mini|Andrei Rubljows Dreifaltigkeitsikone Troiza – Abrahams Gastmahl mit den drei Engeln in Mamre (um 1425) Als Engel wird in der Religionswissenschaft ein Zwischenwesen zwischen Gott und Mensch bezeichnet. Die monotheistischen abrahamitischen Religionen Judentum, Christentum und Islam kennen Engel als Geistwesen in (geflügelter) Menschengestalt, die von Gott erschaffen wurden und ihm untergeordnet sind. Sie gelten als Gottes Boten an die Menschen.
Quellen für die Lehre von den Engeln, ihrer Funktion und Ordnung sind die autoritativen Schriften der jeweiligen Religionen:
im Judentum der Tanach, im Christentum die Bibel aus Altem Testament (dessen Umfang je nach Konfession unterschiedlich ist) und Neuem Testament, im Islam der Koran, die Hadithe, die koranische Erläuterung, und Qisas.
Außerdem bereichern Heiligenlegenden, Homilien, Wundergeschichten und volkstümliches Erzählgut wie Sagen und Märchen die Vorstellungen von Engeln. Verbreitet sind diese auch in der Esoterik.
Abgrenzung Engel und Dämonen, Teufel Sowohl Engel als auch Dämonen werden in vielen religiösen und spirituellen Traditionen als transzendente, übernatürliche Wesen verstanden, die jenseits der alltäglichen menschlichen Erfahrung existieren. In institutionellen Religionen übernehmen sie jeweils Vermittlerrollen zwischen höheren Mächten und der menschlichen Welt: Engel überbringen Botschaften, schützen, leiten und fördern, während Dämonen als gegensätzliche Kräfte wirken, Menschen in die Irre führen oder zu Fehlhandlungen verleiten. In den abrahamitischen Religionen tritt besonders hervor, dass Engel nicht autonom handeln, sondern von Gott erschaffene und gesandte Boten sind, die ausschließlich den göttlichen Willen repräsentieren und ausführen. Auf diese Weise erfüllen sowohl Engel als auch Dämonen eine aktive Funktion. Sie vermitteln zwischen dem Transzendenten und der menschlichen Lebenswelt.
Engel und Dämonen werden häufig als personalisierte Akteure dargestellt, nicht nur als abstrakte Kräfte, was narratives, symbolisches oder rituelles Arbeiten mit ihnen ermöglicht. Außerdem entfalten sie eine wirksame Präsenz in der menschlichen Existenz, indem sie Denken, Handeln und Schicksal beeinflussen; Engel meist auf fördernde, Dämonen auf störende Weise.Wilhelm Josef Derichs: Sehnsucht nach Transzendenz. Der Engel in Theologie und Literatur am Beispiel von Klaus Mann. (= Band 17, Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag, Reihe: Germanistik), Tectum / Nomos, Baden-Baden 2022, ISBN 978-3-8288-4753-8, Textauszug auf S. 9; 16–20;
Eine begriffliche Unterscheidung ist jedoch zwischen Dämonen und Teufeln notwendig: Während Dämonen neutral sind, handelt es sich bei Teufeln um eine Vielzahl verführerischer, chaotischer oder destruktiver Kräfte, bei denen der höchste Teufel als singuläre, personifizierte Leitfigur des Bösen gilt. In den abrahamitischen Traditionen, besonders im Christentum und zum Teil im Islam, wird er häufig als gefallener Engel beschrieben. Durch seine Rebellion gegen Gott wurde er zum Widersacher des göttlichen Willens. Dämonen treten oft als seine Diener oder Manifestationen auf, agieren in manchen Texten jedoch auch unabhängig.Kurt Flasch: Der Teufel und seine Engel. Die neue Biographie. C. H. Beck, München 2015, ISBN 978-3-406-68412-8.Kurt Röttgers: Teufel und Engel. transcript, Bielefeld 2005, ISBN 3-89942-300-3.
Etymologie Das deutsche Wort Engel stammt von altgriechisch ἄγγελος (angelos, lat. angelus). In der griechischen Antike bezeichnete es einen Boten oder Gesandten (vgl. die persischen Angaroi), die Bedeutung göttlicher Geistwesen nahm es in der Septuaginta (als Übersetzung für hebr. malaʾkh) und im Neuen Testament an.
Bei der Übersetzung der griechischen Bibel in die gotische Sprache wurde ángelos im profanen Sinn von „Bote, Gesandter“ durch gotisch airus wiedergegeben, ángelos im Sinn von „Bote Gottes“ aber durch das Fremdwort aggilus.Elfriede Stutz: Gotische Literaturdenkmäler. Metzler, Stuttgart 1966, S. 79. Häufig wird angenommen, dass aggilus im Zuge der gotischen Mission des 5. Jahrhunderts in andere germanische Sprachen gelangte, vgl. althochdeutsch angil, ẹngil, altsächsisch ẹngil.Vgl. Friedrich Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, 21. Auflage. De Gruyter, Berlin/New York 1975, S. 166; Lutz Mackensen: Ursprung der Wörter: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Bassermann, 2013, S. 121. Das Wort gehört demnach zum ältesten christlichen Wortschatz in der deutschen Sprache. Germanisten wie etwa Friedrich Kluge sind für eine direkte Entlehnung des deutschen Wortes aus dem Griechischen und gegen eine Vermittlung als Latinismus.
Religionsgeschichtlicher Vergleich Ugarit Die ugaritische Sprache ist mit dem Hebräischen verwandt. Hier findet sich mlak als Bezeichnung für Gottheiten, die als Boten eines höheren Gottes auftreten (insbesondere im Ba‘al-Zyklus, 13. Jahrhundert v. Chr.), daneben aber auch als Bezeichnung für Gesandte im profan-politischen Bereich. Es handelt sich um eine Substantivierung (maqtal) der Verbalwurzel l-’-k „senden“.Sang Youl Cho: Lesser Deities in the Ugaritic Texts and the Hebrew Bible: A Comparative Study of Their Nature and Roles (= Gorgias Ugaritic Studies. Band 7). Gorgias Press, Piscataway 2013, S. 138–140. Die Verbalwurzel l-’-k „senden“ ist in den westsemitischen Sprachen nur im Ugaritischen bezeugt; kann eine Substantivierung eines nicht bezeugten hebräischen Verbs sein - oder aber ein Lehnwort aus dem Ugaritischen. Vgl. Sang Youl Cho: Lesser Deities in the Ugaritic Texts and the Hebrew Bible: A Comparative Study of Their Nature and Roles. Piscataway 2013, S. 181 f.
Die höheren Götter des ugaritischen Pantheons korrespondieren durch göttliche Boten miteinander. So bedient sich Ba’al des Götterpaars Gupan und Ugar als Boten. Ihr Auftritt folgt einem Schema: sie werden vom Auftraggeber entsandt, machen eine weite Reise, treffen begleitet von Licht- und Feuer-Phänomenen beim Empfänger ein und huldigen ihm. Sie liefern ihre Botschaft ab und kehren mit der Antwort zurück.Sang Youl Cho: Lesser Deities in the Ugaritic Texts and the Hebrew Bible: A Comparative Study of Their Nature and Roles. Piscataway 2013, S. 174.
Mesopotamien mini|hochkant|Vierflügliger assyrischer Genius aus dem Palast von Dur Šarrukin, um 710 v. Chr. (Irakisches Nationalmuseum Bagdad) Auch in anderen Sprachen des syrisch-mesopotamischen Raums, wie Sumerisch und Akkadisch, werden menschliche und göttliche Boten mit dem gleichen Lexem bezeichnet. Die Vorstellung, dass höhere Götter sich niedrigerer Gottheiten als Boten bedienen, findet sich mehrfach. Letztere werden in der Fachliteratur als Dämonen (im Sinne von: übernatürliche Wesen) bezeichnet. Je nach Art ihres Auftrags wurden sie als „gut“ oder „böse“ qualifiziert. Die Ikonographie stellte sie als Mischwesen dar, die nach Menschenart auf zwei Beinen gehen, im Gegensatz zu Mischwesen, die sich wie Tiere auf allen Vieren fortbewegen. Eine Sonderform anthropomorpher niederer Gottheiten mit vier oder zwei Flügeln werden als Genien bezeichnet.
Dem Konzept des Schutzengels ähneln die ilu/ištaru, von denen man annahm, dass jeder Mensch von einem solchen persönlichen Schutzgott behütet wurde – falls dieser nicht erzürnt wurde und sich gegen seinen Schützling wandte oder ihn ohne übernatürlichen Beistand seinem Schicksal überließ.
Iranische Religion des Zoroastrismus Während die Konzepte von Götterboten und himmlischem Hofstaat der Hochgötter im Alten Orient weit verbreitet sind, geht die von Zarathustra reformierte iranische Religion (Zoroastrismus) darüber hinaus, indem sie eine Hierarchie der Mittlerwesen lehrt: Amesha spenta „unsterbliche Heilige“ namens Guter Sinn, Wahrheit, Rechtsherrschaft, Maßgesinnung, Gesundheit und Unsterblichkeit: sie gelten als Manifestationen und Offenbarungsträger des Gottes Ahura Mazda; Niedrigere Geistwesen, darunter fravashi (individuelle Schutzengel) und daênâ (ein durch individuelle Frömmigkeit hervorgebrachtes feminines Geistwesen, das den Gerechten nach seinem Tod über die Činwad-Brücke ins Jenseits geleitetMansour Shaki: Dēn. In: Encyclopædia Iranica (Online).). Der Engelhierarchie unter Ahura Mazda entspricht eine Hierarchie von Dämonen unter der Herrschaft seines Widersachers Angra Mainyu.
Religionswissenschaftler nehmen an, dass die iranische Angelologie und Dämonologie das Judentum und später (teils vermittelt über Judentum und Christentum, teils durch direkten Kontakt nach der Eroberung des Iran) den Islam beeinflussten. Bezüglich des Judentums lässt sich feststellen, dass das Interesse an Engeln und Dämonen unter persischer Herrschaft zunahm und diese auch in Hierarchien geordnet wurden. Der Einfluss iranischer Vorstellungen auf das nachexilische Judentum ist indes umstritten, da neben Ähnlichkeiten wie dem Engel- und Dämonenglauben auch Unterschiede zu konstatieren sind. Das deuterokanonische Buch Tobit enthält einen Hinweis auf kulturelle Kontakte, denn es bezeugt eine jüdische Gemeinde in Rages, einem Zentrum des Zoroastrismus.Angelika Berlejung: Geschichte und Religionsgeschichte des antiken Israel. In: Jan Christian Gertz (Hrsg.): Grundinformation Altes Testament. Vandenhoeck & Ruprecht, 6. überarbeitete und erweiterte Auflage Göttingen 2019, S. 59–192, hier S. 177 f.
Manichäismus und engelartige Gestalten Der Manichäismus stand in enger Beziehung zum Parsismus oder Zoroastrismus, er war aber keine reine Weiterentwicklung oder Ableitung davon. Vielmehr war es eine synkretistische Religion, die viele Elemente aus dem Zoroastrismus übernommen hatte, aber ebenso stark von Christentum, Gnostizismus und teilweise Buddhismus geprägt wurde.Martina Janßen: Mani Deutsche Bibelgesellschaft, Dezember 2010, auf die-bibel.de Kapitel „Lehre“ Der Manichäismus als eine spätantike, dualistische Religion wurde im 3. Jh. n. Chr. von Mani gegründet. Der Manichäismus entwickelte ein kosmologischsiehe hierzu auch Kosmogonie geprägtes „Lichtwesen-System“, das in markantem Gegensatz zu den normativen jüdisch-rabbinischen und christlich-patristischen Engelvorstellungen stand.I. Scheftelowitz: Die Entstehung der manichäischen Religion und des Erlösungsmysteriums. Alfred Töpelmann, Giessen 1922, auf gnosis.study S. 17 Die manichäischen Lichtwesen (Syrisch ܐܒܐ ܕܪܒܘܬܐ Abbā də Rabbūṯā ‚Vater der Erhabenheit‘ ‚der Vielheit‘) waren emanierte Lichtkräfte, die im kosmischen Kampf, das gefangene Licht befreien sollten. „Abbā dəRabbūṯā“ ist im Manichäismus die allgemeine Bezeichnung für das höchste Lichtprinzip, also das oberste, übergeordnete Wesen, aus dem alle anderen Lichtwesen emanieren. Im Gegensatz dazu erfüllen die jüdisch-christlichen Engel eine subordinierte Vermittlerfunktion, die vollständig auf den göttlichen Willen ausgerichtet ist.Georges Tavard et al.: Die Engel – Entwicklungen der ersten Jahrhunderte. In: Karl Rahner, Hermann Schmidt (Hrsg.): Handbuch der Dogmengeschichte. Band II, Faszikel 2b, Herder Verlag, Freiburg / Basel / Wien 1968, ISBN 978-3-451-00704-0, auf unifr.ch 20-49 (zitiert als HdD + Seitenzahl)
Griechische und römische Antike mini|hochkant|Nike, 2.–1. Jahrhundert v. Chr. In der griechischen Mythologie treten die Daimones als persönliche Schutzgeister und Vermittler zwischen Göttern und Menschen auf. Laut Hesiod gingen sie aus den Seelen der Menschen des Goldenen Zeitalters hervor. Dem griechischen Daimon entspricht der römische Genius, der auch geflügelt dargestellt werden kann.