königs der 3. Dynastie und die Stadt Ehnas. In: Studien zu Altägyptischen Kultur. Nr. 4, Buske, Hamburg 1976, , S. 125–128. Gemäß Toby A. H. Wilkinson und Henri Gauthier rührt die vermeintliche Stilblüte auf dem Kairostein daher, dass der oder die Verfasser der dortigen Einträge sich dem Druck ausgesetzt sah(en), königliche Namen und Titulaturen den Vorgaben anzupassen, wie sie seit König Snofru fest etabliert waren. Dies beinhaltete das Eintragen von Geburts-, Eigen- und/oder Nebti-Namen innerhalb einer Königskartusche.

In den Königslisten der Ramessidenzeit, nämlich in der Königsliste von Abydos und im Turiner Königspapyrus, erscheint Djer ebenfalls unter dem Kartuschennamen Itetj, der in Abydos der Schreibung des Kairosteins folgt und im Turiner Papyrus eine nur geringfügig abgeänderte Variante darstellt. Ganz offensichtlich hatte der Annalenstein der 5. Dynastie als Vorlage für die Königslisten gedient, was gemäß Ägyptologen wie Toby Wilkinson, Henri Gauthier, Iorwerth Eiddon Stephen Edwards und Georges Daressy die Glaubwürdigkeit der Steintafel untermauert.

Die Königsliste von Sakkara aus dem Grab des Hohepriesters Tjuneroy (19. Dynastie) lässt Djer merkwürdigerweise gar nicht auftreten – allerdings fehlen hier auch die Könige Narmer, Aha, Wadji, Den und Semerchet der 1. Dynastie. Erwähnt werden nur die Könige Anedjib und Qaa. Warum dies so ist, bleibt rätselhaft. Walter Bryan Emery zum Beispiel schlägt als möglichen Grund vor, dass Anedjib und Qaa die einzigen Könige sind, deren Souveränität von Unterägypten anerkannt wurde. Und die Sakkara-Liste entspricht rein memphitischen (also unterägyptische) Traditionen. Damit waren Anedjib und Qaa als Herrscher über Memphis bestätigt. Die Königsliste von Abydos und die Königsliste von Karnak hingegen spiegeln thinitische (also oberägyptische) Traditionen wieder und führen deshalb alle Herrscher der 1. Dynastie auf.Walter B. Emery: Ägypten. London (UK) 1999, Seite 19.

Herkunft und Familie mini|rechts|hochkant=0.7|Elfenbeintäfelchen mit der Nennung der Domäne Hor-ib-netjeru („Horus, das Herz der Götterschaft“). Die Mutter des Djer ist bislang nicht sicher identifiziert. Sie mag eine Dame namens Chenethapi gewesen sein. Ihr Name erscheint allerdings bislang nur auf dem berühmten Kairostein und sie ist zeitgenössisch nicht belegt.Toby A. H. Wilkinson: Early Dynastic Egypt. Routledge, London / New York 1999, ISBN 0-415-18633-1, S. 60 u. 71–73.

Stattdessen legen zeitgenössische Tonsiegelabdrücke, Gefäßgravuren und Felsritzungen nahe, dass Djers Mutter in Wirklichkeit eine gewisse Neithhotep gewesen ist.Günter Dreyer: Umm el-Qaab: Nachuntersuchungen im frühzeitlichen Königsfriedhof. 3./4. Vorbericht. In: Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Abteilung Kairo. (MDAIK) 46. Ausgabe, von Zabern, Mainz 1990, S. 71–74. Ähnlich wie die spätere Königin Meritneith könnte auch Neithhotep eigenständig regiert haben, da ihr Name auf Tonsiegeln aus dem Grab von König Aha und ihrem eigenen in einem königlichen Serech erscheint. Felsritzungen auf dem Sinai berichten von einer Expedition unter Neithhotep während Djers Herrschaft, die von ihr selbst in Auftrag gegeben und geleitet worden war. Ein solches Machtbefugnis hatten zu dieser Zeit aber nur Personen mit Königsrechten.Joachim Willeitner: Die erste Frau auf dem Pharaonenthron. In: Spektrum der Wissenschaft. Internet-Artikel vom 16. März 2016 (Deutsch). Weiter unterstützt wird diese These durch die ungewöhnlichen Ausmaße ihrer Grabanlage. Gewöhnliche Königsgemahlinnen erhielten zu dieser Zeit kein eigenes Grab, sondern wurden in einem verhältnismäßig unscheinbaren Nebenbegräbnis bestattet.Toby Wilkinson: Early Dynastic Egypt. London 1999, S. 70 & 291.Silke Roth: Die Königsmütter des Alten Ägypten von der Frühzeit bis zum Ende der 12. Dynastie. Wiesbaden 2001, S. 31–33. Eine Co-Regentschaft im Kindesalter würde freilich auch erklären, warum Djer so lange herrschen konnte.

Verheiratet war Djer offenbar mit einer Prinzessin namens Herneith,Walter Bryan Emery: Ägypten, Geschichte und Kultur der Frühzeit, 3200-2800 v. Chr. Fourier, Wiesbaden 1964, ISBN 3-921695-39-2, S. 53–58. sowie möglicherweise mit einer Dame namens Penebui. Deren Tod wird auf einem Jahrestäfelchen aus Elfenbein erwähnt.Wolfgang Helck: Untersuchungen zur Thinitenzeit. Wiesbaden 1987, ISBN 3-447-02677-4, S. 119 & 154. Als mögliche Nachkommen des Djer werden unter anderem Königin Meritneith und Pharao Wadji angesehen.Nicolas Grimal: A History of Ancient Egypt. Oxford University Press, Oxford 1998, ISBN 0-631-19396-0, S. 50–53.

Regierungszeit Djer regierte sehr lange; die Ägyptologie geht von 54 Jahren aus. Dies ergibt sich aus den Aufzeichnungen und Rekonstruktionen des Kairosteins und des Palermosteins.Wolfgang Helck: Untersuchungen zur Thinitenzeit. Wiesbaden 1987, S. 124. So sind neun Jahre auf dem Kairo-Fragment Nr. 1 (C1 / K1 = Kairostein) erhalten, zehn weitere auf dem Palermostein. Die Eintragungen belegen, dass unter Djer die Tradition eingeführt wurde, alle zwei Jahre das Horusgeleit zu feiern. Djer gründete die königliche Domäne Semer-netjeru („Vortrefflicher der Götter“),Dieter Arnold, Nigel Strudwick, Sabine H. Gardiner: The Encyclopaedia of Ancient Egypt Architecture. Tauris, London u. a. 2003, ISBN 1-86064-465-1, S. 71. sowie die neue königliche Residenz Hor-sechentj-dju („Horus überragt die Berge“Dilwyn Jones: An Index of ancient Egyptian titles, epithets and phrases of the Old Kingdom. Band 2, Nr. 2209.). Verwaltet wurde die Residenz vom hohen Beamten Amka.Toby A. H. Wilkinson: Early Dynastic Egypt. London / New York 1999, S. 124 & 146 ff. Djer gab auch mehrere Expeditionen in den Sinai in Auftrag. Dort fand sich auch eine Felsinschrift mit seinem Namen.P. Talle, D. Laisnay: Iry-Hor et Narmer au Sud-Sinaï (Ouadi 'Ameyra), un complément à la chronologie des expéditios minière égyptiene. In: Bulletin de l’Institut français d’archéologie Orientale. (BIFAO) Band 112, 2012, S. 387–389, Figur 11. In seinem Grab (und dem seiner Tochter Meritneith) fanden sich Schmuckstücke aus Türkis, das traditionellerweise aus dem Sinai stammt.

Aus einem Kalendereintrag geht das Todesdatum von Djers Vorgänger, König Aha, vom 7. Peret III hervor. Die Regierungszeit von Djer begann am 22. Peret IV.Der 22. Peret IV ergibt sich in einem Normaljahr; in einem Schaltjahr wäre es der 21/22. Schemu I. Da auf dem Annalenstein ansonsten bei einem Regierungswechsel innerhalb des Kalenderjahres die Regierungszeiten zweier Könige 365 Tage ergeben, bleiben die Gründe für die Differenz von 45 Tagen7. Peret III bis 22. Peret IV; in einem Schaltjahr ergeben sich bis zum 21./22. Schemu I 74 oder 75 Differenztage. unklar. In den Pyramidentexten des Alten Reiches wird eine Einbalsamierungsdauer von 70 Tagen genannt, die jedoch bei nur 45 Tagen Regierungszeitdifferenz nicht für eine Mumifizierung eingehalten werden konnte. Siegfried Schott vermutet deshalb ein Interregnum von 1 Jahr, 1 Monat und 15 Tagen. Daneben bleibt die Frage, ob bereits der altägyptische Kalender mit dem zugehörigen Wandeljahr in Gebrauch war oder ob sich die Datierungen auf den ebenfalls 365 Tage umfassenden Sothis-Mondkalender beziehen.Siegfried Schott: Altägyptische Festdaten. In: Akademie der Wissenschaften und der Literatur (Hrsg.): Abhandlungen der geistes- und sozialwissenschaftlichen Klasse. Nr. 10. Mainz 27. Oktober 1950, S. 54.

Auf dem Palermostein sind zehn Regierungsjahre von König Djer erhalten, inklusive seinem Herrschaftsantritt (dargestellt durch das sogenannte „Krönungsjahr“, in der Abbildung im 3. Fenster von rechts zu erkennen).

mini|links|630px|Jahreseinträge für König Djer auf dem Palermostein. Die Inschrift ist von rechts nach links zu lesen. mini|140px|„2. Sterbedatum“.