Erziehung im Nationalsozialismus bezeichnet die Theorie und Praxis der „totalen Erziehung“ im NS-Staat. Sie umfasst die Vorschul-, die schulische und außerschulische Erziehung sowie die Hochschulbildung während der Zeit des Nationalsozialismus. Ziel war es, die sogenannte „arische“ Jugend zu „rassenbewussten Volksgenossen“ zu formen, „ihre jugendlichen Körper zu stählen“ und sie zu überzeugten Nationalsozialisten zu erziehen. Der Jugend galt ein besonderes Augenmerk des NS-Regimes, sollte doch mit ihrer Erziehung und Ausbildung der Grundstein für die Volksgemeinschaft der Zukunft gelegt werden.

Phasen der Erziehungs- und Bildungspolitik Die nationalsozialistische Jugend- und Bildungspolitik konnte 1933 nicht auf einen Schlag umgesetzt werden, sondern verdrängte das Erziehungssystem der Weimarer Republik schrittweise:Harald Scholtz: Erziehung und Unterricht unterm Hakenkreuz. Göttingen 1985, S. 50 ff. 1. Phase der Machtsicherung (1933–1935): keine tieferen Eingriffe in das Schulwesen abgesehen von Entlassungen politisch unerwünschter Pädagogen, Zentralisierung und Gleichschaltung von Staat und Gesellschaft sowie Bildung neuer Jugendorganisationen. 2. Phase der Kriegsvorbereitung (1936–1940): Eingriffe in die Schulstruktur, neue Lehrpläne, obligatorische Hitlerjugend und Lagererziehung, Ausgrenzung, Neuordnung der Lehrerbildung. Im Dezember 1936 wurde für die Jungen der 12. Klasse die 13. Klasse ersatzlos gestrichen, um 1939 zwei Offiziersjahrgänge zu erhalten. 3. Phase der Machterweiterung und Zerfall (1941–1945): Kriegsmangelsituation, Rekrutierung von Schülern (Flakhelfer, Volkssturm) in der Endphase, Minimalisierung von Bildung in den besetzten Gebieten.

Umsetzung der NS-Ideologie im Erziehungswesen Mit ihrem anti-intellektuellen, anti-humanistischen, judenfeindlichen und chauvinistischen Konzept der Formationserziehung stellten sich die Nationalsozialisten gegen die Aufklärung und Vernunft.Jörg Fligge: Lübecker Schulen im "Dritten Reich". Eine Studie zum Bildungswesen in der NS-Zeit im Kontext der Entwicklung im Reichsgebiet. Schmidt-Römhild, Lübeck 2014, S. 245–263 (schulische NS-Rituale); u. a. zu: Uniformen, Hitlergruß, Marschieren, Flaggenritualen. Zur "Volksgemeinschaft", siehe Index, S. 1282, diverse Nachweise, ISBN 978-3-7950-5214-0. NS-Propaganda und der Führerkult waren im Schulunterricht und darüber hinaus in der Hitlerjugend ständig präsent (Bilder von Hitler, Hitlergruß, Hakenkreuze, Fahnen, Fahnenappelle).Jörg Fligge: Lübecker Schulen im "Dritten Reich". S. 52ff., bes. 55–59 ("Nichtachtung von Wissenschaft und Vernunft"); 486. Während die Ideologie der Volksgemeinschaft die sozialen Unterschiede aufheben sollte (alle arischen Deutschen als Volksgenossen), wurde Hass gegen vermeintlich minderwertige Menschengruppen („Untermenschen“) geschürt. Bereits 1929 wurde der Nationalsozialistische Lehrerbund (NSLB) als Parteigliederung der NSDAP gegründet, nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler trat ein Verbot aller anderen Lehrerorganisationen in Kraft. Bis 1935 gehörten auch die Hochschullehrer zum NSLB, dann zum NSDDB.Jörg Fligge: Lübecker Schulen im "Dritten Reich". S. 1262, Index (diverse Nachweise zum Nationalsozialistischen Lehrerbund (NSLB))

Schon kurz nach der Machtübernahme 1933 wurden im Zuge der Gleichschaltung alle jüdischen Lehrer und ein Drittel der Lehrerinnen entlassen. Die verbliebenen Lehrer wurden aufgefordert, dem Nationalsozialistischen Lehrerbund beizutreten. Vereinzelt schieden Lehrkräfte aus dem Beruf aus politischen Gründen aus und konnten erst nach Kriegsende ihre Tätigkeit wieder aufnehmen. Andere versuchten, innerhalb des Schulsystems ihre Distanz zum nationalsozialistischen Gedankengut zu wahren. 9.000 von ca. 300.000 Lehrern verweigerten sich einer solchen Mitgliedschaft im NSLB, jedoch traten 97 Prozent dieser Organisation bei. 32 Prozent der im NSLB organisierten Lehrer, also etwa 100.000 Lehrkräfte, waren zudem Mitglieder der NSDAP. Für das Führungskorps in der NS-Hierarchie, vor allem deren mittlere und untere Ebene, spielten die pädagogischen Fachkräfte eine große Rolle. So waren 1937 sieben Lehrer Gauleiter und stellvertretende Gauleiter, 78 Kreisleiter sowie 2668 Ortsgruppen- und Stützpunktleiter der NSDAP.Saskia Müller, Benjamin Ortmeyer: Die ideologische Ausrichtung der Lehrkräfte 1933–1945 : Herrenmenschentum, Rassismus und Judenfeindschaft im Nationalsozialistischen Lehrerbundes. Eine dokumentarische Analyse des Zentralorgans des NSLB. Beltz Juventa, Weinheim 2016, ISBN 978-3-7799-3414-1, S. 11f., 22f. - Jörg Fligge: Lübecker Schulen im "Dritten Reich". S. 395–438 (zur Lehrerschaft); Index, S. 1262 (Nachweise zum NSLB).

Erziehung in der frühen Kindheit Neben den nach nationalsozialistischen Vorstellungen umgestalteten KindergärtenVgl. Manfred Berger: Der Kindergarten im Nationalsozialismus, Göttingen: Cuvillier Verlag, 2019, ISBN 978-3-7369-9939-8; ; gab es Versuche, „den neuen Menschen“ im Sinne des Nationalsozialismus zu „züchten“. Aus den Erziehungsschriften der Ärztin Johanna Haarer (1900–1988), wie beispielsweise Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind oder Mutter, erzähl von Adolf Hitler!, wird deutlich, wie sehr die ideologische Forderung nach Härte im Nationalsozialismus auch den Umgang mit Kleinkindern geprägt hat.Sigrid Chamberlain: Adolf Hitler, die deutsche Mutter und ihr erstes Kind. Über zwei NS-Erziehungsbücher. Psychosozial-Verlag, Gießen 1997, ISBN 3-930096-58-7. Sie behandelt Kinder ab der Geburt als Wesen, deren Schreien und Flehen nicht nachgegeben werden soll. Der Aufbau einer liebevollen Beziehung zwischen Eltern und Kindern soll verhindert werden, wobei die Kindererziehung selbstverständlich Aufgabe der Mutter ist.Anne Kratzer: Pädagogik: Erziehung für den Führer. – Um eine Generation aus Mitläufern und Soldaten heranzuziehen, forderte das NS-Regime von Müttern, die Bedürfnisse ihrer Kleinkinder gezielt zu ignorieren. Die Folgen dieser Erziehung wirken bis heute nach, sagen Bindungsforscher. Spektrum der Wissenschaft, 17. Januar 2019 (Archiv). „Bis Kriegsende erreichte es, durch NS-Propaganda beworben, eine Auflage von 690 000 Stück. Aber auch nach dem Krieg wurde es – vom gröbsten Nazijargon bereinigt – bis 1987 noch einmal von fast genauso vielen Deutschen gekauft: am Ende insgesamt 1,2 Millionen Mal.“ Damit zählte es zu den meistverkauften Erziehungragebern und zum offiziellen Lehrmaterial vährend der NS-Zeit und danach bis in die 70er Jahre.

Im Rahmen der Aktion Lebensborn wurden Heime errichtet, in denen der Nachwuchs der SS gefördert werden sollte. In den Heimen konnten ledige Frauen ihre Kinder anonym zur Welt bringen. In den deutschen Heimen wurden ca. 8.000 Kinder geboren. Später entführten die Nationalsozialisten auch Kinder aus den besetzten europäischen Ländern, die von ihrem Aussehen her dem Idealtypus des Ariers nahekamen, und gaben sie SS-Familien zur „Aufzucht“.

Schule Die Schule war nach Hitlers Ansicht vor allem eine Vorstufe zum Wehrdienst. Die Wehrmacht wurde daher auch „Schule der Nation“ genannt. Dies färbte vor allem auf den Schulalltag ab, indem Krieg und Kampf in allen Fächern gegenwärtig wurden. Zur vormilitärischen Ausbildung und kämpferischen Einstellung wurden nicht nur das Fach Sport, sondern vor allem die HJ-Ausbildung, ferner Schullager und der Aufenthalt in Schullandheimen genutzt (Geländespiele).Jörg Fligge: Lübecker Schulen im "Dritten Reich". S. 85, 110, 310, 433, 512, 657 (zum Kampf: Militarisierung), S. 87, 139, 154–156, 176, 252, 418, 562f., 692 (zum Wehrsport).

mini|Schülerinnen einer Höheren Handelsschule des Jahrgangs 1939 vor einem Schulgebäude, als dieses nicht nur schulischen Zwecken diente

In der Weimarer Republik war das Schulsystem unter der Hoheit der Länder heterogen strukturiert. Ab 1934 übernahm das Reichsinnenministerium Teile der Schulhoheit der Länder und begann mit einer Zentralisierung und Vereinheitlichung des Schulwesens. Vorangetrieben wurde diese Entwicklung 1934 durch das neue Reichserziehungsministerium. Ab 1937 formte das NS-Regime das System der Oberschule um, verkürzte die Zeit bis zum Abitur auf 12 Schuljahre, schaffte die gemeinsame Beschulung von Jungen und Mädchen (Koedukation) mit Ausnahme der sogenannten Aufbauschulen (höhere gemeinsame Schulbildung ab dem 7. Schuljahr) ab und nahm akademische Inhalte aus der Lehrerbildung. Ebenfalls ab 1937 wurden konfessionelle Schulen entgegen dem Reichskonkordat geschlossen.Jörg Fligge: Lübecker Schulen im "Dritten Reich". S. 110f., Index, S. 1269 (Reichserziehungsministerium, div. Nachweise), S. 609–611 (Konfessionsschulen), hier: katholische Gemeindeschule, S. 612–615 (jüdische Gemeindeschule). Zum Konkordat, Index, S. 1252.

mini|Schülerinnen im Arbeitseinsatz bei der Flachsernte 1942 unter Leitung des Lehrers

Der Samstag wurde ab 1934 zum „Staatsjugendtag“ erklärt, an dem alle Angehörigen von Jungvolk und Jungmädelbund (also nur die 10- bis 14-Jährigen) HJ-Dienst hatten und die übrigen Schüler die Schule besuchen mussten. Um Unterschiede bei der Stoffvermittlung zu vermeiden und sämtliche Schüler zu indoktrinieren, fand an den Samstagen kein Fachunterricht statt, sondern zwei Stunden „nationalpolitischer“ Unterricht, sowie Sport und für die Mädchen „Nadelarbeit“ bzw. für die Jungen Werkunterricht. Der Staatsjugendtag brachte zahlreiche Schwierigkeiten mit sich: Ein Hauptproblem bestand darin, dass es nicht genügend qualifizierte JM-Führerinnen und JV-Führer gab, die den HJ-Dienst am Staatsjugendtag sinnvoll ausfüllen konnten. Dadurch kam es zu Beschwerden von Eltern und Schulen. Zudem waren viele der Führerinnen und Führer selbst noch Schüler, befanden sich in der Ausbildung oder mussten arbeiten, sodass sie für den Dienst beurlaubt werden mussten. Dies führte wiederum zu Konflikten mit den weiterführenden Schulen und Arbeitgebern. Und schließlich bestand ein Problem auch noch darin, dass der Unterrichtsstoff nun auf fünf statt wie bisher auf sechs Tage verteilt werden musste, was manche Schulen dadurch lösten, dass sie in den höheren Klassen Unterricht auf den Nachmittag verlegten. Trotzdem kam es zu Unterrichtsausfall von rund 120 Stunden pro Schuljahr, so dass ein gravierender Leistungsrückgang befürchtet wurde. In der Folge wurde der Staatsjugendtag mit Wirkung zum 1. Januar 1937 wieder abgeschafft.Jörg Fligge: Lübecker Schulen im "Dritten Reich". S. 169–174; Index, S. 1278.

Sport bildete als Ertüchtigung einen wichtigen Teil der NS-Erziehung und mit fünf Stunden pro Woche einen Schwerpunkt im Stundenplan. Als Leitspruch hierfür wurde „Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper“ gewählt, ein Zitat des römischen Dichters Juvenal. Zudem wurde gefördert, Sportlehrer zu Schulleitern zu ernennen.

Im Sinne der Förderung der neuen Elite wurden besondere NS-Ausleseschulen, die von unterschiedlichen Flügeln des Nationalsozialismus getragen wurden, gegründet: vor allem die Nationalpolitischen Erziehungsanstalten (NPEA, volkstümlich Napola), die Adolf-Hitler-Schulen, die Reichsschule der NSDAP, die SS-Junkerschulen und die weiterführenden Ordensburgen. die Hauptschulen zur Förderung begabter Volksschüler aus einkommensschwachen Schichten.

Zur Erziehung im nationalsozialistischen Sinn sollten auch die Deutschen Heimschulen als Internatsschulen beitragen, die vor allem ab 1942 eingerichtet wurden. Zu ihnen gehörte die Deutsche Heimschule Schloß Iburg.Jörg Fligge: Lübecker Schulen im "Dritten Reich". S. 319–323 (zu den Elite- und Ausleseschulen).