mini|Abbildung der Alten Synagoge (1906–1939) auf einer Gedenktafel am Gebäude der ehemaligen Bezirksregierung mini|Mahnmal für die Alte Synagoge in der Alte-Synagogen-Straße, früher Rolandstraße

Die Geschichte der Juden in Osnabrück konzentriert sich auf eine gut 150-jährige Phase im späten Mittelalter und die Zeit ab Beginn des 19. Jahrhunderts.

Geschichte Bis Mitte des 15. Jahrhunderts lebten lediglich wenige jüdische Familien in der Stadt. Anschließend war es ihnen untersagt, sich in Osnabrück niederzulassen. Bis ins frühe 19. Jahrhundert war ihnen nur ein kurzzeitiger Aufenthalt zum Handeltreiben gestattet; insbesondere der Rat der Stadt versuchte ihre Ansiedlung auf Betreiben von Handwerkern und Händlern zu unterbinden. Bürgerrechte bekamen Juden in Osnabrück erstmals nach 1807. Ende des 19. Jahrhunderts war die jüdische Gemeinde auf über 400 Mitglieder angewachsen. Nach dem Holocaust lebten 1945 noch fünf Juden in der Stadt. Mehr als 400 Angehörige erreichte die Gemeinde erst wieder Ende des 20. Jahrhunderts.

13. bis 15. Jahrhundert Dauerhaft in Osnabrück ansässig waren Juden erst im Spätmittelalter. Aber auch diese gut 150 Jahre dauernde Phase wurde durch das Pogrom von 1350 nochmals unterbrochen.

Die erste urkundliche Erwähnung eines Juden in Osnabrück bezieht sich auf einen Jacobus. Dort erwarb der wahrscheinlich von einem jüdischen Paar aus Köln abstammende Mann 1267 ein Haus.Urkunde vom 13. Dezember 1267, Bistumsarchiv Osnabrück, U 2, abgedruckt bei Thorsten Heese: Van den Yoden. Jüdisches Leben im mittelalterlichen Osnabrück (1260-1430). Osnabrück 2026, S. 56 f. In den folgenden Jahrzehnten bildete sich eine jüdische Gemeinde heraus.

Etwa um 1300 siedelten sich (als Nachfolger für die von 1283 bis 1293 als Geldverleiher in Osnabrück tätigen „Lombarden“) jüdische Familien an. Ein erster schriftlicher Nachweis für ein entsprechendes Geschäft mit Juden stammt aus dem Jahr 1306.Urkunde vom 16. Juni 1306, Nds. Landesarchiv Osnabrück, Dep 3 a I X Nr. 6, abgedruckt bei Thorsten Heese: Van den Yoden. Jüdisches Leben im mittelalterlichen Osnabrück (1260-1430). Osnabrück 2026, S. 66 f. Die Spezialisierung von Juden auf Geldgeschäfte beruhte – wie andernorts auch – u. a. auf dem für Christen geltenden Zinsverbot und dem Ausschluss der Juden von vielen anderen Berufen.

Die Anfang des 14. Jahrhunderts in Osnabrück lebenden Juden hatten sich im Zentrum der Altstadt in der Schweinestraße niedergelassen, die 1882 in Marienstraße umbenannt wurde und in unmittelbarer Nachbarschaft des Rathauses und des Marktes liegt. In der Schweinestraße befand sich auch die erste Synagoge, die 1309 erstmals urkundlich erwähnt wurde.

Engelbert II. von Weyhe, seit 1309 Bischof von Osnabrück, war auf Kreditgeber angewiesen, und stellte Juden und ihren Familien gegen den Willen des Rats der Stadt befristete Schutzbriefe aus. Gegen Zahlung von Schutzgeldern wurde den darinUrkunde vom 27. November 1309, Nds. Landesarchiv Osnabrück, Dep 3 a I III C Nr. 37 a (A 1 und A 2), abgedruckt bei Thorsten Heese: Van den Yoden. Jüdisches Leben im mittelalterlichen Osnabrück (1260-1430). Osnabrück 2026, S. 70 ff. namentlich genannten 13 jüdischen Familien Schutz gewährt, die Geltung jüdischer Rechtsregeln für die Osnabrücker Juden zugebilligt und Sanktionen für den Fall der Begehung bestimmter Straftaten festgesetzt. Der Stadtrat erließ eine Reihe von Verordnungen, um unerwünschte wirtschaftliche Konkurrenz zu unterbinden sowie Nebenkosten von Verpfändungen und Zinsen zu deckeln.Urkunde vom 24. April 1319, Nds. Landesarchiv Osnabrück, Dep 3 b IV Nr. 345, S. 44 ff., abgedruckt bei Thorsten Heese: Van den Yoden. Jüdisches Leben im mittelalterlichen Osnabrück (1260-1430). Osnabrück 2026, S. 78 f. Zuvor hatte schon Bischof Engelbert Obergrenzen für Zinsen festgelegt: Urkunde vom 5. November 1312, Nds. Landesarchiv Osnabrück, Dep 3 a I III C Nr. 38, abgedruckt bei Thorsten Heese: Van den Yoden. Jüdisches Leben im mittelalterlichen Osnabrück (1260-1430). Osnabrück 2026, S. 74 f.

Auch Gottfried von Arnsberg, der von 1321 bis 1349 Bischof von Osnabrück war, erteilte Juden trotz städtischen Widerstands Schutzbriefe, um sich ihrer als Geldverleiher bedienen zu können. In der entsprechenden Urkunde von 1327Urkunde vom 15. Juni 1327, Nds. Landesarchiv Osnabrück, Dep 3 a I III C Nr. 40, abgedruckt bei Thorsten Heese: Van den Yoden. Jüdisches Leben im mittelalterlichen Osnabrück (1260-1430). Osnabrück 2026, S. 82 f. wurden 15 Personen bzw. Familien namentlich genannt. Zusammen mit ihren weiteren Angehörigen könnte sich die Gesamtzahl der in Osnabrück ansässigen Jüdinnen und Juden auf ca. 70 bis 100 Personen belaufen haben.Thorsten Heese: Van den Yoden. Jüdisches Leben im mittelalterlichen Osnabrück (1260-1430). Osnabrück 2026, S. 20 f. Zuzüge waren mit Genehmigung des Bischofs zulässig.

Ein Versuch Kaiser Ludwig (IV.) des Bayern, 1337 anstelle der Osnabrücker Bischöfe den Schutz der Juden in Osnabrück selbst zu regeln und deren Steuerzahlungen durch den von ihm beauftragten Grafen Heinrich IV. von Waldeck einnehmen zu lassen, zeigte keine oder jedenfalls keine nachhaltige Wirkung.Thorsten Heese: Van den Yoden. Jüdisches Leben im mittelalterlichen Osnabrück (1260-1430). Osnabrück 2026, S. 15.

Im Zuge der Pogrome während einer Pestepidemie wurden im Jahr 1350 fast alle Osnabrücker Juden getötet oder vertrieben. In den Folgejahren waren daher keine Juden mehr in Osnabrück ansässig. Mögliche Erwartungen Osnabrücker Bürger, sich in diesem Zuge ihrer Darlehensverbindlichkeiten entledigen und das in ihren Besitz gekommene, bis dahin jüdische Eigentum behalten zu können, erfüllten sich nicht: Der im selben Jahr ins Amt gekommene Bischof Johann II. Hoet beanspruchte Zahlung bzw. Herausgabe an sich.

Noch vor 1360 ließ er zwar die Niederlassung von acht jüdischen Familien in der Osnabrücker Neustadt zu (es handelte sich um den ersten nachweisbaren Aufnahmebrief im rheinisch-westfälischen Raum nach den Pogromen)Thorsten Heese: Van den Yoden. Jüdisches Leben im mittelalterlichen Osnabrück (1260-1430). Osnabrück 2026, S. 25., ging dabei jedoch auf die Forderung des Rats ein, weitere Ansiedlungen nicht mehr zu erlauben. Die jüdischen Schutzgeldzahlungen wurden nun zwischen Bischof und Stadt aufgeteilt.

Eine neue Synagoge (nun an der Redlinger Straße) ist nach den Pogromen ab spätestens 1366/1369 nachweisbar, ein neuer Friedhof ab ca. 1386.

Seit dem Beginn des 15. Jahrhunderts sank die ohnehin überschaubare Zahl von Juden in Osnabrück weiter. Im Jahr 1424 verbot dann Bischof Johann III. von Diepholz Juden den dauerhaften Aufenthalt in der Stadt. Die Dienste der Juden im Finanzsektor waren durch die faktische Aufhebung des Zinsverbots für Christen entbehrlich geworden. Die letzten jüdischen Steuerzahlungen wurden im Jahr 1426 dokumentiert. Vermutlich lebten dennoch bis etwa Mitte des 15. Jahrhunderts noch Juden in Osnabrück, denn der bischöfliche Erlass wurde 1431 sowie zehn Jahre später erneuert. Danach brach die Geschichte der in Osnabrück ansässigen Juden für fast 500 Jahre ab.

15. Jahrhundert bis frühes 19. Jahrhundert Juden durften sich von 1424 bis 1808 nur auf der Durchreise oder zu Viehmärkten in der Stadt aufhalten. Dabei unterlagen sie Schikanen durch die Verwaltung. Ihnen wurde der Aufenthalt lediglich tagsüber gestattet; für Übernachtungen etwa mussten sie eine behördliche Genehmigung beantragen.

19. Jahrhundert und 20. Jahrhundert bis 1933 mini|Villa des Eisenwarenhändlers Philipp Nussbaum, 1922 erbaut mini|Der Jüdische Friedhof an der Magdalenenstraße mini|hochkant|Skulptur Leidensweg (1951) von Joseph Krautwald auf dem Jüdischen Friedhof an der Magdalenenstraße Nach der Aufhebung des Hochstifts Osnabrück im Jahr 1802 und zeitweiliger Zugehörigkeit der Stadt zum Königreich Preußen wurde Osnabrück 1807 Teil des Königreichs Westphalen. Die Constitution des Königreichs Westphalen sah die Gleichheit aller Unterthanen vor dem Gesetze, und die freye Ausübung des Gottesdienstes der verschiedenen Religions-Gesellschaften vor.Königliches Decret vom 7ten December 1807, wodurch die Publikation der Constitution des Königreichs Westphalen verordnet wird vom 7. Dezember 1807 (Verfassung vom 15. November 1807). Digitalisat (Internetportal Westfälische Geschichte) Dennoch versuchte die Stadt weiterhin, die Ansiedlung von Juden zu unterbinden.

Erster jüdischer Bürger in dieser Zeit war Nathan Beer aus Unterfranken. Er kaufte 1810 ein Haus in der Altstadt und war in Geldgeschäften tätig. Im selben Jahr lebten 25 Juden in acht Familien in Osnabrück. Eingeschränkt wurden die Rechte jüdischer Einwohner erneut in der Zeit der Zugehörigkeit der Stadt zum Königreich Hannover ab 1815; sie wurden lediglich geduldet. Insbesondere die Handwerkergilden und das Krameramt sahen Juden als zu bekämpfende Konkurrenz an. Als Folge dessen lebten weiterhin nur wenige jüdische Familien in der Stadt. Ihre Zahl nahm jedoch langsam zu, so dass in den 1860ern jüdische Kaufleute, Unternehmer wie ein Zigarrenfabrikant, Bankiers, Lehrer und Angehörige anderer Berufe mit ihren Familien ansässig waren. Die Zahl der Angehörigen der Synagogengemeinde stieg von 138 im Jahr 1871 auf 379 im Jahr 1880. 1873 wurde die Chewra Kadischa gegründet, 1882 der Israelitische Frauenverein. Auch ein örtlicher Ableger des Esra-Vereins, der dazu beitrug, Pogrom-Flüchtlinge aus dem Russischen Reich in Palästina anzusiedeln, bestand in der Stadt.

1890 hatte die jüdische Gemeinde 423 Angehörige. 1905, als der Grundstein für das später als Alte Synagoge bezeichnete Gotteshaus gelegt wurde, hatte sie 480 Angehörige. Bis dahin hatte die Gemeinde ihre Gottesdienste zunächst im Tuchfeldtschen Haus in der Hakenstraße 16, seit etwa 1850 im Haus Bierstraße 18 und ab 1872 in einem Haus am Barfüßerkloster abgehalten. Ihre Toten setzten die Osnabrücker Juden auf dem wieder übernommenen Friedhof am Westerberg bei. Er wurde 1876 auf Anweisung der Stadt geschlossen und ein neuer an der Magdalenenstraße in der Neustadt angelegt. Die Leichen wurden bis 1894 vom Westerberg zum neuen Friedhof umgebettet und der alte Friedhof überbaut.

Über eine eigene Schule verfügte die Gemeinde ab 1886 am Barfüßerkloster; bis dahin hatten jüdische Schüler christliche Schulen besucht. Die jüdische Volksschule hatte 1901 etwa 40 Schüler, andere jüdische Kinder besuchten öffentliche Schulen. 1913 wurden der Verein für jüdische Geschichte und Kultur sowie eine Ortsgruppe des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens gegründet, dem im Gründungsjahr 72 Osnabrücker Juden beitraten. Von geringerer Bedeutung war zunächst die Zionistische Vereinigung für Deutschland. Im Ersten Weltkrieg fielen sechs Angehörige der Gemeinde.

Bekannte Unternehmen jüdischer Einwohner waren das Kaufhaus der Familie Alsberg, 1935 als Kaufhaus Lengermann und Trieschmann „arisiert“, das Haushaltswarengeschäft Wertheim oder das Kunst- und Antiquitätengeschäft Meyer. Es gab ferner die beiden Kaufhäuser bzw. Geschäfte Philipps und Schönfeld. Zu den in der Stadt bekannten Juden gehörte der Leiter des Städtischen Krankenhauses, Siegfried Pelz (1848–1936), der 1928 zum Ehrenbürger der Stadt ernannt wurde, oder der Eisenwarenhändler Philipp Nussbaum, der sich unweit des Osnabrücker Schlosses 1922 eine repräsentative Villa baute.Verzeichnis der Ehrenbürger von Osnabrück Sein 1904 geborener Sohn Felix Nussbaum wurde Maler.

In der Zeit der Weimarer Republik setzten sich Osnabrücker Juden verstärkt für das Gemeinwohl der Stadt ein; insbesondere übernahmen sie Aufgaben in der Wohlfahrtspflege. Viele förderten das Vereins- und Kulturleben. Fritz Behrend, der seit 1926 Kapellmeister gewesen war, wurde 1931 Intendant des 1909 eröffneten Stadt-Theaters Osnabrück. 1929 wurde eine B’nai-B’rith-Loge gegründet.