mini|300px|Nilmosaik von Palestrina Das Nilmosaik von Palestrina (auch bekannt als Barberinisches Mosaik) ist ein 5,85 × 4,31 m großes antikes Bildmosaik aus dem Heiligtum der Fortuna Primigenia in Praeneste, dem heutigen Palestrina, und ist die am besten erhaltene und bedeutendste Darstellung einer antiken Nillandschaft. Eine aus Fragmenten rekonstruierte Fassung befindet sich im Museo Nazionale Prenestino, dem ehemaligen Palazzo Barberini-Colonna. Ein Segment befindet sich in der Antikensammlung in Berlin.Segment mit der Pergola (Nr. 19); 0,95 × 1,02 m. Berlin, Antikensammlung Inv. Mos. 3.
Entstehung und Datierung Lage mini|300px|Unterer Komplex des Heiligtums Das Nilmosaik befand sich ursprünglich in einer Apsis eines Hallenbaus, der Teil des sogenannten unteren Komplexes des Heiligtums der Fortuna Primigenia war. Diese Apsis war 6,87 m breit, 4,35 m tief und etwa 10 m hoch. Sie schloss unmittelbar an den dort anstehenden Fels an. Wegen der Porosität des Gesteins wird davon ausgegangen, dass Wasser aus dem Fels drang und das Mosaik mit einer dünnen Schicht Wasser bedeckte. Möglicherweise befanden sich Fassungen in den drei den Apsisbogen durchbrechenden Nischen, die jede etwa 80 cm tief und 90 cm breit sind. Es handelt sich also um eine Grottennymphäum. Die Halle selbst war 22 m lang, 14 m breit und mindestens 14 m hoch. Unter ihrem Boden befand sich das Aerarium von Praeneste.
Auf der linken Seite der Halle befand sich ein Durchgang zu einem größeren, möglicherweise überdachten, mindestens zweistöckigen Bauwerk, das durch mehrere Säulenreihen gegliedert war. Links an diese Säulenhalle anschließend befindet sich ein weiteres Grottennymphaeum, dessen Boden mit einem weiteren Mosaik geschmückt war, das sich zum Teil noch an Ort und Stelle befindet, das sogenannte Fischmosaik von Palestrina.
Vor der Säulenhalle befand sich ein Tempel, von dem einige Reste sich noch unter der Kirche San Agapito befinden. Welcher Gottheit der Tempel gewidmet war, ist unbekannt.
Heiligtum oder Forum? Die Interpretation und Datierung des Nilmosaiks ist ebenso umstritten wie die Funktion des ganzen Baukomplexes.Zur folgenden Argumentation siehe Meyboom: Nile Mosaic. Kapitel II, S. 8–19.
Ende des 19. Jahrhunderts vertrat Orazio Marucchi in mehreren PublikationenOrazio Marucchi: Nuove osservazione sul mosaico di Palestrina. In: Bullettino della Commissione archeologica comunale di Roma. 23, 1895, S. 26–38 (Digitalisat). die Ansicht, es handele sich bei dem Komplex um das eigentliche Heiligtum der Fortuna, wobei er sich auf eine Beschreibung des Heiligtums bei Cicero stützt.Cicero: De divinatione. 2, 41 (85–87). Dementsprechend wurde die Säulenhalle als Area sacra oder Tempelvorhof identifiziert, das Nymphäum mit dem Fischmosaik galt als der Fundort der sortes Praenestinae, der Lose, denen das Heiligtum seinen Ruf als Orakelstätte verdankte, und das Gebäude mit der Apsis war das Aedes Fortunae, das eigentliche Heiligtum der Fortuna.
Das Vorhandensein der beiden Mosaike schien die Annahme zu stützen, da in der Naturgeschichte des Plinius erwähnt wird, dass Sulla dem Heiligtum der Fortuna in Praeneste einen lithostrotos, also einen steinernen Bodenbelag, gestiftet habe: Lithostrota coeptavere iam sub Sulla; parvolis certe crustis exstat hodieque quod in Fortunae delubro Praeneste fecit.Plinius der Ältere: Naturalis historia. 36 64, 189. „Lithostrota kamen schon zu Sullas Zeit in Verbreitung. Jedenfalls existiert noch heute ein aus kleinen Marmorstücken bestehender solcher Belag, den Sulla im Heiligtum der Fortuna in Praeneste hatte anbringen lassen.“ Dieser Argumentation bediente sich insbesondere Richard Delbrueck.Richard Delbrueck: Hellenistische Bauten in Latium. 2 Bände. Trübner, Strassburg 1907/1912. Ob nun unter lithostrotos () ein großformatiges Mosaikbild verstanden werden kann, erscheint nicht sicher. Für Bildmosaiken gab es im Griechischen spezifisch die Bezeichnung Emblema ( „das Eingesetzte“), von dem sich das Wort Emblem herleitet. Die Wortbedeutung kam daher, dass Bildmosaike in einer Kastenform aufgebaut und dann mit dem Kasten in einer größeren, einfacher gestalteten Bodenfläche eingelassen wurden. Die Römer dagegen bezeichneten Bildmosaike spezifisch als opus vermiculatum.
Fundgeschichte Wann das Mosaik gefunden wurde, ist nicht genau bekannt. Es wird 1607 in einer Beschreibung des Bistums Palestrina erstmals erwähnt,Antica descrizione del Vescovado di Palestrina (nicht erhalten). aus der hervorgeht, dass es möglicherweise schon 1588 entdeckt wurde. Bekannt wurde es 1614 durch Federico Cesi, den Begründer der Accademia dei Lincei, der wiederum den Kardinal Francesco Barberini auf die Bedeutung des Fundes aufmerksam machte. Die Barberini waren zu dieser Zeit die Herren von Palestrina. Der Kardinalnepot des 1623 als Urban VIII. zum Papst gewählten Maffeo Barberini ließ das Mosaik zwischen 1624 und 1626 in Segmente zerlegen und nach Rom bringen. Das Mosaik ging dort in den Besitz von Lorenzo Malagotti über, Kardinalstaatssekretär und ebenfalls ein Onkel von Francesco Barberini. Durch Malagotti gelangte das Segment mit der Pergola 1628 als Staatsgeschenk an Ferdinand II. Medici, Großherzog der Toskana und über mehrere weitere Besitzer schließlich in die Antikensammlung in Berlin.
Nachdem Francesco Barberini 1627 Direktor der Biblioteca Apostolica Vaticana geworden war, ging das Mosaik wieder in seine Verfügung über. Durch Battista Calandra, dem bedeutendsten Mosaikkünstler der Zeit, ließ Kardinal Barberini das Mosaik restaurieren und die Segmente zu einer Gesamtkomposition verbinden, welche die existierenden Lücken schloss. Das Segment mit der Pergola wurde durch eine Kopie ersetzt. Diese restaurierte Form entspricht im Wesentlichen der heute bekannten.Rechts und links oberhalb des Mosaiks war ursprünglich das Wappen der Barberini eingefügt. Diese wurden 1953 entfernt und die Einschnitte in den Halbkreisbogen gefüllt.
Das Mosaik war inzwischen berühmt und die Bürger von Palestrina verlangten seine Rückführung. 1640 veranlasste Kardinal Barberini die Überführung in den Palazzo Colonna-Barberini in Palestrina. Durch unsachgemäße Lagerung beim Transport nahm das Mosaik allerdings erheblichen Schaden. Die Kisten waren verkehrt herum gelagert worden (mit der Bildseite nach unten), sodass sich die Bildsteine bei der Fahrt auf holprigen Wegen aus dem Verbund lösten, weshalb das Mosaik nach der Ankunft in Palestrina erneut restauriert werden musste.Joseph Maria Suaresius: Praenestes antiquae libri duo. Palestrina 1640 u. 1655 (Digitalisat).
Beschreibung 300px|mini|Originale Segmente (farbig) entsprechend den Kopien von Dal Pozzo.
Durch diese wechselhaften Schicksale bestünde heute eine große Unsicherheit, zu welchem Teil der aufgefundene Bestand erhalten ist und welche Teile der erhaltenen Teile original sind, hätte nicht vor 1640 (vermutlich schon 1626) der Gelehrte Cassiano Dal Pozzo durch einen Maler (wahrscheinlich Vincenzo Vanenti) Aquarelle der Segmente in ihrem damaligen Zustand anfertigen lassen. Diese Aquarelle wurden von Helen Whitehouse in den 1970er Jahren in der Royal Collection in Windsor Castle entdeckt und publiziert.Inventarnummern 19201 bis 19219 der Royal Collection, Windsor Castle; Whitehouse 1976. Diese Aquarelle zeigen, dass der damals vorhandene Bestand bis auf ein kleines Fragment erhalten ist. Zudem konnten bei der letzten Restaurierung durch Salvatore Aurigemma anhand der Rückseite des Mosaiks die antiken Teile großenteils bestimmt werden.
Inwieweit allerdings die gegenwärtige Anordnung der Segmente der ursprünglichen Anordnung entspricht, darüber besteht weiter Unklarheit. Auch ist es nicht klar, wie groß der verlorene Teil des antiken Zustandes ist. Da die Abmessungen des Fundortes mit 6,78 × 4,35 deutlich breiter sind und zudem noch Ausbuchtungen im Apsisbogen aufweisen, könnte es sein, dass in der Breite fast ein Meter des antiken Bildes verloren ist.
Die folgenden Abschnitte enthalten eine Beschreibung der einzelnen Segmente. Die Nummerierung entspricht der von Helen Whitehouse verwendeten, die auch der Nummerierung der Dal Pozzo-Kopien entspricht. Ausnahmen sind die Segmente 20 und 21, die von Paul Meyboom als Bestandteile des originalen Mosaiks identifiziert wurden.
Segment 1 links|mini|Segment 1 (Kopie von Dal Pozzo). mini|Riesenschlange frisst einen Vogel (Detail aus Segment 1a) mini|Python sebae frisst einen Vogel (Illustration aus Brehms Thierleben). mini|Onokentauros (Segment 1b) mini|Paarung von Wolf und Gepard (Illustration zu Oppians Kynegetika in einer venezianischen Handschrift des 10. Jahrhunderts). mini|Thos (links) jagt mit Wölfen. Das Segment 1, das auf der Dal Pozzo-Kopie als Einheit abgebildet wird, wurde in zwei Teile zerlegt. Diese Teile (Segment 1a und 1b) sind jetzt links bzw. rechts oben positioniert. Vermutlich zerbrach das Segment 1640 und die Teile wurden beim Zusammenbau falsch eingesetzt. Das Segment zeigt vor allem verschiedene Tierarten, die für das Äthiopien der Antike als typisch betrachtet werden konnten. Das alte Aithiopia () ist nicht zu verwechseln mit dem modernen Äthiopien, vielmehr bezeichnete es ein ausgedehntes Gebiet, bestehend aus Ägypten oberhalb des 1. Katarakts, Nubien, dem Sudan und nördlichen Teilen des modernen Äthiopiens.
Auf der linken Seite sieht man eine Reihe von Vögeln (Reiher oder Kraniche), die zu stürzen scheinen. Einer der Vögel wird gerade von einer großen Schlange gefressen. PliniusPlinius, Naturalis historia 8, 14, 36. und Claudius AelianusClaudius Aelianus: De natura animalium 2, 21. berichten von großen Schlangen, die Vögel im Flug zu fangen imstande sind. Als abgebildete Art käme der Nördliche Felsenpython (Python sebae) in Frage, dessen Größe, Verhalten und Erscheinung (helle, gelbliche Unterseite; die Oberseite ist braun mit schwarzen Rändern) der Darstellung gut entspricht. Interessant ist auch die Ähnlichkeit mit einer Illustration aus Brehms Thierleben, die Python sebae beim Fressen eines Vogels zeigt.Brehms Thierleben. Band 7: Kriechthiere und Lurche. 2. Auflage. Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig 1883, S. 331; s. a. Meyboom Anm. III 12, S. 225. Zudem wurden Exemplare der Art im römischen Circus zur Schau gestelltWolf-Eberhard Engelmann, Fritz Jürgen Obst: Mit gespaltener Zunge – Biologie und Kulturgeschichte der Schlange. Herder, Freiburg 1981, ISBN 3-451-19393-0, S. 57 u. 116. und Agatharchides berichtet in seinem (nicht erhaltenen) Buch über das Rote Meer () vom Fang einer aithiopischen Riesenschlange, die zu Ptolemaios II. gebracht wurde und den Besuchern Alexandrias ein bemerkenswertes Spektakel bot, als man sie durch Aushungern zu zähmen versuchte.Diodor: Bibliotheke. 3, 36–37. Im Hintergrund ist ein Baum oder Strauch zu sehen, der als Zahnbürstenbaum identifiziert wurde.Schmid: Studien. S. 28.
Hinter der Schlange befindet sich eine flache Felsformation, ähnlich einem kleinen Tafelberg. Die Schlange scheint aus einer Spalte im Fels herauszukriechen. Im Fels eingelagert sind mehrere, teils grünliche, teils rötliche ovale Objekte, die vermutlich Schmucksteine darstellen sollen, wie sie in Nubien und Oberägypten häufig zu finden sind und von dort seit alters her importiert wurden.Meyboom S. 21, dort Anm. 4 Es könnte sich um Türkis handeln, von dem Plinius berichtet, er werde in eiförmigen Einlagerungen im Fels gefunden.Plinius: Naturalis historia 33, 110. Eine entsprechende Beschreibung gibt Agatharchides über die Fundstellen des Topas.Diodor: Bibliotheke. 3, 39, 8–9.