Das Großkraftwerk Trattendorf ist ein ehemaliges Kohlekraftwerk in Spremberg, Ortsteil Trattendorf. Befeuert wurde es mit Braunkohle aus dem Lausitzer Braunkohlerevier.
Geschichte Am Standort Trattendorf existierten nacheinander zwei Kraftwerke, die geschichtlich gesehen als zwei selbstständige Kraftwerke behandelt werden müssen. Das erste, das Großkraftwerk Trattendorf wurde nach 1945 als Reparationsleistung durch die Sowjetische Besatzungsmacht demontiert und zurückgebaut. Das zweite, das Jugendkraftwerk Artur Becker Trattendorf wurde an derselben Stelle völlig neu errichtet und bis 1996 betrieben.
mini|Lageplan KW Trattendorf 1989 mini|Photovoltaikanlagen auf dem ehemaligen Kraftwerksgelände (Luftbild 2018, Blick Richtung Norden)
Für den Bau des Kraftwerkes Trattendorf mussten 93.000 Kubikmeter Erdreich ausgehoben sowie 32.000 Kubikmeter Betontrümmer und 124.000 Kubikmeter Ziegel des Altwerkes abgetragen werden. Für den Neubau wurden dann etwa 16 Millionen Ziegel, 170.000 Kubikmeter Beton und 44.000 Tonnen Zement verbaut. 3. September 1954, Kühlturmbrand im Werk III. Der vom Großkraftwerk erhalten gebliebene Kühlturm Nummer 2 brennt vollständig aus. Sämtliche Holzeinbauten werden vernichtet. Der Kühlturm selbst bleibt erhalten. 13. Oktober 1954, die erste Ausgabe der Betriebszeitung Unser Kraftwerk erscheint. In Anerkennung der Leistungen wurde dem Betrieb Kraftwerk Trattendorf nach der erfolgten 1. Netzschaltung die Medaille „Für hervorragende Leistungen im Fünfjahresplan“ verliehen. 1957 wurde in unmittelbarer Nähe zum Kraftwerk Trattendorf mit der Errichtung des neuen Stadtteiles Spremberg-Süd begonnen. Es entstanden Kinderkrippen, 3 Kindergärten, 2 Schulen und die erste Kaufhalle der Stadt. Alle Wohnungen waren dabei mit Fernheizung, die aus dem Kraftwerk versorgt wurde, ausgestattet. Am 1. September 1958 wird im Kraftwerk Trattendorf mit der polytechnischen Ausbildung von Schülern begonnen. Die ersten 28 Schüler kommen aus der „Rosa Luxemburg Oberschule“ Spremberg. Am 29. April 1959 wurde dem Kraftwerk Trattendorf der Ehrenname „Jugendkraftwerk Trattendorf Artur Becker“ verliehen, der dann zugleich als offizieller Name für das Kraftwerk galt. 1960 wurde in Kraftwerksnähe eine 1,2 Hektar große Gewächshausanlage, das sogenannte Gemüsekombinat, errichtet, die mit der Abwärme des Kraftwerksbetriebes beheizt wurde. 1961 wird ein Erz-Kohle-Frachter der Seereederei Rostock auf den Namen Trattendorf getauft. Aus Anlass dieser Taufe entwickelt sich eine über Jahre anhaltende Patenschaftsbeziehung zwischen der Besatzung des Schiffes und der Belegschaft des Kraftwerkes. Ein entsprechender Patenschaftsvertrag wird dazu im Jahr 1967 abgeschlossen. 1963 wird das Jugendkraftwerk Trattendorf Artur Becker zum VEB Kraftwerke Artur Becker Trattendorf. Zum Kraftwerk Trattendorf gehören nun die Betriebsberufsschulen Finkenheerd und Lauta, die Kraftwerke Lauta, Plessa und Finkenheerd sowie die Zentrale Reparaturabteilung in Lauta. 1963 Eröffnung des Betriebsmuseum „Kraftwerk Trattendorf“ 1964 wird eine ehemalige Lehrwerkstatt in Verantwortung des Kraftwerkes zum Kulturhaus Artur Becker umgebaut und genutzt. 1969 erreichte das Kraftwerk Trattendorf seine höchste Jahresstromerzeugung mit 3294,2 GWh erzeugter Elektroenergie. Ab 1978 belieferte das Werk I des Kraftwerks Trattendorf das Sprela-Werk-Spremberg mit Fernwärme. Über die errichtete Umformstation war es im geringen Umfang auch möglich, die Stadt Spremberg mit Wärme zu versorgen. 9. Februar 1979 Abschluss eines Patenschaftsvertrag mit einer Einheit des Panzerregiments 14 „Karol Świerczewski“ aus Spremberg. 1983 wird im Kraftwerk eine geschützte Werkstatt zur Beschäftigung behinderter Menschen eingerichtet. Am 27. April 1984 bekommt das Kraftwerk Trattendorf das Artur Becker Ehrenbanner durch den 1. Sekretär des Zentralrates der FDJ Eberhard Aurich überreicht. Das Kraftwerk Trattendorf verfügt zum Ende des Jahres 1987 über 288 Werkswohnungen. 1989 beträgt der Personalbestand des Kraftwerkes 2100 Beschäftigte. Im Juni 1991 beträgt der Personalbestand noch 1046 Arbeitnehmer, der sich bis zum Jahresende durch Altersübergang und Kündigung auf 964 Arbeitnehmer verringern sollte.Betriebszeitung KONTAKT, 28. Juni 1991 Am 30. März 1996 wird mit der Außerbetriebnahme der Turbine 1 und des Kessels 2 des Werkes III das Kraftwerk Trattendorf stillgelegt. Mit der deutschen Wiedervereinigung befand sich das Kraftwerk Trattendorf in Teilen (Werk I) in Sachsen und in Brandenburg (Werk III und Verwaltungsgebäude). Pläne der LMBV die Brachfläche zur Errichtung einer Photovoltaikanlage zu nutzen, wurden im Jahr 2010 umgesetzt. Am 14. Oktober 2015 kam es in dem nicht nachgenutzten Gebäude der ehemaligen Motorenwerkstatt zu einem Feuer, bei dem das Gebäude erheblich beschädigt wurde.
Großkraftwerk Trattendorf (1917–1945) Im Jahr 1915 wurde unweit des Dorfes Trattendorf bei Spremberg mit dem Bau eines Großkraftwerkes unter dem Namen Niederlausitzer Kraftwerke AG begonnen. Das Großkraftwerk wurde ab 1915 unter Mitarbeit vieler Kriegsgefangener aus dem Ersten Weltkrieg errichtet.Spremberg-Info.de: Zeittafel Kraftwerk Trattendorf Beim Bau des Großkraftwerkes Trattendorf entschied man sich bewusst dafür, es nicht wie bisher üblich in direkter Nachbarschaft zur vorhandenen Kohlegrube als Lieferant des Brennstoffes zu bauen, sondern in diesem Fall die in 4 km Entfernung befindliche natürliche Wasserressource der Spree als Kühlwasser für die Kondensatoren als Standortvorteil zu nutzen. Dadurch konnte man in den ersten Ausbaustufen auf die sonst notwendige bauliche Maßnahme der Kühltürme vorerst verzichten. Unmittelbar mit der Errichtung des Kraftwerkes wurde in nur 200 Meter Entfernung mit dem Bau des Lonza Werkes, dem ersten geplanten Großabnehmer des Kraftwerkes, begonnen.
Die Versorgung mit Brennstoff erfolgte aus der Kohlengrube Brigitta mittels Grubenbahn in offenen Wagen. Die Rohbraunkohle wurde auf einer großen Freifläche südlich des Kraftwerkes auf Halde geschüttet. Das Fassungsvermögen dieser Halde betrug etwa 35.000 Tonnen Rohbraunkohle, was dem damaligen Bedarf von zehn Tagen entsprach. Anfallende Nassasche wurde dem Prinzip des geschlossenen Kreislauf folgend mit den Kohlewaggons zurück in die Grube gebracht und dort verfüllt. Mit steigender Anzahl von Maschinensätzen und Kesseln wurde es nicht nur logistisch immer schwieriger, den Ascheabtransport über diesen Weg zu realisieren, sondern auch die Versorgung mit Kühlwasser nach dem Prinzip der Durchlaufkühlung ließ sich so nicht weiter aufrechterhalten. Die Schwierigkeit der Ascheentsorgung wurde durch eine Spülleitung, mit der ein Asche-Wasser-Gemisch transportiert werden konnte, welches dann auf eine Freifläche östlich des Kraftwerkes verbracht wurde, gelöst. Das Problem der Kühlung konnte nur durch die Errichtung von Kühltürmen an der nördlichen Seite des Kraftwerkes beseitigt werden. Auch hier wurde wiederum Neuland beschritten, denn bis auf die Einbauten bestanden diese nicht wie bisher üblich aus einem holzverkleideten Stahlgerüst, sondern waren massiv in Stahlbeton ausgeführt. Sie gelten noch heute als Symbol für neue und wagemutige Anwendertechnologien im Stahlbetonbau der 1920er und 30er Jahre.Wilfried Theile: Die Kühltürme von Trattendorf. Meilensteine im Stahlbetonbau. In: Bauzeitung. 52(1998) Nr. 1/2, , S. 76–78. Es wurden insgesamt drei Kühltürme, jeweils der Ausbaustufe des Kraftwerkes folgend, errichtet. Die Inbetriebnahme der Kühlturme erfolgte in den Jahren 1926, 1927 und 1937.
Der Bau des Kraftwerkes dauerte mehrere Jahre. Zunächst wurden zwei Kesselhäuser A und B (mit 12 beziehungsweise 14 Dampfkesseln, 2 beziehungsweise 3 Schornsteine) gebaut. 1917 konnte mit den Maschinen 1 und 2, die zusammen 10 MW elektrische Leistung lieferten, die Stromversorgung aus Trattendorf aufgenommen werden. 1922 war der Endausbau des Kesselhauses A mit 12 Dampfkesseln abgeschlossen. Die installierte Leistung erhöhte sich auf 50 MW. 1923 waren die Arbeiten am Kesselhaus B mit 14 Dampfkesseln beendet. Im Jahr 1925 konnte mit der Inbetriebnahme der Maschine 7 der erste geplante Bauabschnitt abgeschlossen werden.
1928 wurde das Kraftwerk Trattendorf mit der Inbetriebnahme der Maschine 8 und der damit verbundenen Erhöhung der installierten Leistung auf mehr als 100 MW zum Großkraftwerk. Ebenfalls 1928 wurde das Kesselhaus C in Betrieb genommen, das nach seiner Fertigstellung ebenfalls über 12 Dampfkessel verfügt. 1929 erfolgte die Inbetriebnahme der Maschine 9.
Da Trattendorf seit 1921 über eine angeschlossene 110-kV-Leitung Strom bis in die Reichshauptstadt Berlin lieferte und ab 1926 der Netzverbund nach Schlesien hergestellt war, wurden Maschinen, die sich als nicht mehr wirtschaftlich erwiesen, ersetzt. So wurden 1934 die Maschinen 1 bis 3 demontiert und durch die Maschine 10 mit 37,5 MW ersetzt. 1937 wurden im Kesselhaus C die Dampfkessel 7 bis 9, die bereits über eine wirtschaftliche Mühlenfeuerung verfügten, in Betrieb genommen.Ostkohle.de: Kraftwerk Trattendorf.
Im Jahr 1939 arbeiteten 620 Mitarbeiter im Großkraftwerk Trattendorf. In der endgültigen Ausbaustufe, die im Jahr 1941 erreicht wurde, betrug die elektrische Gesamtleistung 160,5 MW. Eigentümer war seit 1919 durch Übertrag der Aktien der Niederlausitzer Kraftwerke AG die Elektrowerke AG (EWAG) Berlin.
Das Großkraftwerk verfügte in seiner letzten Ausbaustufe über 3 Kesselhäuser mit 9 Schornsteinen, in denen es 28 Kessel gab, wovon drei mit moderner Mühlenfeuerung und 25 mit Rostfeuerung betrieben wurden. Diese 28 Kessel versorgten wiederum 7 Turbinensätze mit dem benötigten Heißdampf.
Das Großkraftwerk Trattendorf lieferte bis zum 19. April 1945 ununterbrochen Strom. An diesem Tag wurde das Großkraftwerk auf Weisung des damaligen Betriebsdirektors Leopold abgefahren, da sich Streitkräfte der 1. Ukrainischen Front kurz vor der zur Festung erklärten Stadt Spremberg befanden. Die nachfolgenden Kriegshandlungen überstand das Großkraftwerk unbeschadet. Eine Wiederinbetriebnahme schien nur eine Frage der Zeit zu sein. Zu dieser Wiederinbetriebnahme kam es aber trotz des Befehls Nummer 5 des Chefs der Garnison der Stadt Berlin Generaloberst Nikolai Erastowitsch Bersarin vom 13. Mai 1945 nicht. In diesem Befehl hieß es:
„Zur Verbesserung der Lebensbedingungen der Bevölkerung und zur Herstellung einer normalen Arbeit der städtischen Wirtschaftsunternehmen befehle ich den Direktoren ….“
„1. bis zum 20. Mai 1945 die Werke Trattendorf und Zschornewitz mit einer Leistung von 200 000 kV in Betrieb zu setzen und dafür zu sorgen, das alle Arbeiter, Angestellten und das gesamte ingenieurmässige Personal ihre Arbeit wieder aufnehmen.“
In den ersten Wochen nach Kriegsende fungierten die elektrischen Anlagen des Kraftwerkes daher lediglich als Umspannstation. Noch im Sommer 1945 wurde auf Befehl Nummer 124 der sowjetischen Militäradministration (SMAD) das Großkraftwerk Trattendorf beschlagnahmt und als Reparationsleistung vorgesehen. Sämtliche Kraftwerksanlagen wurden durch deutsche Fachkräfte unter sowjetischer Kontrolle bis ins Frühjahr 1946 hinein ausgebaut und in Kisten für den Abtransport verpackt. Entgegen der späteren Behauptung, dass große Teile dieser Kraftwerksanlagen im Raum Leningrad entladen und nicht weiter genutzt und verschrottet wurden, meldete sich im Jahr 2008 ein Zeitzeuge.Heinz Kockrick: Lausitzer Kraftwerk in Litauen. Beilage Lausitzer Rundschau, 18. September 2008 Dieser bestätigte, im Herbst 1946 auf dem Güterbahnhof im litauischen Kaunas Güterwaggons mit der Aufschrift Trattendorf gesehen zu haben. Als Kriegsgefangener habe er dann selbst diese Waggons mit entladen und beim Aufbau des ehemaligen Großkraftwerkes Trattendorf in Kaunas geholfen. Nach seinen Aussagen nahm bereits im Juli 1947 die erste errichtete Baustufe ihren Betrieb wieder auf.