Kapitalismusmodelle ist ein Sammelbegriff für die in den Sozial-, Politik- und Wirtschaftswissenschaften, insbesondere in den Teildisziplinen der vergleichenden Politischen Ökonomie und komparativen Industrial Relations-Forschung, konstruierten und diskutierten Ideal- und Realtypen von Formen kapitalistischer Wirtschaftssysteme. In der angelsächsischen Diskussion hat sich dafür der Begriff „Varieties of Capitalism“ eingebürgert. Der verstärkte Wettbewerb von Volkswirtschaften im Zuge der Globalisierung hat ein starkes Interesse an vergleichenden Effizienzanalysen der sozio-ökonomischen Systeme von Nationalstaaten oder Georegionen hervorgerufen. Die definierten Modelle bilden die Grundlage von theoretischen und empirischen Untersuchungen. Der Ansatz ist wegen der Reduzierung komplexer Wirtschafts- und Gesellschaftssysteme auf wenige Variablen, der starken Varianz unterschiedlicher Unternehmenstypen innerhalb eines Nationalstaates und der internationalen Verflechtung nationaler Volkswirtschaften in seiner Aussagefähigkeit umstritten.

Einführung Im Zentrum steht der Vergleich von Institutionen der Wirtschaftssteuerung und der industriellen Beziehungen. Forscher arbeiten auf diesem Gebiet schon seit längerem mit dem „angelsächsischen“ im Vergleich zum „etatistischen“, „skandinavischen“ oder „schwedischen Modell“ sowie dem „deutschen Modell“ (s. Soziale Marktwirtschaft, Rheinischer Kapitalismus). Der Vergleich der Institutionen steht meist unter den Fragestellungen der Leistungsfähigkeit in Bezug auf die wirtschaftliche Performanz und der Entwicklungstendenz (Konvergenz oder Divergenz).

Ein historisch bedeutsames Ereignis für die vergleichende Kapitalismusforschung war der Zusammenbruch der staatssozialistischen Systeme: Nach dem Wegfall des Systemvergleichs fand die interne Konkurrenz zwischen den westlichen Kapitalismusformen erhöhte Aufmerksamkeit. Bislang erstreckt sich der Vergleich hauptsächlich auf die Formen des westlichen und japanischen Kapitalismus, der Vergleich mit anderen asiatischen Formen (China, Korea, Singapur) steckt noch in den Anfängen.

Als Vorläufer dieses Forschungsfeldes kann Andrew Shonfield („Modern Capitalism“, 1965) gelten. Er vergleicht die Planungsinstrumente und Marktideologien in den kapitalistischen Systemen der USA, Großbritanniens, Deutschlands, Frankreichs und Schwedens sowie – kursorisch – Italiens, Österreichs und den Niederlanden.

Entscheidende Impulse erhielt diese Forschungsrichtung durch Michel Albert („Capitalisme contre Capitalisme“, 1991, deutsch: Kapitalismus contra Kapitalismus). Er vergleicht das vor allem in Deutschland sowie den Alpenländern und den Niederlanden bestehende Kapitalismusmodell, für das er den Begriff des „rheinischen Kapitalismus“ prägte, mit dem „neo-amerikanischen“ ModellNeo-amerikanisch bezieht Albert auf Reagans „konservative Revolution in der Wirtschaftspolitik“ mit der Tendenz zum „Minimalstaat“. Vgl. Michel Albert: Kapitalismus contra Kapitalismus. Frankfurt am Main: Campus, 1992, S. 9 auf zehn Vergleichsebenen (u. a. Steuer- und Finanzwesen, Banken und Börsen, Lohn- und Gehaltshierarchie, gesellschaftliche Rolle des Unternehmens).

Eine dichte Beschreibung von vier Kapitalismusvarianten – des schwedischen, US-amerikanischen, japanischen und deutschen Kapitalismus – findet sich in der Abhandlung „Capitalism“ (2004, deutsch 2007) des britischen Soziologen James Fulcher.James Fulcher: Kapitalismus. Reclam, Stuttgart 2007, Kap. 4: „Ist Kapitalismus überall gleich?“ Obwohl alle vier Modelle seit den 1970er Jahren unter Druck gerieten, „ihre Praxis des gesteuerten Kapitalismus aufzugeben und Reformen durchzuführen, die den Marktkräften größere Entfaltungsfreiheit einräumten“, dauern ihm zufolge die nationalen Unterschiede fort.James Fulcher: Kapitalismus. Reclam, Stuttgart 2007, S. 121.

Das bislang gründlichste Tableau von Kapitalismusvarianten haben Peter A. Hall und David Soskice („Varieties of Capitalism“, 2001) vorgelegt. Sie bilden zwei Idealtypen – “liberal market economies” und “coordinated market economies” und vergleichen diese anhand von fünf Institutionen-Clustern (industrielle Beziehungen, berufliche Bildung und Weiterbildung, Corporate Governance, zwischenbetriebliche Beziehungen, Arbeitskräftepotential), die den Unternehmen als Unterstützungssysteme für ihre internen und externen Koordinationsprobleme dienen. Während Unternehmen in liberalen Marktökonomien ihre Aktivitäten hauptsächlich durch Marktbeziehungen und Hierarchien regeln, stützen sich Unternehmen in koordinierten Ökonomien auf zusätzliche Institutionen und Organisationen.

Das Modell Kooperativer Kapitalismus wird vorwiegend in den Sozialwissenschaften verwendet und hebt besondere Eigenschaften des Rheinischen Kapitalismus nach Albert oder der Koordinierten Marktwirtschaft nach Hall und Soskice hervor. Ineinander verzahnte Institutionen begünstigen im Kooperativen Kapitalismus das Verständigen auf eine übergreifende Logik der Marktregulierung. Damit gemeint sind insbesondere Banken als Kreditgeber von Unternehmen und Eigentümer von Unternehmensbeteiligungen, Kapitalverflechtungen zwischen Unternehmen, personelle Verflechtungen über Aufsichtsratsmandate und Mitbestimmung der Arbeitnehmer. Das Verständigen auf langfristige Ziele und stetiges Wachstum begünstigt die Interessen der Stakeholder im Unterschied zur Fokussierung auf den Shareholder Value des Finanzkapitalismus. Ein langfristiger Konsens wird als Voraussetzung für das Entstehen komplexer Produkte in Ökonomien gesehen, da dieses Ausbildungs-, Forschungs- und Entwicklungsinvestitionen erfordert, die mit einem kurzfristigen Interesse an Eigenkapitalrendite unvereinbar sind.Siehe z. B. Ulrich Brinkmann / Karoline Krenn / Sebastian Schief (Hrsg.): Endspiel des kooperativen Kapitalismus? Institutioneller Wandel unter den Bedingungen des marktzentrierten Paradigmas, S. 266, VS Verlag, Wiesbaden 2006, ISBN 978-3-531-15325-4

Definition der Kapitalismusmodelle Rheinischer Kapitalismus, neo-amerikanischer Kapitalismus Kapitalismusmodelle nach Michel Albert Unterscheidungsmerkmal Rheinischer Kapitalismus neo-amerikanischer Kapitalismus vorherrschende Unternehmensfinanzierung Banken Börse überwiegende Interessensausrichtung langfristige Unternehmensentwicklung kurzfristige Rendite Interessen der Stakeholder Shareholder Value Beziehungsnetzwerke langfristig, institutionalisiert kurzfristig, projektbezogen Beteiligungen, Aufsichtsratsmandate Sicht auf Unternehmen Lebensmittelpunkt von Menschen handelbare Ware Gemeinwohlverpflichtung alleinige Aufgabe Profitesoziale Sicherungssysteme stark ausgebaut gering ausgebautArbeitsmarkt stark reguliert flexibelArbeitsbeziehungen Korporatismus Lobbyismus Mitbestimmung keine MitbestimmungMacht der Gewerkschaften tendenziell mittelstark bis stark tendenziell schwachRolle des Staats aktiv zurückhaltend Interventionen, Subventionen, Regulationen minimale RegulationenAusbildung von Fachkräften dual Staat/Unternehmen keine klassische FacharbeiterausbildungWeiterbildung von Fachkräften mittleres Interesse der Unternehmen kaum Interesse der Unternehmenüberwiegende Karrierechance nach Dauer der Betriebszugehörigkeit bei Unternehmenswechsel Quellen: Michel Albert Kapitalismus contra Kapitalismus, Chart Politische Ökonomie, Uni Braunschweig

Siehe auch Hauptartikel Rheinischer Kapitalismus.

Koordinierte Ökonomie, liberale Ökonomie Kapitalismusmodelle nach Peter Hall und David Soskice Unterscheidungsmerkmal Koordinierte Marktökonomie Liberale Marktökonomie CME coordinated market economies LME liberal market economies1. vorherrschende Finanzierung Banken, Beteiligungen Börse abhängig von Beziehungen, Vertrauen, Insiderwissen öffentliche Information2. Aus- und Weiterbildung duales System, durch Arbeitnehmerverbände überwacht außerbetrieblich branchen- und firmenspezifische Ausbildung allgemeinere Ausbildung 3. interne Entscheidungsstruktur Konsens Management, Anteilseigner, Mitarbeiter, Entscheidungskompetenz des Managements, Hausbank, wichtige Kunden u. Lieferanten starker Einfluss der Anteilseigner4. Kooperation zwischen Unternehmen institutionell gefördert projektbezogene Verträge Normensetzung durch Konsens in Verbänden od. Institutionen zwischen Firmen verhandelt, am Markt durchgesetzt Technologietransfer institutionell und systemisch gefördert zwischen Firmen verhandelt5. Arbeitnehmer Arbeitgeberverbände handeln Tarifverträge aus individuelle VertragsaushandlungArbeitsmarkt stark geregelt dereguliertMitbestimmung ja keinesystemische Vorteile gut ausgebildete, kooperierende Arbeitnehmer Mobilität und erleichterte Umqualifizierung der Arbeitnehmer Quellen: Masahisa Endo Memo on Hall and Soskice; Peter A. Hall, David W. Soskice: Varieties of capitalism

Das Modell betrachtet Unternehmen als die zentralen Akteure eines Marktgeschehens und bildet die als wesentlich erachteten Unterschiede zwischen Ökonomien als Beziehungen von Unternehmen zu anderen Marktakteuren in der jeweiligen Ökonomie ab. In einer LME kann so zum Beispiel ein Unternehmen frei den Lohn mit einem Angestellten vereinbaren, in einer CME findet das in Tarifverhandlungen zwischen Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften statt. Der erzielte Konsens gilt für alle Wettbewerber im nationalen Markt und hat so eine übergreifende synchronisierende Wirkung, aber es findet kein Wettbewerb in diesem Punkt statt. Verbände sind zum Beispiel institutionalisierte Konsensfindungsorgane, die andererseits die Entscheidungsfreiheit des Managements limitieren. In LMEs findet der Handel mit Waren und Dienstleistungen in einem ausgeprägten Wettbewerbsumfeld mit Vertragsfreiheit statt, Unternehmen treffen ihre Entscheidungen in Hierarchien und schließen Verträge untereinander. In CMEs hängen Unternehmen stark von Beziehungen außerhalb des Marktwettbewerbs ab. Ihre Zielsetzung ist nicht nur an Marktangebot und -nachfrage orientiert, sondern häufig auch strategischer Art.

Die koordinierten Ökonomien werden von einigen Ökonomen wie Herbert Kitschelt weiter differenziert in NCMEs (national koordinierte Ökonomien) und SCMEs (sektoral koordinierte Ökonomien). Dänemark gehört zu den national koordinierten Ökonomien, Deutschland mit branchenspezifischen Institutionen und regionalen Besonderheiten zu den sektoral koordinierten Ökonomien.

The Three Worlds of Welfare Capitalism Das grundlegende Buch The Three Worlds of Welfare Capitalism von Gøsta Esping-Andersen typisiert kapitalistische Systeme nach dem Prinzip des Wohlfahrtsregimes.

liberal

Bei diesem Typ dominiert die Marktlogik. Sozialstaatsleistungen sind gering ausgeprägt und an Bedürftigkeitsprüfungen gekoppelt. Die USA gehören zu diesem Typ, der mit liberalen Marktökonomien zusammentrifft.

konservativ

Bei diesem Typ sind Leistungen wie Renten oder Arbeitslosengeld an Arbeit und vorherige Beiträge zu Sozialversicherungen gebunden. Konservativ ist im Sinne von „den Lebensstandard konservierend“ zu verstehen. Deutschland gehört zu diesem Typ, der meist mit sektoral koordinierten Ökonomien einhergeht.

sozialdemokratisch

Bei diesem Typ wird der Charakter von Arbeit als handelbare Ware weitgehend reduziert und durch staatlich garantierte Lohnersatzleistungen kompensiert. Das wird auch als universeller Sozialstaat bezeichnet. Schweden gehört zu diesem Typ. Das Modell einer national koordinierten Ökonomie trifft meist mit diesem Sozialstaatsmodell zusammen.

Kritik an den definierten Kapitalismusmodellen Kritik am Forschungsansatz des VOC