mini| Shoa-Denkmal auf dem Neuen Jüdischen Friedhof Fürth, 1947 im DP-Lager Fürth Finkenschlag aufgestellt und 1949 versetzt. mini|Gedenktafeln für die Fürther Shoa-Opfer im Tahara-Haus des Neuen Jüdischen Friedhofes Fürth. mini|Im Vordergrund der Gedenkstein für die Shoa-Opfer im Neuen Jüdischen Friedhof Fürth (1949), im Hintergrund Denkmal für die jüdischen Gefallenen des Ersten Weltkrieges (1923). mini|Gedenktafel für die Shoa-Opfer in der früheren Jüdischen Realschule Fürth
Die Flucht und Deportation von Juden aus Fürth ist bedingt durch die nationalsozialistische Verfolgung von 1933 bis 1945 und beinhaltet die Auswanderung unter Zurücklassung großer Teile des Eigentums sowie die zwangsweise Verschleppung von Fürther Juden. Aus der Stadt Fürth flüchteten von 1933 bis 1941 etwa 1.400 Bürger jüdischer Herkunft, 630 Personen wurden in den Jahren 1933 bis 1944 deportiert, 1068 Fürther jüdischer Herkunft fielen der Shoa zum Opfer.
Jüdisches Leben in Fürth bis 1933 Fürth galt bis Anfang des 20. Jahrhunderts als eine Stadt, die wesentlich von jüdischer Kultur und Geschäftstätigkeit mitgeprägt war, so dass bis heute von einem „Bayerischen Jerusalem“ bzw. „Fränkischen Jerusalem“ gesprochen wird, den Begriff prägte erstmals um 1830 der Satiriker Moritz Gottlieb Saphir in ursprünglich abwertendem Kontext. Der jüdische Bevölkerungsanteil lag um 1800 bei über 20 Prozent, der absolute Höchststand 1880 bei 3336 jüdischen Einwohnern. Der Zuzug von Juden war in den liberalen örtlichen Verhältnissen begründet, die durch die Einverleibung Fürths durch Bayern im Jahre 1806 zunächst wieder eingeschränkt wurden. Das Zusammenleben zwischen Juden und Nichtjuden in Fürth wird bis zum Ersten Weltkrieg als gesellschaftlich vergleichsweise tolerant bezeichnet. Dieser Darstellung ist jedoch auch widersprochen worden.Daniela Eisenstein: Mythen der Toleranz. In: Bezirk Mittelfranken (Hrsg.): Antijudaismus und Antisemitismus in Franken. Franconia Judaica 3. Ansbach 2008. S. 156 ff.
Hitler schätzte deswegen Fürth dementsprechend negativ ein, er verglich gerne die „deutsche“ Stadt Nürnberg mit der benachbarten „jüdischen“ Stadt Fürth. Wo immer man wie in Fürth die Juden sich selbst überlassen und in Ruhe gelassen habe, so Hitler, hätten sie als „reine Parasiten“ nur „Elend und Versagen“ hervorgebracht.Ian Kershaw: Hitler 1936-1945. München 2002. S. 758. Tatsächlich jedoch verlor Nürnberg von 1600 bis 1800 die Hälfte seiner Einwohner und die Bedeutung als europäische Metropole, während sich im gleichen Zeitraum die Einwohnerzahl in Fürth verzehnfachte und eine Industrie- und Gewerbestadt entstand, Ludwig Tieck prägte 1812 den Begriff „Nordamerika von Fürth“, Jakob Wassermann jenen der „Stadt der tausend Schlöte“.Alexander Mayer: Die Bürgermeister in der Flohkammer. Gudensberg-Gleichen 2007. S. 56 ff. Diese bis etwa 1820 andauernde gegenläufige Entwicklung der beiden Städte hatte verschiedene Gründe, einen davon stellte die 1887 veröffentlichte und weitverbreitete „Fronmüller-Stadtchronik“ so dar: „Nürnberg hatte sich durch die Judenvertreibung eine tiefe Wunde selbst geschlagen. Theils fehlte ihm seitdem wenigstens die Hälfte der benöthigten Kapitalien, theils entging ihm jenes industrielle Ferment, welches aller Orten die Israeliten zur Förderung von Verkehr und Handel bilden…“Georg Tobias Christoph Fronmüller: Chronik der Stadt Fürth. Leipzig 1887. S. 35.
Fürth war als Garnisonsstadt und durch eine stark exportorientierte Wirtschaftsstruktur von den Auswirkungen des Ersten Weltkrieges besonders betroffen. Nach dem Ersten Weltkrieg und den revolutionären Unruhen – in Fürth bestand eine kurzlebige Räterepublik – gründete sich schon am 18. September 1923 eine Ortsgruppe der NSDAP.Manfred Mümmler: Fürth 1933-1945. Emskirchen 1995. S. 15. Die Wahlergebnisse der NSDAP bzw. bis 1924 des Völkischen Blocks waren bis 1930 überdurchschnittlich, sanken dann aber fast auf das Niveau des Deutschen Reiches. Sie lagen damit zwar deutlich unter dem Schnitt in Mittelfranken, seit den frühen 1920er Jahren Heimstätte des „Frankenführers“ Julius Streicher. Die Ergebnisse in Fürth lagen jedoch immer über jenen in der Nachbarstadt Nürnberg. Die NSDAP nahm in Fürth Ende der 20er Jahre zeitweise den „in der Entwicklungszeit überlaut getätigten Antisemitismus“ zunächst wahltaktisch zurück, stellte anti-bolschewistische und „nationalvaterländische“ Positionen in den Vordergrund und erreichte so im Bürgertum – mitunter auch bei Juden – einen positiven Eindruck. Erst 1932 betonte sie wieder stärker den „Kampf gegen das Judentum“, vor allem 1933 wurde die antisemitische Hetze forciert: „Die NSDAP sei in erster Linie berufen, die Judenfrage zu lösen. Ohne Lösung der Judenfrage gebe es keine Erlösung des deutschen Volkes“, so berichtete der Fürther Anzeiger vom 8. Februar 1933.Heinrich Strauß: Fürth in der Weltwirtschaftskrise und nationalsozialistischen Machtergreifung. Nürnberg 1979. S. 413. Die Mitgliederzahl der Fürther NSDAP verdreifachte sich in Fürth von 1927 bis zum Oktober 1931 auf nahezu 600 Mitglieder und bis August 1932 auf mindestens 1500. 1932 übertraf die NSDAP mit 38,7 % die bis dahin führende SPD um 3,4 Prozentpunkte, bei der Reichstagswahl am 5. März 1933 erreichte die NSDAP 44,8 Prozent.Heinrich Strauß: Fürth in der Weltwirtschaftskrise und nationalsozialistischen Machtergreifung. Nürnberg 1979. S. 381 ff., S. 389, S. 461. Jürgen Falter: Hitlers Wähler. München 1991. S. 160.
1933 betrug der Anteil der jüdischen Fürther 2,6 Prozent oder 1.990 Menschen.Komitee zum Gedenken der Fürther Shoah-Opfer (Bearbeitung Gisela Naomi Blume): Memorbuch zum Gedenken an die von den Nazis Ermordeten Fürther Juden. Fürth 1997. S. 13.
Auswanderung und Ausweisung vor Kriegsbeginn mini|Schild mit antijüdischer Propaganda ca. 1938, NS-Kolonne auf dem Rückweg vom Reichsparteitag zum Übernachtungslager (vermutlich bei Nürnberg/Höfen), rechts das Gebäude Höfener Straße 91 in Nürnberg, die andere Straßenseite (links im Bild) gehört zu Fürth. Im Hintergrund (Höfener Straße 91) die Fabrik der „arisierten“, zuvor jüdischen Firma J.W.Spear; Gebäude heute (2010) noch vorhanden. Am 9. März 1933 verkündete der Nürnberger NS-Funktionär Karl Holz vom Balkon des Fürther Rathauses vor ca. 10.000 Zuhörern: „Auch hier in Fürth, der Stadt, die einst rot und total verjudet war, wird wieder eine saubere ehrliche deutsche Stadt gemacht“.Bernd Windsheimer: Geschichte der Stadt Fürth. München 2007, S. 120.
Verwirklicht wurde diese Ankündigung am 1. April 1933 durch den Judenboykott, gefolgt von kumulierendem Antisemitismus, Hetzkampagnen, Entrechtung und Enteignung, so dass Adrienne Thomas feststellte: „Es war nie Auswanderung, immer nur Flucht.“Zitiert nach Wolfgang Benz (Hrsg.): Die Juden in Deutschland 1933-1945. München 1996 (4. Aufl.). S. 413. Bis zum vollständigen Auswanderungsstopp im Jahr 1941 konnten etwa 1.400 Fürther Juden auswandern, darunter beispielsweise der „frühpensionierte“ Lehrer Louis Kissinger zusammen mit Familie und Sohn Heinz („Henry“) Alfred Kissinger.Adolf Schwammberger: Fürth von A-Z. Ein Geschichtslexikon. Fürth 1968. S. 220. Viele Auswanderer flüchteten in später deutsch besetzte Gebiete und Städte wie Rotterdam oder Paris und wurden dann durch die SS von dort in Vernichtungslager deportiert.
Im Gau Franken bereicherten sich die Parteifunktionäre unter Julius Streicher schon vor einer reichsweit gesetzlich forcierten „Arisierung“ an jüdischem Eigentum, was ihnen mindestens 38 Millionen RM einbrachte und selbst für nationalsozialistische Verhältnisse so skandalös war, dass eine diesbezügliche Untersuchung unter Leitung von Göring zur Entmachtung von Streicher führte.Monika Berthold-Hilpert: „Sie werden ersucht, den Betrag unter der Bezeichnung ´Judenvermögen´ baldigst zur Einzahlung zu bringen“. Die Stadtverwaltung Fürth und die Verwertung des Besitzes deportierter Juden. S. 100. In: Jim G. Tobias / Peter Zinke (Hrsg.): Beiträge zur deutschen und jüdischen Geschichte. Band 2. Schwerpunktthema: Zwischen Amnesie und Aufarbeitung – Zur Kultur der Erinnerung. Jahrbuch des Nürnberger Instituts für NS-Forschung und jüdische Geschichte des 20. Jahrhunderts. Nürnberg 2004. Parallel zur Abwanderung und später zur Deportierung verlief die Aneignung jüdischen Vermögens durch die Behörden. Zudem kassierte die Staatskasse durch die Vertreibungspolitik von den emigrierten Juden ca. 900 Millionen RM an Reichsfluchtsteuer und diversen weiteren Gebühren.Günther Bernd Ginzel: Jüdischer Alltag in Deutschland 1933-1945. Düsseldorf 1984. S. 237.
mini|Im Nürnberger Hauptbahnhof warten am 28. Oktober 1938 polnische Juden aus Nürnberg und Fürth.
Am 28. Oktober 1938 wurden im Rahmen der sogenannten Polenaktion 54 polnische Juden aus Fürth ausgewiesen bzw. deportiert: Komitee zum Gedenken der Fürther Shoah-Opfer (Bearbeitung Gisela Naomi Blume): Memorbuch zum Gedenken an die von den Nazis Ermordeten Fürther Juden. Fürth 1997. S. 14.
Die Polenaktion gab indirekt den Anlass für das Attentat von Herschel Grynszpan auf Ernst Eduard vom Rath, das wiederum dem nationalsozialistischen Regime als Vorwand für die antijüdischen Novemberpogrome 1938 diente.
mini|links|Denkmal (1986 von Kunihiko Kato) im Bereich der ehemaligen Synagoge. Im Fuß ist auf Deutsch und Hebräisch eine Textstelle aus Psalm 79 eingemeißelt: „Es kamen Fremde in deinen Besitz, sie verunreinigten deinen Tempel, sie legten Jerusalem in Trümmer“.
Zum Zeitpunkt des Novemberpogroms 1938 lebten noch 1.200 Juden in Fürth. Im Verlauf des Pogroms wurde die Hauptsynagoge in Brand gesetzt, zahlreiche Juden misshandelt und 132 ins KZ Dachau deportiert und teilweise erst nach Monaten unter Auflagen freigelassen.Lothar Berthold, Peter Krauss, Andy Reum, Josh Reuter: „Kristallnacht“ in Fürth. Sondernummer der Fürther Freiheit, Fürth 1988. Die Stadtchronik Fürth berichtet im handschriftlichen Eintrag vom 10. November 1938: „Vergangene Nacht sind fast sämtliche hiesige Juden durch SA-Leute aus ihren Betten geholt und am Schlageterplatz [heute: Fürther Freiheit] aufgestellt worden. Um ½ 2 auch die 42 jüdischen Kinder vom jüdischen Waisenhaus in der Julienstraße. Gegen 6 Uhr früh kamen sie in den Saal des Volksbildungsheimes. Um 9 Uhr früh dürfen die Frauen, Mädchen und Kinder nach Hause gehen. Auch ihre Männer sind freigelassen worden. Etwa 132 davon wurden abends in den Autobussen fortgeschafft“.Paul Georg Rieß: Chronik der Stadt Fürth. Jahrgangsbände 1911-1944. (Stadtarchiv Fürth).
Zum 1. Dezember 1938 heißt es in der Fürther Stadtchronik: „Viele, fast alle Judenhäuser gehen in christlichen Besitz über.“ Dies wurde durch die Verordnung über den Einsatz des jüdischen Vermögens vom 3. Dezember 1938 weiter forciert. Zu den besonderen Nutznießern zählte unter anderem der „Quelle“-Versandhausbesitzer Gustav Schickedanz, 75 Prozent seines Gesamtbesitzes stammte einer Klageschrift von 1949 zufolge aus ursprünglich jüdischem Besitz.Peter Zinke: „Er drohte wieder mit der Gauleitung“ – Gustav Schickedanz und die „Arisierungen“, S. 63. In: Jim G. Tobias, Peter Zinke (Hrsg.): Beiträge zur deutschen und jüdischen Geschichte. Band 4. Schwerpunktthema: Entrechtung und Enteignung. Jahrbuch des Nürnberger Instituts für NS-Forschung und jüdische Geschichte des 20. Jahrhunderts. Nürnberg 2008. S. 63–80.
Seit dem Novemberpogrom nahm die Flucht von Juden ins Ausland deutlich zu. In der Stadtchronik vom 16. Mai 1939 heißt es hierzu: „Viele Judenfamilien von hier und allerorts verlassen Deutschland und machen sich in England, Holland, Frankreich, Amerika u. s. w. ansässig“.