Dieser Artikel beschreibt die Grammatik der mingrelischen (megrelischen) Sprache (Eigenbezeichnung: margaluri nina). Die wenigen schriftlichen Quellen zu dieser Sprache sind lückenhaft und teilweise sogar widersprüchlich, vielleicht beziehen sie sich auch stillschweigend auf unterschiedliche Dialekte; zweifelhafte Aussagen sind daher im Folgenden durch Fragezeichen gekennzeichnet.
Lautlehre Das Mingrelische ist keine Schriftsprache. Es kann mit dem georgischen Alphabet zuzüglich einiger Zusatzbuchstaben (zum Beispiel für 'j', entstanden aus 'l') niedergeschrieben werden. Weiterhin existieren verschiedene Arten der Umschrift mit lateinischen Buchstaben, die sich teilweise an solchen für andere kaukasische Sprachen orientieren; besonders die Schreibungen für Zischlaute und Halbvokale unterscheiden sich stark voneinander. Einige Varianten sind im Folgenden in Klammern beigefügt. Die Betonung liegt gewöhnlich auf der ersten Silbe eines Wortes.
Konsonanten Die häufigsten Konsonanten sind r, n, k, m, d, t, s, sh, l, g. y kann in einigen Umschriften für [j] stehen, während j dann für [d͡ʒ] steht.
Aspirata und Ejektive Stimmlose Plosive und Affrikata kommen entweder aspiriert oder ejektiv vor. Ejektive sind die einzigen Laute des Mingrelischen, die im Deutschen gar nicht vorkommen. Sie werden mit zusätzlichem Stimmlippenverschluss gesprochen; vor einem Vokal ist der Stimmlippenverschluss deutlich, gewissermaßen als kurze Unterbrechung zwischen Konsonant und Vokal, zu hören. Gekennzeichnet wird der Stimmlippenverschluss durch einen nachgestellten Apostroph (ʼ), manchmal auch durch einen Punkt über oder unter dem jeweiligen Buchstaben.
Aspiriert Ejektiv p [ph] pʼ [pʼ] t [th] tʼ [tʼ] k [kh] kʼ [kʼ] ts [tsh] tsʼ [tsʼ] (andere Umschriften: c, 3) tsh [tʃh] tshʼ [tʃʼ] (andere Umschriften: č, ç)
Der Laut qʼ [χʼ] ist das ejektive Gegenstück zu x.
Sonstige Konsonanten In der hier verwendeten Umschrift werden einige Zeichen anders als im IPA gesprochen: Der Knacklaut [ˀ] wird im Folgenden durch ʼ wiedergeben. Er steht vor Vokalen und oft am Wortanfang. gʼ [γ] (andere Umschriften: ġ, ğ, γ) steht für das stimmhafte Gegenstück zu x; es hört sich ähnlich wie ein deutsches Reibe-R an, während r als gerolltes [r] gesprochen wird. x [χ] (andere Umschrift: h) entspricht dem Deutschen ach-Laut. Außerdem finden die folgenden Kombinationen Verwendung: sh [ʃ] (andere Umschriften: š, ş) steht für den deutschen sch-Laut. zh [ʒ] (andere Umschriften: ž, j, ʒ) wird wie 'j' in 'Journal' gesprochen. dz [dz] (andere Umschrift: zʼ) ist das stimmhafte Gegenstück zu ts, etwa wie 'ds' in 'Rundsaal' gesprochen. dzh [d͡ʒ] (andere Umschriften: c, ǯ, ǰ) wird wie 'dsch' in 'Dschungel' gesprochen.
Konsonantencluster Von besonderer Gewöhnungsbedürftigkeit sind lange Konsonantencluster: Bei mehr als 2 Konsonanten gilt die Reihenfolge Liquida + Dental/Palatal + Velar/Uvular + Labiodental. Für die Anfügung von Präfixen gilt diese Regel jedoch nicht, sodass hier auch andere Verbindungen vorkommen. Die Konsonanten m, n, l, r sind nie silbenbildend.
Vokale Mingrelisch kennt die 5 Grundvokale a, e, i, o, u, und zusätzlich ə (Schwa), welches jedoch nur im Nordwestdialekt vorkommt (?); am Wortende wird es häufig gar nicht ausgesprochen.
i, o, u sind eher geschlossen [i, o, u], e kommt auch offen vor als [ε]. Die langen Vokale [a:, e:, u:], (?) die im Nordwestdialekt vorkommen, werden durch Doppelschreibung gekennzeichnet (in anderer Schreibweise durch übergeschriebenes ¯), haben aber keinen Phonem-Status. i und u werden vor einem Vokal als Halbvokale ([j], [w]) gesprochen; uu bezeichnet jedoch langes [u:].
Hörbeispiele zur Lautlehre: siehe Weblinks
Nominale Wortarten und Deklination Deklinierbare Wortarten im Mingrelischen sind: Substantive, Verbalnomina, Adjektive, Partizipien, Pronomen. Mingrelisch hat keine Artikel. Als Ersatz können stehen das Zahlwort art-i „eins“ oder ein Demonstrativpronomen (s.u.). Im Mingrelischen werden keine Genera unterschieden, nicht einmal bei Personalpronomen.
Kasus und Numerus Mingrelisch verfügt über ein System von 9 Kasus, für die zum Teil unterschiedliche Bezeichnungen existieren.
KasusbezeichnungenVerwendung im MingrelischenEndung MingrelischEndung GeorgischNominativ(-Akkusativ) [NOM]AbsolutivGruppenflexionSubjektdirektes ObjektUrsache-(i)-iVokativDirekte Anrede-(w) nach Vokal-o nach KonsonantErgativ [ERG]NarrativSubjektUrsache-(ə)k-m nach Vokal-ma nach KonsonantDativ(-Akkusativ) [DAT]ObjektExperiencerOrt, Zeit...-s-s(a)Genitiv [GEN]AttributSubjekt/Objekt bei Infinitiv od. Partizip-ish(i)-is(a)Instrumental(is) [INS]Mittel-it(i)-ti nach Vokal-it(a) nach KonsonantAdverbialis [ADV]TransformativWie oder zu was etwas wirdAdverbbildung-t nach Vokal-o(t) nach Konsonant-ad(a)Aus dem Genitivabgeleitete Kasus:Allativ [ALL]DirektivHandlungsziel, RichtungObjekt-ishaAblativ [ABL]Herkunftsort-ishe(ni?)-isaganFinalis [FIN]DesignativDestinativ-isho(t)
Hochgestellte Laute stehen nur direkt nach einem Konsonanten. Laute in runden Klammern sind optional. In der Emphase können mit Konsonant auslautende Endungen durch -i oder Schwa verstärkt werden (z. B. kʼotshkə „dem Manne“). Die Dativ-Endung -s verschmilzt mit einem konsonantischen Stamm je nach dessen Auslaut, zum Beispiel: kʼotsh-i „Mann“ > kʼots / kʼos „(dem) Manne“, dud-i „Kopf“ > dus „(dem) Kopfe“.
Das Pluralinfix -ep- (das nach einem Zahlwort nicht nötig ist) wird zwischen Stamm und Kasusendung eingeschoben, wobei es in einigen Kasus zu Assimilationen kommt: Ergativ: -e(n)k Dativ: -e(n)s, -ents (?) Stammauslautendes -l, das bei den betreffenden Substantiven im Singular abgefallen ist, wird im Plural wieder eingefügt. Daher: skua/xe „Sohn/Hand“ > skualepi/xelepi „Söhne/Hände“ usw.
Kongruenz Subjekt und Objekt Mingrelisch ist eine erweiterte Split-Ergativ-Sprache. Je nachdem, in welchem Screeve ein finites Verb steht, erscheinen Agens, Patiens usw. in unterschiedlichen Kasus (Näheres siehe im Abschnitt 'Screeves').
Zuordnung nach Tuite:Kevin Tuite: Kartvelian Morphosyntax. Université de Montréal. Zu einem finiten Verb gehören maximal drei Nominalphrasen: # NP1: etwa Subjekt (Agens, Quelle, Thema, Patiens) # NP2: etwa indirektes Objekt (Adressat, Rezipient, Experiencer, Benefaktor) # NP3: etwa direktes Objekt (Patiens, Ziel, Instrument)
NP1 NP2 NP3 TAM I, IV Nominativ Dativ Dativ TAM II Ergativ Dativ Nominativ TAM III * ** Nominativ
*: Nominativ bei Verben der 1. und 3. Klasse, sonst Dativ **: wird mit einer Postposition umschrieben
Zuordnung nach Rostovtsev-PopielRostovtsev-Popiel: Megrelian Verbal Inflection. St. Petersburg State University.: TAM I,IV TAM II TAM III Konjugation A Subjekt (v-) Nominativ Ergativ Dativ Objekt (m-) Dativ Nominativ Dativ Konjugation B Subjekt (v-) Nominativ Ergativ Dativ Konjugation C Subjekt (v-) Nominativ Ergativ Nominativ Konjugation D Ursache (v-) Nominativ Ergativ Nominativ Experiencer (m-) → Dativ ←
Subjekt und Verb Für die Subjekt-Verb-Kongruenz nach einem Zahlwort gilt: Wird das Pluralinfix ausgelassen, steht auch das Verb meist im Singular. Wird das Pluralinfix benutzt, steht das Verb nur sehr selten im Singular.
Bei einem unbelebten Subjekt im Plural steht das Verb im Singular (z. B. dzhalepi kotshʼans (Baum-PL-NOM stehen:3.SG) „die Bäume stehen“).
(?) Bei mehreren Verben zu einem Pluralsubjekt (auch belebt) kann das erste von ihnen auch im Singular stehen. Anscheinend hängt die Numeruskongruenz mit der Topikalität zusammen.
Attribute zu einem Nomen Im Mingrelischen herrscht Gruppenflexion: Nur das letzte Wort bei einer Kette aus Nomen und nominalen Attributen erhält Kasusendungen, während die vorausgehenden Attribute im Nominativ stehen. Teilweise steht sogar das Bezugsnomen unmarkiert im Nominativ, wenn ein Attribut nachgestellt wird (z. B. tshxom-i tshʼitshʼe-k (Fisch-NOM klein-ERG) „ein kleiner Fisch“). Nachgestellte Genitive kongruieren oft mit dem Bezugssusbtantiv (z. B. kʼeteba-s ʼude-shi-s (Bau-DAT Haus-GEN-DAT) „dem/den Bau des Hauses“)
Adjektive Adjektive können wie Nomen dekliniert werden (s. aber den Abschnitt 'Attribute zu einem Nomen'). Ableitungen aus Adjektiven beinhalten keine Steigerungsformen; die Bildung von Adverbien ist gemeinhin aus dem Adverbialis oder Dativ entstanden:
Positiv: mangar-i „stark“, tshkar-i „schnell“ Adverb: mangar-o „auf starke Weise“, tshkar-as „bald“
utsha „schwarz“ > mo-utsh-e „schwärzlich“
Zahlen Kardinalzahlen 1 art-i 2 zhir-i 3 sum-i 4 otx-i 5 xut-i 6 amshv-i 7 shkvit-i 8 (b)ruo 9 tshxoro 10 viti 11 vit-a-art-i
20 etsh-i 30 etsh-do-vit(i) (20 und 10) 40 zhar-n-etsh-i (2-mal 20) 50 zhar-n-etsh-do-vit(i) (2-mal 20 und 10) 60 sume-n-etsh-i (3-mal 20) 70 sume-n-etsh-do-vit(i) (3-mal 20 und 10) 80 otxo-n-etsh-i (4-mal 20) 90 otxo-n-etsh-do-vit(i) (4-mal 20 und 10)
100 osh-i 200 zhir-osh-i 300 sum-osh-i 400 otx-osh-i 500 xut-osh-i 600 ansh-osh-i 700 shkvit-osh-i 800 bru-osh-i 900 tshxor-osh-i
1.000 antas-i 2.000zhir-antas-i 10.000 vit-antas-i 100.000 osh-antas-i
Ordinalzahlen 1. pʼirveli „der erste“ 2. ma-zhir-a „der zweite, ein anderer“ 3. ma-sma 4. ma-otx-ani 5. ma-xut-a 6. ma-mshv-a 7. ma-shkvit-a 8. ma-(b)ruo 9. ma-tshxor-a 10. ma-vit-a 20. ma-etsh-a
Pronomen (Quelle: Wolfgang Schulze: Unbekannter Titel. Kapitel ‚Mingrelisch‘.) Personalpronomen
Kasus'ich''du''er/sie''wir''ihr, Sie''sie'Nominativmasimutshkitkva (?) munepiErgativDativ-Akkusativ(?) musGenitiv(Possessiva)tshkimiskani(?) mushitshkinitkvani(?) mushiInstrumentalAllativ(?) tshkimdatshkindatkvanda
Häufiger als mu sind die Demonstrativpronomen; (?) mu kann auch „was?“ bedeuten. Die 2. Personal Plural tkva wird auch als höfliche Anrede „Sie“ verwendet.
Demonstrativpronomen Bei Demonstrativpronomen wird zwischen Nahdeixis (das Bezeigte ist nahe beim Sprecher, „dies hier“) oder Ferndeixis (das Bezeigte ist weiter weg, „jenes da“) unterschieden. Das Pronomen der Nahdeixis ist ena, das der Ferndeixis ina (Plural: inepi). In der Emphase können beide erweitert werden: ena > tena > atena, ina > tina > etina. Weitere Varianten sind e (Ergativ ek) sowie te/ti „es, jener“. Deklination von tena: tenak, tenas, tenash … Deklination von atena: atek, ates, ateshi …; atenepi, atenenk, atenens, atenepishi …
Konjugation Mingrelisch ist eine Split-Ergativ-Sprache mit der besondere Eigentümlichkeit, dass nicht mehr zwischen transitiven und intransitiven Verben unterschieden wird. Der Ergativ als Subjekt dient also lediglich noch als Aorist-Marker.
Verbklassen Zuordnung nach Tuite: Klasse A: 1. Konjugation (meist transitiv) 3. Konjugation (mediale Verben; Verben atelischer Aktivität, meist intransitive Verben)
Klasse P: 2. Konjugation Verben mit Präfix (Vorwurzelvokal i/e-) Verben mit Suffix (Suffix -n/d) meist inchoative Wurzeln (unmarkiert) 4. Konjugation (stative Passiva)
Zuordnung nach Rostovtsev-Popiel: Klasse A: Transitivaz. B. bxantʼunk „ich male“, vashenenk „ich baue“ Klasse B: meist aktive Intransitivaz. B. vmushenk „ich arbeite“, vibirk „ich singe“ Klasse C: meist inaktive Intransitivaz. B. vorek „ich bin“, bgʼuruk „ich sterbe“, voxek „ich sitze“ Klasse D: Affektive Verbenz. B. mokʼo „ich will“, mioʼrs „ich liebe“, matsiens „ich habe kalt“
Affixe Im Mingrelischen können sich zahlreiche Affixe in fester Reihenfolge um eine Verbwurzel herum gruppieren; es gibt im Prinzip kein bedeutungsloses Element für unbesetzte Stellen. In der folgenden Aufzählung wird die Verbwurzel mit '0' bezeichnet, die Präfixe mit negativen, die Suffixe mit positiven Zahlen:
-5 Affirmativ / Negation -4 Präverb -3 Imperfektivierendes Präverb -2 Subjekt / Objekt -1 Versionalisierer 0 Wurzel 1 Kausativ 2 Inchoatives Passiv 3 Serien-Markierung 4 Imperfekt 5 Subjunktiv 6,7 Subjekt 8 Konditional
Affirmativ und Negation