mini|hochkant|Dominik Graf (2011) Dominik Graf (* 6. September 1952 in München) ist ein deutscher Film- und Fernsehregisseur.
Leben und Wirken
Herkunft und Ausbildung Der Sohn des Schauspielerehepaares Robert Graf und Selma Urfer besuchte das Max-Gymnasium in München und 1969 bis 1972 das Internat Stein an der Traun, wo er das Abitur machte. 1972 bis 1974 studierte er in München Germanistik und Musikwissenschaften. 1974 wechselte er an die Hochschule für Fernsehen und Film München und studierte dort bis 1980 im Fachbereich Regie. Sein Abschlussfilm "Der kostbare Gast" wurde mit dem Bayerischen Filmpreis in Gold für die beste Nachwuchsregie ausgezeichnet. Seither betätigte er sich als Darsteller, Drehbuchautor und vor allem als Regisseur.
Berufsnetzwerk Dominik Graf gehörte 2003 zu den Gründungsmitgliedern der Deutschen Filmakademie. Seit 2004 ist er Professor für Spielfilmregie an der Internationalen Filmschule Köln und wurde 2005 zum Honorarprofessor ernannt. Er ist seit 1994 Mitglied der Akademie der Künste in Berlin und seit 2012 Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste in München. Graf gehört außerdem seit der Gründung des Michael-Althen-Preises für Kritik im Jahre 2012 dessen Jury an.Claudius Seidl: , FAZ, 14. Mai 2016. Graf ist Mitglied im Bundesverband Regie (BVR).Dominik Graf beim BVR, abgerufen am 24. November 2023
Wirken Sein erster größerer Fernsehfilm nach dem Studium, das Jugenddrama „Treffer“ (1984), fand nach seiner TV-Premiere sogar den Weg in die Kinos. In den folgenden Jahren inszenierte Graf Episoden der Krimireihe „Der Fahnder“ und etablierte sich ab 1986 als „Tatort“-Regisseur.
Einen großen Kinoerfolg erzielte Dominik Graf 1988 mit dem Kriminalthriller „Die Katze“, der Elemente des amerikanischen Genrefilms auf deutsche Verhältnisse übertrug und mehr als 1,3 Millionen Zuschauer begeisterte. Der prominent besetzte Film mit Götz George, Gudrun Landgrebe, Heinz Hoenig und Ralf Richter erzählt die Geschichte eines Banküberfalls mit Geiselnahme und brachte Graf den Deutschen Filmpreis in Gold für die Beste Regie ein. Mit diesem Werk festigte er seinen Ruf als eine der großen Hoffnungen des deutschen Kinos.
Auf die Komödie „Tiger, Löwe, Panther“ (1988/89), in der drei Frauen um die 30 versuchen, ihrem Alltag zu entkommen, folgte 1994 der Thriller „Die Sieger“ mit Herbert Knaup, Katja Flint und Hannes Jaenicke, der erneut im Polizeimilieu angesiedelt war. Obwohl der Film kommerziell hinter den Erwartungen zurückblieb, wurde er von der Kritik gelobt und mit dem Deutschen Filmpreis als Bester Film sowie für die Beste Regie ausgezeichnet.
Neben seinen Kinofilmen arbeitete Graf immer wieder für das Fernsehen. Dort inszeniert er nicht nur Fernsehfilme oder Fernsehserien, sondern führt auch Regie in Fernsehreihen. Für die Schimanski-Folge „Schwarzes Wochenende“ sowie für die zum 25-jährigen „Tatort“-Jubiläum entstandene Episode „Frau Bu lacht“ (1995) erhielt er große Anerkennung: der Film wurde bei den Hofer Filmtagen als bester deutscher Film ausgezeichnet. Neben seiner Arbeit für den „Tatort“ führte Graf auch Regie bei den Reihen „Polizeiruf 110“ und „Sperling“ mit Dieter Pfaff in der Hauptrolle. Für die „Sperling“-Folge „Sperling und das Loch in der Wand“ wurde er 1997 mit dem Adolf-Grimme-Preis geehrt, während „Sperling und der brennende Arm“ (1998) den Bayerischen Fernsehpreis erhielt. Für die halb-dokumentarische BR/WDR-Reihe „Denk ich an Deutschland“ drehte Graf 1997 den Beitrag „Das Wispern im Berg der Dinge“. Im selben Jahr folgte der mit Heiner Lauterbach besetzte Thriller „Der Skorpion“. Sowohl mit dem Drama „Deine besten Jahre“ (1998) (von der Kritik gefeiert als "radikales, unkonventionelles, hoch sinnliches Fernsehen") mit Martina Gedeck und Tobias Moretti als auch mit dem Fernsehfilm „Bittere Unschuld“ (1999) mit Elmar Wepper festigte Graf endgültig seinen Rang als einer der vielseitigsten und wichtigsten Regisseure der deutschen Film- und Fernsehlandschaft.
Nach fast zweijähriger Produktionszeit wurde 2010 Grafs zehnteilige Krimiserie „Im Angesicht des Verbrechens“ auf der Berlinale und bei Arte uraufgeführt. Die Serie zeigt den Kampf eines Berliner Ermittlerduos, gespielt von Max Riemelt und Ronald Zehrfeld, gegen das russische Mafiamilieu. Die Serie verwebt mehrere Handlungsstränge, thematisiert Familienbande, Loyalität und Verrat und bietet einen außergewöhnlich realistischen Einblick in die Welt der organisierten Kriminalität, etwa Menschenschmuggel und Prostitution. Kritiker loben insbesondere die komplexe Figurenzeichnung, die Milieudichte und die Berliner Authentizität, wodurch sie sich von klassischen deutschen Krimis abhebt. „Im Angesicht des Verbrechens“ wurde vielfach preisgekrönt, unter anderem mit dem Grimme-Preis und dem Deutschen Fernsehpreis, und gilt als eines der wichtigsten deutschen Serienwerke der 2010er Jahre.
In seinen Filmen hat Graf sich öfter am amerikanischen Genrekino orientiert und versucht, es auf deutsche Verhältnisse zu übertragen. Graf gilt als großer Filmliebhaber und schreibt gelegentlich auch über Filmthemen in verschiedenen Zeitungen, z. B. in der FAZ oder Süddeutschen Zeitung. Die Filmmusik zu einigen seiner Filme komponierte Graf mit seinem Schulfreund Helmut Spanner. Nach Der Felsen (2002) wurde 2014 auch Grafs Historienfilm Die geliebten Schwestern (2014) über Friedrich Schillers Dreiecksbeziehung zu Charlotte von Lengefeld und ihrer Schwester Caroline in den Wettbewerb der Berlinale eingeladen. Ein Jahr später erhielt er für seine Regiearbeit eine Nominierung für den Deutschen Filmpreis.
2020 erhielt Graf im Rahmen des Film Festivals Cologne den „Filmpreis Köln“. 2021 erhielt er für Fabian oder Der Gang vor die Hunde eine Einladung in den Wettbewerb der 71. Internationalen Filmfestspiele Berlin.. In: berlinale.de, 11. Februar 2021 (abgerufen am 11. Februar 2021). Das Werk blieb dort unprämiert, wurde aber bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises 2021 in zehn Kategorien nominiert, darunter Graf für die beste Regie und das beste Drehbuch (gemeinsam mit Constantin Lieb). Der Film gewann beim Deutschen Filmpreis 2021 die Silberne Lola für den besten Spielfilm sowie je eine Goldene Lola für die „Beste Kamera/Bildgestaltung“ (Hanno Lentz) und den „Besten Schnitt“ (Claudia Wolscht).
Zwischen 1997 und 2020 wurde Graf mit elf Grimme-Preisen ausgezeichnet und ist damit mit Abstand der am häufigsten ausgezeichnete Träger dieses renommierten Fernsehpreises.
Forschung Im Laufe der 1980er begann eine dichte Begleitung des filmischen Wirkens von Dominik Graf durch die Tagespresse. Ab den 1990er Jahren wurde sein Schaffen auch in lexikalisch orientierten Werken aufgenommen (Genaue Nachweise zu allen genannten Texten finden sich unten in der Rubrik Literatur). Die eigentliche wissenschaftliche Untersuchung begann 2010 mit dem Artikel „Widerspruch in Bewegung: Zum Filmwerk von Dominik Graf“ von Felix Lenz im von Karl Prümm herausgegebenen Themenheft Bewegungen im neuesten deutschen Film der Zeitschrift Augenblick – Marburger Hefte zur Medienwissenschaft (Nr. 47). Mit dem Sammelband Im Angesicht des Fernsehens: Der Filmemacher Dominik Graf (2012), federführend herausgegeben von Chris Wahl, gewann die Forschung an Momentum, auch mittels der von ihm im gleichen Jahr kuratierten Graf-Retrospektive im Berliner Zeughauskino.Felix Lenz: Genre-Rewriting: Die Polizeifilme von Dominik Graf. München 2023, S. 13.
Weitere Meilensteine der wissenschaftlichen Graf-Rezeption sind internationale Graf-Festival-Retrospektiven in Rotterdam (2013), Basel (2014) und Edinburgh (2014)https://www.uni-bamberg.de/germ-lit-medien/news/artikel/vielfalt-im-gegensatz-das-fernseh-und-kinowerk-von-dominik-graf sowie der Sammelband Dominik Graf (2015), herausgegeben von Jörn Glasenapp. Bisher die meisten Publikationen zu Dominik Graf hat Felix Lenz beigetragen, zahlreiche Aufsätze sowie die Monografie Genre-Rewriting: Die Polizeifilme von Dominik Graf (2023). Alle hier genannten sowie viele weitere Publikationen zu Graf, etwa von Britta Hartmann, Olaf Möller, Christoph Huber, Marco Abel, Julian Hanich, Brad Prager, Daniel Eschkötter, Lisa Gotto, Jaimey Fischer und vielen anderen finden sich unten in der Rubrik Literatur.
Neue Fahrt hat die Graf-Forschung aufgenommen mit der international besetzten, interdisziplinären Tagung „Vielfalt im Gegensatz: Das Fernseh- und Kinowerk von Dominik Graf“ an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg (2023) von Jörn Glasenapp und Felix Lenz.https://www.uni-bamberg.de/germ-lit-medien/news/artikel/vielfalt-im-gegensatz-das-fernseh-und-kinowerk-von-dominik-graf
Privates Graf war fast 30 Jahre lang der Lebensgefährte der Regisseurin und Oscar-Preisträgerin Caroline Link und hat mit ihr eine Tochter (* 2002). 2021 trennte sich das Paar. Zuvor war Graf mit der deutsch-amerikanischen Drehbuchautorin und Regisseurin Sherry Hormann verheiratet und hat mit ihr eine Tochter. Außerdem war er mit der Schauspielerin Adelheid Arndt liiert. Seinem Vater widmete er den Essayfilm Das Wispern im Berg der Dinge.
Filmografie (Auswahl)
Auszeichnungen miniatur|Stern von Dominik Graf auf dem Boulevard der Stars in Berlin
Schriften Dominik Graf: Verstörung im Kino. Der Regisseur von Die Sieger im Gespräch mit Stefan Stosch über die Arbeit am Film. Hrsg. von Hauke Hückstädt und mit einem Vorwort von Peter Körte.Wehrhahn Verlag, Laatzen 1998, 47 S., ISBN 3-932324-51-X Dominik Graf: Schläft ein Lied in allen Dingen. Texte zum Film. Hrsg. und mit einem Vorwort von Michael Althen. Alexander Verlag, Berlin 2009, ISBN 978-3-89581-210-1 Dominik Graf: Im Angesicht des Verbrechens. Fernseharbeit am Beispiel einer Fernsehserie. Hrsg. Johannes F. Sievert. Alexander Verlag, Berlin 2010, ISBN 978-3-89581-221-7 Dominik Graf, Lisa Gotto: Kino unter Druck. Filmkultur hinter dem Eisernen Vorhang. Alexander Verlag, Berlin 2021, ISBN 978-3-89581-548-5 Dominik Graf: Sein oder Spielen – Über Filmschauspielerei. 391 S., C.H.Beck Verlag, München 2025, ISBN 978-3-406-82299-5 Dominik Graf, Lisa Gotto: "Der Film fließt zurück ins Meer des Lebens". Ein Gespräch mit Dominik Graf. Hrsg. von Lisa Gotto, AugenBlick. Konstanzer Hefte zur Medienwissenschaft 95, Schüren Verlag, Marburg 2026, ISBN 978-3-7410-0543-5
Literatur Peer Moritz: „Dominik Graf. Mit einem Essay von Peter Körte“, in: CineGraph, Jg. 18. (1991), edition text + kritik Norbert Grob: „Dominik Graf“, in: Thomas Koebner (Hrsg.): Filmregisseure. Biographien, Werkbeschreibungen, Filmographien, 3., aktualisierte und erweiterte Auflage. Reclam, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-15-010662-4, S. 287–290 (mit Literaturhinweisen) Kay Weniger: Das große Personenlexikon des Films. Band 3: F – H. John Barry Fitzgerald – Ernst Hofbauer. Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2001, ISBN 3-89602-340-3, S. 349 f. Felix Lenz: „Widerspruch in Bewegung – zum Filmwerk von Dominik Graf“, in: Augenblick – Marburger Hefte zur Medienwissenschaft Nr. 47 – Bewegungen im neuesten deutschen Film, Marburg 2010, S. 6–35. Andreas Kilb: „Der deutsche Kinothriller findet nicht statt. Notizen zum Stand der Dinge“, in: Rainer Rother, Julia Pattis (Hrsg.), Die Lust am Genre. Verbrechergeschichten aus Deutschland, Berlin, 2011, S. 100–106. Britta Hartmann: „Berlin ist das Paradies“. Inszenierung der Stadt in Dominik Grafs „Im Angesicht des Verbrechens“ und Thomas Arslans „Im Schatten“. In: Rainer Rother, Julia Pattis (Hrsg.): Die Lust am Genre. Verbrechergeschichten aus Deutschland, Berlin, 2011, S. 169–186. Michael Wedel, Chris Wahl, Marco Abel, Jesco Jockenhövel (Hrsg.): Im Angesicht des Fernsehens, edition text + kritik, München 2012. Chris Wahl: „Dominik Grafs Karriere als Filmemacher zwischen Kino und Fernsehen. Eine Einführung“, in: Michael Wedel, Chris Wahl, Marco Abel/Jesco Jockenhövel (Hrsg.), Im Angesicht des Fernsehens, edition text + kritik, München 2012, S. 32–59.