mini|hochkant=1.5|Die Alte Börse von Nordwesten, 1845(Stahlstich von Wilhelm Lang nach Vorlage von Jakob Fürchtegott Dielmann) mini|Heutige bauliche Situation am ehemaligen Standort der Alten Börse mit Platanenhain aus derselben Perspektive mini|hochkant=1.5|Position des Gebäudes in der Frankfurter Altstadt(Chromolithografie, 1904) Die Alte Börse in Frankfurt am Main war der Vorgängerbau der heutigen Frankfurter Wertpapierbörse. Ihre Errichtung 1840–1843 durch Eugen Peipers nach den Plänen von Friedrich August Stüler war der erste eigenständige bauliche Ausdruck des Frankfurter Börsenwesens, dessen Geschichte sich bis in das späte Mittelalter zurückverfolgen lässt. Durch das schnelle Wachstum der Stadt erfüllte es seine Funktion weniger als vier Jahrzehnte und wurde 1879 durch das heute noch existente, in Abgrenzung dazu auch Neue Börse genannte Gebäude in der Innenstadt abgelöst.
Das Bauwerk lag am Paulsplatz in der Altstadt. Hier bildete es östlich der Paulskirche mit zwei barocken und drei gründerzeitlichen Häusern (Neue Kräme 1–7 und Paulsplatz 2–8) einen eigenen Häuserblock zwischen dem genannten Platz im Westen und Norden, der Neuen Kräme im Osten und der Braubachstraße im Süden. Das Gebäude selbst trug die Adressen Neue Kräme 9 und Paulsplatz 10.
Nach schweren Schäden durch Fliegerbomben bei den Luftangriffen auf Frankfurt am Main im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude 1952 abgerissen, der gesamte einstige Häuserblock ist heute Bestandteil eines dadurch vergrößerten Paulsplatzes und bekannter Standort mehrerer Straßencafés. An die Alte Börse erinnern neuerdings wieder Fassadenfiguren teils namhafter Bildhauer des 19. Jahrhunderts, die im Eingangsbereich der Frankfurter Wertpapierbörse Aufstellung gefunden haben.
Geschichte Vorformen des Börsenwesens im Mittelalter mini|Symbolische Darstellung der Frankfurter Messe in der frühen Neuzeit, 1696(Kupferstich) Die Anfänge der Frankfurter Börse hängen eng mit den Messen zusammen, die in der freien Reichsstadt seit dem Hochmittelalter florierten und in der frühen Neuzeit, dem 16. und 17. Jahrhundert, ihren Höhepunkt erreichten.Hans-Otto Schembs: Weither suchen die Völker sie auf. Die Geschichte der Frankfurter Messe. Josef Knecht Verlag, Frankfurt am Main 1985, ISBN 3-7820-0524-4, S. 9–21 u. 55. Zu Maria Himmelfahrt im Jahr 1150 wird erstmals die Frankfurter Herbstmesse erwähnt.Geschichte der Frankfurter Wertpapierbörse – 11. bis 17. Jahrhundert: Messen, Münzen, Wechselbriefe. In: Über die Börse, Juni 2019. Deutsche Börse. Auf Boerse-Frankfurt.de, abgerufen am 19. Februar 2021. Meßkaufgeschäfte waren in der Regel nicht Bar-, sondern in der überwiegenden Zahl Kreditverkäufe, wo der Kaufpreis bis zur nächsten Messe gestundet wurde, damit der Käufer den kreditierten Kaufpreis in bar beschaffen konnte.
Dies führte dazu, dass der Besuch der Messen von Kreditoren wie Schuldnern zu einer Pflicht wurde, die über Jahrhunderte den Geldverkehr des ganzen Heiligen Römischen Reichs fest an die Stadt band.Alexander Dietz: Frankfurter Handelsgeschichte – Band III. Herman Minjon Verlag, Frankfurt am Main 1921, S. 195. Solange der Wechsel als übertragbares und somit handelbares Wertpapier noch nicht eingeführt war, wurden darüber seit dem 14. Jahrhundert auch Schuldscheine ausgestellt.Dietz III, S. 197.
Als Zahlungsmittel dienten von alters her Münzen, deren Prägung als Regalie einzig dem Kaiser zustand, dann jedoch nach und nach an Landesherren und Städte verpfändet wurde. Frankfurt am Main erhielt 1346 durch Ludwig den Bayern ein eingeschränktes, 1428 ein unbeschränktes Silbermünz-, 1555 dann auch das Goldmünzrecht.Dietz III, S. 180.
Da viele Landesherren das Münzrecht jedoch gewissenlos ausnutzten, um die eigene Staatskasse zu füllen, sank seit dem Mittelalter stetig der eigentlich vorgeschriebene Feingehalt und damit ihre Kaufkraft. Da zudem jedes Territorium des Heiligen Römischen Reiches eine eigene Währung besaß, wurden in Frankfurt zu Messzeiten die unterschiedlichsten Münzsorten eingeschleppt. Der Rat erlaubte jedoch nur drei von Alters her überkommene Silbermünzsorten zur Bezahlung, nämlich den aus Frankreich eingeführten Turnogroschen, den brabantischen Löwen-Englisch sowie Heller, so dass die Kaufleute aus anderen Teilen des Reiches ihre Währungen vor dem Tätigen von Geschäften zunächst umwechseln mussten.Dietz III, S. 182.
mini|links|Der Geldwechsler und seine Frau (1541)(Ölgemälde auf Holz von Marinus Claeszoon van Reymerswaele) Dieser Münzwechsel war wohl das älteste Bankgeschäft, das hier gepflegt wurde, und als zuvor ebenfalls rein kaiserliche Regalie mit dem eingeschränkten Münzrecht 1346 an die Stadt gekommen.Handelskammer zu Frankfurt a. M. (Hrsg.): Geschichte der Handelskammer zu Frankfurt a. M. (1707–1908). Beiträge zur Frankfurter Handelsgeschichte. Verlag von Joseph Baer & Co, Frankfurt am Main 1908, S. 4. Von nun an wurden vor allem Goldschmiede im Auftrag des Rates als geschworene Wechsler eingesetzt, die mangels anerkannter Sortenkurse sehr hohe Gewinnspannen erreichen konnte.Rainer Koch (Hrsg.): Brücke zwischen den Völkern – Zur Geschichte der Frankfurter Messe. Band III: Ausstellung zur Geschichte der Frankfurter Messe. Historisches Museum / Union Druckerei und Verlag, Frankfurt am Main 1991, ISBN 3-89282-021-X, S. 128. Versuche des Rates zu Anfang des 15. Jahrhunderts, dieses Geschäft in Form einer eigenen Bank zu institutionalisieren,Georg Ludwig Kriegk: Frankfurter Bürgerzwiste und Zustände im Mittelalter. Ein auf urkundlichen Forschungen beruhender Beitrag zur Geschichte des deutschen Bürgerthums. J. D. Sauerländer’s Verlag, Frankfurt am Main 1862, S. 335 u. 336. scheiterten nach kurzer Existenz dieses zweitältesten Bankhauses Europas am Widerstand der reichen und einflussreichen Zünftigen. Erst zu Beginn des 16. Jahrhunderts gelang es dem Rat, das Wechselgeschäft widerstandslos endgültig freizugeben.Alexander Dietz: Frankfurter Handelsgeschichte – Band I. Herman Minjon Verlag, Frankfurt am Main 1910, S. 195.
Die Praxis des Geldwechselns und vorgeschriebener Münzen wurden mit zunehmender Bedeutung der Messen immer problematischer. Traditionell ballten sich die Zahlungen in der zweiten Messwoche, daher auch genannt Zahlwoche.Handelskammer, S. 5 u. 6; nach Orth S. 462 u. 463. Zu Zeiten von Martin Luther machte der Zahlungsverkehr bereits geschätzte 300.000 Gulden pro Messe aus, was ihn zum Wettern über des Reiches Gold- und Silberloch veranlasste.Handelskammer, S. 5; nach Johann Philipp Orth: Ausfürliche Abhandlung von den berühmten zwoen Reichsmessen so in der Reichsstadt Frankfurt am Main järlich gehalten werden worinnen gar viele wigtige und merkwürdige materien vorkommen und gründlich ausgefüret werden welche auch zugleich zu besserer erkäntnis und erleuterung der deutschen geschichte, stats- und bürgerlichen rechte, samt gewonheiten älterer, mittlerer und neuerer zeiten überhaupt, dienen können mit beilagen, an den zalen 1. bis 85. vieler und zum teil noch ungedruckten Kaiserlichen freiheitsbriefe, urkunden und anderer nachrichten, auch einigen zusäzen und register. Heinrich Ludwig Brönner, Frankfurt am Main 1765, S. 398, falsch zitiert, da sich die entsprechende Passage bei Orth tatsächlich auf den S. 308 u. 309 findet. Längst waren gar nicht mehr genug der „guten“ Münzen zum Einwechseln vorhanden, so dass trotz Verbots viele geringhaltige Sorten in den Zahlungsverkehr gelangten. Da wiederum meist einzig die Geldwechsler hierum genau wussten wurden so Betrügereien gefördert.Koch, S. 129. Doch selbst unter deren Verwendung hatten die finanziellen Transaktionen ein derartiges Ausmaß erreicht, dass die dafür vorhandenen baren Zahlungsmittel nicht mehr ausreichten. Dies förderte in struktureller Hinsicht die Entstehung eines Börsenwesens durch die Einführung von Meßskontren bzw. Riscontri.
mini|Der Nürnberger Hof nach Süden, das mit Abstand bedeutendste Messequartier der Stadt, um 1897(Fotografie von Carl Friedrich Fay) Die Skontration, die die vorgenannten Nachteile barer Zahlungsmittel zumindest reduzierte, konnte jedoch nur mündlich vollzogen werden, weswegen es nötig war, dass sich alle Kaufleute zur gleichen Zeit am gleichen Ort versammelten. Dort wurden dann die in Büchern geführten Bilanzen nach einem Ringsystem gegeneinander abgeglichen und schließlich nur das bar ausgezahlt, was nach Verrechnung der Ein- und Verkäufe der Händler verblieb.Handelskammer, S. 6; nach Orth S. 481. Wann genau dies das erste Mal stattfand, ist naturgemäß schwierig festzustellen. Regelmäßige Versammlungen von Kaufleuten wurden bereits im Jahre 1567 in einem kaiserlichen Schreiben an den Rat der Stadt erwähnt.Handelskammer, S. 7; nach Orth S. 373. Allgemeine Bekanntmachungen zur Messe waren traditionell im Nürnberger Hof angeschlagen,Handelskammer, S. 7; nach den Untergewölbsakten A 66 n58 und A67 n 47 des Instituts für Stadtgeschichte (wahrscheinlich 1944 verbrannt). in kaufmännischer Korrespondenz zu Ende des 16. Jahrhunderts wird das wichtigste Messequartier der Stadt auch als der Ort genannt, wo bedeutende Zahlungen geleistet wurden.Handelskammer, S. 7; nach Richard Ehrenberg: Das Zeitalter der Fugger. Geldkapital und Creditverkehr im 16. Jahrhundert. Band 2: Die Weltbörsen und Finanzkrisen des 16. Jahrhunderts. Verlag von Gustav Fischer, Jena 1896, S. 246.
Neben Kaufleuten stellten sich auch schon seit dem Ende des 13. Jahrhunderts zu Messzeiten stets Bittsteller von nahen und fernen Städten, Fürsten und selbst des Kaisers persönlich ein, um gelegentlich des vorhandenen Kapitals Anleihen zu erhalten. Sie wurden im Mittelalter entweder in Form kleinerer, schwebender Kredite oder durch Gültbriefe – vom Sinne her in etwa festverzinsliche, unkündbare Obligationen – ausgegeben. Aufgrund des kirchlichen Zinsverbotes waren die Zinsen in den Geldbeträgen gleich fest eingerechnet. Als Sicherheiten dienten oft reale Güter wie Korn, Wolle oder Wein, bei den stets überschuldeten Kaisern sind für andere Reichsstädte Fälle überliefert, wo diese gar ihre Krone verpfänden mussten. Geldgeber waren meist reiche Patrizier, ab dem 15. Jahrhundert dann auch zunehmend Juden, die vom christlichen Zinsverbot ausgeschlossen waren sowie lange Zeit auch die Stadt, die erst in der Zeit des Schmalkaldischen Krieges erstmals seit Jahrhunderten in die roten Zahlen rutschte, im Zuge ihrer Gegenmaßnahmen dann aber auch zu einer weiteren Entwicklung des Kapitalmarktes beitrug.Dietz III, S. 208–213.
Im Verlaufe des 15. Jahrhunderts wurde der Wechsel im modernen Sinne – also als handelbares Wertpapier – allmählich von italienischen Händlern auf den Messen eingeführt.Handelskammer, S. 4 u. 5. Welch europäische Dimension das Geschäft dann schon Anfang des 16. Jahrhunderts besaß, wurde an der Wahl von Kaiser Karl V. deutlich, der sich die Stimmen der deutschen Kurfürsten für die damals ungeheure Summe von 851.000 Gulden – teils bar, teils in Wechseln – erkaufte. Von den auch aus Italien eintreffenden Urkunden, dessen Banken mit etwa 165.000 Gulden beteiligt waren, befand sich alleine ein auf 110.000 Gulden lautender Wechsel vom 5. Januar 1519 aus dem spanischen Saragossa, zahlbar in Frankfurt durch die Handelsgesellschaft des Anton Welser, den der dortige Patrizier Jakob Neuhaus einlöste.Dietz III, S. 202 u. 203.