mini|Nach dem Abriss einiger alter Häuser ist die Synagoge im Mai 1929 besser zu sehen. Die Zeitung Bochumer Anzeiger lobt, noch, die Schönheit des Gebäudes. Das jüdische Leben in Bochum lässt sich ab dem 17. Jahrhundert nachweisen. Bochum ist heute Sitz der jüdischen Einheitsgemeinde Jüdische Gemeinde Bochum-Herne-Hattingen.

Geschichte Der Beginn jüdischen Lebens in Bochum 1616 werden in der ältesten Bochumer Stadtrechnung zwei jüdische Glasmacher namentlich erwähnt, Isaak Judde und Jakob Judde. Ob Bochum bereits früher jüdische Einwohner oder sogar eine Synagoge hatte, ist unsicher. Sie werden in Überlieferungen genannt, sind aber nicht belegt. Jüdische Bevölkerung soll schon vor 1349 in Bochum ansässig gewesen sein. Ab 1650 sind Gottesdienste in einem Betraum nachweisbar. 1736 wurden bereits neun Familien gezählt. Zu ihnen gehörte Dr. Coppilia Pictor, der erste studierte und promovierte Arzt in der Stadt. Die anderen Familienvorstände waren Krämer, Schlächter, Kaufleute, Geldverleiher. Unter ihnen ist auch der erste, namentlich bekannte jüdische Religionslehrer in Bochum, Meyer Nathan, der 1731 erwähnt wird. Er war auch Vorbeter und Schächter. mini|Frühe Orte des jüdischen Lebens in Bochum Ein Nachweis aus dem Jahr 1722 über die Jahrespacht von 2 Talern für eine Begräbnisstätte ist der erste schriftliche Beleg für jüdisches Gemeindeleben. Dieser Friedhof lag, gemäß der jüdischen Traditionen, außerhalb der bebauten Ortschaft, vor dem Buddenbergtor (heute wäre es zwischen dem ehemaligen Stadtwerkehochhaus und dem Bochumer Fenster).

Um 1745 erwirbt die Witwe Aaron Jacob eine im Hinterhof an der Schützenbahn liegende Scheune. Danach erfolgt der Umbau des Gebäudes oder der Neubau der Synagoge auf diesem Grundstück. Die Synagoge ist der Ort der Versammlung, des Lernens und des Gebets. In der ältesten Bochumer Stadtgeschichte aus dem Jahr 1790 berichtet Carl Arnold Kortum, dass die hiesigen Juden „ohngeachtet der geringen Anzahl dennoch eine gut eingerichtete Synagoge oder Schule“ haben.

1812 trat das Preußische Judenedikt in Kraft, das den 74 zu der Zeit in Bochum lebenden Juden unter anderem größere Freiheit bei der Wahl des Wohnsitzes gewährte. 1828 wurde eine jüdische Volksschule gegründet. 1830 waren es 123 Personen in 13 Familien, davon 32 schulpflichtige Kinder. 1852 gab es bereits über 200 Juden in Bochum.

Im 19. Jahrhundert wurden zwei Begräbnisplätze auf dem neuen Friedhof angelegt. Einige der alten Gräber wurden hierhin verlegt.

Der israelitischen Gemeinde wurde 1821 ebenfalls von der Polizei aufgetragen, einen neuen Begräbnisplatz außerhalb der Stadt anzulegen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten beschaffte sich die Gemeinde 1822 einen „schicklichen Platz“, direkt an dem Neuen Friedhof, dem heutigen Kortumpark. Der alte jüdische Friedhof an der Buddenbergstraße wurde 1833 auf Veranlassung des Landrats nach einer Errichtung einer neuen Mauer nach der Stadt mit Gesträuch bepflanzt, und erhielt ein gartenähnliches Aussehen. Später wurden neben dem neuen jüdischen Friedhof noch weitere jüdische Begräbnisplätze angelegt. Einige der Gräber wurden vom alten jüdischen Friedhof auf diese neuen Friedhöfe verlegt.Gisela Wilbertz: Jüdische Friedhöfe im heutigen Bochumer Stadtgebiet. Brockmeyer Bochum, 1988

Von dem ersten jüdischen Friedhof sind, nach einer weiteren Umbettung, zwei Grabsteine auf dem Friedhof an der Wasserstraße erhalten. Sie erinnern an Isaac Issachar (gest. 1760) und Aaron Marcus (gest. 1766). Ein weiterer Friedhof befand sich in der ehemaligen Stadt Wattenscheid (Jüdischer Friedhof Wattenscheid). In Bochum-Stiepel befand sich ein Begräbnisplatz an der Straße Am Brunen, bei dem die letzte Bestattung um das Jahr 1880 erfolgt sein soll.

Gründung der Synagogengemeinde Bochum Der Synagogenvorsteher war 1833 Aron Herz, Moritz Würzburger sein Stellvertreter.

1854 entstand die Synagogengemeinden Bochum. Ebenso entstanden Gemeinden in den Nachbarstädten Hattingen und Witten. Sie waren als Körperschaft öffentlichen Rechts organisiert, was ihnen eine gewisse organisatorische Sicherheit verlieh. Die Gemeinde wählte aus ihrer Mitte sogenannte Repräsentanten, die den Gemeindehaushalt festsetzten und kontrollierten.

mini|Alte Synagoge in der Wilhelmstraße Nachdem die alte Synagoge für die wachsende Bevölkerung zu klein geworden war, wurde an der damaligen Wilhelmstraße (heute Huestraße) eine neue Synagoge gebaut. Als Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde leitete Phillipp Würzburger den Neubau, welcher 1861 begann. Ende August 1863 wurde das Gebäude eingeweiht. Aus diesem Anlass fanden mehrtägige große Feierlichkeiten statt, an denen die allgemeine Bevölkerung sowie der Magistrat und die Stadtverordneten teilnahmen. Bürgermeister Greve bezeichnete die neu eingeweihte Synagoge als „Zierden der Stadt“. Die jüdische Schule lag in unmittelbarer Nähe der Synagoge, an der Wilhelmstraße 16. Nach mehrmaligem Umbau und Ausbau hatte die jüdische Volksschule drei Unterrichtsräume und bot Platz für 100 Schüler. In dem Gebäude waren außer den Büroräumen für die Gemeindeverwaltung, die Lehrerwohnung, die jüdische Wanderfürsorgestelle, die Gemeindebibliothek und ein Kinderhort untergebracht.

Der Gemeindevorsitzende Phillipp Würzburger war langjähriger Stadtverordneter der Stadt Bochum. Er wurde erstmals 1847 in die Stadtverordnetenversammlung gewählt und war ab 1851 Stadtrat und gehörte vielen städtischen Gremien an. Seit 1870 war er als unbesoldeter Beigeordneter der zweite Mann im Magistrat, nach dem Bürgermeister Max Greve. Als Greve 1872 unerwartet verstarb, führte Würzburger etwa ein halbes Jahr lang die Geschäfte der Stadt Bochum.

Als Vorsitzender der Parkkommission setzte sich Würzburger vehement für die Schaffung des Stadtparks ein, trotz erheblicher Widerstände. Er hatte die Vision, einen Ausflugsort für die ärmere Arbeiterklasse zu schaffen, was ihm letztendlich auch gelang. Ohne sein Engagement ist es unsicher, ob der Stadtpark Bochum existieren würde.

Als gegen Ende des Jahrhunderts der Antisemitismus gegen die Juden auch in Bochum zunahm, gab es auch unerfreulichste politische Veranstaltungen. Dazu zählten mehrere antisemitische Vorträge und Parteiversammlungen während der 1880er-Jahre. Ein bekannter Antisemit, Max Liebermann von Sonnenberg, der 1884 mehrfach im Schützenhof aufgetreten war, zog mit seiner Rede bis zu 3000 Zuschauer an. Die Honoratioren der Stadt Bochum fühlten sich dazu berufen, klare Gegenposition zu beziehen. In einem offenen Brief vom 12. Juli 1884 distanzierten sich mehr als 60 angesehene Bochumer Bürger von der judenfeindlichen Bewegung: Industrielle, leitende kaufmännische Angestellte, Angehörige des Mittelstandes und hohe städtische Beamte. Darunter war der wichtigste Industrielle von Bochum, Louis Baare, und der Stadtbaumeister Hermann Bluth. Sie appellierten an die Leser, sich von solchen Versammlungen fernzuhalten.Märkischer Sprecher, 12. Juli 1884 Louis Baare gehörte auch als westfälisches Mitglied dem von liberal und humanistisch gesinnten Bürgern 1890 gegründeten „Verein zur Abwehr des Antisemitismus“ an, und unterzeichnete entsprechende Aufrufe. Ein antisemitischer Kongress im Schützenhof Bochum, der einige Hundert Teilnehmer umfasste, fand 1889 statt, auf dem die Gründung der „Deutsch-Sozialen Partei“ stattfand. Sie zog kurz darauf in den Reichstag ein, verlor aber bis zum Ersten Weltkrieg stark an Bedeutung.

Juden als Bestandteil der Bochumer Gesellschaft mini|Die Bochumer Synagoge nach dem Umbau 1896 1895/96 musste die Synagoge erweitert werden. 1901 wurde Moritz David als erster Rabbiner der Bochumer Gemeinde berufen und blieb dort bis zu seinem freiwilligen Ruhestand im Jahr 1934. 1938 emigrierte er mithilfe von Leo Baeck nach England.

Damals lebten etwa 800 Juden in Bochum, überwiegend als Kaufleute und Handwerker, später auch als Rechtsanwälte und Ärzte. Einige Mutige investierten in neue Erfindungen und zukunftsträchtige Branchen: Jakob Goldstaub gründete 1910 Bochums größtes und modernstes Kino, Bendix Bloch war Inhaber der ersten Werbeagentur in Bochum. Das bürgerliche Leben in Bochum wurde zu der Zeit gleichermaßen von Juden und Nichtjuden gestaltet und geprägt. Jüdische Männer und Frauen waren Mitglieder und Vorsitzende vieler Bochumer Vereinigungen. Die Aktivitäten der Vereine, die innerhalb der jüdischen Gemeinde bestanden, waren Bestandteil des Bochumer Lebens.

Eine Persönlichkeit der Bochumer Gesellschaft war die Politikerin und Frauenrechtlerin Ottilie Schoenewald (1883–1961). Sie war bereits vor dem Ersten Weltkrieg in zahlreichen Vereinen, Ausschüssen und Einrichtungen aktiv. 1919 wurde sie für die Deutschen Demokratischen Partei (DDP) in das Bochumer Stadtparlament als eine von acht Frauen (von 66 gewählten Stadtverordneten) gewählt. Diesen verließ sie nach 1926 aufgrund des Erstarkens der NSDAP. Sie leitete später den Reichsparteiausschuss der Deutschen Demokratischen Partei. Ab 1929 war sie im Vorstand des Jüdischen Frauenbundes in Berlin, ab 1934 deren Vorsitzende.Hubert Schneider: Es begann 1933: Die Verfolgung der Bochumer Juden. Das Beispiel des Rechtsanwalts Dr. Siegmund Schoenewald und seiner Ehefrau Ottilie, geb. Mendel. In: Bochumer Zeitpunkte, Heft 34, 2015, S. 3–18 (online) Das Ottilie-Schoenewald-Weiterbildungskolleg, ein Weiterbildungskolleg in Bochum, ist nach ihr benannt.

1918 entstand der jüdische Friedhof an der Wasserstraße, welcher noch heute besteht. Die Trauerhalle der jüdischen Gemeinde wurde hier 1928 gebaut. Der Bauherr war das Stadtbauamt Bochum, der Architekt Theodor Sohm. Im Jahre 1954 wurden Gräber hierhin umgebettet, als zwei jüdische Friedhöfe an der Friedhofstraße / Wittener Straße, im Kortumpark, wegen des Neubaus des Bochumer Hauptbahnhofs aufgelassen wurden.

1922 wurde Erich Mendel als Kantor berufen; später wurde er außerdem Lehrer an der Jüdischen Volksschule, deren Leitung er schließlich übernahm. Er betätigte sich auch als Konzertsänger, musste diese Karriere jedoch nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten aufgeben. Stattdessen entwickelte er sich zum Sammler synagogaler Musik und zum Musikwissenschaftler. Von 1933 bis 1939 trug er mehrere hundert Bände Noten und eine große Spezialbibliothek zusammen. Nach einer Verhaftung im November 1938 emigrierte er im Juli 1939 nach England und später in die USA. Dort baute er die größten Sammlungen synagogaler Musik weltweit auf.

1925 hatte die Gemeinde 1.100 Mitglieder. Eine Statistik aus diesem Jahr verzeichnet 55 Schüler an der Städtischen Volksschule mit zwei Lehrern für Jüdische Religion und an höheren Schulen 85 Kinder. Ebenso verzeichnet ist ein Hinweis auf eine Ferienkolonie der Gemeinde.

1932 hatte die Bochumer jüdische Gemeinde 1.152 Mitglieder und war damit die drittgrößte in Westfalen nach den Gemeinden in Dortmund und Gelsenkirchen.

Zeit des Nationalsozialismus Nach der Machtergreifung an die NSDAP wurden die Juden in Bochum verfolgt. Jüdische Geschäfte wurden früh durch den großangelegten Boykott gegen jüdische Geschäfte, Kanzleien und Praxen am 1. April 1933 getroffen. Weitere Stationen der Entwicklung waren Berufsverbote sowie „Arisierungen“, wo jüdischer Besitz nahezu entschädigungslos auf Bürger aus Bochum oder durch die von Nationalsozialisten beherrschte örtliche Behörden übertragen wurde. Durch den Erwerb zahlreicher ehemals jüdischer Grundstücke weit unter Wert profitierte auch die Stadt Bochum. Juden, die bei Nichtjuden angestellt waren, wurden oder mussten von diesen entlassen werden. Die jüdische Minderheit wurde so drangsaliert, dass sie sich kaum mehr ernähren konnte. mini|Anzeige des Kaufhauses Kortum, vormals Gebrüder Alsberg, 1933