277x277px|mini|Darstellung der Zone, in der die Raketentrümmer niederfielenmini|hochkant=0.6|Schema der Ariane 501 mit den vier Cluster-Satelliten als Nutzlast
V88 (V für ) war die Startnummer des Erstflugs der europäischen Schwerlast-Trägerrakete Ariane 5 am 4. Juni 1996. Die Rakete trug die Seriennummer 501. Der Flug endete etwa 40 Sekunden nach dem Start, als die Rakete nach einer Ausnahmesituation in der Software der Steuereinheit plötzlich vom Kurs abkam und sich kurz darauf selbst zerstörte. Vier Cluster-Forschungssatelliten zur Untersuchung des Erdmagnetfelds gingen dabei verloren.
Die Software, die zur Kursabweichung führte, war unverändert und ohne Systemtests von der Vorgängerrakete Ariane 4 übernommen worden, obwohl sie nicht für die geänderte Flugbahn der Ariane 5 geeignet war und nach dem Abheben der Rakete ohnehin keinen Zweck erfüllte. Die Steuereinheit war redundant, jedoch wurde auf beiden Systemen die gleiche fehlerhafte Software betrieben.
Der Fehlschlag mit einem Gesamtverlust von etwa 290 Millionen Euro führte zu einer einjährigen Verzögerung des Ariane-5-Programms, weshalb vorläufig auf die Ariane 4 ausgewichen wurde. Ein neuer Satz von Cluster-Satelliten wurde vier Jahre nach dem Unfall mit russischen Sojus-Raketen gestartet.
Startvorbereitungen und Flug Vorgeschichte Die Entwicklung eines neuen Schwerlastträgers als Nachfolger der erfolgreichen Ariane 4 wurde auf der ESA-Ministerkonferenz 1987 endgültig beschlossen. Die höhere Leistung der Ariane 5 sollte zum einen der steigenden Masse von kommerziellen Telekommunikationssatelliten gerecht werden und zum anderen den Start der Hermes-Raumfähre ermöglichen. Obwohl das Hermes-Programm 1992 abgebrochen wurde, wurde Ariane 5 im Hinblick auf eine mögliche bemannte Nutzung weiterentwickelt.R. Orye: Ariane 5: A Launcher for the 21st Century, S. 2. AIAA 94-4653. AIAA Space Programs and Technologies Conference, Huntsville, AL, September 27–29, 1994 Für die qualifizierte Ariane-5-Rakete wurde je nach Oberstufe eine Zuverlässigkeit von 98–99 % angestrebt, entsprechend höchstens einem Fehlschlag je 50 bis 100 Starts.P. Jorant: Ariane 5 Family, S. 5. AIAA 93-4131. AIAA Space Programs and Technologies Conference and Exhibit, Huntsville, AL, September 21–23, 1993 Außerdem sollten die Startkosten der Ariane 5 gegenüber der Vorgängerrakete verringert werden. Da diese Anforderungen nicht durch eine Weiterentwicklung der Ariane 4 erfüllt werden konnten, musste die Ariane 5 größtenteils von Grund auf neu entwickelt werden.
Die Entwicklung der Ariane 5 fand im Auftrag der Europäischen Weltraumorganisation ESA statt, welche die technische und finanzielle Leitung der französischen Raumfahrtagentur CNES übergab. Den größten Beitrag zum Programm leistete Frankreich mit einer Beteiligung von 46 %.Jean-Paul Dufour, Jean-François Augereau: Le programme Ariane-5 n’est pas remis en cause par la destruction du lanceur. Le Monde, 6 juin 1996 Ursprünglich sollte der Qualifizierungsflug der Ariane 501 im Oktober 1995 stattfindenOrye: Ariane 5: A Launcher for the 21st Century, S. 5, wurde jedoch wegen Verzögerungen in der Entwicklung auf Juni des folgenden Jahres verschoben.
Nutzlast mini|Ein Cluster-Satellit bei Tests
Die Nutzlast der Ariane 501 bestand aus vier Forschungssatelliten der Cluster-Mission mit einer Gesamtmasse von 4681 kg.William Huon: Ariane, une épopée européenne, S. 200. ETAI 2007, ISBN 978-2-7268-8709-7. Das Cluster-Programm wurde während einer Ausschreibung der ESA für die nächste Reihe wissenschaftlicher Missionen 1982 vorgeschlagen und unter Beteiligung der NASA entwickelt. Das Ziel der Mission bestand darin, kleine räumliche und zeitliche Veränderungen der Erdmagnetosphäre und des erdnahen Sonnenwind-Plasmas dreidimensional zu untersuchen. Die vier Satelliten sollten von der Rakete in zwei Paaren in einer geostationären Transferbahn ausgesetzt werden und schließlich eine hochelliptische (HEO-) Bahn erreichen.C.P. Escoubet u. a. (Hrsg.): The Cluster and Phoenix Missions. Kluwer, Dordrecht 1997, ISBN 0-7923-4411-1.
Verlauf Der Countdown verlief normal bis sieben Minuten vor Startbeginn (H0–7 min), als er wegen nicht erfüllter Sichtbarkeitsbedingungen gestoppt wurde. Nach einer knappen Stunde wurde der Countdown wieder aufgenommen, und der Start fand um 09:34 Ortszeit (12:34 UTC) statt. Bis H0+36 s, als sich die Rakete in einer Höhe von etwa 3700 m befand, verlief der Flug normal. In den folgenden Sekunden wich die Rakete von ihrem normalen Kurs ab, begann auseinanderzubrechen und zerstörte sich selbst.
In den Tagen nach dem Start setzten der ESA-Generaldirektor Jean-Marie Luton und der Präsident der CNES, Alain Bensoussan, eine neunköpfige Untersuchungskommission unter der Leitung von Jacques-Louis Lions, Präsident der französischen Académie des sciences, ein. Das unabhängige Team sollte die Unfallursache feststellen, die Angemessenheit der Validierungsmethoden beurteilen, und Korrekturmaßnahmen aufzeigen. Die Kommission begann ihre Arbeit am 13. Juni 1996 und lieferte ihren Bericht am 19. Juli ab. Der veröffentlichten Zusammenfassung des Berichts zufolge kam es ab H0+36 s zu folgender Kette von Ereignissen:Lions u. a.: Ariane 5 Flight 501 Failure – Report by the Enquiry Board. Paris 1996
Der Fehler hatte seine Ursache in einem Softwaremodul beider Inertialen Navigationssysteme (INS) der Steuerungseinheit, das für die Lageberechnung der Strapdown-Inertialplattform zuständig war. Bei der Umwandlung einer 64-Bit-Gleitkomma-Variablen in eine vorzeichenbehaftete 16-Bit-Ganzzahl kam es zu einem arithmetischen Überlauf. Diese Variable, E_BH (bias horizontal, „horizontale Ausrichtung“), gab die Ausrichtungspräzision der Inertialplattform an und hing mit der horizontalen Geschwindigkeit der Rakete zusammen. Die Codezeile, die zum Fehler führte, lautete wie folgt:
P_M_DERIVE(T_ALG.E_BH) := UC_16S_EN_16NS (TDB.T_ENTIER_16S ((1.0/C_M_LSB_BH) * G_M_INFO_DERIVE(T_ALG.E_BH)))
Der unbehandelte Operandenfehler (Operand Error) im Ada-Programm führte zum Ausfall (Übergang in den „degraded mode“) des Reserve-INS und kurz danach des Haupt-INS, und damit zum vollständigen Verlust von Lenk- und Lageinformationen. Von diesem Zeitpunkt an lieferten die INS an den Flugcomputer keine eigentlichen Flugdaten mehr, sondern im Wesentlichen nur noch Diagnoseinformationen.
Der Bordcomputer interpretierte die INS-Diagnoseinformationen als normale Flugdaten und stellte fälschlicherweise eine große Abweichung von der Flugbahn fest. Daraufhin sendete der Computer an die Düsen der beiden Feststoff-Booster und kurz darauf an das Vulcain-Triebwerk der Hauptstufe das Signal zur Schwenkung, um die vermeintliche Abweichung zu korrigieren. Durch die Schwenkung der Düsen wich die Rakete mit über 30 Grad pro Sekunde von ihrem Kurs ab.I-Shih Chang: European Space Launch Failures, S. 10. AIAA 2000-3574. 36th AIAA/ASME/SAE/ASEE Joint Propulsion Conference and Exhibit, Huntsville, AL, July 16–19, 2000 Da sich die Rakete noch in den dichteren Schichten der Erdatmosphäre befand, war sie dem großen Angriffswinkel der Luftströmung nicht gewachsen und begann angesichts der hohen aerodynamischen Kräfte auseinanderzubrechen. Nachdem die Verbindungen zwischen den Feststoffboostern und der Hauptstufe abrissen, leitete die Rakete – wie in diesem Fall vorgesehen – die automatische Selbstzerstörung ein und explodierte. Anschließend aktivierte zusätzlich die Bodenkontrolle den Befehl zur Sprengung, wenngleich die Rakete zu diesem Zeitpunkt bereits zerstört war.
links|750px|Zeitstrahl mit wichtigen Flugereignissen
Zum Zeitpunkt der Explosion befand sich die Rakete in 4000 m Höhe, etwa einen Kilometer östlich der Startrampe. Die Trümmer der explodierten Trägerrakete verteilten sich über eine Fläche von 5 km × 2,5 km; die durch die Explosion entstandene Wolke und die Abgase trieben in Richtung des Ozeans, wo sie sich allmählich auflösten.De Dalmau, Gigou: Ariane-5: Learning from Flight 501 and Preparing for 502. Einige Bruchstücke fielen nahe dem Startplatz ELA-3 herunter, dieser selbst blieb unversehrt. Menschen kamen bei dem Unfall nicht zu Schaden.
Trotz des sumpfigen Geländes konnten einige Systeme geborgen werden. Dazu zählten die beiden INS, die Daten enthielten, welche nicht per Telemetrie empfangen worden waren. Bruchstücke der vier Cluster-Satelliten wurden ebenfalls geborgen, waren aber nicht mehr verwendbar.
Fehlerursachen Der Fehler konnte in einer Simulation, in der die Flugsoftware mit den tatsächlichen Flugdaten ausgeführt wurde, reproduziert werden. Die Kommission fand außerdem abnorme Schwankungen des hydraulischen Druckes beider Aktoren des Vulcain-Triebwerks, die in der Folge untersucht wurden. Auf den Fehlstart der Ariane 501 hatte diese Anomalie keinen Einfluss. Es wurden laut der öffentlichen Zusammenfassung des Berichts keine weiteren Schwächen oder externen Faktoren gefunden, die für den Fehlstart verantwortlich gewesen sein könnten.
INS-Software und Ausnahmebehandlung mini|Geborgenes Bruchstück des Satelliten-Tragwerks der Ariane 501 Das Design des bei Ariane 5 verwendeten INS wurde fast unverändert von Ariane 4 übernommen.Lions u. a.: Ariane 5 Flight 501 Failure – Report by the Enquiry Board, S. 3
Der Überlauf der Variablen E_BH hing damit zusammen, dass die horizontale Geschwindigkeit der Inertialplattform aufgrund des größeren Nick-Winkels zu Beginn des Flugs fünfmal höher als bei Ariane 4 war. Die Software selbst wurde zwar vor dem Flug getestet, allerdings mit einer Parameterauswahl, welche die Fehlerbedingungen nicht erfasste.ESA/CNES: Immediate Post-Accident Analysis, Folie 9 Die Untersuchungskommission kritisierte, dass die Systemspezifikation des INS die aus der Software resultierenden Einschränkungen der Betriebsbedingungen nicht dokumentierte.
Das Softwaremodul, das den Fehler verursachte, lieferte sowohl bei Ariane 5 als auch bei der Vorgängerrakete nur vor dem Start sinnvolle Daten und erfüllte danach keinen Zweck mehr. Dennoch lief das Modul noch in den ersten 40 Sekunden des Flugs weiter, was auf eine Anforderung von Ariane 4 zurückging. Das Weiterlaufen der Prozedur diente dazu, die Plattform im Falle eines kurz vor dem Start angehaltenen Countdowns schnell wieder neu auszurichten. Auf Ariane 5 treffen diese Erwägungen nicht zu, da der Träger eine andere Vorbereitungssequenz hat.
Eine Analyse der Ausrichtungsprozedur ermittelte sieben Variablen, deren Berechnung unter Umständen einen Operandenfehler auslösen konnte. Vier der Variablen wurden durch eine Ausnahmebehandlung für Operandenfehler geschützt. Da die maximale Auslastung des INS-Computers laut den technischen Vorgaben 80 % nicht überschreiten durfte, wurde von verschiedenen Projektpartnern einvernehmlich beschlossen, die restlichen drei Variablen inklusive E_BH ungeschützt zu lassen. Im Quellcode fand sich kein Kommentar zu dieser Entscheidung. Analysen hatten ergeben, dass die drei restlichen Variablen entweder begrenzte physikalische Auswirkungen hatten oder ein großer Sicherheitsspielraum vorhanden war. Dies stellte sich im Falle von E_BH als falsch heraus, sodass gemäß Spezifikation ohne Ausnahmebehandlung der INS-Prozessor heruntergefahren wurde. Die Kommission war der Auffassung, dass die Auswirkungen von Softwareausnahmen begrenzt werden müssten und die INS jederzeit wenigstens Schätzwerte der Daten hätten liefern sollen.
Simulationen und Tests An den betroffenen Systemen beteiligteOrganisationen und UnternehmenAriane 5 Report Details Software Design Errors. Aviation Week & Space Technology, 19 Sep. 1996, S. 79–81, ESA Auftraggeber CNES Technische Leitung Aérospatialezu EADS fusioniert Hauptauftragnehmer Matra Marconi Spacezu EADS Astrium fusioniert Steuerungseinheit Sextant Avioniqueheute Thales Avionics Inertiale Navigationssysteme