mini|Der Eingangsbereich heute mini|Sarkophag des L. Cornelius Scipio Barbatus (A) in den Vatikanischen Museen mini|Derselbe Sarkophag auf einem Stich von Giovanni Battista Piranesi etwa 1756 im Zustand des ursprünglichen Fundes, dahinter die Platte mit der Inschrift I (Paulla Cornelia)
Das Grab der Scipionen ist eine antike unterirdische Grabanlage in Rom. Sie wurde um 280/270 v. Chr., zur Zeit der Römischen Republik, angelegt und war zunächst der Familie der Scipionen vorbehalten, eines patrizischen Zweiges aus dem Geschlecht der Cornelier. Ab der Kaiserzeit wurden dort auch Urnen mit der Asche verstorbener Mitglieder der Lentulier, eines weiteren Zweiges der Cornelier, beigesetzt. Nach dem Zusammenbruch des Römischen Reiches geriet die Grabstätte in Vergessenheit. Im 17. Jahrhundert wurde sie erstmals wieder erwähnt, jedoch erst im späten 18. Jahrhundert endgültig wiederentdeckt. Die auf den Sarkophagen angebrachten Inschriften aus der Zeit der Republik geben einen Einblick in die sozialen Verhältnisse der römischen Aristokratie. Darunter befinden sich die beiden sogenannten Scipionenelogien, welche zu den ältesten bekannten lateinischen Texten zählen, die in Versen verfasst sind.
Lage
mini|Lage des Scipionengrabs im Süden des spätantiken Rom Schon im Zwölftafelgesetz des 5. Jahrhunderts v. Chr., dem ältesten kodifizierten römischen Recht, waren Bestattungen innerhalb des römischen Stadtgebiets ausdrücklich verboten worden. Hygienische Gründe sowie die Feuergefahr bei Brandopfern dürften dabei eine Rolle gespielt haben. Archäologisch lässt sich vom späten 6. bis zum 3. Jahrhundert vor den damaligen Toren Roms eine Reihe von Friedhöfen und Grabanlagen nachweisen.Hesberg, Römische Grabbauten, S. 19ff.
Ursprünglich wurde die Anlage eine römische Meile, also etwa 1470 bis 1490 Meter, außerhalb der Servianischen Stadtmauer vor der Porta Capena an einer kleinen Traverse zwischen der ab 312 v. Chr. neu erbauten Via Appia und der Via Latina angelegt.
Nach der Stadterweiterung in augusteischer Zeit befand sich die Grabanlage nunmehr im Bezirk I (Porta Capena). Als das ursprünglich religiös definierte Stadtgebiet durch den Bau der Aurelianischen Stadtmauer um 270 erheblich erweitert worden war, lag sie nun innerhalb der Stadtumwehrung. Zu diesem Zeitpunkt war sie allerdings schon seit etwa zwei Jahrhunderten nicht mehr für Bestattungen genutzt worden.
Das Ausgrabungsgelände gehört heute zum XIX. Römischen Rione Celio an der Via di Porta San Sebastiano, 9 und liegt etwa 250 Meter vor der Porta San Sebastiano, der antiken Porta Appia. Hier befindet sich auch das aufwändig dekorierte Kolumbarium des Pomponius Hylas aus dem 1. Jahrhundert n. Chr.
Baugeschichte
mini|Grundriss und Schnitte der großen und kleinen Grabkammer von Piranesi, etwa 1756 mini|Rekonstruktion der Fassade nach Coarelli 2000 mini|Rekonstruktion der Fassade von Canina 1853
Das Grab der Scipionen ist ein sogenanntes Kammergrab und gehört damit zu einem der ältesten Grabtypen an der Via Appia.Hesberg, Römische Grabbauten, S. 76 mit sehr vorsichtigem eigenen Rekonstruktionsvorschlag S. 77. Zu diesem Typus zählen auch die Gräber der Servilier sowie der Meteller und des Calatinus.Coarelli, Rom – Ein archäologischer Führer, S. 350.
Lucius Cornelius Scipio Barbatus, der als Stammvater der cornelischen Scipionen gilt,Kruschwitz, Die Datierung der Scipionenelogien CLE 6 und 7, S. 273, Fn. 6. ließ die Grabanlage für sich und seine Nachkommen anlegen. Seine konkreten Motive sind nicht bekannt, doch war die Errichtung einer größeren Grabanlage in der Antike Ausdruck aristokratischen Standesbewusstseins.Coulston und Dodge, Ancient Rome, S. 265. Da ältere Sarkophage der Cornelii Scipiones an anderen Stellen gefunden wurden, wird vermutet, Scipio Barbatus habe einen neuen Zweig der Cornelier begründen wollen. Es ist möglich, dass die Cornelier Grundbesitz an dieser Stelle hatten; darauf deutet das Grab des Publius Cornelius Scapula hin, Konsul des Jahres 328 v. Chr., der ebenfalls in dieser Gegend seine letzte Ruhestätte erhielt.
Die Errichtung einer solchen Grabanlage für mehrere Generationen kann auch damit erklärt werden, dass Angehörige der Gens Cornelia ungewöhnlicherweise zur Zeit der Republik nahezu nie durch Brandbestattung beigesetzt wurden.Astin, Scipio Aemilianus, S. 244, Fn. 3 unter Bezugnahme auf Cicero, De Legibus 2,57 und Plinius der Ältere, Naturalis historia 7,187. Als erster patrizischer Cornelier wurde 78. v. Chr. Sulla – im Rahmen eines Staatsbegräbnisses – verbrannt.Cicero, De legibus 2, 57: primus e patriciis Corneliis igni voluit cremari „als erster der patrizischen Cornelier wollte er [Sulla] verbrannt werden“. Das Staatsbegräbnis Sullas: Appian, Bürgerkriege 1, 105–106; Plutarch, Sulla 38. Die Erdbestattung der Cornelier konnte durchaus von symbolhaften Handlungen begleitet sein. So befahl Metellus Macedonicus, der langjährige Widersacher des Scipio Aemilianus, seinen Söhnen, die Bahre mit dem Leichnam seines Gegners zum Grab zu tragen.Astin, Scipio Aemilianus, S. 244.
Unterirdische Anlage
Die Anlage wurde in eine BöschungErgibt sich aus Coarelli, Il sepolcro degli Scipioni a Roma, Plan auf S. 9. des dort vorhandenen Cappelacciotuffs gehauen. Zwar könnte die Örtlichkeit schon zuvor etwa als Steinbruch genutzt worden sein, wahrscheinlicher ist jedoch, dass die Kammern eigens für das Grab errichtet wurden.Coarelli, Rom – Ein archäologischer Führer, S. 352. Die größere der beiden Kammern lässt sich durch den ältesten dort gefundenen Sarkophag, denjenigen des Scipio Barbatus, auf den Beginn des 3. Jahrhunderts v. Chr. datieren.Coarelli, Rom – Ein archäologischer Führer, S. 355–356. Der kleinere Grabraum ist deutlich jünger, er entstand zwischen 150 und 135 v. Chr. Die älteste im kleineren Grabraum gefundene Inschrift stammt aus dem Jahre 135 v. Chr., während die letzte Bestattung in der größeren Grabkammer 150 v. Chr. vorgenommen wurde.Coarelli, Rom – Ein archäologischer Führer, S. 357. Die Anlage der zweiten Kammer wurde notwendig, weil die ursprüngliche Kammer zu dieser Zeit mit etwa 30 Sarkophagen vollständig belegt war. Vermutlich wurde sie von Scipio Aemilianus veranlasst, der hier als erster neben seiner Ehefrau Sempronia begraben wurde.Leonella de Santis, I segreti di Roma sotterranea, S. 244.
mini|links|Grundriss von Canina 1853 Die Grabanlage mit einer Grundfläche von etwa 15 mal 17 Metern wurde fast quadratisch so angelegt, dass jeweils vier Längsgänge von zwei Quergängen durchschnitten werden. Die so übrig bleibenden vier großen Felspfeiler der Hauptkammer dienten zur Absicherung der Decke. Der südlichste dieser Pfeiler gehört der jüngeren, kleineren Kammer an und hat eine etwas abweichende Ausrichtung. Die Sarkophage wurden um diese Pfeiler oder an die Wände gestellt. Teilweise wurden aus Platzgründen auch Nischen in die Wände gehauen. Einen Hinweis auf die vollständige Belegung der größeren Grabkammer gibt auch die Wahl des Platzes für die Bestattung der Paulla Cornelia (Inschrift I), die hinter dem Sarkophag von Scipio Barbatus (Inschrift A) beigesetzt wurde. Dabei erhielt ihr Sarkophag keine eigene Vorderwand, und der Deckel mit der Inschrift lag direkt auf der Hinterwand des Sarkophags des Barbatus auf.Coarelli, Rom – Ein archäologischer Führer, S. 356–357. Ob zwischen den beiden Kammern eine räumliche Verbindung bestand, ist nicht bekannt.
Oberirdischer Bau Die oberirdische Anlage entstand ebenfalls im 2. Jahrhundert v. Chr. wahrscheinlich im Auftrag des Scipio Aemilianus, der in der Zeit zwischen 146 und 133 v. Chr. eine führende Stellung in der römischen Aristokratie einnahm. Er wollte wohl ein „Museum zum Ruhm der Familie“ errichten oder in Zeiten politischer Rivalität mit anderen aristokratischen Familien ein Zeichen setzen.
Wahrscheinlich wurden damals auch im Inneren Umbauten vorgenommen, hauptsächlich aber wurde die oberirdische Fassade über den Grabzugängen errichtet. Sie war in das Felsmassiv getrieben, von großen Leerflächen an den Seiten umgeben und bestand aus Halbsäulen über einem Podium. Der Eingang des neueren Grabraumes ist in den Bau einbezogen. Die Fassade war bemalt, drei aufeinander folgende Schichten konnten festgestellt werden. Aus den Angaben von Titus Livius und Sueton ist bekannt, dass der Bau zudem mit drei Statuen geschmückt war. Das Grabmal muss sich in dieser Form „dem von Rom kommenden Passanten wirkungsvoll an der Via Appia dargeboten haben.“Hesberg, Römische Grabbauten, S. 22.
Erwähnung bei klassischen römischen Schriftstellern
Das Grab wird bei drei antiken römischen Schriftstellern erwähnt.Zitate aus: Coarelli, Il sepolcro degli Scipioni a Roma, S. 8/9.
Bei Marcus Tullius Cicero heißt es: „Wenn du aus der Porta Capena heraustrittst und die Gräber des Calatinus, der Scipionen, der Servilier, der Meteller siehst, hältst du sie etwa für unglücklich?“Cicero, Tusculanae disputationes 1,7,13: an tu egressus porta Capena cum Calatini Scipionum Serviliorum Metellorum sepulcra vides, miseros putas illos?.
Titus Livius erwähnt das Grab wie folgt: „In Rom befinden sich außerhalb der Porta Capena im Grabmal der Scipionen drei Statuen, von denen zwei die des Publius und Lucius Scipio sein sollen, die dritte die des Dichters Quintus Ennius.“Titus Livius, Ab urbe condita 38,56: Romae extra portam Capenam in Scipionum monumento tres statuae sunt, quarum duae P. et. L. Scipionum dicuntur esse, tertiae poetae Q. Enni.
Schließlich schreibt Sueton über die Anlage: „Der Dichter Ennius starb mit 70 Jahren an einer Gliederkrankheit und wurde im Grabmal Scipios beigesetzt, noch vor dem ersten Meilenstein außerhalb der Stadt.“Sueton bei Hieronymus, Chronik p. 25 Reiff.: Ennius poeta septuagenario maior articulario morbo periit sepultusque est in Scipionis monumento intra primum ab urbe milliarium.
Aus diesen Erwähnungen geht hervor, dass die Lage des Grabes innerhalb der ersten antiken römische Meile vor der Porta Capena bekannt war. Über das zeitgenössische Erscheinungsbild der Anlage sind durch diese Aufzeichnungen einige Informationen erhalten geblieben.
Nutzungsdauer
Das Grab wurde vom Tode des Scipio Barbatus, der etwa 270 v. Chr. starb, bis in die Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. für Körperbestattungen genutzt. Das bekannteste Familienmitglied, Scipio Africanus, ist allerdings nicht hier beigesetzt. Nach Livius und Seneca fand er bei seiner Villa in Liternum unweit von Volturnum (Castel Volturno) und Puteoli (Pozzuoli) seine letzte Ruhe.Hesberg, Römische Grabbauten, S. 23 unter Bezug auf Livius (38,56,1) und Seneca (ep. 86,1) sowie Valerius Maximus (5,3,2).
In der Kaiserzeit fanden dann Urnenbeisetzungen von Mitgliedern der zu den Corneliern gehörenden, jedoch weniger bekannten Lentulier statt, welche die Grabanlage von den ausgestorbenen Scipionen geerbt hatten. Vermutet wird, dass diese sich „aus einem gewissen snobistischen Ehrgeiz“ und „nicht frei von politischen Absichten“Beide Zitate aus Coarelli: Rom – Ein archäologischer Führer, S. 359. im Scipionengrab beisetzen ließen.
Wiederentdeckungen und Geschichte bis heute
Erste Wiederentdeckung 1614