Karma ist ein 1969 entstandenes Musikalbum des US-amerikanischen Saxophonisten Pharoah Sanders auf dem Label Impulse! Records. Es enthält die erste, gut halbstündige Version seiner bekanntesten Komposition The Creator Has a Master Plan, geschrieben mit Sänger Leon Thomas.Platte des Monats. In: Jazz Podium, 8/1969, S. 251 Es gilt sowohl als die „späte Hymne des New Thing in Jazz“,Christian Bröcking: Der Schrei des Soularfones. Peace and Happiness revisited. In: taz, 27. Februar 2002 als auch als die Beschwörung von „Peace und Happiness“ nach Hippie-Art.Christian Bröcking: Wenn er von früher spricht, dann über Mundstücke. In: Berliner Zeitung, 24. September 2004

Entstehungsgeschichte Karma ist das dritte Album von Sanders unter eigenem Namen.Die Schallplatte erschien zunächst 1969 als AS-9198. Die CD-Ausgabe wurde 1995 veröffentlicht als IMPD 153; eine 20-Bit-Edition kam unter IMP 11532 auf den Markt. Die beiden Stücke des Albums sind auch auf der Doppel-CD The Best Of Pharoah Sanders enthalten. Seit dem Tod von John Coltrane 1967 war er vor allem mit Alice Coltrane und dem Jazz Composer’s Orchestra in Erscheinung getreten. Zu Beginn des Jahres 1969 war ihm angeboten worden, seinem Album Tauhid (1966) ein weiteres Album auf dem Impulse!-Label folgen zu lassen.Kahn, S. 207 Nachdem er einen Monat vorher das Album Izipho Zam in einer großformatigen Besetzung für das kleine Label Strata-East eingespielt hatte, nahm er das Album Karma mit einem Nonett bzw. Septett in zwei Aufnahmesitzungen am 14. und am 19. Februar 1969 auf. Aufgenommen wurde neben den beiden veröffentlichten Stücken noch eine dritte Komposition, Light of Love, die jedoch nicht auf dem Album veröffentlicht wurde.

Die Titel The Creator Has a Master Plan (Sanders, Thomas) (32:45)Dieses Stück ist auf der (zuerst veröffentlichten) LP geteilt. Part I auf der A-Seite dauert 19:20, Part II auf der B-Seite 13:36 Colors (Sanders, Thomas) (5:37)

Auf dem von Charles Stewart aufgenommenen Titelfoto ist Pharoah Sanders in einer Yogapose abgebildet; ein weiteres Foto mit Sanders im Lotussitz ist beigelegt. Das Album dokumentiert zwar die Texte der beiden Stücke, enthält jedoch keine Liner Notes.

Inhalte Die Musik des Albums ist „teils tonal, teils modal“, geht stellenweise in die Tonsprache des freien Jazz über und weist zugleich auch „Eigenarten anderer Musikkulturen“ auf: In den zeitgenössischen Besprechungen wird besonders auf „von der orientalischen Musik angeregte Beschwörungsformeln“ verwiesen, insbesondere aber auf Afrikanismen – die damals noch ungewöhnliche „afrikanisch gefärbten perkussiven Akzentuierung“ und das afrikanisch geprägte Singen von Thomas. Leidenschaftliche Ausbrüche aus konventionellen musikalischen Strukturen und ein „überraschend friedliches, spirituelles und freundliches Spiel“ wechseln sich ab.Scott Yanow: Jazz on Record. The First Sixty Years. Backbeat, San Francisco 2003, S. 719. „Alternating passionate outbursts and surprisingly peaceful, spiritual and mellow playing.“

Das Album bewegt sich zwischen den beiden Polen der damaligen Jazzproduktionen: Einerseits orientierte es sich an den spontanen Jam-Session-artigen Aufnahmen, wie sie für Alben wie Free Jazz: A Collective Improvisation oder Ascension typisch waren und die nur wenig im Studio nachbearbeitet wurden; andererseits strukturierte Sanders den Aufbau des Stückes vor und kalkulierte sehr bewusst die Bearbeitungstechniken, die Alben wie The Black Saint and the Sinner Lady oder Bitches Brew auszeichnen, ein. Nach Ansicht von Trevor MacLaren ist The Creator Has a Master Plan „einer der feinsten und bestausgeführten und nachbearbeiteten Jams, die je auf Platte aufgenommen wurden“,Trevor MacLaren: Besprechung AllAboutJazz auch wenn Sanders später Kritik an der Spur-Belegung der Aufnahme äußerte: Saxophon und Bass liegen übereinander und können daher nur schwer getrennt wahrgenommen werden. Daher war es zum damaligen Zeitpunkt auch kaum möglich, bei der Nachbearbeitung das Saxophon deutlicher herauszustellen.„I just couldn’t be proud about the engineering part of it. Karma had me and the bass player on the same channel, so they couldn’t turn me up (separately), so it was very horrible to me at the time, you know“ (zit. nach Kahn, S. 207).

Leon Thomas wies darauf hin, dass dieses Album eine neue Qualität in den Free Jazz brachte: „Bis dahin waren es die Blasinstrumente, die neue Dimensionen in Klang und Ausdruck erkundeten.“ Hier jedoch wäre eine Gesangsstimme dem Saxophon gleichgestellt.zit. nach Kahn, S. 206 Sehr früh hat die Kritikerin Gudrun Endress darauf verwiesen, dass erstmals im neuen Jazz der Reichtum der menschlichen Stimme präsentiert wurde: „Die Platte Karma zeigt das ganz deutlich im Miteinander und Gegeneinander von Instrument und Stimme.“Gudrun Endress: Leon Thomas. In: Jazz Podium, 4/1970, S. 124

The Creator Has a Master Plan mini|hochkant|Pharoah Sanders (2006) Im Zentrum von Karma steht das am 14. Februar 1969 aufgenommene halbstündige The Creator Has a Master Plan. Das ausgedehnte Stück schrieb Sanders 1968 gemeinsam mit Sänger Leon Thomas, der den Text verfasste. Das Thema der Komposition wurde zunächst 1968 von Sanders bei seinen eigenen Auftritten in New York als Erkennungsmelodie gespielt und hieß Pisces Moon. Teilweise kann die Komposition als eine Variante von John Coltranes Album A Love Supreme begriffen werden, zumal dessen Anfangsmotiv in dem Stück, das auf den gleichen Harmonien beruht, zitiert wird. Als Sanders 1968 in Brooklyn Leon Thomas begegnete, der damals mit Randy Weston arbeitete, bat er ihn, für das Stück einen Text zu schreiben.Interview mit Thomas in Straight No Chaser #33 (1995), zit. n. Der ursprüngliche Entwurf sagte Sanders jedoch nicht zu, und er bat Thomas, „etwas Spirituelleres“ zu schreiben. Angeblich gab es hinsichtlich der Urheberschaft auch „Streit und Zerwürfnis“. Nach Angaben von Christian Broecking „reagiert Pharoah Sanders empfindlich auf die Frage, wer von beiden nun der eigentliche Creator vom Masterplan war.“

Anders als in zahlreichen späteren Versionen des Stücks wird auf Karma nur der Refrain des Textes verwendet: The creator has a master plan peace and happiness for every man. The creator has a working plan peace and happiness for every man. The creator makes but one demand happiness through all the land.

Der Schöpfer hat einen Masterplan: Friede und Glück für Jedermann. Der Schöpfer hat einen Arbeitsplan: Friede und Glück für Jedermann. Der Schöpfer stellt nur eine Forderung auf: Glück soll sein im ganzen Land.     (Eigene Übersetzung)

Für Karma wurde das Stück zum ersten Mal (am 14. Februar 1969) eingespielt. Es beginnt direkt mit einer hymnischen Stimmung und intensiven Saxophonausbrüchen, die an Coltrane erinnern. Dann setzt der Bass ein und spielt ein Riff, das aus dem ersten Teil von A Love Supreme stammt. Die Flöte stellt das auf zwei Akkorden beruhende Thema von The Creator vor, über das dann das Saxophon, getragen von den weiteren Instrumentalisten improvisiert. Erst nach beinahe acht Minuten setzt die Stimme von Leon Thomas ein, der einzelne Zeilen des Liedtextes wie ein Mantra vorträgt und dann in Jodeltechnik Scat singt, bevor Sanders wieder eine hymnische Stimmung erzeugt. Dann beginnt ein zweiter Durchgang durch das Stück mit einigen Ausbrüchen von Sanders. Ab der Mitte des Stücks entwickelt sich dann eine freie und sehr intensive Improvisation, bei der auf durchlaufende Harmonien verzichtet wird. Der Jodelscat von Leon Thomas entwickelt sich zu beeindruckend „wilden Fluktuationen von Knacklauten und dahinfließenden Worten“.Bart Plantenga: Yodel-ay-ee-oooo. The Secret History of Yodeling Around the World. Florence (KT) 2003, S. 250. Nach 19 Minuten (vor der digitalen Veröffentlichung die zweite Plattenseite der LP) entwickelt sich eine typische Free-Jazz-Climax, aus der Sanders „mit geradezu traumwandlerischer Sicherheit für musikalische Übergänge“ zurück „in den Bereich der Ruhe und Ausgeglichenheit“ führt, wenn etwa vier Minuten vor Schluss nach Art einer Reprise das Thema wieder auftaucht: „Ein Sturm ebbt langsam ab und zurück bleibt der Mensch in einer veränderten Welt. Es ist der Wille des Schöpfers, das jeder in Glück und Frieden lebt.“

Trotz der Nonettbesetzung und Leon Thomas’ warmen Gesangs ist Sanders der eigentliche Solist, der beinahe die gesamte Länge des Stückes über die Hauptlast von Melodieführung, Struktur und Improvisation trägt. Mit seinem Ensemble erzeugt er ein breites Stimmungsspektrum, das über weite Strecken sehr lyrisch ist und viele Anklänge an Coltranes spirituelle Phase enthält. Sanders scheint der „Sekretär der Geister“ zu sein, der „bescheidene Umspanner ihrer Energien“.Kodwo Eshun: More Brilliant than the Sun: Adventures in Sonic Fiction. London 1998, S. 174

Colors Das zweite Stück Colors, für das ebenfalls Sanders und Thomas als Urheber zeichnen,Phyl Garland (Sounds, Ebony 2/1976, S. 22) zufolge beanspruchte später auch Lonnie Liston Smith Autorenrechte wurde am 19. Februar 1969 aufgenommen; das Ensemble ist kleiner, weil auf die Klangfarben von Flöte und zusätzlicher Perkussion verzichtet wurde, und es gibt auch Abweichungen in der Besetzung der Rhythmusgruppe. Trotz des naiven Texts wirkt diese Komposition wie eine glaubhafte Fürbitte, was die spirituelle Grundströmung des Albums weiter unterstreicht: „Gott schickt uns seinen Regenbogen, und ich sehe seine Farben. Ohne ihn gibt es keine Harmonie“,dt. Übersetzung dieses Textes aus Jazz Podium 8/1969, S. 251 heißt es im Text von Leon Thomas. Dieses Stück wurde „wohl mit Bedacht als besinnlicher Ausklang“ als zweites Stück angefügt; auch bei der Interpretation dieses Stücks „wurden die Ausdrucksmittel gewählt, die schon John Coltrane gebrauchte.“

Chart- und wirtschaftliche Erfolge Das Album erreichte Platz 5 der US-amerikanischen Jazz-Charts und Platz 188 der amerikanischen Billboard-Charts im Bereich der populären Musik.[ Billboard-Charts Pharoah Sanders]

Karma verkaufte sich „besser als manches Rockalbum“. Der ökonomische Erfolg von Karma brachte Sanders einen festen Platten-Vertrag mit ABC-Paramount, der Mutterfirma von Impulse.Thiele hatte Sanders schon seit 1965 unter Vertrag nehmen wollen, konnte aber die ABC-Oberen nicht überzeugen („What kind of crap is this? This isn’t going to sell!“) Nachdem Karma erschienen war, wurde Thiele gefragt: „Hey, haben wir Sanders unter Vertrag?“ Er antwortete: „Nein, ihr wolltet ihn nicht“. Thiele wurde nun beauftragt, ihn zum Label zu holen: „Er ist heiß, hol ihn!“ (Zit. nach Kahn, S. 201, englische Ausgabe).

Die deutsche Ausgabe des Musikmagazins Rolling Stone wählte das Album 2013 in seiner Liste Die 100 besten Jazz-Alben auf Platz 4.Christina Wenig: Rolling Stone: Die 100 besten Jazz-Alben. In: Rolling Stone. 8. November 2013, abgerufen am 16. November 2016.

Wirkung mini|hochkant|Pharoah Sanders (2008) Bereits im August 1969 wurde Karma in der deutschen Fachzeitschrift Jazz Podium als „Platte des Monats“ gewürdigt. Dabei wird besonders herausgestellt, dass Sanders mit dieser Platte das Werk von John Coltrane fortsetze: Er habe dem Stück The Creator Has a Master Plan „nicht nur ein Thema zugrundegelegt, das dem Weltbild und der spirituellen Vorstellung Coltranes entspricht, sondern er bedient sich auch die gleichen musikalischen Mittel, um seinen Gedanken und Gefühlen Ausdruck zu verleihen.“

„Kaum eine Jazzaufnahme hat die Aufbruchstimmung jener Tage so genau eingefangen“, analysiert im Rückblick der Jazzkritiker Christian Broecking. Dabei würden „friedensbewegtes Flower Power und Suche nach spiritueller Innerlichkeit“So Marcus A. Woelfle Rondo (Marcus A. Woelfle) umspannt. Die Poetin Sarah Webster Fabio nahm 1976 in ihrer Dichtung Jujus: Alchemy of the Blues hierauf ausdrücklich Bezug.„You prophesied the return of mandolins and tambourines and tinkling bells, and triangles and cymbals, and they sided in on beams from Pharoah Sanders as I slept taking me unaware, tripping, blowing my mind.“