mini|hochkant|Einteilige Doppelflöte dwojanka aus Bulgarien, entspricht dem nordslowakischen Typ der dvojačka. Eine Doppelflöte ist eine Flöte mit zwei separaten oder miteinander verbundenen Spielröhren, die zugleich angeblasen werden. In Europa bestehen Doppelflöten üblicherweise aus einem Holzstück, das zwei über Kernspalte angeblasene Spielröhren enthält, seltener kommen gedoppelte Längsflöten ohne Kernspalt vor und eine Besonderheit stellen in Indien ungefähr mittig angeblasene Querflöten dar. Je nach Anordnung der beiden Grifflochreihen sind Doppelflöten für ein zweistimmiges Melodiespiel, ein Zweiklangspiel mit einem festen Intervall (Akkordflöte), einen Zusammenklang zweier annähernd gleicher Töne, der eine Schwebung bewirkt, oder – wie in den meisten Fällen – für das Spiel einer Melodie- und einer zweiten liegenden Stimme (Bordun) geeignet.
Umgangssprachlich, aber instrumentenkundlich falsch werden gelegentlich auch andere gedoppelte Holzblasinstrumente (Doppelblasinstrumente, auch Doppelpfeifeninstrumente) mit Einfachrohrblatt „Doppelflöte“ genannt, des Weiteren kommt der antike griechische Aulos, das bekannteste aus zwei Spielröhren bestehende Rohrblattinstrument, in der älteren Literatur als „Doppelflöte“ vor.Beispielsweise in: ; beklagt häufige Falschübersetzung: J. V. S. Megaw: The Earliest Musical Instruments in Europe. In: Archaeology, Bd. 21, Nr. 2, April 1968, S. 124–132, hier S. 130
Bei der Orgel bezeichnet Doppelflöte einen bestimmten Pfeifentyp.
Herkunft mini|hochkant|Marmorfigur aus Keros. Eine der frühesten Darstellungen eines Doppelblasinstruments. Kykladenkultur, 3. Jahrtausend v. Chr. Unterschieden wird zwischen (1) Doppelblasinstrumenten aus zwei separaten Spielröhren wie dem antiken Aulos, die in einem veränderlichen Winkel zueinander zugleich angeblasen werden, (2) Instrumenten mit einzeln angefertigten und dann parallel verbundenen Spielröhren wie dem in der arabischen Volksmusik gespielten Einfachrohrblattinstrument zummara und (3) Doppelflöten, die aus einem Holzstück mit zwei Bohrungen bestehen wie den in der Volksmusik der Südslawen verwendeten Doppelflöten und der historischen Akkordflöte. Die Art der Tonerzeugung ist von dieser Formunterscheidung unabhängig. In Europa kommen von der Steinzeit bis in die traditionelle gegenwärtige Volksmusik Flöten fast nur mit Kernspalt vor. Randgeblasene Längsflöten gehören zum orientalischen Kulturbereich, wo sie seit den mesopotamischen Kulturen ab der Mitte des 3. Jahrtausends v. Chr. nachweisbar sind,Hermann Moeck, 1951, S. 71 und Querflöten waren und sind in Europa weitgehend der Kunstmusik vorbehalten.
Eine entwicklungsgeschichtliche Abfolge der Flötentypen in der Steinzeit, wie sie Curt Sachs ausgehend von der Eintonflöte mit Kernspalt vorschlug (vor allem in Geist und Werden der Musikinstrumente, Berlin 1929), ist kaum aufrechtzuerhalten, da grifflochlose Knochenflöten und Knochenflöten mit Grifflöchern gleichzeitig verwendet wurden und möglicherweise unterschiedliche Funktionen hatten.Hermann Moeck, 1951, S. 45 Aus der europäischen Steinzeit sind keine Fundstücke von Doppelflöten erhalten.
Altertum mini|Bronzefigur eines Doppelblasinstrumentenspielers aus Masdschid-i Solaiman, Iran. Parthische Zeit, 3.–2. Jahrhundert v. Chr., Höhe 5 cm, Louvre Doppelblasinstrumente, die aus zwei separaten, von einem Spieler zur selben Zeit geblasenen Einfach- oder Doppelrohrblattinstrumenten bestehen, sind seit der Kykladenkultur, ab dem 3. Jahrtausend v. Chr., aus dem östlichen Mittelmeerraum von Abbildungen bekannt. Dass es sich nicht um Flöten handelte, ist auf späteren Vasenmalereien erkennbar, die Auloi (Plural von Aulos, Einfach- oder Doppelrohrblatt) mit häufig leicht konischen Spielröhren und dünnen Mundstücken zeigen.Helmut Brand: Altgriechische Musikinstrumente. Ein kurzer Überblick. musikarchaeologie.de Ansonsten ist bei den zahlreichen Darstellungen von Doppelblasinstrumenten im antiken Mittelmeerraum und Alten Orient häufig nicht klar zu bestimmen, ob nach der grundsätzlich unterschiedlichen Art der Tonerzeugung Rohrblattinstrumente oder Flöten abgebildet sind. Eine zur frühbronzezeitlichen Keros-Syros-Kultur gehörende, 20 Zentimeter hohe Figurine aus Marmor wurde zusammen mit einem Harfenspieler auf der griechischen Insel Keros gefunden.Pat Getz-Preziosi: The Male Figure in Early Cycladic Sculpture. In: Metropolitan Museum Journal, Bd. 15, 1980, S. 5–33, hier S. 31f Die Figurine bildet eine Gruppe von mindestens vier Holzblasinstrumentenspielern, von denen die anderen jedoch nicht vollständig erhalten sind, außerdem gehören zwei Panflötenspieler zu dieser am Übergang der Steinzeit zu einer frühen Hochkultur entstandenen Gruppe.Joan R. Mertens: Some Long Thoughts on Early Cycladic Sculpture. In: Metropolitan Museum Journal, Bd. 33, 1998, S. 7–22, hier S. 17 Bei einer der männlichen Figuren aus Keros wächst eine breite Spielröhre aus deren vorgestrecktem Kinn nach vorn. Der Musiker hält sein Einzelblasinstrument wie die zwei Spielröhren der abgebildeten Figur mit beiden abgewinkelten Armen. Wegen des breiten Mundstücks der einzelnen Spielröhren hält Hermann Moeck (1951) diese Figur für den frühesten Beleg einer europäischen Doppelflöte vom selben Typ, den heute die Südslawen auf dem Balkan spielen.Hermann Moeck, 1951, S. 53, 73
mini|links|Aulosbläser bei einem Symposion. Ein Tondo mit einer rotfigurigen Vasenmalerei aus Vulci, um 490 v. Chr. Zu den in die Mitte des 3. Jahrtausends v. Chr. datierten Funden der sumerischen Musikkultur aus den Königsgräbern von Ur gehören Schrifttafeln und Rollsiegelabdrücke, die Rundharfen, Leiern und Längsflöten zeigen sowie bruchstückhafte Darstellungen von Trompeten und zwei silberne Röhren mit Grifflöchern, die als Doppeloboe (Doppelrohrblattinstrument) gedeutet werden. Aus altbabylonischer Zeit, Anfang des 2. Jahrtausends v. Chr., stammen mehrere Tonfiguren von Affen, die auf einer Flöte oder einer Doppeloboe spielen. Aus dem 2. Jahrtausend v. Chr. sind zahlreiche Darstellungen von Doppelblasinstrumenten auf Tonreliefs überliefert, weil diese unter Verwendung von Modeln serienmäßig angefertigt wurden. Bei einer stilisierten Tonfigur eines Mannes mit abgewinkelten Armen, der mit beiden Händen ein Doppelblasinstrument hält, ist dieses als Ritzzeichnung auf seiner Brust dargestellt. Zwei Reihen mit jeweils acht eingedrückten Mulden sollen die Fingerlöcher markieren. In Larsa wurde eine Affenfigur mit einem Doppelblasinstrument ausgegraben, deren Spielröhren ungleich lang sind.Subhi Anwar Rashid: Mesopotamien. (Werner Bachmann (Hrsg.): Musikgeschichte in Bildern. Band II: Musik des Altertums. Lieferung 2) Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1984, S. 22, 94
Im ägyptischen Alten Reich in der zweiten Hälfte des 3. Jahrtausends v. Chr. wurden Flöten, Doppelflöten und Rohrblattinstrumente gespielt. Doppelblasinstrumente, die wahlweise als „Flöten“ oder „Oboen“ bezeichnet werden, gab es den Texten oder Abbildungen zufolge auch bei den Hethitern, in späthethitischer Zeit und im Assyrischen Reich. An vielen Fundorten in Mesopotamien wurden weibliche Tonfiguren aus seleukidischer Zeit ausgegraben, die erkennbar gedoppelte Rohrblattinstrumente in den Händen halten und eine lange, kontinuierliche Tradition von Doppelblasinstrumenten belegen. Am großen Tempel der parthischen Stadt Hatra ist aus der zweiten Bauphase (etwa 80 bis 150 n. Chr.) ein Relief mit einem Spieler einer Doppeloboe erhalten. Dies ist die früheste bekannte Abbildung eines Doppelaulos in Mesopotamien mit drehbaren Metallringen, die über die Spielröhren geschoben werden, um durch Abdecken einzelner Grifflöcher die Tonlage des Instruments zu ändern. Sollte das gewünschte Griffloch offen sein, drehte der Spieler den Ring, bis dessen Öffnung genau über dem Griffloch lag. Diese Drehringe waren bereits im antiken Griechenland und im Römischen Reich bekannt und gelangten zusammen mit der Panflöte (syrinx) ins Zweistromland.Subhi Anwar Rashid, 1984, S. 142, 158
Unter den in der Bibel erwähnten Musikinstrumenten wird der Name hālīl (von der hebräischen Wurzel ḥll, „aushöhlen, durchbohren“) unterschiedlich als gedoppeltes Rohrblattinstrument, Flöte Doppelflöte oder als Sammelbezeichnung für Blasinstrumente interpretiert.Joachim Braun: Biblische Musikinstrumente. IV. Instrumente. 3. ḥālîl. In: MGG Online, November 2016 (Musik in Geschichte und Gegenwart, 1994)
Die Euterpe, eine der Musen der griechischen Mythologie wird häufig mit einer Flöte oder einem Doppelaulos als ihrem Attribut abgebildet. Sie gilt als Erfinderin der Auletik, in der älteren Literatur mit „Flötenspiel“ übersetzt, dem instrumentalen Vortrag auf dem Aulos. Durch die Flöte steht sie mit der Kunstgattung der gesungenen Poesie in Verbindung, bei der ein solistischer Sänger von einer Flöte begleitet wird.
Europäisches Mittelalter und Westeuropa mini|hochkant|Musiker mit Doppelflöte und Knickhalslaute (ähnlich der späteren Mandora). Detail einer Szene aus dem Leben des Hl. Martin von Tours. Fresko von 1322–1326 in der Unterkirche der Basilika San Francesco in Assisi. Edward Buhle (1903) bildet mehrere Musiker mit Doppelblasinstrumenten auf Miniaturen des 10. bis 13. Jahrhunderts ab, auf denen jedoch nicht erkennbar ist, ob es sich um Doppelflöten handelt. Buhle hält die Darstellungen für eine aus der Antike übernommene Tradition von Blasinstrumenten, die in jener Zeit in Europa nicht mehr in Gebrauch waren.Edward Buhle: Die musikalischen Instrumente in den Miniaturen des frühen Mittelalters. Ein Beitrag zur Geschichte der Musikinstrumente. I. Die Blasininstrumente. Breitkopf & Härtel, Leipzig 1903, S. 37 Seit dem frühen Mittelalter werden in Europa gedoppelte Kernspaltflöten verwendet; wann sie erstmals auftreten, ist jedoch unklar. Der französische Komponist und Dichter Guillaume de Machaut (1300/05–1377) schreibt in La Prise d’Alexandrie über die Doppelflöte die Verszeilen: .
Auf einer englischen Miniatur aus dem 14. Jahrhundert ist in der Mitte ein Akrobat im Handstand zu sehen, der von einem Musiker mit Doppelflöte und einem weiteren Musiker mit Einhandflöte und Tabor flankiert wird. Der Spieler der Doppelflöte hält die beiden Rohre in spitzem Winkel auseinander.Abgebildet in Manfred H. Harras: Blockflöte. V. Geschichte der Blockflöte. 1. Mittelalter. In: MGG Online, November 2014 (Musik in Geschichte und Gegenwart, 1994) Ein Fresko in der Unterkirche der Basilika San Francesco in Assisi von 1322–1326 zeigt einen Musiker mit zwei Kernspaltflöten, die er in einem spitzen Winkel auseinanderhält. Der Musiker ist kaum in der Lage, seine Flöten zu fassen, die außerdem mehr Löcher haben als er mit den Fingern erreichen kann.Andreas Meyer, Marianne Betz: Flöten. IV: Längsflöten mit Spaltvorrichtung. 6. Doppelflöten. In: MGG Online, November 2016 (Musik in Geschichte und Gegenwart, 1995)
Eine einteilige Doppelflöte spielt eine auf einem Schwan sitzende Dame, die Baccio Baldini (um 1436–1487) etwa 1470 als Kupferstich mit dem Titel Musik darstellt. Das kurz nach 1500 entstandene Wandbild Mariä Aufnahme in den Himmel des italienischen Malers Girolamo di Benvenuto (um 1470–1524) in der Kirche Santa Maria in Portico a Fontegiusta in Siena zeigt eine Doppelflöte mit einer kürzeren rechten Spielröhre. Der Haushaltsbuchführung des Herzogs Karl der Kühne von 1457 ist zu entnehmen, dass der Spieler einer Doppelflöte eine Bezahlung erhielt. Der Komponist Johannes Tinctoris gebrauchte um 1484 für ein Doppelblasinstrument, das bei einer Komposition zu spielen sei, das Wort tibia, das jedoch mehrdeutig ist, da es bei den Römern die lateinische Bezeichnung des Rohrblattinstruments Aulos war. Im 16. Jahrhundert waren wohl Doppelblasinstrumente in Westeuropa häufig Doppelrohrblattinstrumente.Sibyl Marcuse, 1975, S. 586f