mini|Neben Mutter Norge gilt auch Ola Normand als nationale Personifikation Norwegens (Karikatur auf die mit dem Referendum von 1905 verbundene Bürde der Unabhängigkeit)
Norweger bilden eine Ethnie, die als Titularnation Norwegens fungiert.
Sprache
mini|Noch im 20. Jahrhundert nutzten auf der russischen Halbinsel Kola lebende Norweger (Kolanordmenn) auch die Mischsprache Russenorsk.
Norwegisch ist eine nordgermanische Sprache. Anders als Dänisch oder Schwedisch, die sich aus dem östlichen Zweig der altnordischen Sprachen herausbildeten, entwickelte sich die Altnorwegische Sprache aus dessen westlichem Zweig und löste sich daher früher vom Schwedischen und Dänischen als sich diese beiden Sprachen ihrerseits voneinander trennten.
Die altnorwegische Sprache wurde jedoch in der langen Zeit der Union mit Dänemark (1380 bis 1814) vor allem in Oslo und den westnorwegischen Küstenstädten stark vom Dänischen überlagert bzw. verdrängt,Heinz F. Wendt (Hrsg.): Das Fischer Lexikon Sprachen. Fischer, Frankfurt am Main 1961, S. 98. während die ostnorwegischen und Gebirgsdialekte weiter stärker dem benachbarten Schwedischen ähnelten. Aus den alten westnorwegischen Dialekten wiederum entstanden die Färöische Sprache und die Isländische Sprache. Die dem nordnorwegischen (Trondheimer) Dialekt verwandte Jämtländische Sprache in Schweden stellt eine Übergangsform bzw. eine historische Mischsprache mit schwedischen Dialekten dar – nicht zu verwechseln mit dem modernen Svorsk.
Noch heute gibt es zwei durch das Skandinavische Gebirge getrennte norwegische Hauptdialekte (Westnorwegisch, Ostnorwegisch) mit 26 (westnorwegischen) und fünf (ostnorwegischen) UnterdialektenJ.W. Bromlej: народы мира – историко-этнографический справочник (Völker der Welt – historisch-ethnographisches Wörter-/Handbuch). Moskau 1988, S. 335–338. bzw. vier regionale Hauptgruppen mit mindestens elf Untergruppen.
Als Abgrenzung vom Dänischen entwickelten nationalistische Linguisten in der Mitte des 19. Jahrhunderts aus der Sprache der innernorwegischen Landbevölkerung, dem Landsmål, das neunorwegische Nynorsk, das teilweise dem Schwedischen näher ist.Detlev Wahl: Lexikon der Völker Europas und des Kaukasus. Meridian-Verlag, Rostock 1999, S. 140–143. Demgegenüber steht die norwegisierte Variante der ehemaligen dänischen Reichssprache, des Riksmål, aus dessen Osloer Dialekt ebenfalls in der Mitte des 19. Jahrhunderts das Bokmål entstand.Heinz F. Wendt (Hrsg.): Das Fischer Lexikon Sprachen. Fischer, Frankfurt am Main 1961, S. 122. Obwohl nur etwa 15 Prozent der Norweger Nynorsk als Schriftsprache verwenden – gegenüber 85 Prozent, die Bokmål verwenden, sind beide Varianten gleichberechtigte Amtssprachen in Norwegen. Der Versuch, beide Varianten in einer Synthese – dem Samnorsk (Gesamtnorwegisch) – zu vereinen, scheiterte.Ralph Tuchtenhagen: Kleine Geschichte Norwegens. C.H.Beck, München 2013, S. 113.
Geschichte der Norweger
Obwohl schon im 1. Jahrhundert unserer Zeitrechnung römische Schiffe das Kattegat erreicht und römische Chronisten die germanischen Völker Skandinaviens beschrieben hatten (Tacitus’ Germania), wurden die Norweger erst nach der Völkerwanderung als Normannen (von norwegisch Nordmenn, „Nordmannen“, Männer aus dem Norden) im 9. Jahrhundert in fränkischen Chroniken über die Wikinger erstmals erwähnt.Wolfgang Viereck, Karin Viereck, Heinrich Ramisch: dtv-Atlas Englische Sprache. Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 2002, S. 52 f. und 60 f. Synonym zu Normannen wurden im mittelalterlichen Westeuropa zunächst alle Wikinger als Dänen bezeichnet – unabhängig davon, ob es sich um dänische, norwegische oder schwedische Wikinger handelte.Rudolf Simek: Die Wikinger C.H.Beck, München 1998, S. 29 f.
Mythologie
Über die Herkunft der Norweger gibt es mehr Legenden als gesicherte Angaben. Isländische Legenden (Prolog Snorra-Edda) machten Odins Söhne Skjöld, Yngvi und Sæming (Säming) zu den Ahnherren dänischer, schwedischer und norwegischer Könige.Wilhelm Wägner: Unsere Vorzeit, Band 1 (Germanische Göttersagen). Neufeld und Henius Verlag, Berlin 1922, S. 256. (Sæming galt als Stammvater der Kleinkönige von Hålogaland bzw. von Trøndelag und Nor(d)land.) Alternativen dänischen Überlieferungen (Chronicon Lethrense) zufolge soll der König von Alt-Uppsala drei Söhne gehabt haben, die zu den Stammvätern der Dänen, Norweger und Schweden geworden seien: Dan, Nór und Østen. Eine andere Variante überliefert nur die beiden Brüder Norr (Nór) und Gorr (Gór). Thránd, in einigen Überlieferungen als Sohn Nórs, in anderen als Sohn Sæmings bezeichnet, gilt als mythischer Gründer Trondheims.
Schwedische und norwegische Überlieferungen berichten, dass Olaf Trätelgja, Sohn des Ynglinger-Königs Ingjald, um 600 aus Uppsala geflohen bzw. vertrieben worden sein soll und in Värmland eine neue Herrschaft errichtet habe, die sich bis über das norwegische Vestfold erstreckt habe. In Skiringssal (später Kaupang genannt, in Vestfold) soll Olaf eine neue Kultstätte begründet haben. Von dort aus habe er dann versucht, auch Jütland zu erobern, musste es aber schließlich den Dänen überlassen.Norwegen: Geschichte. In: Meyers Konversations-Lexikon. 12. Band. 3. Auflage. Leipzig 1877, S. 129. Historisch lässt sich dieser legendäre Olaf zwar nicht belegen, doch auch der erste historisch fassbare König und Reichseiniger Harald Schönhaar (†933) sollte dem norwegischen Zweig der Ynglinger entstammen.
Landnahme
mini|Kleinkönigreiche im 9. Jahrhundert (Vestfold rot, Hålogaland violett)
Die ethnischen Norweger sind Nachfahren aus Südwestschweden (Bohuslän, Västergötland, Halland) eingewanderter Germanen, die sich etwa in der Zeit zwischen den Jahren 150 vor unserer Zeitrechnung und 400 unserer Zeitrechnung in den Tälern an der norwegischen Süd- und Westküste und entlang der Fjorde niedergelassen hatten.Walter Markov, Alfred Anderle, Ernst Werner, Herbert Wurche: Kleine Enzyklopädie Weltgeschichte, Band 2. Bibliographisches Institut, Leipzig 1979, S. 107. Statt sich mit der zuvor aus Nordosteuropa eingewanderten Vorbevölkerung finnisch-samischer Stämme zu vermischen, drängten sie diese immer weiter nach Norden ab. Ob und wie weit es zumindest in Nordnorwegen zu einer Vermischung von norwegischem und samischem Adel kam, ist umstritten.
Außer in Südnorwegen war Ackerbau angesichts des von Fjorden zerklüfteten und vom Skandinavischen Gebirge durchzogenen Landes komplizierter als etwa in Schweden oder Dänemark; demgegenüber boten die Gebirgswälder reichlich Holz für Holzwirtschaft und Schiffsbau. So konzentrierten sich die Küstenbewohner früh auf Fischerei und Seefahrt, die Norweger wurden zu einer Seefahrernation. Durch das Gebirge von Schweden und das Meer von Dänemark getrennt, entstanden entlang der Küste allmählich mehrere norwegische Kleinkönigreiche, die erstmals im Jahr 872 unter König Harald Schönhaar vereinigt wurden. Die Einigung ging nicht etwa von den vermeintlichen Odin-Nachfolgern im nördlichen Hålogaland, sondern vom fruchtbaren Vestfold im Süden aus. Zahlreiche Norweger verließen daraufhin das Land übers Meer, einige Norweger aus Hålogaland bzw. Trøndelag emigrierten über das Gebirge nach Jämtland. Eine dauerhafte Reichseinigung und Staatsbildung gelang erst ab 995 im Zuge der Christianisierung, als endgültiger Reichseiniger gilt Harald der Harte († 1066).
Die Herausbildung einer norwegischen Nation mit eigener (altnorwegischer) Sprache erfolgte erst mit der vorläufigen Selbstbehauptung gegenüber den Dänen und dem Ende der englisch-skandinavischen Verbindungen im 11. Jahrhundert. Innernorwegische Bürgerkriege (in deren Verlauf z. B. Värmland endgültig an Schweden verloren ging) hielten bis ins 13. Jahrhundert an. Im 14. Jahrhundert starb das einheimische Königshaus aus, und mehr als die Hälfte der altnorwegischen Bevölkerung wurde von der Pest dahingerafft. Das geschwächte und teilweise entvölkerte Norwegen fiel zunächst an das schwedische Königshaus (1319–1355), dann an das dänische (ab 1380).
Normannen
mini|Norwegische und Dänische Siedlungen in England und Schottland im 9. und 10. Jahrhundert
Wegen des in Norwegen verbreiteten Erstgeburtsrechts hatten zweit- und drittgeborene Bauernsöhne keine Chance auf das Erbe des väterlichen Grundbesitzes. Als Wikinger suchten sie leichte Beute und neues Land in Übersee. Vor allem aber die königlichen Einigungs-, Zentralisierungs- und Christianisierungsbemühungen bewogen zahlreiche Norweger zur Auswanderung und Besiedlung der gegenüberliegenden Nordseeinseln. Bereits um 700 siedelten Norweger auf den Shetland-Inseln, um 800 auch auf den Färöern, den Hebriden und den Orkneys. Ab 820 ließen sich Norweger auf der Insel Man und auf Irland nieder, wo sie um 840 das Königreich Dublin gründeten, ab 860 erreichten sie Island. Um 900 siedelten Norweger von den Inseln nach Nordwestengland über (das heutige Cumbria), wurden dort allerdings um 950 von Dänen, Engländern und Schotten unterworfen bzw. verdrängt. Letzter König von York wurde Erik Blutaxt (†954), der aus Norwegen vertriebene Sohn Harald Schönhaars. Von Irland aus besiedelten Iro-Norweger (Norse–Gaels) die Halbinsel Cotentin in der Normandie, wurden aber von den überwiegend dänischen Seine-Normannen unterworfen. Eine ähnliche Landnahme gelang den überwiegend norwegischen Loire-Normannen nicht. Von Island aus erreichten Norweger ab 980 unter Erik dem Roten Grönland (und um 1000 unter Eriks Sohn Leif kurzzeitig sogar das nordamerikanische Festland).
Norwegische Wikinger und Siedler wurden so zu den Vorfahren der Färinger, Isländer, Normannen und Grænlendingar. In der Normandie wurden die Normannen allerdings rasch christianisiert und von der einheimischen französischen Bevölkerung assimiliert.
Mit dem Tod Harald des Harten in der Schlacht von Stamford Bridge (1066) endete die Zeit norwegischer Wikinger, auch wenn Haralds Enkel Magnus Barfuß („der letzte Wikinger“) noch einmal 1102/03 Irland angriff (und dort fiel), Magnus’ Sohn Sigurd noch bis 1130 die Insel Man beherrschte und Magnus’ Enkel Øystein II. 1153 letztmals englische Küstenorte überfiel. (Gelegentlich wurde auch Sweyn Asleifsson, der 1171 im Kampf um Dublin fiel, als „letzter Wikinger“ bezeichnet.) Statt der Norweger eroberten französische Normannen England und Irland. Håkon IV. unterwarf 1261/62 endlich auch Island und Grönland; Man und die Hebriden jedoch fielen nach seinem Tod an Schottland, und auf Grönland erlagen die Grænlendingar blutigen Kämpfen mit den einheimischen Inuit (Eskimos).
Religion
mini|Die vom dänischen König Harald Blauzahn in Norwegen an Land gesetzten dänischen Missionäre wurden von Håkon Jarl 975 zurückgeschickt (Darstellung von Christian Krogh, 1899) Bereits im Jahr 911 hatten sich die Wikinger in der Normandie und ihr Anführer Rollo taufen lassen, ebenso 926 die dänisch-norwegischen Wikinger-Könige in Irland. Ein Aufstand neuhinzugekommener Wikinger in der Normandie gegen die Christianisierung wurde 943 niedergeschlagen.Hubert Houben: Die Normannen. C.H.Beck, München 2012, S. 16 f. In Norwegen jedoch förderten der angeblich schon um 940 getaufte König Håkon der Gute (†961) ebenso wie die heilige Sunniva von Selje die christliche Mission zunächst vergeblich. Die Einführung des Christentums gelang Hakon ebenso wenig wie seinem dänischen Rivalen und Nachfolger Harald Blauzahn (†987). Gegen die von Olav I. Tryggvason († 1000) und Olav II. Haraldsson († 1030) gewaltsam betriebene Christianisierung erhob sich vor allem in Westnorwegen und Hålogaland Widerstand, beide Könige fielen im Kampf gegen die mit den Aufständischen verbündeten Dänen. Doch die dänischen Sieger waren inzwischen auch Christen, und nach ihrer Vertreibung wurde Olav II. schon um 1035 heiliggesprochen.
Der norwegische König Sigurd I. nahm ab 1107 sogar an einem Kreuzzug nach Jerusalem teil, und König Inge Krogrygg erreichte 1152 beim Papst die Erhebung des Bistums Trondheim zum Erzbistum und somit die Lösung der norwegischen Kirche vom dänischen Erzbistum Lund.