Die anglo-sowjetische Invasion Irans durch britische und sowjetische Streitkräfte im Zweiten Weltkrieg dauerte vom 25. August 1941 bis zum 17. September 1941. Sie lief unter den Decknamen Operation Countenance, , beziehungsweise . Ziel der Invasion war die Sicherung der iranischen Ölfelder und die Einrichtung einer Nachschublinie (siehe Persischer Korridor) für die Sowjetunion, die sich seit dem 22. Juni 1941 mit dem Deutschen Reich im Krieg befand.
Vorgeschichte hochkant|mini|links|Reza Schah Pahlavi
Britische Position im Mittleren Osten Ein wichtiges Ziel der britischen Regierung, auch vor dem Hintergrund der deutschen und italienischen Präsenz in Nordafrika (Afrikafeldzug, 1940–1943), war es, eine Einflussnahme der Achsenmächte auf die neutralen Staaten des Nahen und Mittleren Ostens zu verhindern, zumal viele dieser Staaten bzw. signifikante Bevölkerungsanteile in den britischen und französischen Kolonien in der Region Sympathien für den Kriegseinsatz der Achsenmächte hegten. Nachdem die Briten bereits im Britisch-Irakischen Krieg (Mai 1941) gegen die Machtergreifung einer anti-britischen und deutschlandfreundlichen Gruppe von Putschisten (Militärputsch im Irak 1941) interveniert hatten und danach die Mandatsgebiete Syrien und Libanon der Kontrolle der Vichy-Franzosen entrissen hatten (Syrisch-Libanesischer Feldzug, Juni 1941), war Iran der letzte Staat von signifikanter Macht, dem von den Briten der Verdacht entgegengebracht wurde, Sympathien für NS-Deutschland zu hegen.
Besonders prekär wurde die Frage der iranischen Loyalität vor dem Hintergrund des Deutsch-Sowjetischen Krieges (ab Juni 1941), da die Briten so viele Nachschubrouten wie möglich in die Sowjetunion öffnen wollten. Eine dieser Nachschubrouten führte vom Persischen Golf nordwärts durch Iran zur sowjetischen Südgrenze.
Sowjetische Angriffsvorbereitungen Nach dem Abschluss des Hitler-Stalin-Pakts begann die Sowjetunion seit Herbst 1939 mit Vorbereitungen für die politische oder militärische Einflussnahme in Iran. Zunächst wurden militärische, politische, ökonomische und strategische Informationen über die iranische Provinz Aserbaidschan gesammelt. 1940 erstellte die Abteilung Nr. 5 der Roten Armee eine detaillierte militärgeographische Karte Aserbaidschans mit genauen Geländeangaben für den militärischen Einsatz. Ferner wurden Informationen über die iranische Armee, kommandierende Offiziere, Truppenstärke, Kampfkraft und Stationierungen gesammelt. Von Mai bis Juni 1941 wurde die Gruppe „Aziz Aliyev“ formiert, die mehr als 3.800 Personen umfasste. Die Gruppe, bestehend aus kommunistischen Parteifunktionären, Sicherheitsoffizieren, Milizionären, Logistikoffizieren, Militärrichtern, Journalisten und Druckern sowie Eisenbahnern und Geologen, sollte in Iran eingeschleust werden. Von Juni bis Juli 1941 wurde die 47. Armee an die iranische Grenze verlegt. Die Planungen eines Angriffs auf Iran waren spätestens am 5. August 1941 vollendet,Jamil Hasanli: At the Dawn of the Cold War. The Soviet-American crisis over Iranian Azerbaijan, 1941–1946. Rowman & Littlefield, Lanham, MD u. a. 2006, ISBN 0-7425-4055-3, S. 2 f. die konkreten Vorbereitungen waren zum 23. August 1941 mit Bildung der Transkaukasusfront abgeschlossen.
Britische Angriffsvorbereitungen Der britische Generalstab begann bereits am 11. Juni 1941, also noch vor dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion, mit der Planung eines Angriffs auf Iran.
Die britischen und sowjetischen Forderungen Nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion (Unternehmen Barbarossa) im Juni 1941 veränderte sich die Beziehung zwischen Großbritannien und der Sowjetunion. Iran erklärte seine Neutralität, Reza Schah Pahlavi und sein Land hatten Sympathie für die Deutschen. Die Briten wollten die Möglichkeit ausschließen, dass die Abadan-Raffinerie, die sich im Besitz der Anglo-Iranian Oil Company (AIOC) befand, in deutsche Hände fallen könnte. Die Raffinerie hatte 1940 acht Millionen Tonnen Öl verarbeitet, und damit aus alliierter Sicht eine entscheidende Bedeutung für den Ausgang des Krieges. Die UdSSR betrachtete Iran als Einflusszone, zudem hatte Iran eine große strategische Bedeutung. Die deutsche Wehrmacht hatte in den ersten Wochen des Deutsch-Sowjetischen Krieges große Geländegewinne erzielt, und es gab für die Alliierten nur sehr wenige Möglichkeiten, die im Rahmen des US-amerikanischen Leih- und Pachtgesetzes zugesagten und kriegswichtigen Güter in die UdSSR zu transportieren.
Die zunehmenden Angriffe deutscher U-Boote, Eisberge und eine dichte Eisdecke an der Küste machten es schwer möglich, Nordmeergeleitzüge nach Archangelsk (am Weißen Meer) zu senden. Die Transiranische Eisenbahn erschien da als eine bessere Möglichkeit, Nachschub über den Persischen Golf zu den sowjetischen Linien zu transportieren. Großbritannien und die Sowjetunion setzten Iran und den Schah unter Druck, doch das steigerte die Spannungen zwischen den Ländern. In Teheran gab es pro-deutsche Demonstrationen. Am 16. August 1941 übergaben der britische und der sowjetische Botschafter der iranischen Regierung ein Ultimatum, in dem sie die Ausweisung der in Iran in zahlreichen Industrieprojekten tätigen weniger als 500 Deutschen verlangten. Die iranische Regierung lehnte dies ab, zumal mehr als 3000 britische Staatsbürger im Süden Irans in der Ölförderung und -verarbeitung tätig waren.
Daraufhin beschlossen Großbritannien und die Sowjetunion, Iran am 25. August 1941 ohne Kriegserklärung anzugreifen und zu besetzen.
Verteidigungsvorbereitungen der iranischen Armee Um einen möglichen sowjetischen Angriff abzuwehren, hatte Reza Schah seine Generäle beauftragt, einen Abwehrplan zu entwickeln. General Hassan Arfa hielt es für unmöglich, einem sowjetischen Angriff standzuhalten. Er entwickelte einen Plan, in dem leichte Kräfte alle Wege aus dem Norden in den Bergen unpassierbar machen sollten, um den sowjetischen Vormarsch zu verlangsamen oder in den Bergen aufzuhalten. General Haj Ali Razmara wollte den gesamten Norden Irans bereits in der Grenzregion verteidigen und die sowjetischen Truppen an der Grenze stellen. Reza Schah billigte den Plan Razmaras, der von der Mehrheit der Generäle unterstützt wurde.Steven R. Ward: Immortal. A Military History of Iran and its Armed Forces. Georgetown University Press. Washington DC 2009, ISBN 978-1-58901-258-5, S. 154.
Invasion Ablauf Am Abend der Invasion waren die iranischen Truppen lediglich in Bereitschaft. In Abadan schliefen die Truppen in ihren Kasernen. Die Waffen waren im Magazin verschlossen. An der Westgrenze war Artillerie zur Verstärkung der 12. Division eingetroffen. Im Norden, in Bandar Pahlavi, reinigten die Soldaten ihre Kasernen, um sich auf eine für den folgenden Tag geplante Inspektion vorzubereiten. mini|Generalleutnant Edward Quinan Die Invasion erfolgte am 25. August 1941 ab 3:45 Uhr schnell und ohne größere Probleme. Vom Süden rückte das British Iraq Command, sechs Tage später in Persian and Iraq Command (Paiforce) umbenannt, unter dem Kommando von Generalleutnant Edward Quinan vor. Paiforce bestand aus Truppen der indischen 8. Infanteriedivision und der indischen 10. Infanteriedivision, der indischen 2. Panzerdivision, der britischen 1. und 4. Kavalleriedivision (später umbenannt in 9. Panzerdivision) und der indischen 21. Infanteriebrigade. Die 8. Infanteriedivision marschierte von Basra nach Ahvaz, um die Ölanlagen der Anglo-Iranian Oil Company zu sichern. Die 10. Infanteriedivision bewegte sich über Kermānschāh nach Hamadan und über Ghom nach Teheran.
Die Rote Armee kam mit 120.000 Mann und mehr als 1.000 Panzern aus dem Norden mit der 44., 47. und 53. Armee unter Generalleutnant Dmitri Koslow. An dem Angriff nahmen auch die Luftstreitkräfte und die Marine teil. Die 47. Armee rückte von Culfa nach Täbriz vor und dann weiter nach Zandschan, Qazvin und Teheran. Die 44. Armee griff Astara an und rückte auf Rasht vor, vereinigte sich dann mit der 47. Armee in Qazvin, um weiter auf Teheran vorzurücken. Die 53. Infanteriedivision überquerte im Nordosten die Grenze und bewegte sich auf Gorgan und Richtung Maschhad.Steven R. Ward: Immortal. A Military History of Iran and its Armed Forces. Georgetown University Press. Washington DC 2009, ISBN 978-1-58901-258-5, S. 153 f.
Die iranische Armee mobilisierte neun Infanteriedivisionen. Reza Schah wandte sich an den amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt, indem er sich auf die Atlantik-Charta berief.
Die Bitte Reza Schahs an Roosevelt, gegen die Invasion zu intervenieren, hatte nicht den gewünschten Erfolg, wie dessen Antwort zeigt:
Roosevelt versicherte dem Schah,
Im Gegensatz zu Roosevelts Zusicherung unterstützte die Sowjetunion nach Ende des Krieges separatistische Bewegungen in Nordiran, wie etwa die Republik Mahabad. Ob dies für Roosevelt schon erkennbar war oder nicht, steht nicht fest.
Strategie mini|links|Karte Westiran
Der Feldzug begann am 25. August mit einem Angriff im Morgengrauen, geführt von dem britischen Kriegsschiff (Sloop) HMS Shoreham auf den Hafen von Abadan. Das iranische Kriegsschiff Palang (Leopard) war schnell versenkt und die verbliebenen Schiffe zerstört oder besetzt worden. Der Angriff traf die Iraner unvorbereitet, so dass die Ölanlagen von Abadan von zwei Bataillonen der indischen 8. Division und der indischen 24. Brigade, die von Basra aus über den Schatt al-Arab übergesetzt waren, eingenommen werden konnten. Eine kleine Einheit landete mit dem Hilfskreuzer Kanimbla im Hafen von Bandar Schahpur, um Hafen und Ölterminal zu sichern. Die britische Luftwaffe griff Luftwaffenstützpunkte und Kommunikationseinrichtungen in Iran an. Die indische 8. Division rückte von Basra nach Qasr Shiekh vor (genommen am 25. August) und erreichte am 28. August Ahvaz. Am 28. August befahl Reza Schah den iranischen Streitkräften, die Kampfhandlungen einzustellen.
Weiter nördlich rückten acht Bataillone britischer und indischer Streitkräfte unter Führung von Major-General William Slim von Chanaqin aus (160 km nordöstlich von Bagdad und 480 km von Basra) in das Naft-i-Shah-Ölfeld und auf den Pai-Tak-Pass vor, der nach Kermanschah und Hamadan führt. Der Pai-Tak-Pass wurde am 27. August eingenommen, nachdem sich die iranischen Streitkräfte in der Nacht zurückgezogen hatten. Der für den 29. August geplante Angriff auf Kermanshah wurde abgebrochen, nachdem Reza Schah einen einseitigen Waffenstillstand erklärt hatte, und die lokalen Behörden Verhandlungen über die Bedingungen für die Übergabe der Stadt angeboten hatten.Compton Mackenzie: Eastern Epic. Chatto & Windus, London 1951, S. 130–136.
Die sowjetischen Truppen rückten im Norden Irans in Richtung Maku vor, das zunächst bombardiert worden war. Darüber hinaus landeten sie in Bandar Pahlavi am Kaspischen Meer. Dabei wurde durch Freundbeschuss ein sowjetisches Schiff versenkt.
Verluste Insgesamt wurden von der britischen Kriegsmarine zwei iranische Kriegsschiffe versenkt und vier außer Gefecht gesetzt. 800 iranische Soldaten, Matrosen und Flieger wurden getötet, darunter Konteradmiral Gholamali Bayandor. Ungefähr 200 Zivilisten wurden bei der Bombardierung Gilans durch sowjetische Streitkräfte getötet. Die britischen und indischen Streitkräfte hatten 22 Tote und 24 Verwundete. Die Rote Armee hatte sechs Tote und 18 Verwundete. Hinzu kamen neun Soldaten, die bei der Überquerung des Aras ertranken. Ferner verloren die sowjetischen Luftstreitkräfte zehn Flugzeuge.Jamil Hasanli: At the Dawn of the Cold War. The Soviet-American crisis over Iranian Azerbaijan, 1941–1946. Rowman & Littlefield, Lanham, MD u. a. 2006, ISBN 0-7425-4055-3, S. 3.
Teilung Irans