Die Geschichte des Alphabets begann im Alten Ägypten mehr als ein Jahrtausend nach den Anfängen der Schrift. Das erste Alphabet entstand um 2000 v. Chr. und gehörte zur Sprache der semitischen Arbeiter in Ägypten (siehe Protosinaitische Schrift). Es leitete sich aus alphabetischen Ansätzen in den ägyptischen Hieroglyphen ab. Die meisten heutigen Alphabete stammen entweder von diesem Ursprungsalphabet ab, oder sie wurden indirekt von ihm inspiriert.Elizabeth J. Himelfarb: First Alphabet Found in Egypt. In: Archaeology 53, Issue 1 (Jan./Feb. 2000), S. 21. Das erste echte Alphabet war das griechische,A. R. Millard: The Infancy of the Alphabet. In: World Archaeology, Band 17, Nr. 3, 1986, S. 390–398 (396) das am weitesten verbreitete das lateinische.Harald Haarmann: Geschichte der Schrift. 2. Auflage. C. H. Beck, München 2004, ISBN 3-406-47998-7, S. 96
Vorgeschichte Vor dem Ende des vierten Jahrtausend v. Chr. existierten zwei gut dokumentierte Schriften: die mesopotamische Keilschrift und die ägyptischen Hieroglyphen. Beide waren in jenem Teil des Nahen Ostens wohlbekannt, der das erste verbreitete Alphabet hervorbrachte, die phönizische Schrift. Es gibt Indizien dafür, dass die Keilschrift bereits in einigen der Sprachen, die sie verwendeten, Eigenschaften des Alphabets aufwies, so wie es auch bei der später entstandenen altpersischen Keilschrift der Fall war. Doch scheinen diese frühen Formen sich nicht weiterentwickelt zu haben und haben daher keine Nachfolger in späteren Alphabetschriften. Die Byblos-Schrift besitzt graphische Ähnlichkeiten sowohl mit der hieratischen als auch mit der phönizischen Schrift. Da sie noch nicht entschlüsselt ist, lässt sich ihre mögliche Rolle in der Entwicklung des Alphabets jedoch nicht bestimmen.Wolfgang Krischke: Unser Alphabet ist alles andere als selbstverständlich In: faz.net, 25. September 2021, abgerufen am 30. September 2021.
Erste Entwicklungen Anfänge in Ägypten Die Ägypter entwickelten bis etwa um 2700 v. Chr. einen Satz von 22 Hieroglyphen, die die Konsonanten der ägyptischen Sprache wiedergaben, sowie eine 23., die wohl für Vokale am Wortanfang und -ende stand. Diese Glyphen dienten als Aussprachehilfen für Logogramme, um grammatische Flexionen zu markieren, sowie später auch zum Schreiben von Lehnwörtern und fremdsprachigen Namen. Auch wenn es seiner Natur nach alphabetisch war, wurde es nicht im Sinne eines echten Alphabets gebraucht, sondern nur in logographischer Funktion, während die komplexe traditionelle ägyptische Schrift weiterhin dominierte. Die erste echte Alphabetschrift wurde wohl um das Jahr 2000 v. Chr. von semitischen Arbeitern in Zentralägypten verwendet. In den folgenden fünf Jahrhunderten verbreitete sie sich nach Norden, und die späteren Alphabete stammen von ihr entweder in direkter Linie ab oder wurden von ihren Nachfolgern inspiriert, mit möglichen Ausnahmen wie der meroitischen Schrift, einer Adaption der Hieroglyphenschrift im Nubien des 3. Jahrhunderts v. Chr., auch wenn viele Wissenschaftler diese ebenfalls als durch das erste Alphabet beeinflusst ansehen.
Semitisches Alphabet
mini|Das phönizische Alphabet (mittlere Säule) ist die Mutter verschiedener heutiger Alphabete; v. l. n. r.: lateinisch, griechisch, phönizisch, hebräisch, arabisch;die modernen Äquivalente der phönizischen Buchstaben stehen auf selber Höhe wie die „Originale“ in der mittleren Spalte;verwandte Buchstaben sind im gleichen Farbton hinterlegt; Pfeile ordnen Buchstaben ihrem jeweiligen Äquivalent zu
Die ägyptischen Schriften des Mittleren Bronzezeitalters, darunter die Wadi-el-Hol-Schrift, sind noch nicht entschlüsselt. Allerdings scheint es sich bei ihnen um zumindest teilweise alphabetische Schriften zu handeln. Die ältesten dieser Schriften stammen aus Zentralägypten ca. 1800 v. Chr.news.bbc.co.uktrussel.com Diese Inschriften bilden nach Ansicht Gordon J. Hamiltons einen Beleg für die Erfindung des Alphabets in Ägypten.Gordon J. Hamilton: W. F. Albright and Early Alphabetic Writing. In: Near Eastern Archaeology, 65, Nr. 1 (Mar., 2002), S. 35–42, hier S. 39–49.
Die semitischen Schriften verwendeten nicht nur die vorhandenen ägyptischen Konsonantenzeichen, sondern integrierten weitere Hieroglyphen, so dass sie insgesamt über etwa dreißig Zeichen verfügten. Auch wenn bisher kein Nachweis existiert, wird vermutet, dass die einzelnen Zeichen eigene semitische Namen erhielten, statt die originalen ägyptischen Bezeichnungen zu verwenden.J. T. Hooker, C. B. F. Walker, W. V. Davies, John Chadwick, John F. Healey, B. F. Cook, Larissa Bonfante: Reading the Past: Ancient Writing from Cuneiform to the Alphabet. University of California Press, Berkeley 1990, S. 211–213.McCarter, P. Kyle: The Early Diffusion of the Alphabet. The Biblical Archaeologist, 37, Nr. 3 (Sep., 1974), S. 54–68, hier S. 57. Es ist nicht sicher, ob diese Glyphen, wenn sie als Schrift der semitischen Sprache Verwendung fanden, bereits ein Alphabet nach dem Prinzip der Akrophonie (bzw. dem Rebus-Prinzip) darstellten, oder ob einzelne Zeichen für Konsonantenfolgen oder gar ganze Wörter stehen konnten. Beispielsweise könnte die „Haus“-Glyphe auch im Semitischen lediglich für ein b gestanden haben (als Anfang von beyt = „Haus“), oder er könnte sowohl den Konsonanten b als auch die Lautfolge byt dargestellt haben, genau wie sie im Ägyptischen sowohl p als auch pr bezeichnete. Zu dem Zeitpunkt, als die Schrift auch in Kanaan zur Verwendung gelangte, war sie aber bereits eine rein alphabetische Schrift, und die ursprüngliche „Haus“-Hieroglyphe stand nur noch für den Laut b.J. T. Hooker, C. B. F. Walker, W. V. Davies, John Chadwick, John F. Healey, B. F. Cook, Larissa Bonfante: Reading the Past: Ancient Writing from Cuneiform to the Alphabet. University of California Press, Berkeley 1990, S. 212.
Die Phönizier waren das erste Volk in Kanaan, das das Alphabet regelmäßig verwendete. Aus diesem Grunde werden die folgenden Entwicklungsstufen als phönizische Schrift bezeichnet. Die Phönizier unterhielten von ihren Hafenstädten im Gebiet des heutigen Libanon aus ein weiträumiges Handelsnetz. Dadurch verbreitete sich das phönizische Alphabet bald im gesamten Mittelmeerraum. Zwei seiner Varianten waren von großem Einfluss auf die weitere Entwicklung der Schrift: das aramäische und das griechische Alphabet.
Nachfahren der aramäischen Schrift
Die phönizischen und aramäischen Alphabete stellten wie in der ägyptischen Ursprungsschrift nur Konsonanten dar, also eine Konsonantenschrift. Die aramäische Schrift, welche sich im 7. Jahrhundert v. Chr. aus der phönizischen entwickelte und zur Schrift des Perserreiches wurde, ist wohl die Vorgängerin fast aller modernen asiatischen Alphabete: Das moderne hebräische Alphabet entstand als Variation des aramäischen. (Das ursprüngliche hebräische Alphabet wird noch von den Samaritanern verwendet.J. T. Hooker, C. B. F. Walker, W. V. Davies, John Chadwick, John F. Healey, B. F. Cook, Larissa Bonfante: Reading the Past: Ancient Writing from Cuneiform to the Alphabet. University of California Press, Berkeley 1990, S. 222.Andrew Robinson: The Story of Writing: Alphabets, Hieroglyphs & Pictograms. Thames & Hudson, New York 1995, S. 172.) Das arabische Alphabet ist über die nabatäische Schrift aus dem aramäischen hervorgegangen. Das syrische Alphabet, das nach dem 3. Jahrhundert unserer Zeitrechnung Verwendung fand, war mit dem Pahlavi und Sogdisch als Zwischenstufen die Grundlage für die Alphabete Nordasiens wie (vermutlich) die Orchon-Runen, das uigurische, mongolische und das mandschurische Alphabet. Die Abstammung des georgischen Alphabets ist nicht gesichert, es gehört aber wohl zur persisch-aramäischen (oder eventuell zur griechischen) Schriftfamilie. Das aramäische Alphabet ist vermutlich auch der Vorfahr des „indischen Schriftenkreises“, der sich über die hinduistischen und buddhistischen Religionen auch nach Tibet, in die Mongolei, nach Indochina und auf dem malaiischen Archipel ausbreitete. China und Japan hingegen besaßen bereits eigene Schriften und behielten ihre eigenen logographischen und Silbenschriften bei. Das koreanische Alphabet wurde im 15. Jahrhundert erfunden. Nach der überlieferten Entstehungsgeschichte handelte es sich um eine eigenständige Entwicklung. Gari Ledyard vermutet allerdings, dass ein Teil der Konsonantenzeichen auf ein halbes Dutzend Buchstaben zurückgegangen sein könnte, die aus dem Tibetischen über die Phagspa-Schrift der chinesischen Yuan-Dynastie entstanden; auch das tibetische Alphabet gehört dem indischen Schriftenkreis an. Anders als bei den sonstigen Alphabeten sind die übrigen Konsonantenzeichen aus diesem Kernsatz als distinktives Merkmalsystem entstanden.Gari K. Ledyard: The Korean Language Reform of 1446. Seoul: Shingu munhwasa, 1998.
westliche Schriften ← phönizisch → indischer Schriftenkreis → koreanisch römisch griechisch gujarati devanagari tibetisch A Α 15px|Aleph અ अ ཨ B В 15px|Beth બ ब བ ㅂ, ㅁ C, G Г 15px|Gimel ગ ग ག ㄱ, (ㆁ) D Δ 15px|Daleth ધ (ઢ) ध (ढ) - E Ε 15px|He હ ह ཧ (ㅱ) F, V Ϝ, Υ 15px|Waw વ व ཝ Z Ζ15px|Zayin દ (ડ) द (ड) ད (ཌ) ㄷ, ㄴ H Η 15px|Heth ઘ घ - - Θ 15px|Teth થ (ઠ) थ (ठ) ཐ (ཋ) I, J Ι15px|Yodh ય य ཡ K Κ 15px|Kaph ક क ཀ L Λ 15px|Lamedh લ ल ལ ㄹ M Μ15px|Mem મ म མ N Ν 15px|Nun ન न ན - Ξ 15px|Samek શ श ཤ O Ο 15px|Ayin ?ओ P Π15px|Pe પ, ફ प, फ པ, ཕ - Ϡ15px|Sade સ स ས ㅈ, ㅅ Q Ϙ15px|Qoph ખ ख ཁ R Ρ 15px|Res ર र ར S Σ 15px|Sin ષ ष ཥ T Τ 15px|Taw ત (ટ) त (ट) ཏ (ཊ) Tabelle: Verbreitung des Alphabets nach Westen (Griechisch, Latein) und Osten (Indischer Schriftenkreis, Koreanisch): Die genaue Zuordnung der phönizischen zu den indischen Schriftzeichen (via Aramäisch) ist ungewiss, insbesondere für die Zischlaute und die Buchstaben in Klammern. Die Übertragung des Alphabets vom Tibetischen (via Phagspa) ins Koreanische ist ebenfalls umstritten.
Griechisches Alphabet Adaption durch die Griechen Spätestens im 8. Jahrhundert v. Chr. übernahmen auch die Griechen das phönizische Alphabet und passten es für ihre Sprache an.McCarter, P. Kyle: The Early Diffusion of the Alphabet. In: The Biblical Archaeologist, 37, Nr. 3 (Sep., 1974), S. 54–68, hier S. 62. Die Buchstaben des griechischen Alphabets sind die gleichen wie im phönizischen, und beide Alphabete sind in der gleichen Reihenfolge angeordnet. Während eigene Buchstaben für Vokale eher ein Hemmnis für die Lesbarkeit von ägyptischen, phönizischen oder hebräischen Texten gewesen wären, war ihr Fehlen in der griechischen Sprache ein Problem, da Vokale dort eine wesentlich wichtigere Rolle spielten. Daher nutzten die Griechen jene phönizischen Buchstaben, die für die Konsonanten in ihrer eigenen Sprache nicht benötigt wurden, zur Darstellung von Vokalen.
Die Bezeichnungen der phönizischen Buchstaben begannen stets mit einem Konsonanten, der jeweils dem Lautwert des entsprechenden Buchstabens entsprach. Diesem akrophonischen Prinzip folgend standen im Griechischen nun Vokale am Anfang der Buchstabennamen. Beispielsweise gab es im Griechischen weder den Glottisschlag noch das h, und die betreffenden phönizischen Buchstaben wurden im Griechischen zu a (Alpha) und e (Epsilon), was den Vokalen und an Stelle der Konsonanten und entsprach. Da jedoch bei zwölf Vokalen des Griechischen nur (je nach Dialekt) fünf oder sechs „ungenutzte“ Buchstaben zur Verfügung standen, schufen die Griechen Digraphen und weitere Variationen, beispielsweise ei, ou und o (das zum Omega wurde). Einige Lücken im System wurden jedoch ignoriert, beispielsweise die Unterscheidung des langen a, i und u.Andrew Robinson: The Story of Writing: Alphabets, Hieroglyphs & Pictograms. Thames & Hudson, New York 1995, S. 170.