Frühkindlicher Autismus (auch als autistische Störung, Kanner-Autismus, Kanner-Syndrom, infantiler Autismus bezeichnet, historisch auch frühkindliche Psychose) ist eine Variante des Autismus, die zuerst 1943 von Leo Kanner beschrieben wurde. Er gilt als prototypische Form des Autismus und wird in der Literatur auch als klassischer Autismus bezeichnet.

Der frühkindliche Autismus zeigt sich vor dem dritten Lebensjahr und zeichnet sich durch charakteristische Auffälligkeiten in den Bereichen der sozialen Interaktion, der Sprache und Kommunikation sowie durch eingeschränkte, repetitive Verhaltensmuster aus. Häufig, jedoch nicht immer, geht er mit einer geistigen Behinderung einher. Der frühkindliche Autismus hat erhebliche Auswirkungen auf das Leben der betroffenen Menschen.

Die Symptomatik entsteht aus einer Störung bei der Entwicklung des zentralen Nervensystems, welche stetig verläuft. Ursachen oder Auslöser für das Auftreten der Entwicklungsstörung sind nicht bekannt, jedoch ist allgemein anerkannt, dass genetische und Umweltfaktoren eine große Rolle spielen. Frühkindlicher Autismus tritt mit einer Häufigkeit von etwa 1:1000 auf, wobei das Verhältnis von Jungen zu Mädchen etwa 3:1 bis 5:1 beträgt.

In der zehnten Auflage der Internationalen Klassifikation der Krankheiten der Weltgesundheitsorganisation (ICD-10, 1994) wird der frühkindliche Autismus zu den tiefgreifenden Entwicklungsstörungen gezählt. Eine vergleichbare Diagnose enthält das DSM-IV (1994, revidiert 2000), die vierte Auflage des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders der American Psychiatric Association. Im 2013 veröffentlichten DSM-5 sowie in der seit 2022 international gültigen ICD-11 werden alle zuvor unterschiedenen Ausprägungen von Autismus zu einer einzelnen Diagnose Autismus-Spektrum-Störung zusammengefasst und die Diagnose frühkindlicher Autismus damit aufgegeben. Im deutschsprachigen Raum wird der Übergang von ICD-10 zur ICD-11 ab 2022 einige Jahre in Anspruch nehmen.

Symptome Der frühkindliche Autismus zeigt sich in den ersten Lebensjahren und ist gekennzeichnet durch schwere und anhaltende Probleme in der sozialen Entwicklung in Verbindung mit ungewöhnlichem Kommunikationsverhalten und einer Reihe von Schwierigkeiten, die oft als „Widerstand gegen Veränderungen“ oder „Beharren auf Gleichartigkeit“ zusammengefasst werden und sich in Form von eingeschränkten, stereotypen Verhaltensweisen und Interessen sowie einer fehlenden Toleranz gegenüber Veränderungen zeigen. Es gibt eine große Vielfalt von Ausprägungen und die Symptomatik verändert sich im Laufe des Lebens zum Teil deutlich.

Typischerweise entwickeln sich die Kinder von Beginn an auffällig. In einigen Fällen erscheint die frühkindliche Entwicklung anfangs normal und Auffälligkeiten werden erst im zweiten oder dritten Lebensjahr deutlich sichtbar. Es werden auch Fälle berichtet, in denen Kinder im zweiten und dritten Lebensjahr ihre zuvor gezeigten Sprachfähigkeiten verlieren und sich zunehmend sozial zurückziehen.

Nach ICD-10 und DSM-IV (beide 1994) lassen sich die Auffälligkeiten und Beeinträchtigungen in drei Bereiche einteilen: wechselseitige soziale Interaktion, Sprache und Kommunikation, sowie begrenztes repetitives und stereotypes Verhalten.

Auffälligkeiten in der wechselseitigen sozialen Interaktion Menschen mit frühkindlichem Autismus können Blickkontakt, Mimik, Körperhaltung und Gestik in der Interaktion mit anderen Personen nicht zielführend einsetzen und intuitiv anwenden, beispielsweise Kopfnicken oder -schütteln zur Signalisierung von Zustimmung oder Ablehnung. Während manche gar keine Gestik einsetzen, nutzen andere diese übertrieben. Gesten wie das Zeigen auf Gegenstände kommen nicht zum Einsatz. Besonders bei Kleinkindern kann es vorkommen, dass diese indifferent bis ablehnend auf physischen Kontakt und Zuneigung reagieren. Aufgrund ausbleibender Reaktion auf Ansprache kann bei Eltern der Verdacht entstehen, ihr Kind sei möglicherweise taub.

Fehlender Blickkontakt ist zwar ein häufiges Symptom, das einen Verdacht auf frühkindlichen Autismus begründet, jedoch alleine nicht aussagekräftig. Zum einen kommt dieser beispielsweise auch bei depressiven Kindern und Jugendlichen vor, zum anderen haben einige autistische Menschen gelernt, dass sie ihr Gegenüber anschauen sollen (Camouflaging). Dieser Blickkontakt gelingt ihnen jedoch nicht durchgehend, sie halten ihn beispielsweise zu lang aufrecht.

Trotz sich bietenden Gelegenheiten nutzen Menschen mit frühkindlichem Autismus keine gemeinsamen Interessen, Aktivitäten, Erlebnisse oder Gefühle, um in Beziehung mit Gleichaltrigen zu treten. Dies steht in enger Verbindung mit ihren Schwierigkeiten bei der wechselseitigen Interaktion, die dazu führen, dass sie Interessen und Emotionen ihrer Gegenüber ignorieren und kein gemeinsamer Austausch zustande kommt. Sie wirken auf ihre eigenen Interessen und Themen fixiert. Manche jüngere Kinder behandeln Erwachsene als austauschbar oder sind sehr auf eine bestimmte Person fixiert.

Der autistischen Menschen von Laien oft zugeschriebene Mangel an Empathie erweist sich bei genauerer Betrachtung als Schwierigkeit, die Gefühle und Gedanken anderer Menschen zu erspüren und an diesen in der Interaktion teilzuhaben. Auch wenn ein emotionaler Ausdruck eines Gegenübers verstanden wurde, gelingt es Menschen mit frühkindlichem Autismus nicht, intuitiv und der Situation angemessen darauf einzugehen, also etwa spontan eine weinende Person zu trösten. Autistische Menschen haben häufig große Schwierigkeiten, Ironie, Metakommunikation, Witze oder Täuschungsversuche zu erkennen. Auch das Teilen von Emotionen und Interessen fällt Menschen mit frühkindlichem Autismus oft schwer.

Auffälligkeiten bei der Sprachentwicklung und in der Kommunikation Kinder mit frühkindlichem Autismus entwickeln entweder nie eine Lautsprache, die Sprachentwicklung verläuft verzögert und anders als bei nicht-autistischen Kindern oder bereits erlernte Sprache bildet sich zurück. Dabei kann es zu einer Reihe von Auffälligkeiten kommen, die bei einer gewöhnlichen Sprachentwicklung nicht beobachtet werden, beispielsweise das als Echolalie bezeichnete Wiederholen von Worten und Sätzen eines Gesprächspartners, die ständige Wiederholung gleichartiger Geräusche oder ein eigenwilliger, nur für Vertraute verständlicher Sprachgebrauch. Hierin unterscheidet sich der frühkindliche Autismus von einer bloßen Verzögerung der Sprachentwicklung.

Auch bei vollständig entwickelter Sprache fallen Kinder mit frühkindlichem Autismus typischerweise durch ihre Sprachmelodie, Sprechrhythmus, Sprechgeschwindigkeit und/oder unangepasste Lautstärke auf. Häufig haben sie Schwierigkeiten, Redewendungen oder andere indirekte Verwendung von Sprache zu verstehen. Diese Schwierigkeiten können zu einer der sozialen Situation unangemessenen Kommunikation führen. Zudem sind Menschen mit frühkindlichem Autismus oft nicht in der Lage, ihrem Sprachniveau entsprechenden sprachlichen Kontakt aufzunehmen oder ein Gespräch aufrechtzuerhalten.

Begrenztes repetitives und stereotypes Verhalten Die Beschäftigungen und Interessen von Kindern mit frühkindlichem Autismus sind, jeweils im Vergleich zu nicht-autistischen Kindern gleichen Alters, auffällig in Bezug auf ihren Inhalt und Schwerpunkt oder sind ungewöhnlich intensiv und begrenzt. Bei hierfür ausreichenden intellektuellen Möglichkeiten können die Interessen altersgemäß sein, werden jedoch mit ungewöhnlicher Intensität verfolgt und sind in der Regel Sachinhalte. Solche Sonderinteressen haben jedoch nicht alle autistischen Menschen und sie werden von Außenstehenden nicht immer als solche erkannt.

Typisch sind die Beschäftigung mit Teilobjekten oder sogenannten nicht-funktionalen Elementen eines Spielzeugs wie den Rädern eines Autos. Bei der Beschäftigung mit Teilobjekten und nicht-funktionalen Elementen von Spielzeugen können auch deren Haptik, Geruch, Geräusche oder andere Sinneseindrücke im Vordergrund stehen.

Auf Veränderungen im Tagesablauf oder der Umgebung reagieren Menschen mit frühkindlichem Autismus oft mit großen Ängsten. Dies können auch kleine Veränderungen sein (z. B. an Kleidung oder Fahrtwegen), denen nicht-autistische Menschen keine Bedeutung beimessen. Sie halten an Ritualen oder anderen Handlungen, welche keinen erkennbaren Zweck erfüllen, fest.

Eine weitere Auffälligkeit sind rhythmische, sich wiederholende und scheinbar ziellosen Bewegungen wie das Schlagen oder Flattern mit Händen und Fingern oder Bewegungen des ganzen Körpers, sogenannte Stereotypien. Dieses für Autismus typische Verhalten wird auch als Stimming (für self-stimulatory behavior, deutsch selbst-stimulierendes Verhalten) bezeichnet. Stimming wird als angenehm und beruhigend beschrieben und kann zur Emotionsregulation und dem Abbau von Ängsten dienen.

Weitere Auffälligkeiten Neben den für die Diagnostik nach ICD-10 und DSM-IV maßgeblichen Symptomen in den drei Bereichen soziale Interaktion, Kommunikation und repetitives Verhalten werden bei Menschen mit frühkindlichem Autismus weitere typische Verhaltensweisen und Auffälligkeiten beobachtet. Hierzu zählen Schlafstörungen, Ängste und Phobien, Auffälligkeiten bei der Reizverarbeitung und dem Essverhalten, sowie Wutausbrüche, Aggressionen und selbstverletzendes Verhalten.

Schlafstörungen Schlafstörungen betreffen etwa 80 % der Kinder mit Autismus. Verbreitet sind unter anderem Probleme beim Ein- und Durchschlafen sowie Parasomnien. Bei Kindern mit Schlafstörungen und Schlafmangel aufgrund einer verkürzten Schlafdauer können sich autistische Symptome verstärken, z. B. Stereotypien im Verhalten.

Reizverarbeitung Auffälligkeiten bei der Reizverarbeitung wurden schon 1943 von Leo Kanner beschrieben, der beobachtete, dass die von ihm untersuchten Kinder einerseits ungewöhnlich starke Reaktionen auf alltägliche Geräusche zeigten, andererseits von selbst hervorgerufenen lauten Geräuschen unbeeindruckt schienen. Solche oft gleichzeitigen Über- und Unterempfindlichkeiten treten bei vielen autistischen Menschen unabhängig von kognitiven Einschränkungen für eine Vielzahl von Sinnen (Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tastsinn) auf. Hierzu gehören auch eine hohe Schmerztoleranz und Überempfindlichkeit auf Berührungen. Das gezielte Suchen nach bzw. Hervorrufen von Sinneseindrücken und die wiederholte Beschäftigung mit ihnen (sogenanntes sensory-seeking behavior) ist eine weitere typische Auffälligkeit.

Teilweise werden diese Besonderheiten als zentrales Merkmal von Autismus und als Ursache anderer Symptome betrachtet. Im DSM-III waren ungewöhnliche Reaktionen auf die Umwelt Teil der Diagnosekriterien für frühkindlichen Autismus und im Autism Diagnostic Interview-Revised (ADI-R), einem auch im deutschen Sprachraum häufig zur Diagnose von frühkindlichem Autismus eingesetzten Eltern-Interview, werden Reaktionen auf Reize gezielt erfragt. Im DSM-5 (2013, revidiert 2022) und der ICD-11 (2022), die zwischenzeitlich neu gewonnene wissenschaftliche Erkenntnisse und klinische Erfahrungen berücksichtigen, werden sowohl Über- und Unterempfindlichkeit für Reize als auch sensory-seeking behavior zu den diagnostisch relevanten Symptomen einer Autismus-Spektrum-Störung gezählt.

Wutausbrüche, Aggressionen und selbstverletzendes Verhalten Bei vielen autistischen Kindern, aber auch Jugendlichen und Erwachsenen, wird eine besonders leichte Reizbarkeit beobachtet, die sowohl für die Betroffenen als auch ihr Umfeld einen Stressfaktor darstellt. Diese Reizbarkeit kann unmittelbar mit für den frühkindlichen Autismus typischer Symptomatik in Verbindung stehen. So können beispielsweise Frustration über Nichtgelingen effektiver Kommunikation, Unterbrechungen bei der intensiven Beschäftigung mit Interessen oder eine hohe Sensibilität für Reize zu Stress und Wutausbrüchen führen. Diese sind für die betroffenen Personen oft nicht zu kontrollieren und werden auch als „Meltdowns“ bezeichnet.