Die Sierra de Atapuerca ist ein kleiner Gebirgszug nördlich von Ibeas de Juarros in der Provinz Burgos (Kastilien und León, Spanien), der sich zwischen dem Kantabrischen und dem Iberischen Gebirge von Nordwesten nach Südosten erstreckt. Sie wurde wegen der außergewöhnlichen archäologischen und paläontologischen Funde in ihrem Inneren zum Naturschutzgebiet, zum schützenswerten Kulturgut und im Jahr 2000 zum UNESCO-Welterbe erklärt. Gefunden wurden Fossilien von mehreren Arten der Hominini: Homo antecessor, Homo heidelbergensis, Homo neanderthalensis und Homo sapiens. mini|hochkant=2.5|Panoramaaufnahme der Sierra de Atapuerca

Geografische Lage Die Sierra de Atapuerca wird im Süden vom Fluss Arlanzón begrenzt, im Norden vom Fluss Vena und im Osten von der Sierra de la Demanda, einem Ausläufer des Iberischen Gebirges. Sie gehört zum sogenannten Korridor von La Bureba, einem wichtigen und historischen Pass zwischen dem Ebrotal und dem Flussgebiet des Duero. Vom orografischen Standpunkt aus ist sie eine einfache Formation mit einer Maximalhöhe von 1079 m am Pico de San Vicente. Sie besteht aus kreidezeitlichem Kalkstein, bedeckt von einer erheblichen Masse von Steineichen, Portugiesischen Eichen (Quercus faginea) und vor allem Unterholz aus Stacheligem Dornginster, Rosmarin, Lavendel, Thymian und Salbei.

Der Pass von La Bureba wurde seit jeher als Hauptzugang von Europa zur Iberischen Halbinsel benutzt. Er verbindet die mediterrane Seite des Ebrotals mit der atlantischen Seite des Duerotals und liegt gleichzeitig auf dem Weg, der sich von den Pyrenäenpässen zu den anderen Orten auf der Halbinsel verzweigt, sowohl nach Westen (Galicien und Portugal) als auch nach Süden (zur kastilischen Meseta, nach Andalusien, Extremadura, Südportugal und Afrika). Auch eine der wichtigsten Römerstraßen führte durch den Pass, im Mittelalter auch der Jakobsweg sowie Ende des 19. Jahrhunderts die N1 (heute die Autovía A-1).

Nicht nur von Menschen wurde der Pass benutzt, auch Fauna und Flora haben sich über ihn verbreitet. Fruchtbarer Boden und eine Fülle an Ressourcen führten zu einem erheblichen Artenreichtum und einer ständigen menschlichen Besiedelung seit über 800.000 Jahren.

Geologie Die Sierra besteht aus einem kleinen Hügel – entsprechend einer liegenden Antiklinale – gebildet aus Kalkstein, Sand und Sandstein mariner Herkunft aus der Oberkreide (zwischen 80 und 100 Millionen Jahre alt) und bedeckt von Ablagerungen des Flusses Arlanzón, der im Quartär zahlreiche Alluvialterrassen gebildet hat.

Auf dieser Antiklinale und um die Sierra herum finden sich neuere Materialien kontinentaler Herkunft, die dem Tertiär zuzuordnen sind (zwischen 25 und 5 Millionen Jahre alt). Sie bestehen aus Konglomeraten von Kalkstein und rotem Ton aus dem Oligozän unter einigen Schichten Mergel, Ton, Gips sowie Kalk- und Mergelpaketen, die für die alte lakustrische Umgebung des Einzugsgebiets des Duero typisch sind.

Gegen Ende des Pliozän und Anfang des Pleistozän beginnt sich das Flusstal des Arlanzón zu bilden, der auf seinem Weg durch die Sierra 15 Schichten sehr asymmetrischer quartärer Terrassen hinterlassen hat. Die Anstiege des Flusspegels und die Kalksteinstruktur haben zu einem karstischen Komplex mit einer Vielzahl Höhlen geführt, von denen viele aus verschiedenen Ursachen (Einstürze, Scherung) nach außen offen sind. Durch diese Öffnungen haben sich im Laufe der Zeit verschiedene Sedimente angesammelt, beispielsweise Erde, Staub, Pollen, Überreste von Tieren oder Exkremente, die oft die Eingänge zugeschüttet haben. Vielfach wurden diese auch durch nachfolgende Einstürze verschlossen, wobei das Innere bis zum Entstehen neuer Öffnungen intakt blieb.

Geschichte Erste Entdeckungen im 19. Jahrhundert Die ersten systematischen Erkundungen des karstischen Systems der (span. ‚größte Höhle‘) fanden Mitte des 19. Jahrhunderts statt. Allerdings war die Höhle bereits seit langer Zeit bekannt und besucht. Im Jahre 1863 beantragte Felipe Ariño die Besitzrechte an der Höhle. Fünf Jahre später, im Jahre 1868, veröffentlichten Pedro Sampayo und Mariano Zuaznávar eine detaillierte Beschreibung der Höhle, in der sie zum ersten Mal die so genannte (span. ‚Knochengrube‘) beschreiben. Diese wurde 1890 ein weiteres Mal in einem Antrag auf Genehmigung des Bergbaus in anderen Bereichen der erwähnt. In ähnlicher Weise folgten eine Vielzahl von Plünderungen und Zerstörungen des Höhleninneren.

Die Eisenbahn mini|200px|links|Ein alter Steinbruch in der Nähe der Ausgrabungen Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde wegen des Bergbaus eine Eisenbahntrasse von der Sierra de la Demanda bis nach Burgos verlegt. 1896 wurde der kurz zuvor von Richard Preece Williams gegründeten Firma The Sierra Company Ltd. die Genehmigung zum Bau der Schmalspurstrecke von Monterrubio de la Demanda nach Villafría in der Nähe von Burgos erteilt. Zweck der Bahnstrecke war der Transport von Kohle und Eisen aus der Sierra de la Demanda bis zum Verbindungspunkt mit der Strecke Burgos-Bilbao, und von dort aus zu den baskischen Eisenhütten. Die Gesamtlänge betrug 65 Kilometer, der Bau wurde 1901 abgeschlossen.

Ursprünglich sollte die Strecke nicht durch die Sierra de Atapuerca verlaufen. Aus unbekannten Gründen führten die Gleise dennoch durch den südwestlichen Teil der Sierra, durch einen tiefen Graben von einem halben Kilometer Länge und einer Tiefe von bis zu 20 Metern. Dieser Graben durchquerte zahlreiche verschüttete Höhlen mit pleistozänen Sedimenten, wodurch diese zu Tage traten und ihre Schichtung klar sichtbar wurde.

Dem Vertrag nach sollte die Bahnstrecke nicht nur dem Bergbau dienen; als Bedingung für die Unterstützung des Vorhabens durch den Provinzialrat musste die Sierra Company sich verpflichten, Passagiere und Handelswaren zu transportieren. Wegen der von Ferrocarriles del Norte auferlegten hohen Preise gelang es der Bahnlinie dennoch nie, sich wirtschaftlich zu festigen.

Um das Jahr 1910 stellte die Bahnlinie den Betrieb ein. 1917 machte die Nachfolgegesellschaft der Sierra Company, die Sociedad Vasco-Castellana, Bankrott und löste sich endgültig auf. Bis heute sind Brücken, Böschungen, Tunnel und Bahnhöfe der Linie erhalten. Seit etwa 1950 wurde der Eisenbahngraben als Steinbruch benutzt, wobei ein Teil der Fundstellen zerstört wurde.

Erste Ausgrabungen mini|hochkant|Eingang zu den Ausgrabungen am Eisenbahngraben Im Jahre 1964 initiierte Francisco Jordá Cerdá, Professor für Archäologie an der Universität Salamanca die ersten Ausgrabungen, die allerdings kurz danach zum Stillstand kamen. Acht Jahre später fand eine Gruppe von Speläologen namens die sogenannte (span. ‚Feuersteingalerie‘), die Überbleibsel von Begräbnisriten und Malereien aus der Bronzezeit enthält.

1973 begann J. M. Appellániz am Eingang der mit der ersten von insgesamt elf Ausgrabungen.

Gegenwärtige Untersuchungen 1976 trat der Bergbauingenieur Trinidad de Torres Pérez-Hidalgo, der zu dieser Zeit dabei war, seine Doktorarbeit über Fossilien von Bären zu schreiben, mit verschiedenen menschlichen Überresten an den Paläontologen Emiliano Aguirre heran, die er an einer der Fundstätten in der Sierra gefunden hatte, in der . 1980 begannen die Ausgrabungen in der , die über zehn Jahre dauerten. 1984 begannen die systematischen Ausgrabungen in der .

Im Jahre 1990 trat Emiliano Aguirre in den Ruhestand und die Leitung wurde einem Team bestehend aus Juan Luis Arsuaga, José María Bermúdez de Castro und Eudald Carbonell Roura übertragen. Seither hat man Steingeräte des Mode 1 (Oldowan), am Boden der (span. ‚Große Doline‘) gefunden. Kurz darauf, im Jahre 1992, kamen in der verschiedene menschliche Schädel zum Vorschein, darunter der berühmte Schädel Nummer 5, der die Fundstätte zu einem Ort internationaler wissenschaftlicher Bedeutung für die Erforschung der menschlichen Evolution machte. Er wurde zu Ehren Miguel Indurains auf den Namen getauft.

Die Jahre 1994 und 1995 förderten eine beachtliche Anzahl von Steingeräten des Mode 1 und menschlichen Überresten zu Tage, die alle auf 800.000 Jahre datiert werden, was eine sehr frühe menschliche Besiedlung in Europa bestätigt. Im darauffolgenden Jahr bestätigte sich anhand der Untersuchungen von Spuren an den Knochenfunden, dass ein ritueller Kannibalismus praktiziert wurde. Dies ist der älteste Hinweis auf Kannibalismus in Europa. Es begannen die Ausgrabungen in der (span. ‚Elefantengrube‘).

Das Jahr 1997 war von großer Wichtigkeit für die Ausgrabungsstätte, da in diesem Jahr mit dem Homo antecessor eine neue menschliche Spezies beschrieben wurde. Die Untersuchungen wurden mit bedeutenden Preisen prämiert, dem Prinz-von-Asturien-Preis und dem .

Das Jahr 1998 brachte die Gewissheit, dass die in der gefundenen Überreste, die dem Homo heidelbergensis zugeschrieben wurden, zu menschlichen Wesen mit der Fähigkeit zu Abstraktion und symbolischem Handeln gehören, denen sich außerdem Fragen mystischer Natur stellen. Dies lässt sich aus dem Fund eines Excalibur getauften, unbenutzten Faustkeils (Mode 2) schließen, der aus einem wertvollen Material hergestellt und der Bestattung eines Gruppenmitglieds beigegeben worden war.

Im Jahre 1999 begannen die Ausgrabungen in der . Im folgenden Jahr erlangte die Sierra den Status des UNESCO-Welterbes.Archaeological Site of Atapuerca. Gleichzeitig wurden in der Überreste von Steingeräten gefunden, die auf ein Alter von einer Million Jahren datiert wurden. Auch wurde eine neue Nagetierart benannt, Microtus ((Allophaiomys)) lavocati. Die Ausgrabungen am Eingang der wurden wieder aufgenommen. Die gab eine neue Höhlenbärenart frei, den Ursus dolinensis, dessen Überreste in der Schicht TD4 gefunden wurden.

Ausgrabungsstätten der Sierra de Atapuerca

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden einige Funde gemacht, die den archäologischen Reichtum der Zone vermuten ließen. Dennoch wurden erst im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts umfassende und systematische Untersuchungen durchgeführt. Erst jetzt wurde klar, dass es sich bei dem Fundgebiet um eines der wichtigsten Europas und eines der bedeutendsten der Welt handelte, in dem Fundstücke ausgegraben wurden, die die Vorstellung von der Geschichte der Menschheit verändert haben. Es wurden Überreste aus einem Zeitraum vom Altpleistozän (mit einem Alter über einer Million Jahre) bis zum Holozän (gegenwärtige Epoche) gefunden, die Aufschluss über Fauna, Flora und Klima geben. Dieser archäologische Komplex wurde von der UNESCO zum Welterbe erklärt (2000) und hat den Prinz-von-Asturien-Preis für wissenschaftliche und technische Forschung erhalten (1997).

Die Ausgrabungsstätten sind außergewöhnlich wegen ihres Reichtums an Fossilien, deren gutem Erhaltungszustand und wissenschaftlicher Bedeutung. Die gefundenen Steingeräte umfassen alle technologischen Stadien, von den primitivsten Formen der Steinbearbeitung bis hin zu Exemplaren aus der Bronzezeit. Auch eine neue Höhlenbärenart, der Ursus dolinensis, wird gefunden.

Die wichtigsten Funde sind jedoch die Überreste von Vertretern der Gattung Homo. Sie finden sich in verschiedenen Grabungen, was ungewöhnlich ist. Unter ihnen befinden sich die von ihren spanischen Entdeckern als Homo antecessor bezeichneten, auf ein Alter von 1,1 Millionen Jahre datierten Funde. Andere Forscher stellen diese älteren Funde jedoch zu Homo erectus und die jüngeren zu Homo heidelbergensis.