mini|hochkant=1.3|Wappen der Linie Fugger „von der Lilie“ im Ehrenbuch der Fugger, 1545/49Das schwäbische Kaufmannsgeschlecht der Fugger, seit dem 14. Jahrhundert in Augsburg ansässig, spaltete sich im 15. Jahrhundert in zwei Familien auf: die Fugger von der Lilie und die Fugger vom Reh, die nach der Aufteilung des Familienvermögens im Jahr 1455 getrennte Wege gingen.
Das Unternehmen der „Fugger von der Lilie“ erlangte im ausgehenden Spätmittelalter unter Jakob Fugger „dem Reichen“ und seinem Neffen Anton Fugger Weltgeltung. Es ist seitdem ein Beispiel des europäischen Frühkapitalismus, der zeitlich mit der Kolonisation und der europäischen Expansion verbunden ist. Anfang des 16. Jahrhunderts begann der Aufstieg der Familie in den Adel. Ab der Mitte des 16. Jahrhunderts nahmen die Fugger von der Lilie hohe kirchliche und weltliche Ämter ein.
Geschichte der Fugger „von der Lilie“
Geschichte der Firma bis 1657 Im Jahre 1367 wanderte der Weber Hans Fugger aus dem Dorf Graben nach Augsburg ein, einer als Markt- und Handelsplatz florierenden freien Reichsstadt. Bereits 1386 wurde er zum Zunftmeister der Augsburger Weber. Sein Sohn Andreas Fugger knüpfte Kontakte nach Venedig und erweiterte die mit seinen Brüdern ererbte Tuchmacherei zum Großhandel. Er begründete die Linie „Fugger vom Reh“, während sein Bruder Jakob Fugger der Ältere, ebenfalls gelernter Webermeister, ab 1454 Alleininhaber wurde und die Firma zu einem mittelgroßen Unternehmen im Baumwoll- und Barchenthandel mit Italien ausbaute. Er begründete die Linie „Fugger von der Lilie“. Sie waren nun Weber-Verleger, die Baumwolle in Venedig einkauften und damit für die finanzschwachen Handwerker am Webstuhl das Rohmaterial vorfinanzierten und ihnen das fertige Produkt abkauften.Kluger, Martin: Fugger – Italien. Geschäfte, Hochzeiten, Wissen und Kunst. Geschichte einer fruchtbaren Beziehung, Augsburg, 2010
mini|Jakob Fugger (re.) mit seinem Chefbuchhalter M. Schwartz im Kontor des Augsburger Fuggerhauses (1517) Dessen 1459 geborener Sohn Jakob Fugger (später „der Reiche“ genannt), begann seine Karriere mit einer Lehre im Goldschmiedehandwerk sowie einer Händlertätigkeit am Fondaco dei Tedeschi in Venedig. Innerhalb weniger Jahrzehnte baute er die väterliche Firma zu einem europaweit tätigen Unternehmen mit Schwerpunkten im Montan- und Banksektor aus. Die Familienfirma wuchs rasch, nachdem die Brüder Ulrich, Georg und Jakob Fugger in Bankgeschäfte mit den Habsburgern und der Kurie, parallel dazu zunächst in die Montanwirtschaft in Tirol und ab 1493 in den Abbau von Silber und Kupfer im heutigen Tschechien und der Slowakei einstiegen. Ab 1525 besaßen die Fugger Rechte zum Abbau von Quecksilber und Zinnober in der Mine von Almadén (Spanien). Das Unternehmen nahm zeitweilig eine monopolartige Stellung auf dem europäischen Kupfermarkt ein. Kupfer aus Oberungarn (heutige Slowakei) wurde über Antwerpen nach Lissabon und von dort weiter nach Indien verschifft.
Nicht zuletzt durch belletristische Werke zur Fuggergeschichte, vor allem durch Günter Oggers „Kauf dir einen Kaiser“, wird die wirtschaftliche Bedeutung der Fuggerfirmen nach Jakob Fugger „dem Reichen“ immer wieder verfälscht dargestellt. Seine Nachfolger werden dabei als schwächliche Epigonen dargestellt, die die Firma sukzessive in den Ruin führten. Solche Bewertungen berücksichtigen allerdings weder die nach 1540/50 wachsende Gefährdung von Finanzunternehmen durch die zunehmende Staatsverschuldung aufgrund der Misswirtschaft und des skrupellosen Geschäftsgebarens der spanischen Krone unter Kaiser Karl V. und König Philipp II., noch die Auswirkungen des Dreißigjährigen Kriegs. Darüber hinaus hat die neuere Forschung durchaus widerlegt, dass spätere Fugger keinen unternehmerischen Erfolg erzielt hätten.
Vor Jakob Fugger „dem Reichen“ war die Familienfirma nur eine unter vielen erfolgreichen süddeutschen Unternehmen dieser Zeit. Im kollektiven Gedächtnis blieb deshalb vor allem der rasche Aufstieg der Fuggerfirma unter Jakob Fugger – zwischen etwa 1487 und seinem Tod Ende 1525. Zwischen ihrer Bilanz von 1511 und ihrer Bilanz von 1527 hatte die Firma ihr Kapital von knapp 200.000 Gulden auf mehr als 1,8 Millionen Gulden erhöhen können: Dies entsprach einem Gesamtgewinn von 800 Prozent bzw. einem durchschnittlichen jährlichen Gewinn von 15 Prozent.Richard Ehrenberg: Das Zeitalter der Fugger. Geldkapital und Creditverkehr im 16. Jahrhundert. Band 1: Die Geldmächte des 16. Jahrhunderts. Jena 1912, S. 119.
mini|hochkant|Schrotturm auf der Fuggerau, Kärnten Den Höhepunkt des Gesellschaftsvermögens erreichte die Fuggerfirma jedoch nicht unter Jakob Fugger dem Reichen, sondern unter dessen Neffen und Nachfolger Anton Fugger: 1546 wies die Bilanz des Familienunternehmens ein Handelskapital „von rund 5 Millionen Gulden, das höchste, was sie je besessen hat, und zweifellos auch das grösste, welches zu jener Zeit bei einem Handlungshause vereinigt war“, aus.Richard Ehrenberg: Das Zeitalter der Fugger. Geldkapital und Creditverkehr im 16. Jahrhundert. Band 1: Die Geldmächte des 16. Jahrhunderts. Jena 1912, S. 149. Die Faktoreien lagen, ebenso wie die Postmeistereien der Familie Taxis, an den Knotenpunkten des Handels; Anton Fugger und Johann Baptista von Taxis waren – nach einem Diktum Richard Ehrenbergs – „Häuptlinge ganzer Clans verwandter Kapitalisten“.Richard Ehrenberg: Das Zeitalter der Fugger. Geldkapital und Creditverkehr im 16. Jahrhundert. 2 Bände. Fischer, Jena 1896, hier: Band I (Die Geldmächte des 16. Jahrhunderts), S. 383. Die beiden katholischen und kaisertreuen Aufsteigerfamilien vom Beginn der Neuzeit waren europaweit an zahlreichen gemeinsamen Finanzierungsgeschäften beteiligt.Götz Freiherr von Pölnitz: Die Fugger. Tübingen 1970, Band 1, S. 466, 487, Band 2, S. 142, 305, 491.
Spätestens seit 1550 versuchte Anton Fugger, den Handel zu liquidieren.Franz Karg: Die Fugger im 16. und 17. Jahrhundert. In: Renate Eickelmann (Hrsg.): lautenschlagen lernen und leben. Die Fugger und die Musik – Anton Fugger zum 500. Geburtstag. Augsburg 1993, S. 101. Doch Kredite an Kaiser Karl V. wegen des Schmalkaldischen Kriegs (1546/47) und wegen des Fürstenaufstands (1552) sowie immer weitere Kreditforderungen der spanischen Krone sorgten für eine zunehmende Verschuldung der Habsburger, die zudem ihre Rückzahlungen mit immer neuen Kreditforderungen verbanden. Mit dem ersten spanischen Staatsbankrott begann „Die Zeit der internationalen Finanzkrisen“ (Ehrenberg), unter anderem mit zwei weiteren spanischen Staatsbankrotten (1575 und 1607).Richard Ehrenberg: Das Zeitalter der Fugger. Geldkapital und Creditverkehr im 16. Jahrhundert. Band 1: Die Geldmächte des 16. Jahrhunderts. Jena 1912, S. 175. Doch investierte Anton Fugger auch systematisch in Großgrundbesitz, mehr noch als sein Onkel, wodurch er für den nachhaltigen Reichtum seiner Familie die Grundlage schuf.
Nach Anton Fuggers Tod sollten sein Neffe Hans Jakob Fugger und Antons ältester Sohn Markus die Firma leiten. Doch schon 1564 musste Hans Jakob Fugger wegen privater Zahlungsunfähigkeit aus der Fuggerfirma ausscheiden. Seine Brüder ließen sich in den späten 1570er-Jahren auszahlen.Franz Karg: Die Fugger im 16. und 17. Jahrhundert. In: Renate Eickelmann (Hrsg.): lautenschlagen lernen und leben. Die Fugger und die Musik – Anton Fugger zum 500. Geburtstag. Augsburg 1993, S. 100. Markus (auch: Marx) Fugger führte die alte Firma als Gesellschaft „Marx Fugger und Gebrüder“ fort und erzielte seit Beginn der 1560er-Jahre wieder Gewinne. Der Schwerpunkt dieser Firma lag im Quecksilber- und Zinnoberbergbau in Kastilien sowie im Silberbergbau in Tirol. Noch um 1600 war die Firma außerdem stark im internationalen Wechsel- und Kreditgeschäft tätig. Maximilian Fugger gründete 1618 eine Firma für den Export von Barchent nach Spanien, bis die Spanier die Einfuhr von Textilien aus Schwaben unterbanden.
mini|hochkant|Philipp Eduard Fugger Philipp Eduard und Octavianus Secundus Fugger schieden 1580 aus der Firma aus und gründeten 1586 ein zweites Fugger’sches Familienunternehmen. Die Firma „Georg Fuggerische Erben“ beteiligte sich am Gewürzhandel mit der portugiesischen Krone und arbeitete dabei eng mit den Welsern zusammen. Diese Firma betrieb darüber hinaus Kreditgeschäfte.
1647 beendeten die Fugger die Pacht für den Quecksilber- und Zinnoberabbau in Spanien. 1646/47 tauchte die Fuggerfirma letztmals im Verzeichnis der deutschen Kaufleute im Fondaco dei Tedeschi in Venedig auf. Graf Leopold Fugger gab 1657 eigenmächtig und ohne Funktion in der Leitung des Handels die Tiroler Bergwerksanteile der Familie entschädigungslos an die Tiroler Landesherrn zurück. Damit war die Fuggerfirma erloschen.
Der Gesamtverlust, den die Fugger auf ihre Forderung an die Habsburger bis Mitte des 17. Jahrhunderts hinnehmen mussten, lag bei acht Millionen Gulden.Richard Ehrenberg: Das Zeitalter der Fugger. Geldkapital und Creditverkehr im 16. Jahrhundert. Band 1: Die Geldmächte des 16. Jahrhunderts. Jena 1912, S. 186. Im Unterschied zu ihren bedeutendsten Augsburger Konkurrenten, den Welsern, die 1603 zahlungsunfähig wurden, ging die Fuggerfirma jedoch niemals bankrott. Und im Gegensatz zu den Welsern haben die Fugger – so urteilte der Wirtschaftshistoriker Richard Ehrenberg – mehrfach „durch ihre Geldgeschäfte den Gang der Weltgeschichte beeinflusst“.
Für Grundherrschaften und den Erwerb von Eigengütern – vor allem im heutigen bayerischen Schwaben und in Baden-Württemberg – gaben die Fugger mehr als 2,5 Millionen Gulden aus. Die Renditen aus dem Grundbesitz waren zwar vergleichsweise gering, Grund und Boden waren jedoch sichere Geldanlagen mit hohem Sozialprestige.Robert Mandrou: Die Fugger als Grundbesitzer in Schwaben. 1560–1618. Göttingen, 1998. Während des Dreißigjährigen Kriegs wurde allerdings der schwäbische Grundbesitz ab 1632 massiv verwüstet und mehrere Schlösser der Fugger wurden von schwedischen Truppen zerstört. Besitzungen im Elsass wurden von den Franzosen okkupiert.
Reichsgrafen- und Fürstenstand Nach dem Erwerb der Grafschaft Kirchberg und der Herrschaften Weißenhorn, Wullenstetten, Pfaffenhausen und Resten der früheren Grafschaft Marstetten im Jahr 1507 stieg der gelernte Handwerker, bürgerliche Kaufherr, Montanunternehmer und Bankier Jakob Fugger „der Reiche“ und nach ihm sukzessive die gesamte Familie in den Reichsadel beziehungsweise in den Reichsgrafenstand auf. Da die Graf- und Herrschaften teilweise reichsunmittelbar waren, stieg die Familie damit zugleich zu den Reichsständen auf und übersprang damit gewissermaßen den Stand des alteingesessenen Augsburger Patriziats, in das sie aber 1538 formell aufgenommen wurden.
Die Grafen Fugger von Babenhausen wurden 1803 zu Reichsfürsten, die Grafen Fugger von Glött 1913 im Königreich Bayern zu Titularfürsten erhoben, während die Fugger von Kirchberg im Grafenstand verblieben; der Fürstentitel stand nur dem jeweiligen Linienoberhaupt zu, während die Agnaten Grafen bzw. Gräfinnen waren. Darüber hinaus waren drei Angehörige des Hauses Fugger „von der Lilie“ als Fürstbischöfe von Konstanz und Regensburg ebenfalls Reichsfürsten. Weitere Angehörige der Familie Fugger „von der Lilie“ hatten hohe und höchste Staats- und Kirchenämter inne. Mehrere Fugger machten sich als Kunstförderer und Stifter einen Namen. Die bekanntesten Stiftungen sind die Fuggerkapelle in der Augsburger Kirche St. Anna und die Fuggerei, heute die älteste bestehende Sozialsiedlung der Welt.
Die Fugger „von der Lilie“ besaßen zahlreiche Lehensherrschaften und Eigengüter, vor allem im heutigen bayerischen Regierungsbezirk Schwaben und im Osten des heutigen Baden-Württemberg, aber auch in Ober- und Niederbayern, in Mittelfranken, im Elsass, in Tirol und in Niederösterreich.
Gegenwart