mini|250px|Luftaufnahme der Columbine High School

Der Amoklauf an der Columbine High School, auch als Schulmassaker von Littleton bekannt, ereignete sich am 20. April 1999 an der Columbine High School in Columbine, einem nahe Littleton gelegenen Vorort von Denver im US-Bundesstaat Colorado. Bei dem Amoklauf erschossen zwei Abschlussklässler innerhalb einer Stunde zwölf Schüler im Alter von 14 bis 18 Jahren, einen Lehrer und sich selbst. Weitere 24 Menschen wurden verletzt. Die zum Tatzeitpunkt 17 Jahre alte Anne Marie Hochhalter starb als 14. Todesopfer 2025 im Alter von 43 Jahren an den Spätfolgen des Amoklaufs. Viele der Überlebenden berichteten anlässlich des 20. Jahrestages im Jahr 2019, noch immer an den Folgen des Ereignisses zu leiden.

Die Täter – der 18-jährige Eric Harris und der 17-jährige Dylan Klebold – hatten den Massenmord monatelang vorbereitet, und nicht als Amoklauf, sondern als Bombenanschlag auf ihre Schule geplant, bei dem mehrere hundert Menschen sterben sollten. Aufgrund eines technischen Fehlers explodierten die von ihnen zu diesem Zweck in der Schulcafeteria platzierten Bomben jedoch nicht, weshalb sie ihren Plan spontan änderten und begannen, auf ihre Mitschüler zu schießen.

Ihre Motive konnten nicht mit Gewissheit geklärt werden. Während der Amoklauf in den Medien häufig als Racheakt für erlittenes Mobbing in der Schule eingestuft wurde, gingen die Ermittlungsbehörden nach Auswertung der von den Tätern hinterlassenen Tagebuch- und Videoaufzeichnungen davon aus, dass es ihnen in erster Linie darum ging, berühmt zu werden. Einzelne Experten vermuten auch eine politische oder ideologische Motivation. Bei beiden Tätern wurden post mortem schwere psychische Störungen diagnostiziert.

Es war nicht der erste Amoklauf an einer Schule in den Vereinigten Staaten, aufgrund der enormen Medienberichterstattung erregte der Fall jedoch erstmals weltweites Aufsehen. Die Tat entfachte zahlreiche öffentliche Debatten über mögliche Ursachen und Mitschuldige, wobei vor allem Mobbing, Psychopharmaka, die Verantwortung von Eltern und Lehrkräften, der Einfluss der Musikindustrie und von fiktionaler Gewalt auf Jugendliche, Subkulturen sowie das vielfach als zu liberal kritisierte Waffenrecht der USA diskutiert wurden. Als Reaktion auf den Vorfall erhöhten viele Schulen ihre Sicherheitsvorkehrungen und die US-Polizei änderte ihre Taktik beim Einschreiten in Amoklagen.

Die Tat gilt wegen ihrer weitreichenden Folgen als Wendepunkt in der Kultur der Vereinigten Staaten und wird insbesondere von den Generationen X und Y zu den bedeutendsten historischen Ereignissen der 1990er Jahre gezählt. Der Amoklauf an der Columbine High School ist zum Archetyp des School Shootings geworden und hat Einzug in die Populärkultur gehalten. Der nach der Tat weltweit zu verzeichnende Anstieg an Schulschießereien wird oft als „Columbine-Effekt“ bezeichnet, weil viele der späteren Amokläufer das Schulmassaker von Littleton als Inspiration für ihre eigene Tat nannten. In den USA werden Schüler, die nach dem 20. April 1999 geboren wurden, als „Generation Columbine“ bezeichnet, die nie eine Welt ohne School Shootings erlebt hat.

Vorgeschichte Biografien der Täter Kindheit und familiärer Hintergrund Eric David Harris wurde am 9. April 1981 als der jüngere von zwei Söhnen des aus Colorado stammenden Ehepaars Wayne und Katherine Harris in Wichita, Kansas, geboren. Bedingt durch den Beruf des Vaters, der Transportpilot bei der U.S. Air Force war, zog die Familie mehrmals innerhalb der USA um und lebte unter anderem in Beavercreek, Ohio, und Oscoda, Michigan, sowie in Plattsburgh im Bundesstaat New York.Bill Briggs, Jason Blevins: A boy with many sides. In: The Denver Post. 2. Mai 1999, abgerufen am 16. Mai 2020. Harris empfand die häufigen Umzüge und die damit verbundenen Schulwechsel als belastend, da er sich jedes Mal einen neuen Freundeskreis aufbauen musste.Peter Langman: Why Kids Kill. 2009, S. 70 f. 1993 ließ sich die Familie schließlich dauerhaft in Littleton nieder, wo Wayne Harris nach seinem Ausscheiden aus dem Militärdienst für ein Flugsicherheitsunternehmen arbeitete und Katherine Harris Anstellung bei einer Catering-Firma fand.Katie Marsico: The Columbine High School Massacre: Murder in the Classroom. 2011, S. 14. Als Kind spielte Harris Fußball und Baseball in der Little League.Dave Cullen: Columbine. 2009, S. 27. Im Alter von 12 Jahren wurde er operiert, um eine angeborene Thoraxdeformität zu korrigieren. Kindheitsfreunde beschrieben ihn rückblickend als schlauen, schüchternen, respektvollen und normalen Jungen, der „nicht so zu sein schien, wie die Medien ihn [nach dem Amoklauf] porträtierten.“Ralph W. Larkin: Comprehending Columbine. 2007, S. 123, 150.

Dylan Bennet Klebold kam am 11. September 1981 in Lakewood, Colorado, zur Welt, wuchs in Littleton auf und hatte wie Harris einen drei Jahre älteren Bruder. Sein Vater Thomas Klebold, ein Geophysiker, betätigte sich als Berater für Ölfirmen und selbstständiger Hypothekenverwalter. Seine Mutter Sue Klebold entstammt einer jüdischen Familie aus Columbus, Ohio, und unterstützte als Angestellte am Colorado Community College Menschen mit Behinderung bei der Integration in den Arbeitsmarkt.Jeff Kass: Columbine: A True Crime Story. 2014, S. 33 ff., 48.Sharon Cohen: Friends of suspects’ families mystified. In: The Denver Post. 26. April 1999, abgerufen am 16. Mai 2020. Die Familie gehörte der lutherischen Kirche an, pflegte aber auch jüdische Traditionen. Klebold galt als hochintelligent, zeigte eine außergewöhnliche Begabung für Mathematik und wurde ein Jahr vorzeitig eingeschult. In der Elementary School nahm er an einem Programm für besonders talentierte Kinder teil. Er spielte ebenfalls Fußball und war Pitcher in der Little League. Seine Eltern duldeten keine Waffen in ihrem Haushalt. Zeitgenossen beschrieben ihn als sehr schüchternen, sanftmütigen Jungen mit geringem Selbstwertgefühl, der sich leicht gedemütigt fühlte und schlecht verlieren konnte.Dave Cullen: Columbine. 2009, S. 27, 155, 268 ff.

Jugend und gemeinsame Schulzeit Harris und Klebold lernten sich 1993 auf der Ken Caryl Middle School kennen und wurden enge Freunde. In ihrer Freizeit beschäftigten sie sich häufig mit Computern, dem Internet und Videospielen.Brooks Brown, Rob Merritt: No Easy Answers: The Truth Behind Death at Columbine. 2002, S. 46.Dave Cullen: Columbine. 2009, S. 27 f., 160. Ab 1995 besuchten sie die Columbine High School im Schulbezirk des Jefferson County. In der sozialen Hierarchie der Schule standen sie auf der untersten Stufe, entgegen ursprünglichen Medienberichten waren sie jedoch keine Einzelgänger, sondern hatten einen vergleichsweise großen Freundeskreis, der vor allem aus Nerds und Computerfreaks bestand.Peter Langman: Why Kids Kill. 2009, S. 38.Ralph W. Larkin: Comprehending Columbine. 2007, S. 77–81, 89. Beide Täter hatten keine feste Freundin und äußerten sich in ihren Aufzeichnungen frustriert über ihre nicht erwiderten Gefühle für verschiedene Mädchen. Während Klebold zu schüchtern war, um Mädchen anzusprechen, wurde Harris häufig abgewiesen.Mareike Wilke: Killing for Glory? 2009, S. 61.

Laut mehreren Zeugen wurden beide Täter oft von den sozial erfolgreicheren Schülern – sogenannten Jocks – gemobbt, wobei sie sowohl verbal als auch physisch attackiert wurden. Beispielsweise berichteten Mitschüler über mehrere Vorfälle, bei denen Harris und Klebold mit Glasflaschen oder Lebensmitteln beworfen oder als „Schwuchteln“ beschimpft worden waren. Gegenüber seinem Vater äußerte Klebold, dass er mit seiner Körpergröße von über 1,90 m nicht herumgeschubst werde, aber dass Harris häufig Schikanen ausgesetzt sei. Nach anderen Zeugenaussagen hätten beide Täter aber auch selbst andere Schüler eingeschüchtert und mit aggressivem oder provokantem Verhalten Konflikte heraufbeschworen.Peter Langman: Why Kids Kill. 2009, S. 43 ff.Ralph W. Larkin: Comprehending Columbine. 2007, S. 87 ff. Im Dezember 1998 drehten Harris und Klebold im Rahmen ihres Videokurses einen fiktionalen Kurzfilm mit dem Titel Hitmen for Hire, in dem sie Auftragskiller spielen, die den Peiniger eines Mobbingopfers erschießen und eine Schule in die Luft sprengen. Auszüge des Videos wurden nach dem Amoklauf vom US-Sender Fox News landesweit ausgestrahlt.Frank J. Robertz, Ruben Philipp Wickenhäuser: Der Riss in der Tafel. Springer, Berlin 2010, ISBN 978-3-642-11309-3, S. 79.

Neben dem Unterricht engagierten sich beide Täter für den Schülersender und assistierten bei der Betreuung des Computernetzwerks der Schule; Klebold kümmerte sich zudem um die Tontechnik bei Aufführungen der Theatergruppe.Peter Langman: Why Kids Kill. 2009, S. 31. Während Harris bis zuletzt als guter Schüler galt, ließen Klebolds schulische Leistungen im Laufe der Zeit nach und seine Lehrer bemerkten, dass er häufiger im Unterricht schlief. Im Dezember 1997 schrieb Harris einen Schulaufsatz zum Thema „Waffen in Schulen“, in dem er sich auf mehrere Schulschießereien bezog, die sich in den Wochen zuvor in den USA ereignet hatten. Als Problemlösung schlug er Metalldetektoren und erhöhte Polizeipräsenz vor. Klebold reichte im Februar 1999 einen Aufsatz ein, der von einem ihm ähnelnden Mann handelte, der „Jocks“ erschießt. Seine Lehrerin zeigte sich von der gewalthaltigen Erzählung verstört, weshalb sie das Gespräch mit seinen Eltern suchte. Sie vereinbarten die Konsultation eines Schulberaters, der Klebold ermahnte, darüber hinaus aber keine Konsequenzen zog.Jeff Kass: Columbine: A True Crime Story. 2014, S. 92 f., 165 ff.Dave Cullen: Columbine. 2009, S. 35, 639.

Der Amoklauf fand nur wenige Tage vor ihrem anstehenden Schulabschluss statt. Beide Täter hatten sich bereits zu Zukunftsplänen geäußert. Klebold war für ein Informatikstudium an der University of Arizona akzeptiert worden und hatte sich Ende März 1999 mit seinen Eltern den Campus angesehen; Harris hatte sich bei den Marines beworben und bereits den schriftlichen Aufnahmetest mit überdurchschnittlichem Ergebnis bestanden.Jeff Kass: Columbine: A True Crime Story. 2014, S. 155–158, 162, 170. Seine Bewerbung wurde jedoch kurz vor dem Amoklauf abgelehnt, nachdem der Rekrutierer erfahren hatte, dass Harris ein Antidepressivum zur Behandlung einer Depression einnahm. Auf die Ablehnung soll Harris enttäuscht, aber nicht niedergeschlagen reagiert haben.Jeff Kass: Columbine: A True Crime Story. 2014, S. 160 f. Laut Dave Cullen (Columbine. 2009, S. 439) habe Harris von der Ablehnung hingegen nie erfahren. Am 17. April 1999 – drei Tage vor dem Amoklauf – ging Klebold mit mehreren Freunden zur Prom, wo sie ihn gutgelaunt erlebten und er darauf bestand, nach dem Schulabschluss in Kontakt zu bleiben. Harris gesellte sich zur After-Prom-Party dazu, auf der sie bis in die frühen Morgenstunden mit ihren Mitschülern feierten.Jeff Kass: Columbine: A True Crime Story. 2014, S. 173 ff.Dave Cullen: Columbine. 2009, S. 63 ff.

Erste Straffälligkeiten