Kyros der Jüngere (, , altpersisch Kūruš, babylonisch Kuraš, elamisch Kuraš, lateinisch Cyrus, aramäisch Kureš, hebräisch כורש Koreš; * kurz nach der Thronbesteigung seines Vaters 423 v. Chr.; † 401 v. Chr.) war ein Prinz aus der altpersischen Dynastie der Achämeniden. 408/407 v. Chr. wurde er Statthalter mehrerer Satrapien in Kleinasien und erhielt dort auch den militärischen Oberbefehl. Weil nach dem Tod seines Vaters Dareios II. im Winter 405/404 v. Chr. nicht er, sondern sein älterer Bruder Artaxerxes II. neuer Großkönig wurde, soll er ein gescheitertes Attentat auf ihn verübt haben. Nach seiner Rückkehr nach Kleinasien rüstete er zum Krieg gegen Artaxerxes II. 401 v. Chr. unternahm er schließlich mit einem starken Heer, dem auch mehr als 10.000 griechische Söldner angehörten, einen Feldzug gegen seinen Bruder. Es kam zur Schlacht bei Kunaxa, in der er fiel.
Leben Abstammung; Statthalter Kleinasiens Kyros war der zweitälteste Sohn des persischen Großkönigs Dareios II. und der Parysatis sowie der jüngere Bruder des Arsakes, der später als Artaxerxes II. König wurde. Griechische Quellen nennen ihn „den Jüngeren“, um ihn vom Gründer des Perserreichs, Kyros II., zu unterscheiden.Rüdiger Schmitt: Cyrus the Younger. In: Encyclopaedia Iranica. Bd. 6, 1993, S. 524–526 (online). Nach den fragmentarisch erhaltenen Persika des Ktesias von Knidos war Parysatis bereits Königin, als sie Kyros gebar. Dagegen sei Arsakes früher – während der Kronprinzenzeit seines Vaters – zur Welt gekommen. Ktesias behauptete, diesen Umstand von Parysatis selbst gehört zu haben.Ktesias, in: Felix Jacoby (Hrsg.): Die Fragmente der griechischen Historiker (FGrH). Nr. 688, F 15, 51; Plutarch, Artaxerxes 2,4; Weißbach (RE, Supplementband IV, Sp. 1166 f.) bezweifelt Ktesias’ Angabe und hält Kyros für älter. Offenbar bevorzugte sie Kyros vor ihren anderen Kindern, zumal er der erste Sohn war, der als „Purpurgeborener“ zur Welt kam, d. h. geboren wurde, als Kyros’ Vater Dareios bereits König war.
Vergeblich versuchte Parysatis ihren Gatten zu überreden, Kyros anstelle seines älteren Bruders zum Thronfolger zu bestimmen, indem sie darauf hinwies, dass einst auch Xerxes I. als zwar jüngerer, aber erster purpurgeborener Sohn des Dareios I. dessen Nachfolger als König geworden war. Immerhin konnte sie durchsetzen, dass Kyros bereits als sehr junger Mann 408 oder 407 v. Chr. zum Satrapen der kleinasiatischen Provinzen Lydien, Großphrygien und Kappadokien ernannt wurde. Gleichzeitig wurde der Prinz Oberkommandierender (Karanos) aller Truppen, die in der Ebene von Kastolos stationiert waren.Xenophon, Hellenika 1,4,3; Xenophon, Anabasis 1,1,2 und 1,9,7. Dies kam einer Entmachtung des bisherigen Oberbefehlshabers in Kleinasien, Tissaphernes, gleich, dessen Schaukelpolitik zwischen den im Peloponnesischen Krieg gegeneinander kämpfenden griechischen Großmächten Athen und Sparta dem Perserkönig Dareios II. missfiel.Wolfgang Will: Der Zug der 10 000. München 2022, S. 42.
In seiner neuen Funktion als Statthalter und militärischer Oberbefehlshaber Kleinasiens verfolgte Kyros eine prospartanische Politik. Gleich bei seinem Amtsantritt befahl er dem Satrapen von Daskyleion, Pharnabazos, eine bei diesem befindliche athenische Gesandtschaft festzusetzen. Mit diesem Schritt wollte er verhindern, dass die athenischen Gesandten nach der Heimkehr ihren Landsleuten berichten konnten, dass Dareios II. die Wünsche einer zu ihm gereisten spartanischen Delegation weitgehend erfüllt hatte. Erst nach drei Jahren entließ Pharnabazos die Athener in ihre Heimat.
Kyros erhielt inzwischen kurz nach der Ankunft in seiner neuen Residenz Sardes den Besuch des spartanischen Feldherrn Lysander, der als Nauarch in Ephesos weilte. Der Prinz hörte sich die Beschwerden Lysanders über Tissaphernes an, der nur noch über Karien und kleinasiatische Küstenstädte gebot, und gewährte dem Spartaner, mit dem er Freundschaft schloss, hohe Subsidien für den Krieg gegen Athen. Lysander konnte so die Soldzahlungen deutlich steigern, und dies bewirkte viele Desertionen athenischer Schiffsmannschaften. Athenischen Gesandten verweigerte der Prinz dagegen eine Audienz.Xenophon, Hellenika 1,5; Diodor, Bibliothḗkē historikḗ 13,70; Plutarch, Lysander 4 und Alkibiades 35,5.
Nach dem Ende seiner Amtszeit als Nauarch bereitete Lysander seinem Nachfolger Kallikratidas einen unfreundlichen Empfang und schickte die noch vorhandenen persischen Hilfsgelder an Kyros zurück. Kallikratidas musste daher nach Sardes zu Kyros reisen, wurde von diesem aber hingehalten und kehrte unmutig nach Ephesos zurück.Xenophon, Hellenika 1,6,6 ff:, Plutarch, Lysander 6. Nachdem er 406 v. Chr. während der Schlacht bei den Arginusen ertrunken war, forderte Kyros von Sparta, dass Lysander wieder Nauarch werde. Da die mehrmalige Bekleidung der Nauarchie gesetzlich untersagt war, wurde nominell der Spartaner Arakos in dieses Amt gewählt, überließ aber verabredungsgemäß dem zu seinem Stellvertreter (Epistoleus) bestellten Lysander den Oberbefehl über die Flotte.Xenophon, Hellenika 2,1,6 f.; Plutarch, Lysander 7,2 f.; vgl. Diodor, Bibliothḗkē historikḗ 13,100. Die finanzielle Unterstützung Spartas durch Kyros trug zur Niederlage Athens im Jahr 404 v. Chr. bei.
Kyros tat sich nicht nur als Feldherr, sondern auch als Gärtner hervor. Seine beiden Schlösser in Sardes und Kelainai waren von prächtigen Parks umgeben. Lysander bewunderte die Regelmäßigkeit seiner Baumpflanzungen in Sardes, die der Prinz selber angelegt hatte,Xenophon, Oikonomikos 4,20 ff.; Aelian, De natura animalium 1,59. Xenophon beeindruckten die Jagdgärten des Kyros, die er nach seiner Rückkehr nach Griechenland auf seinem Landgut nachahmte und damit auch ihren persischen Namen pairi-daēza als Paradeisos nach Hellas einführte.
Angeblicher Versuch zur Ermordung des Artaxerxes II. 405 v. Chr. erkrankte König Dareios II. gefährlich und versammelte letztmals die Großen seines Reichs um sich. Er rief deshalb auch Kyros an seinen Hof.Xenophon, Anabasis 1,1,1. Im Gegensatz zu diesem in seiner Anabasis erzählten Motiv gibt der griechische Historiker Xenophon in der Hellenika an, der wahre Grund für Kyros’ Rückberufung sei dessen Befehl zur Hinrichtung zweier Vettern gewesen, weil diese ihm nicht die nötige Ehrfurcht erwiesen hätten.Xenophon, Hellenika 2,1,8 f. Vor seiner Abreise wurde der Prinz von Lysander aufgesucht, dem er erneut eine bedeutende Geldsumme aushändigte.Xenophon, Hellenika 2,1,11. Der antike Biograph Plutarch führt aus, dass Kyros den spartanischen Feldherrn sogar zu seinem Stellvertreter ernannt und ihm die Einkünfte kleinasiatischer Städte übergeben habe.Plutarch, Lysander 9.
Als sich Kyros mit einer Leibwache von 300 griechischen Hopliten auf den Weg zu seinem kranken Vater machte, wurde er auch vom Satrapen Tissaphernes begleitet, der sich zum Schein mit ihm angefreundet hatte. Im Winter 405/404 v. Chr. verstarb Dareios II.Zum Folgenden vgl. Pierre Briant: From Cyrus to Alexander: A History of the Persian Empire. Winona Lake 2002, S. 615 ff. Zuvor hatte Parysatis ihn erneut, aber vergeblich bewegen wollen, Kyros zum Thronfolger zu machen. Arsakes, der ältere Bruder von Kyros, bestieg stattdessen als Artaxerxes II. den Thron.Plutarch, Artaxerxes 2,2 f.
Der enttäuschte Kyros verfolgte nun offenbar Umsturzabsichten gegen seinen Bruder. Nach einer auf den griechischen Geschichtsschreiber Ephoros von Kyme zurückgehenden Überlieferung soll der flüchtige, beim Satrapen Pharnabazos weilende athenische Staatsmann Alkibiades erfahren haben, dass Kyros geheime Pläne schmiedete, gemeinsam mit den Spartanern seinen Bruder zu bekriegen. Daraufhin habe Alkibiades an den persischen Hof reisen und Artaxerxes II. warnen wollen; Pharnabazos sei aber bestrebt gewesen, dieses Verdienst selbst zu erwerben und habe daher Alkibiades ermorden lassen.Ephoros bei Diodor, Bibliothḗkē historikḗ 14,11; Cornelius Nepos, Alkibiades 9,5 f. Jedenfalls machte Tissaphernes den Großkönig gegen Kyros misstrauisch.Xenophon, Anabasis 1,1,3. Laut Plutarch soll der ehrgeizige Prinz einen Plan zur Ermordung seines königlichen Bruders während dessen ritueller Krönungszeremonie im Tempel von Pasargadai entwickelt haben; dieses Vorhaben sei aber von Tissaphernes aufgedeckt worden.Plutarch, Artaxerxes 3,3 ff. Als Kyros’ Hinrichtung bevorstand, erreichte seine Mutter Parysatis durch ihr inbrünstiges Flehen, dass Artaxerxes II. seinen Bruder begnadigte und sogar in seiner Stellung als kleinasiatischer Satrap und dortiger militärischer Oberkommandierender bestätigte.
Rüstungen für den Aufstand gegen den Großkönig Zurück in seiner Residenz Sardes plante Kyros den Aufstand gegen Artaxerxes II., den er inzwischen durch unterwürfige Berichte und regelmäßige Abgabenzahlungen zu beruhigen versuchte. Er betrieb eine geschickte Diplomatie und bemühte sich, durch Geschenke und Belohnungen Freunde zu gewinnen. Am persischen Hof intrigierte seine Mutter in seinem Interesse. Als beliebter Feldherr übte er seine Soldaten im Kampf gegen Pisider und Myser ein.Xenophon, Anabasis 1,6,7 und 1,9,14. Die griechischen Städte Ioniens fielen von Tissaphernes zu Kyros ab, weil dieser ihre Steuerlast zu reduzieren versprach. Den Abfall Milets verhinderte Tissaphernes, indem er einen Teil der Bürgerschaft hinrichten, einen anderen verbannen ließ. Kyros nahm geflüchtete Mileter freundlich auf und ließ die Stadt belagern. Die Kommandanten anderer Griechenstädte wies er zur Rekrutierung griechischer Söldner als Schutz gegen Tissaphernes an. Den Großkönig bat er, die ionischen Städte behalten zu dürfen, und Artaxerxes II. tolerierte den Kampf seines Bruders gegen Tissaphernes, weil er sich in seiner Stellung als König noch nicht sicher genug fühlte.Wolfgang Will: Der Zug der 10 000. München 2022, S. 43;
In Hellas selbst warb Kyros u. a. mit Hilfe griechischer Gastfreunde mehrere Tausend Söldner an, denen er hohen Sold zahlte. Sein wichtigster griechischer Vertrauter war Klearchos, der wegen Ungehorsams die Todesstrafe erleiden sollte, aber Anfang 402 v. Chr. zu Kyros fliehen konnte. Letzterer übergab Klearchos eine Geldsumme von 10.000 Dareiken, mit denen der spartanische Feldherr Söldner anwarb und dann die Thraker des kleinasiatischen Chersones bekriegte. Heimlich wartete Klearchos aber auf seine Teilnahme am geplanten Feldzug gegen den persischen Großkönig; denn laut Xenophon war er der Einzige, der von Kyros schon zeitig über dessen Umsturzpläne informiert wurde. Dem Adligen Aristippos von Larisa überreichte der Prinz eine zur Besoldung von 4000 Mann auf sechs Monate ausreichende Summe. Mit dieser Streitmacht wollte Aristippos in seiner Heimat Thessalien gegen innere Feinde vorgehen; er erhielt aber die Anweisung, keinen vorzeitigen Frieden zu schließen, sondern sein Heer für einen späteren Einsatz in Asien bereitzuhalten. Kyros nahm auch weitere griechische Söldnerführer in seine Dienste, so seinen Gastfreund Sophainetos aus Stymphalos, Xenias von Parrhasia und Sokrates aus Achaia. Unter dem Vorwand, erneut gegen die Pisider vorgehen zu wollen, ließ Kyros Proxenos von Theben weitere Truppen in Böotien anwerben. Proxenos brachte daraufhin im Winter 402/401 v. Chr. etwa 2000 Söldner zu Kyros nach Sardes. Kurz vor Kyros’ Aufbruch zum Feldzug gegen seinen Bruder kam auch Xenophon, von Proxenos brieflich eingeladen, nach Sardes und durfte als Zivilist an dem militärischen Unternehmen des Prinzen teilnehmen.Wolfgang Will: Der Zug der 10 000. München 2022, S. 43 ff.;
Feldzug gegen Artaxerxes II. und Tod Aufbruch