Die Fettschwanz-Rennmaus (Pachyuromys duprasi) ist eine Art der Rennmäuse und die einzige Art der Gattung Pachyuromys. Meist wird sie den „echten Rennmäusen“ (Gerbillini) zugeordnet, neuere Untersuchungen deuten jedoch auf eine basale Stellung innerhalb der Rennmäuse und eine engere Verwandtschaft mit der Brauer-Rennmaus hin. Benannt nach Hippolyte Dupras wurde sie 1880 von Fernand Lataste beschrieben. Sie ist nicht gefährdet und wird als Versuchs- und Heimtier gehalten.

Wie die Brauer-Rennmaus ist sie eine der spezialisiertesten wüstenbewohnenden Rennmäuse.Pawlinow, 2008 (S. 9). Ihr Verbreitungsgebiet ist der Nordrand der Sahara und sie bewohnt spärlich bewachsene Halbwüsten auf unterschiedlichen Böden, darunter Sand und Kies. Neben Blättern und Samen ernährt sie sich von Insekten und nimmt in menschlicher Obhut gerne lebende Grillen an.

Mit dem, ohne Schwanz, etwa neuneinhalb bis zwölf Zentimeter langen Körper und dem nur gut halbkörperlangen Schwanz wirkt sie wie eine größere Ausgabe der Brauer-Rennmaus. Von den meisten anderen Rennmäusen unterscheidet sie sich durch den nahezu rundlichen und plumpen Körper, die eher kurzen Beine, den kurzen, verdickten Schwanz sowie die kurze und spitze Schnauze, die eher an einen Hamster als an eine Rennmaus erinnert.

Im Gegensatz zu allen anderen Rennmäusen vermag sie in ihrem Schwanz Fett für nahrungsarme Zeiten zu speichern. Besonders in menschlicher Obhut kann dieser keulenförmig anschwellen. Ihre Paukenblasen, die dem Hören in offener Landschaft besonders weit tragender, tiefer Töne dienen, sind besonders groß und dadurch empfindlich. Sie ragen hinten weit über den Schädel hinaus und übertreffen das Hirnvolumen erheblich.

Körpermerkmale Äußeres mini|links| Einjährige Fettschwanz-Rennmaus Der Körper der Fettschwanz-Rennmaus ist stämmig.Nowak, 1999 (S. 1453). Die Ohrmuscheln sind abgerundet, so lang wie das Fell und stark nach innen gewölbt. Die Beine sind kurz und kräftig, die Fußwurzeln kurz. An den Vorderpfoten befinden sich vier Zehen, an den Hinterpfoten fünf. Die Krallen sind gebogen und spitz,Lataste, 1880 (S. 313–315). → Zitiert in: Jentink, 1881 (S. 258). die der Vorderpfoten sind deutlich verlängert.Kingdon, 1997 (S. 196). Die Sohlen der Vorder- und Hinterpfoten sind teilweise behaart. Die Ballen einschließlich des Großzehballens sind denen der Eigentlichen Rennmäuse und der Rennratten ähnlich.Osborn und Helmy, 1980 (S. 221).

Das Fell ist lang und flauschig, oberseits hell gelblich grau bis braungelblich braun. Die Unterseite, die Vorderbeine sowie die Hinterpfoten sind weiß. Der Bereich um den Mund ist teilweise pigmentiert. Die Ohrmuscheln sind ebenfalls pigmentiert und spärlich behaart. An ihrem vorderen Ansatz befindet sich ein Büschel langer, zimtfarbener Haare und hinter jeder Ohrmuschel befindet sich ein weißer Fleck.

Der Schwanz ist nahezu unbehaart, zweifarbig, oberseits wie die Körperseiten, unterseits weiß und weist keine Quaste auf. Er dient als Speicherorgan für Fette, die aus dem Fettgewebe verstoffwechselt werden können, und somit für Wasser. Ein dünner, faltiger Schwanz weist auf Mangelernährung oder eine Erkrankung hin.Sistermann, 2006 (S. 35–36).

Laut Kingdon (1997) beträgt die Kopf-Rumpf-Länge der Fettschwanz-Rennmaus 105 bis 135 Millimeter, die Schwanzlänge 45 bis 61 Millimeter und das Körpergewicht 30 bis 65 Gramm. Niethammer (1988) gibt die Kopf-Rumpf-Länge mit 95 bis 120 Millimetern, die Schwanzlänge mit 50 bis 65 Millimetern und das Körpergewicht mit 20 bis 45 Gramm an. Die Körpermaße männlicher und weiblicher erwachsener Tiere sind nahezu gleich.

Schädel Der Schädel der Fettschwanz-Rennmaus ist länglich und in der Draufsicht wegen der enorm aufgeblähten Paukenblasen dreieckig. Die Knochenleiste (Crista supraorbitalis) über der Augenhöhle ist schwach entwickelt und reicht nach vorne nicht bis zum Hinterrand des Tränenbeins, die seitliche Leiste (Crista parietalis) am Scheitelbein ist unscheinbar. Das Zwischenscheitelbein ist schmal und dreieckig mit nach hinten gerichteter Spitze. Die Vorderfläche der Paukenblase liegt vor dem Foramen ovale des Keilbeins und ihr Hinterrand ragt weit über den Hinterrand von Supraoccipitale und Paroccipitale des Hinterhauptsbeins hinaus. Die Fossa subarcuata des Felsenbeins ist klein, die Fossa mastoidea dagegen sehr groß und nach hinten durch eine Vereinigung des absteigenden Knochenfortsatzes des Supraoccipitale und des aufsteigenden Teils des Processus suprameaticus des Schläfenbeins verschlossen. Der äußere Gehörgang ist angeschwollen und berührt den Jochbeinfortsatz des Schläfenbeins. Es ist ein Nebentrommelfell (Tympanum accessorium) vorhanden. Supraoccipitale und Basioccipitale des Hinterhauptsbeins sind schmal und durch die aufgeblähten Paukenblasen eingeengt. Der Paroccipitalfortsatz ist länglich, dünn und mit der Wand der Paukenblase verwachsen. Die Fossa parapterygoidea des Keilbeins ist tief, von der Paukenblase eingeengt und weist in der oberen Wand einen großen Durchbruch auf. Der abgerundete Vorderrand der Jochbeinplatte reicht nicht bis zur Naht zwischen Zwischenkieferbein und Oberkiefer.Osborn und Helmy, 1980 (S. 221–223, Abb. 68). Bei erwachsenen Tieren sind die Knochennähte verwachsen.Osborn und Helmy, 1980 (S. 223).

Die Paukenblasen sind vollständig aufgebläht und die größten aller Rennmäuse. Sie dringen durch den Bogen des seitlichen Bogengangs (Canalis semicircularis lateralis) in das Warzenteil vor und füllen dieses vollständig aus. Dadurch weist das im inneren Aufbau einzigartige Warzenteil lediglich einen Vorhof, das Antrum tympanomastoideum auf. Die vertikale, vor der Mastoidhöhle liegende und diese von der Paukenhöhle trennende, massive Knochenwand entspricht vermutlich der Scheidewand (Septum mastoideum) der Mastoidhöhle bei den „höheren Rennmäusen“ (Rhombomyina), der Brauer-Rennmaus und den „niederen Rennmäusen“ (Gerbillina). Eine die Mastoidhöhle unten begrenzende Scheidewand ähnelt und entspricht, weil sie den seitlichen Bogengang einschließt, wahrscheinlich der Scheidewand (Septum tympanomastoideum) zwischen Paukenhöhle und Mastoidhöhle bei den „echten Rennmäusen“ (Gerbillini). Sie bliebe demnach entlang der Naht zwischen Paukenbein und Warzenteil mit der äußeren statt der oberen Wand der Paukenblase verbunden, so dass das Warzenteil weder einen unteren Vorhof (Antrum mastoideum ventralis) noch eine zugehörige Scheidewand (Septum mastoideum ventralis) ausbildet. Die hintere Zelle (Cellula mastoidea posterior) des Warzenfortsatzes öffnet sich wie bei allen „echten Rennmäusen“ zur Mastoidhöhle hin und die entsprechende Scheidewand verbindet den hinteren Bogengang (Canalis semicircularis posterior) mit der Wand des Warzenteils.Pawlinow, 2008 (S. 48, S. 19, Abb. 7g).

Die Umwandlung des Unterkiefers ähnelt bis zu einem gewissen Grad dem der weitestentwickelten grasfressenden Renn- und Wühlmäuse, der Großen Rennmaus und den Feldmäusen. Der horizontale Teil ist verkürzt und der Winkelfortsatz ist spitz, die aufsteigenden Äste sind dagegen verbreitert mit steilem Vorderrand. Da die Fettschwanz-Rennmaus ein generalisierter Samenfresser ist und sich darüber hinaus in beträchtlichem Maß von Wirbellosen ernährt, kann dies keine Anpassung an ihre Ernährungsweise sein. Eine andere Erklärung könnten die übermäßig vergrößerten Paukenblasen sein, die den hinteren Teil des Unterkiefers nach vorne drücken. Jedoch erklärt dies nicht, warum die aufsteigenden Äste sehr breit sind, während sie bei anderen Rennmäusen mit vergrößerten Paukenblasen schmaler wurden.Pawlinow, 2008 (S. 48–49, Abb. 2e).

Gebiss

Das für Rennmäuse typische Gebiss der Fettschwanz-Rennmaus weist in jeder Kieferhälfte einen Nagezahn und drei Backenzähne auf. Eckzähne und Vorbackenzähne sind nicht vorhanden und die Gesamtzahl der Zähne beträgt 16. Die Nagezähne sind weiß, stark gebogen und die oberen Nagezähne sind vorne gefurcht.

Die Backenzähne sind bewurzelt und vom weiterentwickelt bunodonten, semilophodonten Typ mit nahezu symmetrisch angeordneten Haupthöckern und ohne zusätzliche Nebenhöcker.Pawlinow, 2008 (S. 14, S. 48). Der erste obere und untere Backenzahn weist bei sehr jungen Tieren Höcker auf, die sich bei älteren Jungtieren zu Leisten entwickeln. Beim zweiten oberen und unteren Backenzahn sind keine Höcker angedeutet. Der dritte Backenzahn ist einfach und ohne seitliche Einbuchtungen. Das Schmelzmuster ähnelt eher dem der Sundevall-Rennratte als dem der Eigentlichen Rennmäuse.Osborn und Helmy, 1980 (S. 223, Abb. 59). Bei erwachsenen Tieren sind die Zahnleisten abgenutzt. mini|Männliches und weibliches Tier Lebensraum und Lebensweise Lebensraum Der Lebensraum der Fettschwanz-Rennmaus ist auf die Hammada,Daly, 1979. → Zitiert in: Nowak, 1999 (S. 1453). also Wüsten mit festem Boden, begrenzt. Sie bewohnt sandige Gebiete mit Pflanzenwuchs sowie gelegentlich felsige Gebiete und scheint in Ägypten spärlich bewachsene Gebiete gegenüber den fruchtbareren Küstenwüsten des Mittelmeers zu bevorzugen. In Libyen ist sie ebenfalls in den etwa parallel zu den üppigeren Küstenebenen verlaufenden Übergangswüsten am häufigsten.Ranck, 1968 (S. 157). → Zitiert in: Osborn und Helmy, 1980 (S. 226). Ihre Populationsdichte wird als schwankend angenommen.

In einer abgeschiedenen, sandigen Senke östlich von Bir Shafarzin wurde ein Exemplar in Beständen des Gänsefußgewächses Anabasis articulata gefangen. Ein weiteres Exemplar stammt aus einem kargen Kiesgebiet 26 Kilometer nordwestlich von Kairo. Der Fundort des Typusexemplars, Bir Victoria, ist eine kleine, flache, sandige Senke, die spärlich mit dem einsamigen Wermut Artemisia monosperma und stellenweise mit dem Bilsenkraut Hyoscyamus muticus bewachsen ist.Osborn und Helmy, 1980 (S. 224–226).

In Ägypten teilt sie ihren Lebensraum mit der Sundevall-Rennratte, der Kleinen Ägyptischen Rennmaus, der Anderson-Rennmaus, der Blassen Rennmaus, vermutlich mit der Großen Ägyptischen Rennmaus und mit der Kleinen Wüstenspringmaus.

Lebensweise Die Lebensweise der Fettschwanz-Rennmaus ist nächtlich und sie wird in der Abenddämmerung aktiv. Ihr Bau ist in Ägypten einfach und bis zu einem Meter tief in harten Sand gegraben.Osborn und Helmy, 1980 (S. 226). In Algerien bewohnt sie dagegen sehr komplexe Baue,Petter, 1961. → Zitiert in: Osborn und Helmy, 1980 (S. 226). die jedoch möglicherweise nicht selbstgegraben sind. Da sie in beträchtlichem Ausmaß umherzieht, könnte sie die Baue anderer Arten besetzen. Die Mehrzahl der Autoren bezeichnet sie als einzelgängerisch. Andere erwähnen, dass sie in kleinen Gruppen, vermutlich ein Weibchen mit mehreren Jungtieren, lebt. Bei einem besonders guten Nahrungsangebot kommt es möglicherweise zu einem losen Zusammenschluss, bei einem schlechten Nahrungsangebot fällt sie im Winter in einen kurzen Winterschlaf.Sistermann, 2006 (S. 36).

Ihre Ernährung in der Natur ist nicht vollständig bekannt. Zur pflanzlichen Nahrung gehören Samen und Stängel unter anderem von Anabasis articulata und Artemisia monosperma. Darüber hinaus ernährt sie sich von Insekten und möglicherweise von Schnecken. So deutete Setzer (1957) in Libyen den Verzehr von Landschnecken anSetzer, 1957 (S. 60). → Zitiert in: Osborn und Helmy, 1980 (S. 226). und in der Libyschen Wüste Ägyptens fanden Osborn und Helmy (1980) in ihrem Lebensraum angenagte Schneckenhäuser. Früchte werden aus einer Entfernung von bis zu zwei Kilometern zum Bau gebracht und dort gelagert. In der Labortierhaltung nimmt sie Getreide, Hackfleisch, Käse, Milch, Salat sowie Luzerne an und hat eine Vorliebe für lebende Grillen. Zu den Fressfeinden gehören Uhu und Schleiereule, in deren Gewöllen Niethammer (1988) Schädel der Fettschwanz-Rennmaus fand. Anpassungen gegen Fressfeinde könnten ihre grabende Lebensweise sowie die helle, auf dem Wüstenboden tarnend wirkende Fellfarbe sein.