miniatur|Zwei Varianten der Unterglasurmarken des Nathusius-Porzellans Die Porzellanfabrik Nathusius (auch: Porcellan-Fabrik zu Althaldenslebengem. Arnulf Siebeneicker, Offizianten und Ouvriers, Sozialgeschichte der Königlichen Porzellanmanufaktur und der Königlichen Gesundheitsgeschirr-Manufaktur in Berlin 1763–1880 (Diss.), ISBN 3-11-017158-9, de Gruyter, Berlin/New York 2001 S. 52.) bestand von 1826 bis 1847 und war ein Teil der Nathusius Gewerbeanstalten in Althaldensleben. Sie war neben der Königlichen Porzellan-Manufaktur (KPM) in Berlin die bekannteste preußische Porzellanmanufaktur ihrer Zeitgem. Ulrich Hauer war die Nathusius Porzellanfabrik die erste private Porzellanfabrik Preußens, nach Maritta Bulmann: Haldensleben war auch eine Porzellanstadt. In Volksstimme.de vom 8. Februar 2010. und begründete die Porzellanindustrie in Haldensleben.gem. Altfürstliche Häuser, Althaldensleben (Schlagworte). In: Meyers Konversationslexikon. Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Vierte Auflage, Leipzig und Wien 1885–1892, S. 424.

mini|Historisches Fabrikgebäude, später teilweise zur Wohnnutzung umgewidmet Vorgeschichte Mit dem Erwerb des säkularisierten Klostergutes Althaldensleben durch Johann Gottlob Nathusius im Jahr 1810 begann auch die Geschichte der Nathusius Gewerbeanstalten. In den folgenden Jahren errichtete Nathusius in Althaldensleben wie auch in dem benachbarten Hundisburg verschiedene Handelsgewerbe und Manufakturen. Dazu gehörten der Betrieb von Steinbrüchen, einer Töpferei, einer Ziegelei und einer Gipsherstellung.

Etwa ab 1813gem. Es fing mit Steingut an. 175 Jahre keramische Industrie in Haldensleben (1. Teil), in: Volksstimme Haldensleben vom 21. Januar 1989. wurde auch Steingut produziert. Nach 1810 wurde ein Fabrikgebäude in unmittelbarer Nähe des Althaldensleber Klostergutshofes errichtet. 1817 hatte die Steingut-Manufakturdie Steingut-Produktion firmierte unter Nathusius Steinguts-Fabrik, gem. Tabelle zur Übersicht des technischen und des ökonomischen Betriebs zu Althaldensleben und Hundisburg, in: Friedrich Benedict Weber, Bemerkungen über verschiedene Gegenstände der Landwirthschaft. Gesammelt auf ökonomischen Reisen in Schlesien, Sachsen, Thüringen, am Rhein und in anderen deutschen Gegenden in den Sommern 1814, 1815, 1816 und 1817, Hartknoch, Leipzig 1819, Anlage: Tabelle A. Hier werden auch als Vorsteher bzw. „Mitinteressenten“ der Fabrik die Herren Bracker und Berger genannt bereits 24 Arbeitergem. Alexander von Lengerke (Hrsg.), Landwirthschaftliches Conversations-Lexicon für Praktiker und Laien, Erstes Heft, Bogen 1–10 des ersten Bandes, J.G. Calve’sche Buchhandlung, Prag 1837, S.95 und Mitte der 1820er Jahre erzielte Nathusius mit hochwertigen Produkten gute Ergebnisse. Nun wollte er das Geschäftsfeld erweitern und entschloss sich, zur aufwändigeren Porzellanerzeugung überzugehen. Die Steingutproduktion wurde auch aus humanitären Gründen reduziert, da das Glasieren des Steinguts wegen des Zusatzes von Blei für die Arbeiter gesundheitsschädlich war.

Gründung Nach vielen Versuchen und Anlaufschwierigkeiten wurde mit der Porzellanproduktion etwa 1827 begonnen. Nachdem Nathusius den französischen Porzellanmacher Defaussé kennengelernt hatte, engagierte er ihn und Defaussé zog mit Frau und Kind nach Althaldensleben. Ein kleiner französischer Ofen wurde in der Steingutfabrik erbaut, und Verträge zur Zulieferung von Kaolin, sogenannter „Porzellanerde“, mit Bauern aus der Gegend um Halle abgeschlossen.

Von denselben Lieferanten bezog bereits die Berliner KPM – ein Umstand, der zu einem Rechtsstreit führte. KPM forderte die Lieferanten auf, nur nach Berlin zu liefern und verwies darauf, dass Porzellanerde als Regalien in Anspruch genommen werden könne. Das Allgemeine Preußische Landrecht stand dem allerdings entgegen und die Regierung musste nachgeben. Das Koalit wurde auf dem Wasserweg über Saale und Elbe bis Magdeburg transportiert und von dort aus mit Pferdegespannen nach Althaldensleben gebracht. Als Brennmaterial wurde eigenes Holz und angekauftes aus umliegenden Wäldern verwendet.Detlef Dauer: Nathusius, Porzellan- u. Steingut-Fabrik in Althaldensleben (1826–1847) auf MyHeimat.de, abgerufen am 1. Januar 2010.

In der vormaligen Walkmühle, in der Neuhaldensleber Tuchmacher bis zum Niedergang der Industrie ihre Gewebe hatten walken lassen, wurde ein benötigtes Schamottestampfwerk eingerichtet (1840 wurde die Anlage abgebrochen).Otto Dieskau: Aus Althaldenslebens Vergangenheit, II. Teil, Nr. 8: Die Klostermühlen (S. 3–10), Verlag von Simmerlein, Neuhaldensleben/Althaldensleben 1924 Außerdem wurde eine Dampfmaschine mit acht Pferdestärken angeschafft. 1830 wurde diese oder eine Folge-Maschine allerdings durch ein pferdegetriebenes Göpelwerk ersetzt.Arnulf Siebeneicker: Offizianten und Ouvriers, Offizianten und Ouvriers, Sozialgeschichte …, ISBN 3-11-017158-9, deGruyter, Berlin u. a. 2001, mit einem Verweis auf Elsbeth von Nathusius, Johann Gottlob Nathusius ..., siehe LitVerz., S. 95, Fußnoten

Im Jahr 1828 waren neben noch vorhandenen 28 Steingutdrehern bereits 12 Porzellandreher beschäftigt. Diese Arbeiter waren überwiegend geschulte Kräfte aus Magdeburger Betrieben, vor allem vermutlich der Fayence- und Steingutmanufaktur Guischard,die Fayence- und Steingutmanufaktur von Johann Philipp Guischard bestand von 1756 bis 1839, gem. Matthias Puhle: Die Magdeburger Fayence- und Steingutmanufaktur der Familie Guischard, Magdeburg 1995 (Hrsg.), zitiert in: Arnulf Siebeneicker, Offizianten und Ouvriers, Sozialgeschichte ..., ISBN 3-11-017158-9, deGruyter, Berlin u. a. 2001, S. 26, Fußnoten zum Teil kamen sie auch aus Süddeutschland oder waren Franzosen aus Hugenottenkolonien.

miniatur|Kratervase aus der Nathusius’schen Porzellanfabrik, etwa von 1840: Ansicht von Althaldensleben mit deutlich erkennbarer Rauchentwicklung aus den Fabrikschornsteinen der Porzellanfabrik. Die Vase befindet sich im Besitz des Museums Haldensleben

Höhepunkt Die Fabrik entwickelte sich in den folgenden Jahren sehr erfolgreich. Absatzgebiete waren vor allem die östlichen Provinzen Preußens und Schlesien. Laufend mussten die genutzten Gebäude erweitert werden. Zusätzliche Brennöfen wurden errichtet, eine Kupferdruckerei eingerichtet (zum Aufdruck der schwarzen Verzierungen auf das erst rohgebrannte Porzellan). Es entstanden sogenannte Beamten- (leitendes Personal) und Arbeiterwohnungen, in der Gesamtheit entstand ein ganzes Gebäudequartier in Althaldensleben. Es wurde ein Atelier für Porzellanmalerei eingerichtet, in dem auch Mädchen beschäftigt wurden. Mitte der 1830er Jahre arbeiteten 200 bis 300 Menschen in der Porzellanfabrik. Die Öfen wurden mit Holz beschickt, der jährliche Verbrauch betrug 3.000 Klafter.entspricht ca. 10.000 Kubikmetern Zeitgenössische Beschreibungen berichten von einer ständigen Verdunkelung des Bebertals durch den abgegebenen Rauch.

In hoher Qualität wurden Haushaltsgeschirr, aber auch Luxusartikel wie bemalte Vasen, Tassen, Büsten und Statuetten hergestellt. Schließlich wurde auch die Produktion von Pfeifenköpfen eingeführt, deren Deckel und Beschläge in einer zusätzlichen Werkstatt angefertigt wurden. Diese Pfeifenköpfe wurden zu einer Spezialität der FabrikDas Preisverzeichnis IV der Fabrik aus dem Jahr 1828 teilte einen Lieferumfang bei Pfeifenköpfen in 6 Kategorien: A) Weiße Pfeifen in drei Größen, für Zigaretten glatt, als Figur oder Mädchen, Sparköpfe mit festem Abzuge und in holländischer Form. B) Bemalte Pfeifen mit grünen, blauen und schwarzen Verzierungen. C) Bedruckte Pfeifen mit Figuren und Landschaften, mit Goldrand, Namen. D) Pfeifen mit Schmelzmalerei in allen erdenklichen Varianten: Die Pfeifenköpfe werden in Berliner und Meissner Form angefertigt. Auch werden Bestellungen auf Malerei nach einzusendenden Zeichnungen angenommen. E) Weiße und bemalte Abzüge. F) Beschläge, einfach und vergoldet., gem. Preisverzeichnis der Porcellan-Fabrik zu Althaldensleben 1928, im Bestand des Märkischen Museums in Berlin, bei: Detlef Dauer und wurden in großen Stückzahlen produziert und verkauft.Detlef Dauer: Porzellan-Tabakpfeifen, Alt-Haldensleben (1826–1847) auf MyHeimat.de, abgerufen am 7. Januar 2010.

Als Unterglasurmarken wurden ein dicker Strich und das lateinische N verwendet. Auch die seltenen Marken lateinisches N unter Strich und NPM werden heute der Althaldensleber Fabrik zugeschriebenDetlef Dauer: Porzellanmarken, Nathusius Porzellanfabrik in Althaldensleben (1826–1847) auf MyHeimat.de, abgerufen am 1. März 2010.

Die Nathusius’sche Fabrik entwickelte sich zu einer ernsten Konkurrenz für KPM. Deren Direktor (von 1832 bis 1848) Georg Frick beschwerte sich bei der Überreichung der Jahresabrechnung 1837 an das preußische Finanzministerium über die zunehmende Verbreitung der Althaldensleber Produkte: … die Nathusius’sche Porzellanfabrik in AHL … hier beinah an allen Orten mit ihren Auktionen … Auch der königlich-schwedische Leibarzt und Chemiker Magnus von Pontin (1781–1858) bemerkte in seinen Aufzeichnungen zu einem Besuch in Althaldensleben, dass … die Porzellanfabrik … nächst der Berliner die bedeutendste hinsichtlich der Menge und Güte der Arbeit … sei.Magnus von Pontin: Bemerkungen über Natur, Kunst und Wissenschaft auf einer Reise über Berlin und den Harz nach Hamburg. Meissner, Hamburg 1832, S. 135

Die Schriftstellerin und spätere Ehefrau von Philipp von Nathusius, Marie Nathusius geb. Scheele, beschrieb anlässlich ihres ersten Besuches in der Althaldensleber Porzellanfabrik in romanhafter Form den Herstellungsvorgang:

Friedrich Julius OttoFriedrich Julius Otto (1809–1870) war ein bedeutender Pharmazeut, Chemiker, Technologe und Gesundheitsbeamter am Collegium Carolinum in Braunschweig, siehe auch: arbeitete ab Herbst 1830 im Anschluss an sein Studium als Chemiker an der Gewerbeanstalt in Althaldensleben. Neben anderen Aufgaben war er für die Farbenherstellung in der Porzellanfabrik verantwortlich.Maren Nosseck u. a.: Die Entwicklung der Universitätspharmazie am Beispiel Braunschweigs. (studentische Wahlpflichtarbeit), Braunschweig 2009.

Als Bestandteil der Gewerbeanstalten zog auch die Porzellanfabrik viele bedeutende Besucher nach Althaldensleben. So erwähnte Jakob Berzelius in seinen Reiseaufzeichnungen anerkennend die dortige … Fabrik für echtes Porzellan, sowie eine weitere für Fayencen oder solche Erzeugnisse wie sie Rörstrand herstellt, beide in grösserem Format als bei Letztgenanntem …Jacob Berzelius: Die Reise durch den Harz im Jahre 1830 und zur Naturforschertagung in Hamburg. In: Reiseerinnerungen aus Deutschland, Chemie (Verlag), Weinheim 1948, S. 22 f.

miniatur|Porzellan-Pfeifenstummel um 1828, auf Vorderseite goldgerahmte erotische Szene im Stil Louis-seize, aus Privatbesitz Detlef Dauer

Niedergang Der Niedergang der Porzellanfabrik begann mit Inkrafttreten des Deutschen Zollvereins 1834. Dem folgte eine zunehmend stärkere Konkurrenz durch Porzellanhersteller aus Thüringen, denen die Althaldensleber Produktion wegen Standortnachteilen auf Dauer nicht gewachsen war. Zum einen fehlte ein Bahnanschluss, der die Anlieferung der Vorprodukte und den Vertrieb der Erzeugnisse verbilligt hätte. Außerdem war keine zur effektiven Befeuerung der Öfen benötigte Steinkohle vorhanden.