Die Leistungsbilanz (kurz LB) umfasst in der Volkswirtschaftslehre alle Ausgaben und Einnahmen einer Volkswirtschaft, darunter auch die Importe und Exporte von Gütern und Dienstleistungen in der volkswirtschaftlichen Zahlungsbilanz.

Der Saldo der Leistungsbilanz stellt eine wichtige volkswirtschaftliche Kennzahl zur Bewertung der Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft dar.

Leistungsbilanz im System der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung

+ Einordnung der Leistungsbilanz in die ZahlungsbilanzDieter Brümmerhoff, Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, München, 2002, S. 165. Zahlungsbilanz I. Leistungsbilanz Handelsbilanz Dienstleistungsbilanz Erwerbs- und Vermögenseinkommen Laufende Übertragungen II. Vermögensübertragungen III. Kapitalbilanz Direktinvestitionen Wertpapiertransaktionen Finanzderivate Kreditverkehr Sonstige Kapitalanlagen IV. Veränderung der Währungsreserven zu Transaktionswerten V. Saldo der statistisch nicht aufgliederbaren Transaktionen

Die Zahlungsbilanz beinhaltet alle wirtschaftlichen Transaktionen zwischen dem Inland und dem Ausland innerhalb eines Jahres. Sie lässt sich in mehrere Teilbilanzen aufteilen. Zu deren wichtigsten gehört neben der Kapitalbilanz die Leistungsbilanz. Diese umfasst alle Ausgaben und Einnahmen einer Volkswirtschaft. Die Leistungsbilanz lässt sich wiederum in vier Teilbilanzen unterteilen: die Handelsbilanz mit den exportierten und importierten Waren, die Dienstleistungsbilanz mit den Dienstleistungen aus Reiseverkehr, Transport- und Versicherungsleistungen, die Bilanz der Erwerbs- und Vermögenseinkommen (Primäreinkommen), die die Nettoerwerbseinkommen (z. B. Löhne und Gehälter) und Nettokapitaleinkommen (z. B. Zinsen und Dividenden) von Inländern erfasst und die Bilanz aus Laufenden Übertragungen (Sekundäreinkommen) mit Transaktionen ohne Gegenleistungen (geleistete und empfangene private „Rücküberweisungen“ von ausländischen Arbeitnehmern in ihre Heimatländer, Schenkungen, Altersbezüge ins Ausland und den öffentlichen Übertragungen wie den Beiträgen an internationale Organisationen und der Entwicklungshilfe).

Fasst man Handelsbilanz und Dienstleistungsbilanz zusammen, erhält man einen Saldo. Dieser ist die Differenz von Export- und Importwert. Er stellt den sogenannten Außenbeitrag dar, der auch ein Bestandteil des Sozialprodukts ist und sich direkt auf die Produktion und Beschäftigung auswirkt. Verschlechtert sich also die Bilanz, verschlechtert sich somit auch die Produktion und Beschäftigung eines Landes.

Im Folgenden sollen sowohl die Teilbilanzen der Leistungsbilanz als auch die Folgen eines Leistungsbilanzüberschusses bzw. ‑defizits am Beispiel Deutschlands dargestellt werden.

Handelsbilanz Die in den meisten Industrieländern betragsmäßig größte Teilbilanz der Leistungsbilanz ist die Handelsbilanz oder Außenhandelsbilanz, in der die Exporte und Importe von Sachgütern (Waren) erfasst werden. Die Warenexporte werden in der Zahlungsbilanz auf der Sollseite (anders als in der Buchführung in Bezug auf die Zahlungsbilanz auch Aktiva- bzw. Credit-Seite genannt) gebucht, da sie zu Zahlungseingängen führen. Warenimporte bucht man auf der Habenseite (in diesem Zusammenhang auch als Passiva- bzw. Debet-Seite bezeichnet).Willms, M. (1995): Internationale Währungspolitik, 2. Auflage, MünchenJarchow, H.-J., Rühmann, P. (2000): Monetäre Außenwirtschaft – I. Monetäre Außenwirtschaftstheorie, 5. Auflage, GöttingenRose, K., Sauernheimer, K. (2006): Theorie der Außenwirtschaft, 14. Auflage, München

Laut Deutscher Bundesbank wurden 2006 in Deutschland Waren im Wert von 893,6 Mrd. Euro (FOB) ausgeführt und Waren im Wert von 731,5 Mrd. Euro (CIF) eingeführt. Der Außenhandelssaldo betrug demnach +162,2 Mrd. Euro. Dazu zählt die Bundesbank unter der Überschrift Ergänzungen zum Warenhandel eine Korrekturgröße von −18,6 Mrd. Euro. 2023 betrugen die Ausfuhren 1.388,578 Mrd. Euro, die Einfuhren 1.163,067 Mrd. Euro und der Handelsbilanzüberschuss + 225,511 Mrd. Euro.https://www.bundesbank.de/resource/blob/805258/8879d30b09c4c0e7fb7c9424eaf45ce6/472B63F073F071307366337C94F8C870/i-wichtige-posten-data.pdf

Dienstleistungsbilanz In der Dienstleistungsbilanz werden alle Ex- und Importe von Dienstleistungen erfasst. Ein Dienstleistungsimport liegt vor, wenn Inländer vom Ausland angebotene Dienstleistungen in Anspruch nehmen (Beispiel: Ein Haarschnitt eines Deutschen in den Niederlanden oder der Reiseverkehr deutscher Touristen ins Ausland wären somit aus deutscher Sicht ein Dienstleistungsimport. Umgekehrt wären Beratungen eines ausländischen Unternehmens durch Deutsche oder der Besuch ausländischer Touristen in Deutschland aus deutscher Sicht ein Dienstleistungsexport).

Dienstleistungstransaktionen sind statistisch schwer zu erfassen, da diese nicht vollständig den Zoll- und Meldebestimmungen unterliegen, so dass teilweise nur auf Schätzungen zurückgegriffen werden kann. Der Dienstleistungsimport wird auf der Habenseite gebucht, weil er zu Ausgaben führt, der Dienstleistungsexport auf der Sollseite. 2006 lag der deutsche Dienstleistungssaldo bei −23,1 Mrd. Euro, nachdem er 2004 noch bei −29,4 Mrd. Euro gelegen hatte. Größter Bestandteil des Dienstleistungsverkehrs ist der Reiseverkehr mit einem negativen Saldo von −33,5 Mrd. Euro (2006). Dieser Saldo fiel 2006 jedoch geringer aus als in den Vorjahren, weil auf der Einnahmenseite zusätzliche Einkünfte durch die im Sommerhalbjahr in Deutschland ausgetragene Fußball-Weltmeisterschaft eine wesentliche Rolle spielten. 2023 wurden Dienstleistungen im Wert von 409,599 Mrd. Euro ausgeführt, Dienstleistungen im Wert von 474,176 Mrd. Euro eingeführt. Das ergab ein Defizit von 64,577 Mrd. Euro.

Erwerbs- und Vermögenseinkommen Die Deutsche Bundesbank zählt zur Leistungsbilanz als weitere Teilbilanzen die Ergänzungen zum Warenhandel und den Saldo der Erwerbs- und Vermögenseinkommen (Primäreinkommen). Einkommen, die nach Deutschland fließen, werden auf der Soll-Seite verbucht. An Erwerbs- und Vermögenseinkommen floss 2006 ein positiver Saldo von +23,0 Mrd. Euro aus dem Ausland nach Deutschland. 2023 flossen 400,770 Mrd. Euro Erwerbs- und Vermögenseinkommen nach Deutschland, 254,348 Mrd. Euro flossen ab. Es blieb ein hohes positives Saldo von + 146.423 Mrd. Euro.https://www.bundesbank.de/resource/blob/805258/8879d30b09c4c0e7fb7c9424eaf45ce6/472B63F073F071307366337C94F8C870/i-wichtige-posten-data.pdf Das ist in erster Linie auf die Erträge des hohen deutschen Auslandsvermögens zurückzuführen.

Laufende Übertragungen Außerdem gehört noch als Teilbilanz der Saldo der laufenden Übertragungen (Übertragungsbilanz) zur Leistungsbilanz, wobei nach Deutschland fließende Übertragungen auf der Soll-Seite verbucht werden. In die Bilanz der laufenden Übertragungen werden alle diejenigen Leistungen verbucht, die ohne direkte Gegenleistung erfolgen. Die Übertragungsbilanz hält die geleisteten und empfangenen privaten und öffentlichen Übertragungen, wie Überweisungen von ausländischen Arbeitnehmern in ihre Heimatländer, Beiträge an internationale Organisationen und die Entwicklungshilfe fest. Allgemein gesagt erfasst sie den unentgeltlichen Transfer zwischen In- und Ausland.

Der Saldo der laufenden Übertragungen Deutschlands betrug 2006 −26,8 Mrd. Euro, und 2023 −64,234 Mrd. Euro, es flossen also mehr Übertragungen ab als zu.

Leistungsbilanzsaldo mini|Leistungsbilanz (Kumulierte Leistungsbilanzsalden 1980 bis 2008): grün = positiv, rot = negativ, grau = keine Daten. mini|Leistungsbilanzsalden ausgewählter europäischer Länder (1997–2013)

Der Leistungsbilanzsaldo ist die Summe der Salden aller Teilbilanzen (Warenhandel, Dienstleistungen, Ergänzungen zum Warenhandel, Primäreinkommen, laufende Übertragungen). Einen Leistungsbilanzsaldo größer Null bezeichnet man als Leistungsbilanzüberschuss, einen Saldo kleiner Null als Leistungsbilanzdefizit. Eine Übersicht ausgewählter Leistungsbilanzen prozentual zum Bruttoinlandsprodukt wird vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln e. V. herausgegebenSaldo der Leistungsbilanz, in: deutschlandinzahlen.de. Abgerufen am 4. Dezember 2018.

Leistungsbilanzüberschuss

Bei einem Leistungsbilanzüberschuss steigt das Nettoauslandsvermögen des betreffenden Landes. Der Wert des Vermögens verändert sich dabei um den Saldo der Leistungsbilanz zuzüglich des Saldos der Bilanz der Vermögensübertragungen. Bei einem Leistungsbilanzüberschuss sind die inländischen Ersparnisse höher als die inländischen Investitionen.Olivier Blanchard, Gerhard Illing: Makroökonomie, Pearson Deutschland GmbH, 2009, S. 580 Ein Leistungsbilanzüberschuss geht in der doppelten Buchführung mit einem entsprechenden Anstieg der Nettokapitalexporte einher (Zunahme der Forderungen gegenüber dem Ausland).Gustav Dieckheuer: Internationale Wirtschaftsbeziehungen, Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 2001, S. 346

Da durch den Leistungsbilanzüberschuss wegen der größeren Nachfrage mehr Güter im Inland hergestellt werden als bei Vorliegen eines ausgeglichenen Außenbeitrags, ist auch ein größerer Einsatz von Arbeitskräften wahrscheinlich. Weil beim Leistungsbilanzüberschuss die erhöhten Deviseneinnahmen aus dem Export nicht wieder vollständig zum Import verwendet werden, wird andererseits kritisch eingewandt (so etwa bereits von Adam Smith gegenüber dem MerkantilismusGustav A. Horn und Fabian Lindner: Kein Kapitalabfluss aus Deutschland (PDF; 273 kB), IMK Policy Brief, Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung, Mai 2011, S. 17), dass abseits des Beschäftigungseffektes lediglich nicht eingesetzte Devisen eingenommen worden seien.

Uneinheitlich ist die Bewertung des mit dem Bilanzüberschuss einhergehenden Nettokapitalexportes. Er wird von einigen Ökonomen (etwa Hans-Werner Sinn) als ein Zeichen für eine Standortschwäche und Kapitalabfluss zu Lasten der Inlandsinvestitionen angesehenvgl. zur Diskussion zum Thema: Hans-Werner Sinn: "Rescuing Europe.", CESifo Forum Special Issue 2010, S. 17; , Financial Times Deutschland, 23. Mai 2011, anderseits werden die vermehrten Forderungen gegenüber dem Ausland auch von einigen Ökonomen als ein Zeichen für eine Standortstärke betrachtet.vgl. Michael Heine, Hansjörg Herr: Volkswirtschaftslehre – Managementwissen für Studium und Praxis, Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 2002, S. 603 Es wird auch auf die Möglichkeit hingewiesen, dass die Anlage von Vermögen im Ausland eine bessere Verzinsung bringen kann als im Inland, was vor allem auf alternde Volkswirtschaften zutrifft. Dies ist etwa bei deutschen Auslandsvermögen der Fall.

Leistungsbilanzdefizit

Ein Land mit einem negativen Außenbeitrag importiert mehr, als es exportiert, was gleichbedeutend ist mit einem Nettogeldvermögensrückgang (also einem Sinken des Nettoauslandsvermögens). Ein Leistungsbilanzdefizit bzw. ein Verbrauchsüberhang besteht ebenfalls, wenn im Inland der Gesamtverbrauch (Absorption) größer als die eigene Wertschöpfung (Bruttoinlandsprodukt) ist. Dies kann beispielsweise durch öffentliche Transfers oder Kapitalimporte der Fall sein.

Leistungsbilanzüberschüssen stehen Leistungsbilanzdefizite anderer Länder gegenüber, deren Verschuldung (hypothetische Gesamtverschuldung der Volkswirtschaft, nicht zwingend Staatsverschuldung) gegenüber dem Ausland also steigt. Steigende außenwirtschaftliche Ungleichgewichte werden als mögliche Ursache der Finanzkrise ab 2007 kritisch erörtert.Wolfgang Münchau, „Kernschmelze im Finanzsystem“, Carl Hanser Verlag, München, 2008, S. 155ff.;vgl. ; Stephanie Schoenwald: „Globale Ungleichgewichte. Sind sie für die Finanzmarktkrise (mit-) verantwortlich?“ KfW (Kreditanstalt für Wiederaufbau) Research. MakroScope. No. 29, Februar 2009. S. 1. (PDF; 173 kB)Zu den außenwirtschaftlichen Ungleichgewichten als „makroökonomischer Nährboden“ der Krise siehe auch (PDF, 1,9 MB).; Gustav Horn, Heike Joebges, Rudolf Zwiener: IMK-Report Nr. 40, August 2009, S. 6 f. (PDF; 260 kB)