mini|Sanspareil, Westansicht mit Burg Zwernitz, dahinter das Eingangsquartier und der Felsengarten im Buchenhain mini|Eingangsquartier mit Küchenbau (links) und Morgenländischem Bau (rechts)

Der Felsengarten Sanspareil ( [] ‚ohnegleichen‘) ist ein 1744–1748 geschaffener englischer Landschaftsgarten in der oberfränkischen Gemeinde Wonsees im Landkreis Kulmbach.

Der Garten schließt die vorhandene Felsenstruktur des Fränkischen Juras sowie die mittelalterliche Burg Zwernitz als Staffagen in das Gartenkonzept ein, dessen Ausführung Markgraf Friedrich von Bayreuth begann und seine Gattin Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth nach ihren Vorstellungen vollendete.

Das gesamte Ensemble steht unter Denkmalschutz. Der Garten ist vom Bayerischen Landesamt für Umwelt als Geotop 477R008Geotop: Felsengarten Sanspareil (Abgerufen am 4. September 2013; PDF; 184 kB) ausgewiesen. Siehe hierzu auch die Liste der Geotope im Landkreis Kulmbach.

Geografische Lage Der Felsengarten Sanspareil liegt in der Gemarkung des gleichnamigen Gemeindeteils von Wonsees in der Fränkischen Schweiz, dem Nordteil der Fränkischen Alb. Er befindet sich nahe der Stadt Bayreuth, gehört aber zum Landkreis Kulmbach. Der Eingangsbereich zum Felsengarten liegt unterhalb der Burg Zwernitz. Garten, Dorf und Burg sind über die nördlich gelegene Anschlussstelle Schirradorf (Nr. 21) der A 70 zu erreichen.

Zugang Der Felsengarten ist ganzjährig frei zugänglich. Die Ausstellungsräume der Burg Zwernitz und das Museum im Morgenländischen Bau sind von April bis Oktober gegen Gebühr zu besichtigen. Das Schlosscafé im Küchenbau ist ebenfalls von April bis Oktober geöffnet. Für die sommerlichen Aufführungen im Ruinentheater wird gesondert Eintrittsgeld erhoben.

Baugeschichte Die Zeit vor Baubeginn 1744 In Urkunden des Jahres 1434 ist erstmals unter der Bezeichnung „Han zu Zwernitz“ ein Buchenhain unterhalb der Burg Zwernitz erwähnt. Der Ort Sanspareil hieß bis 1746 Zwernitz. 1604 rühmte der in Wonsees geborene Humanist Friedrich Taubmann den Hain wegen seiner Schönheit und beschreibt ihn in seinem Werk Schediasmata poetica ausführlich. François de Salignac de La Mothe Fénelon verfasste 1694–1696 den Abenteuer-, Reise- und Bildungsroman Les Aventures de Télémaque, fils d’Ulysse, der 1733 unter dem Titel Die seltsamen Begebenheiten des Telemach in deutscher Sprache erschien. Der Roman, der sich größter Beliebtheit in den höfischen Kreisen der damaligen Zeit erfreute, bildete zehn Jahre später die Grundlage für das Programm des Landschaftsgartens Sanspareil.

mini|links|Relikt gescheiterter Wasserkunst: Felszisterne mini|Erste Karte vom Felsengarten Sanspareil 1796

Auf- und Ausbau 1744–1796 Im Frühjahr 1744 begannen auf Anordnung des Markgrafen Friedrich von Bayreuth die Arbeiten an der Anlage nach Plänen des Gartenarchitekten Joseph Saint-Pierre. Bereits im April desselben Jahres zog Markgräfin Wilhelmine in die Burg Zwernitz ein. Der Burgverwalter bestätigte am 17. April den Empfang von Möbeln aus dem Bayreuther Schloss, darunter Betten für das Markgrafenpaar.Erich Bachmann: Felsengarten Sanspareil und Burg Zwernitz. Amtlicher Führer. Bayerische Verwaltung staatlicher Schlösser, 1979, S. 19. Wilhelmine überwachte die weitere Ausführung der Baumaßnahmen. Sie brachte zahlreiche eigene Vorschläge, besonders für das Gartenprogramm nach dem Roman von Fénelon, ein. Ende 1744 waren das Referentenhaus, das Holzstoßhäuschen und das Belvedere fertiggestellt. Im Folgejahr begannen die Bauarbeiten am Morgenländischen Bau, Burggrafenhaus, Markgrafenhaus und am Küchenbau unter maßgeblicher Beteiligung des Hofstuckateurs Giovanni Battista Pedrozzi. 1746 folgten die Arbeiten am Ruinen- und Grottentheater nach dem Vorbild des Bayreuther Ruinentheaters.

1746 erhielten Dorf und Hain Zwernitz den Namen Sanspareil.Gerhard Pfeiffer: Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth und die Eremitagen bei Bayreuth und Sanspareil. Archive und Geschichtsforschung, Bayreuth 1966, S. 209. Zwei Jahre später waren alle Arbeiten am Garten und an den festen Bauten abgeschlossen und die Anlage konnte mit der Fertigstellung der Stuckaturen im Saal des Morgenländischen Baus als vollendet gelten. Versuche, die zu dieser Zeit in der Gartenkunst obligatorischen Wasserkünste einzubauen, scheiterten.

1748 und 1749 erschienen die ersten Veröffentlichungen über den Garten Sanspareil. Ebenfalls 1749 veröffentlichte Johannes Thomas Köppel die erste Serie von fünf Stichen mit Motiven des Gartens. Der letzte Markgraf Alexander von Ansbach-Bayreuth ließ 1769 bis 1791 einige Staffagen hinzufügen. J. C. Bechstatt, Fürstlich Hessischer Oberjäger, zeichnete im September 1796 den ersten vollständigen Plan der Gesamtanlage. Reisedichter lobten den Landschaftsgarten Sanspareil, so 1787 Johann Michael Füssel und 1796 Johann Heinrich Daniel Zschokke.

Verfall und Restauration 1810 kamen Burg und Garten zusammen mit dem Markgraftum Bayreuth zum Königreich Bayern. Zunächst verfielen die Staffagen im Felsengarten, dann auch die festen Bauten. 1830 warf ein Blitz den Aeolustempel vom Felsengipfel und die Anlage durfte auf Anordnung von König Ludwig I. nicht mehr betreten werden. 1832 wurden der Küchenbau, der hölzerne Tanzsaal und das übrig gebliebene Eisen- und Blechwerk des Aeolustempels zur privaten Entnahme von Baumaterial verkauft. 1835 brach man wegen Baufälligkeit das Belvedere ab und 1839 das Burggrafen- und das Markgrafenhaus sowie das Referenten-, das Holzstoß- und das Dianenhaus. Das Strohhaus war zu dieser Zeit bereits verschwunden.

1942 wurden Burg und Garten der Bayerischen Verwaltung der staatlichen Schlösser, Gärten und Seen unterstellt, die zuerst 1951 den Garten und dann auch den Morgenländischen Bau instand setzte und diesen schließlich, neu ausgestattet, 1956 der Öffentlichkeit übergab. Zwei Jahre vorher erschien der erste Amtliche Führer Felsengarten Sanspareil und Burg Zwernitz von Erich Bachmann, der am Beispiel des Landschaftsgartens Sanspareil diese Art der Gartenanlage als eigenständigen Typus „Felsengarten“ bezeichnete. Dieser Terminus wurde von der Fachliteratur anerkannt.Pietro Porcinai, Attilio Mordini: Giardini d’Occidente e d’Oriente (Elite. Le Arti e gli stili in ogni tempo e paese), Mailand 1966 (Giardini di pietra) Abb. 20, 49, 54, 55, 56.Derek Clifford: A history of Garden design. London 1962. (Deutsche Ausgabe, hrsg. von Heinz Biehn: Geschichte der Gartenkunst. München 1966, S. 307, 316–318)D. Hennebo, A. Hoffmann: Geschichte der deutschen Gartenkunst. Band II, Hamburg 1965, S. 327–334; Band III, 1965, S. 47–49.

Gartengeschichtliche Einordnung Der Buchenhain östlich der Burg Zwernitz stellt nicht nur wegen der zahlreichen Formationen von Kalksteinfelsen, sondern auch wegen des Buchenbestandes einen Sonderfall dar. Nur unter besonderen Bedingungen kommen Buchen an Nordhängen im wasserarmen Fränkischen Jura zu langfristigem Wachstum.Information an Erich Bachmann von Gartendirektor Christian Bauer, München, 1951 (Amtlicher Führer 1979, S. 58)

Die seit dem Mittelalter überlieferte Bezeichnung Hain deutet darauf hin, dass er, abgesehen von rhythmischen Wachstumsschwankungen, Jahrhunderte hindurch unverändert blieb. Am Nordrand des Haines gibt es aber auch einen Fichtenbestand, der schon in alten Beschreibungen des 18. Jahrhunderts vorkommt: „Die stärksten Fichten standen schlank und edel in diesem Fichtensaal und ließen kaum die Mittagssonne herein“.Zitat in: Erich Bachmann: Amtlicher Führer Felsengarten Sanspareil und Burg Zwernitz. 1979, S. 18. Beim Parterre des Eingangsquartiers wuchsen Ebereschen, Kastanien, Linden und Obstbäume; an der Mentorsgrotte standen Beinweiden und die samtne Kaudelweide, den Tanzsaal umzog ein doppelter Kreis von Linden und wilden Kastanienbäumen und die Kalypsogrotte beschatteten Silberbirke, Ahorn und Fichte. Faulbeergesträuch krönte die Felsengipfel. Diese Arten waren in der Landschaft bereits ursprünglich vorhanden. Sicher ist, dass man den Baumbestand lichtete, um die Staffagen auf den Felsen weithin sichtbar zu machen. Dies geht aus den Stichen von 1748 und 1793 hervor.

Markgräfin Wilhelmine inszenierte ihren Landschaftsgarten von Beginn an gegen die Architektur der Gärten des Barock und Rokoko, die sich üblicherweise um die verlängerte Hauptachse eines Schlosses oder anderer Gebäudes regelmäßig gliederten. Sie begeisterte sich am 15. September 1749 in einem Brief an ihren Bruder Friedrich den Großen: „Die Lage des Ortes […] ist einzig. Die dort aufgeführten Bauten sind von sonderbarem Geschmack. Die Natur selbst war die Baumeisterin“. Der Garten hatte nicht die belebte Natur zum Hauptgegenstand, sondern vorrangig eine natürliche Felsenlandschaft mit Steinformationen. Selbst für den Englischen Landschaftsgarten waren die natürlichen Vorgaben eher zweitrangig. Was nicht vorhanden war, wurde nachgebaut: Kaskaden, Aussichtsberge, Teufelsschluchten, Sichtachsen und durch Staffagen betont: ein Monopteros und ein chinesisches Tempelchen.

Im zwischen 1717 und 1732 durch den Bildhauer Matthias Bernhard Braun geschaffenen, Bethlém genannten, religiösen Skulpturengarten in Stangendorf bei Kuskus im Riesengebirge und schon vorher bei den in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts entstandenen Felsengärten nahe den italienischen Orten Sciacca, Bomarzo und Pitigliano verwendete man das natürliche Gestein lediglich als plastisches Material und verwandelte die Felsen in menschliche und tierische Abbildungen und Gestalten oder Aussichtsterrassen. In Sanspareil dagegen schätzte man sie zum ersten Mal wegen ihrer natürlichen Schönheit und ihres poetischen Stimmungswertes und ließ sie nahezu unverändert.Erich Bachmann: Der Felsengarten Sanspareil und seine Vorstufen. München 1951, S. 106 ff.

Ohne die sich um 1720 langsam entwickelnden englischen Landschaftsgärten gäbe es den Felsengarten Sanspareil nicht. Der weitgereiste englische Diplomat Sir William Temple fand schon 1685 die ostasiatische Gartenkunst mit ihren bizarren Felsenformationen schöner als die geometrischen Gärten Europas. Auf Stichen und in Reiseschilderungen beschrieben Missionare wenig später „sinesische durch Kunst gemachte Lustberge und Holen“.Johann Bernhard Fischer von Erlach, Entwurf einer historischen Architektur, Leipzig 1725, III. Buch, Tafel 15

Der um 1735 angelegte Garten Paines Hill in Surrey kam dem Gedanken der Markgräfin Wilhelmine, ein literarisches Programm unter Einbeziehung natürlicher Landschaftsformen wie ein Theaterstück vor dem Gartenbetrachter entstehen zu lassen, schon sehr nahe, nur dass es sich dort um künstliche Felsen- und Grottenbildungen nach einer noch ungebrochenen Tradition aus den Barockgärten handelte. In Sanspareil waren die Felsen echt und wurden in ihren Formen belassen. Dass diese Art des Landschaftsgartens selbst 1825 nichts an Faszination eingebüßt hatte, belegt der Ausspruch von Johann Friedrich Kind, dem Librettisten des Freischütz, beim Durchschreiten des Felsengartens Sanspareil, ihn „durchzitterten Schauer höchsten Entzückens“.

Ikonographie Im pseudohistorischen und zugleich utopischen Roman des François Fénelon führt der Autor den jungen Odysseus-Sohn Télémaque (Telemach) und dessen Lehrer Mentor, eigentlich die Göttin Athene in Gestalt eines alten Mannes, durch diverse antike Staaten, die meist durch Schuld ihrer von Schmeichlern und falschen Ratgebern umgebenen Herrscher vor dem Niedergang ihrer Existenz stehen. Fénelon zeigt aber an einem Paradefall, wie sich diese Probleme dank der Ratschläge Mentors durch friedlichen Ausgleich mit den Nachbarn und durch Wachstum stimulierende Reformen lösen lassen, insbesondere durch die Förderung der Landwirtschaft und die Zurückdrängung der Luxusgüterproduktion.Fénelon