Als Juniorenfirma (auch Juniorenunternehmen, Schülerfirma oder Lehrfirma) wird ein von Auszubildenden, Studenten oder Schülern eigenverantwortlich gegründetes Übungsunternehmen bezeichnet, das mit realem Geschäftsbetrieb, realen Waren und realen Geldströmen zumeist unter dem Schirm eines Ausbildungsbetriebes, einer Hochschule oder einer Schule (als Schülerfirma bzw. -unternehmen) auf Dauer geführt wird. Solche Unternehmen dienen heute vor allem pädagogischen und Bildungszwecken und sind je nach Bedarf und Möglichkeiten unterschiedlich strukturiert.

Geschichte Unternehmen, die von Auszubildenden oder Schülern geführt wurden, haben sich langsam bis zu ihren heutigen Formen entwickelt. Übergänge von Lehrformen und Handel lagen zum Beispiel bereits vor, als Lehrlinge sich ein Zubrot verdienten, indem sie ihre eigenen Arbeiten auf dem Markt verkauften und die damit verbundenen Geschäftsvorgänge selbst oder vom Meister angeleitet organisierten. Von einem Unternehmen spricht man heute allerdings erst, wenn eine betriebsähnliche Struktur vorliegt, sowie eine angeleitete, aber selbständige Arbeitsweise, die oft in finanzieller Hinsicht bis zu einem gewissen Grad durch den Ausbildenden abgesichert wird. Auch dies ist nicht neu. Bereits aus dem Jahr 1796 ist ein eigenständig von Schülern verwalteter Laden im Rahmen einer Leipziger Bildungsanstalt dokumentiert. In den 1920er Jahren wurden Arbeits- und Produktionsschulen eingerichtet. In der Zahnradfabrik Friedrichshafen wurde 1975 das erste reale Übungsunternehmen gegründet.

Der Begriff Juniorenfirma stammt von einem 1983 durch das Bundesinstitut für Berufsbildung initiierten dreijährigen Modellversuch, an dem acht unterschiedlich strukturierte Industriebetriebe teilnahmen. Das Ziel des Versuches war es, projektorientiertes Arbeiten in der kaufmännischen Berufsausbildung zu erproben. Bis Mai 2000 war die Zahl der betrieblichen Juniorenfirmen in Deutschland auf ca. 70 angewachsen, davon 38 bei der Deutschen Bahn AG. Die ersten Juniorenfirmen im berufsschulischen Bereich wurden 1987 konzipiert. Im schulischen Bereich spricht man oft von Schülerfirmen bzw. Schülerunternehmen.

International können auf Übungszwecke ausgerichtete reale Unternehmen ausschließlich im schulnahen Bereich aufgezeigt werden. So wurde in den USA 1916 die sogenannte Junior Achievement-Bewegung gegründet. Heute umfasst die Bewegung von Schülern geführte Junior Achievement-Unternehmen in annähernd 100 Ländern. In Europa wird durch die 1977 gegründete Organisation Junior Achievement Europe in 39 Ländern Schülerfirmenprogramme angeboten, u. a. seit 1994 in Deutschland durch Junior Achievement Germany.

Zwecke Diese Unternehmen können heute eine größere Zahl von Zwecken und Funktionen erfüllen, die durch den Unterricht nicht oder schlecht abgedeckt werden. Darunter fallen vor allem die Vermittlung von Fähigkeiten, Kompetenzen aber auch Selbstvertrauen in die eigene Arbeit, Erfolgserlebnisse und Teamgeist. Dies dient der Persönlichkeitsentwicklung der Schüler, fördert ihre Kooperationsbereitschaft und führt auch zur Stärkung ihrer Ausbildungs- und Berufsfähigkeit. Die Schüler sollen durch selbständiges und eigenverantwortliches Handeln sowie Notwendigkeit von vernetztem Denken auf das Berufsleben vorbereitet werden, um die dortigen Anforderungen bewältigen zu können.

Diese Unternehmen werden heute aber auch für Zwecke eingerichtet, die über die Berufsbildung hinausgehen. Weitere Ziele können in der Schaffung von kooperativen sozialen Räumen für den Sonder- und Förderschulbereich bestehen, die basisbezogen auch Ergotherapien und ähnliche therapeutische Maßnahmen ermöglichen, andererseits aber auch fortgeschrittenen Schülern berufsvorbereitende Fähigkeiten vermitteln. Hier sind verschiedenste Kombi-Modelle in Gebrauch. Im heilpädagogischen Bereich kann die praktische Arbeit so genutzt werden, dass für jeden Schüler eine passende Tätigkeit gefunden wird. Hierin liegt ein Vorteil, der durch Unterrichtsplanung nicht oder nur sehr aufwendig erreicht werden kann. Insbesondere bei der handwerklichen Fertigung von Kleinserien können alle Schüler jeden Arbeitsgang erlernen, Routinen entwickeln, aber auch je nach Fähigkeiten in die Planung von Material- und Budgetwirtschaft oder Verkauf einbezogen werden, was einen Ansporn geben kann, erfolgreicher zu arbeiten und etwas Gewinn zu erwirtschaften. Aus Sicht eines Schülers liegt ein Unterschied zur klassischen Therapie darin, dass keine Einzelstücke von Anfang bis Ende angefertigt werden, sondern die Arbeit auf jeweils vorhergehenden Arbeitsgängen aufbaut und den nachfolgenden Teilnehmern ein bearbeitetes Werkstück liefert.

Oft werden die Unternehmensprojekte teilweise in der Unterrichtszeit, teilweise in der Freizeit durchgeführt. Sie eignen sich daher auch für Schulformen mit Internatsunterbringung. Manche Konzepte sehen vor, dass das Unternehmen von Schülerteams für einen begrenzten Projektzeitraum (Wochen bis Monate) geführt wird, an deren Ende oft eine Verkaufsperiode steht, die das Erfolgserlebnis verschafft und das Projekt mit einer abschließenden Bewertung beendet. Es gibt aber auch langjährige Projekte die voneinander abfolgenden „Schülergenerationen“ fortgeführt werden, wobei hinzu kommende Neulinge von erfahreneren Schülern angeleitet werden, was zusätzlich positive Erfahrungen vermitteln kann.

In aller Regel bewirkt zeitliche Kürze des Projektes, Geldmangel und dadurch geringe Mechanisierung und Automatisierung, dass die erwirtschafteten Gewinne sehr bescheiden sind oder auch Verlust anfällt, der aus pädagogischen Gründen ausgeglichen werden muss, da sich andernfalls die gewünschten Erfolgserlebnisse nicht einstellen. Dies wird meist durch Umlagen im Mutterunternehmen abgefedert, so dass die Schüler den Eindruck eines erfolgreichen Unternehmens haben. Beispielsweise können Ausgaben für Arbeitsräume, Fahrtätigkeit, Heizung/Elektrizität oder Werkzeuge durch den pädagogischen Betrieb getragen werden, so dass nur die eigentliche Materialwirtschaft in die Verantwortung der Lernenden fällt. Auch bei einem insgesamt unwirtschaftlich arbeitenden Juniorenbetrieb kann den Schülern das Lernen in simulierten Realsituationen ermöglicht werden, Wirtschaftskenntnisse und Zusammenhänge der Kostenrechnung, die im normalen Unterricht nicht behandelt werden oder in nicht als unmittelbar erfahrbares Ursache-Wirkungsprinzip augenfällig werden.

Aufgrund der überwiegend pädagogischen Ausrichtung können die Produkte oder Dienstleistungen an die Bedürfnisse und Fähigkeiten der Schüler, seltener auf die Marktlage ausgerichtet werden. Das ist insbesondere dem Sonderförderbereich zuträglich, in dem oft das hergestellt werden muss, was die Schüler können, auch wenn es sich nicht um besonders nachgefragte Artikel handelt. Bei der Förderung von Hochbegabten kann man sich auf qualitativ hochwertige Produkte oder Einzelstückanfertigungen verlegen, wie beispielsweise elektrotechnische Geräte oder Computerprogramme. Hoch leistungsfähige Schüler profitieren persönlich von dieser Bildungsmöglichkeit, die vom gewöhnlichen Schulunterricht nicht geleistet werden kann.

Konzeption Für die Unternehmen gibt es keine einheitlichen Konzepte. Alle derartigen Unternehmen sind aber darauf ausgerichtet, möglichst sichtbare und reale Geld- und Warenströme mit marktfähigen Produkten und Dienstleistungen zu erzeugen, die leicht verstanden und nachvollzogen werden können. Im organisatorischen Aufbau orientiert sich das Unternehmen in der Regel an dem jeweiligen Mutterbetrieb oder der Einrichtung, in dem es geführt wird.

Führung und Leitung Die Führung des Geschäftsbetriebs liegt teilweise oder vollständig bei den mitwirkenden Auszubildenden, die alle anfallenden Arbeiten eigenverantwortlich ausführen bzw. durch Verantwortliche des Mutterunternehmens unterstützt und angeleitet werden. Diese sind oft Mitarbeiter aus dem Personal- oder Ausbildungsbereich sowie Vertreter aus den Fachabteilungen.

Inwieweit welche Aufgaben von den Lernenden übernommen werden können, hängt mit deren Fähigkeiten zusammen. Im Lehrbereich werden Arbeitsaufgaben verteilt, die durch Informationsmaterialien und die Pädagogen erklärt werden. Die Arbeiten selbst sollen dann eigenständig ausgeführt werden. Dies betrifft sowohl die Organisation als auch die Produktion. Für Hochbegabte streben viele Unternehmen eine eher selbstbestimmte Arbeitsweise an, bei der die Lehrkräfte nur noch Ziele vorschlagen, aber den Weg dorthin dem Lernenden und seiner kreativen Fähigkeiten überlassen.

Bei speziellen Förderprogrammen für Kinder mit Defiziten arbeiten die Schüler oft im Beisein der Pädagogen und erhalten Prozessaufgaben, d. h. die Aufgabe wird so gestellt, dass der Lösungsweg oder die Abfolge der Arbeitsschritte erklärt werden. Im handwerklichen Bereich sind dies z. B. Arbeitsschritte am Werkstück. Bei der Organisation und Planung werden Algorithmen eingehalten, die z. B. auf Informationsblättern für die Führung einfacher Rechnungsbücher festgehalten sind und direkt bei der Schreibarbeit nachgelesen werden können.

Positionierung am Markt Die Unternehmen unterliegen meist nicht dem am Markt üblichen Konkurrenzdruck und stellen im Rahmen ihrer pädagogischen Einrichtung einen Übungs- oder Schutzraum dar, der aktiv aufrechterhalten werden muss; dennoch können manche Unternehmen auch vollständig auf den Markt ausgerichtet sein, der somit das Umfeld stellt. In anderen Fällen ist das Unternehmensumfeld die Bildungseinrichtung selbst, deren weitere Abteilungen Kunden oder Zulieferer sein können. Als Bestandteil eines Großbetriebs, der die produzierten Waren für die weiteren Abläufe benötigt, bietet sich diese Struktur an. Hiermit ist die Juniorenfirma eine Abteilung, die aber eine eigene Rechnungsführung betreibt.

Sofern das Unternehmen Gewinn erwirtschaftet, verbleibt er oft im Projekt oder wird als Anreiz an die jungen Mitarbeiter abgegeben. Die Möglichkeit, die Schüler mit finanziellen Anreizen für ihre Arbeit zu belohnen, wird allerdings in der Praxis auch dann genutzt, wenn sich das Unternehmen insgesamt nicht wirtschaftlich rechnet. Denn die meisten dieser Unternehmen sind abhängig von ihrem Trägerbetrieb, der auch das pädagogische Personal und die übrigen Ausgaben trägt. Defizite werden typischerweise so abgefedert, dass Kostenfaktoren vom Mutterbetrieb übernommen werden, so dass die Rechnungsführung wieder positiv wird.

Anteile und Besitzstruktur Die betriebliche Juniorenfirma ist typischerweise ein Kleinunternehmen im Großunternehmen. Neben den Schülern sind oft weitere Träger beteiligt, darunter: die Schule, d. h. die Schulleitung und betreuende Lehrer Lehrbetrieb manchmal die Eltern vereinzelt auch andere Anteilseigner schulexterne Partner: Unterstützungsagenturen, Vereine, Wirtschaftsbetriebe bei heilpädagogischen Einrichtungen oft Träger oder Dachverbände

Die Juniorenfirma kann vollständig im Besitz des Mutterbetriebs sein oder anderen Modellen folgen. Unabhängig von der wahren Besitzstruktur, der juristischen Grundlage, aber auch der Wirtschaftlichkeit wird oft die Möglichkeit genutzt, den Schülern oder Lehrlingen einen anteiligen Besitz am Unternehmen zu ermöglichen. Bei Juniorenfirmen im berufsbildenden Bereich sind komplexere Anteilsmodelle möglich, die tatsächlich auch Besitz im juristischen Sinne darstellen. Die Auszubildenden haften jedoch nie für Schulden oder Pleiten, die in fast allen Fällen auch unmöglich sind. Je nach Modell können Lehrlinge ihren Anteil erhöhen. Scheidet ein Schüler aus, werden seine Anteile rückübertragen, oder er kann, je nach Modell diese Anteile auch halten, z. B. um das Unternehmen und die nachfolgenden Lehrlinge zu unterstützen.

Im Schul- oder Förderschulbereich werden oft sehr einfache Modelle bevorzugt, die im sichtbaren Einzahlen von kleineren symbolischen Beträgen in die Unternehmenskasse bestehen. Aus dieser Kasse werden dann auch erwirtschaftete Gewinne ausgezahlt.

Lehrmethodik