Ninetjer (eigentlich Hor-Ninetjer) war ein altägyptischer König (Pharao) der 2. Dynastie in der frühdynastischen Zeit. Er war gemäß deutlich späteren Königslisten der dritte Herrscher der zweiten Dynastie und regierte gemäß Jürgen von Beckerath von etwa 2785 bis 2742 v. Chr., oder, gemäß Thomas Schneider, von 2850 bis 2740 v. Chr.Thomas Schneider: Lexikon der Pharaonen. Düsseldorf 2002, S. 168. Die genaue Dauer seiner Herrschaft ist unbekannt, wird aber auf etwa 42 bis 45 Jahre geschätzt. Damit war Ninetjer zugleich der Herrscher mit der längsten Amtszeit während seiner Dynastie.Toby Wilkinson: Early Dynastic Egypt. London / New York (NY) 1999, S. 85.
Ninetjer ist der mit am besten archäologisch dokumentierte König der 2. Dynastie (gleich nach König Chasechemui). Von kaum einem anderen Herrscher wurden so viele Steingefäße und Tonsiegel gefunden. Die meisten Informationen zu seiner Regierungszeit liefert Zeile 4 des Palermosteins, die für 14 Jahre seiner Regierungsdauer die kulturellen und religiösen Ereignisse chronologisch aufführt. Der Kairostein überliefert in seiner vierten Zeile 10 weitere Jahre, doch leider ist er durch Oberflächenabrieb unleserlich geworden. Ninetjer war mit angrenzender Sicherheit der Nachfolger von König Raneb und -zumindest laut ramessidischen Königslisten- der Vorgänger von Wadjenes und Sened, deren Identitäten jedoch obskur sind. Seine Herkunft, Familie und Verwandtschaftsverhältnisse liegen im Dunkeln.
Name und Identität mini|links|hochkant|Dioritfragment mit dem Thronnamen des Ninetjer, rechts davon der Name der Göttin Bastet (oben)
Zeitgenössische Namen Sowohl Ninetjers Horusname als auch sein Thron- und sein Nebtiname lauten „Ninetjer“. Diese Eigenart ist typisch für die 2. Dynastie und ebenfalls bei den Namen von Hetepsechemui (einer der Vorgänger), Peribsen und Sechemib (beides Nachfolger) zu beobachten. Ägyptologen wie Jürgen von Beckerath, Jochem Kahl und Peter Kaplony weisen auf eine Eigentümlichkeit in Ninetjers Namen hin: er bedeutet ihnen zufolge übersetzt in etwa: „der zu diesem Gott gehört“. Er verrät jedoch nicht, welche Gottheit genau gemeint ist. Horusnamen mit dem Bestandteil „...netjer“ sind generell eher selten belegt, besonders bis zum Ende des Alten Reiches hin. Die vorgenannten Ägyptologen sehen zwei Möglichkeiten für Ninetjers scheinbar kuriose Namenswahl: Die erste wäre, dass Ninetjer überhaupt keinen Bezug zu einer festen Gottheit herstellen wollte. Dies wäre gemäß von Beckerath und Kahl allerdings etwas merkwürdig, denn für gewöhnlich drückten die Namen der Pharaonen immer eine politische oder theophore (gottbezogene) Botschaft aus.
Eine Felsritzung nahe Abu Handal im heutigen Sudan zeigt eine besonders kuriose Schreibweise von Ninetjers Horusnamen: Dort befindet sich die Hieroglyphe R8 (im Wind wehende Fahne, Symbol für „Gott(heit)“) oberhalb, auf dem „Dach“ des Serechs, anstatt darin. Das Hieroglyphenzeichen N35 (eine stilisierte Wasserlinie) steht alleine im Serech. Normalerweise müssten beide Schriftzeichen gemeinsam in dem Serech stehen, und auf dem Serech selbst müsste der Horusfalke sitzen. Die ungewöhnliche Ausführung von Ninetjers Namen mag eine tiefere, religiöse Bedeutung haben, die heute nicht mehr nachvollziehbar ist. Sie erinnert aber an den Namen des Königs Peribsen, der anstelle eines Horusfalken ein Seth-Tier über seinem Serech platzierte.Zbyněk Žába, Fritz Hintze, Miroslav Verner: The Rock Inscriptions of Lower Nubia (Czechoslovak concession) (= Charles University of Prague, Czechoslovak Institute of Egyptology in Prague and in Cairo Publications. Band 1, ). Czechoslovak Institute of Egyptology in Prague and in Cairo, Prag 1974, S. 30–31 (Digitalisat).
In späteren Königslisten Spätere Königslisten geben Ninetjers Geburtsnamen mit „Ba-netjer“ („Seele/Widder Gottes“) wieder, was das Rätsel um Ninetjers Namen noch verworrener macht, denn auch diese Namensversion ist nicht theophor und bleibt mehr oder weniger nichtssagend. Die zweite Möglichkeit wäre, dass Ninetjer den Namen des Gottes, den er im Sinn hatte, bewusst verschwieg. In diesem Falle bleibt das Motiv rätselhaft, denn es wird kein Grund ersichtlich, warum Ninetjer dies tun sollte. Die Anfeindung oder Ausgrenzung bestimmter Gottheiten war den Menschen des Frühen Reiches noch unbekannt. Jochem Kahl überlegt, ob Ninetjer seinem Vorgänger, König Nebre, nacheiferte und sich zum späteren Sonnengott Ra hingezogen fühlte. König Nebre hatte dies ja durch seinen Horusnamen explizit ausgedrückt. Die Sonne war aber noch keine unabhängige, getrennt verehrte Gottheit, sie war noch „im Besitz“ der königlichen Schutzgottheit (also Horus oder Seth). Möglicherweise stellt Ninetjers Name einen weiteren Versuch dar, die Sonne zum Gott zu erheben. Unter einem späteren Nachfolger von Ninetjer, unter Peribsen, fanden wohl weitere Versuche statt, einen Sonnengott einzuführen.Jochem Kahl: Ra is my Lord. Wiesbaden 2007, S. 14 u. 44–46.
Der Palermostein, ein Fragment eines Annalensteins, der während der frühen 5. Dynastie angefertigt wurde, nennt für Ninetjer einen weiteren Namen: Neheb-ren-nebu, was in etwa „Goldener Sprössling“ oder „Goldenes Kalb“ bedeutet. Dieser Name findet sich auch auf Steingefäßen aus Ninetjers Regierungszeit, was die Glaubwürdigkeit, Akkuratesse und letztlich die Verlässlichkeit des Palermosteins als historische Quelle unterstreicht. Ninetjers Goldname ist möglicherweise die Vorform zum späteren Goldhorusnamen.Wolfgang Helck: Untersuchungen zur Thinitenzeit. Wiesbaden 1987, S. 116–117.
Der griechisch schreibende, antike Chronist Manetho (ca. 240 v. Chr.) nennt Ninetjer Binôthris (Βίνωθρις), was mit ziemlicher Sicherheit von dem ramessidischen Kartuschennamen „Ba-netjer“ abgeleitet ist.William Gillan Waddell: Manetho. Cambridge (Mass.) 2004, S. 36–38.
Herkunft und Familie Über Ninetjers Familie ist so gut wie nichts bekannt. Kein zeitgenössisches Artefakt erwähnt eine mögliche Gemahlin. Auch über mögliche Söhne und Töchter (die er gewiss hatte) ist nichts Genaues überliefert. Aus Ninetjers Zeit stammen allerdings sechs Gefäße (beziehungsweise, deren Fragmente), auf denen ein Kronprinz (wer-ma’a) namens Wadjesen genannt wird. Da Wadjesen an einem Hebsed mitwirkte, dieses für gewöhnlich erstmalig im 30. Regierungsjahr gefeiert wurde und Ninetjer bislang der einzige Herrscher der 2. Dynastie ist, der nachweislich so lange regiert hat, halten Ägyptologen wie Wolfgang Helck es für möglich, dass Wadjesen der Sohn von Ninetjer war und diesem unter dem Namen Wadjenes auf den Thron folgte. Alternativ mag Wadjesen mit König Peribsen identisch sein.Wolfgang Helck: Untersuchungen zur Thinitenzeit. Wiesbaden 1987, S. 215.
Belege und Funde mini|links|200px|Dioritvase mit dem Horusnamen des Ninetjer, rechts davon der „Palast der Weißen Krone“
Ninetjer ist zeitgenössisch vor allem durch zahlreiche Steinvasen und Tonsiegel aus seiner Grabanlage, Galeriegrab B, in Sakkara belegt. Weitere Steingefäße und Tonsiegel mit seinem Namen wurden in großer Anzahl in den Schachtgalerien des Djoser-Pyramidenkomplexes in Sakkara entdeckt.Wolfgang Helck: Die Datierung der Gefässaufschriften aus der Djoserpyramide. In: Zeitschrift für ägyptische Sprache und Altertumskunde. Band 106, Nr. 2, 1979, , S. 120–132. Allerdings ist die zeitliche Zuordnung von Inschriften, die aus schwarzer Tinte angefertigt sind, strittig. Die Ägyptologin Ilona Regulski datiert die Tintenaufschriften in die Zeit von Chasechemui bis Djoser und vermutet zudem, dass die mit Tinte beschrifteten Gefäße ursprünglich aus Abydos stammen.Ilona Regulski: Second Dynasty Ink Inscriptions from Saqqara. In: Stan Hendrickx u. a. (Hrsg.): Egypt at its Origins. Studies in memory of Barbara Adams (= Orientalia Lovaniensia Analecta. Band 138). Peeters u. a., Leuven u. a. 2004, ISBN 90-429-1469-6, S. 949–970. Tatsächlich wurden einige wenige Gefäßfragmente aus Stein mit Ninetjers Namen im Grab des Peribsen in Abydos entdeckt.W. M. Flinders Petrie: The royal tombs of the earliest dynasties: 1901. Part II (= Memoir of the Egypt Exploration Fund. Band 21). Egypt Exploration Fund u. a., London 1901 (Digitalisierung), Kapitel II., S. 12–13, Abbildung 8.
Aus Memphis stammt die Statuette des Priesters Redjit, auf deren Rücken sowohl der Name Ninetjers als auch die seiner beiden Vorgänger eingeritzt sind. Die Figur bestätigt damit Ninetjers chronologische Position und ist deshalb für die Ägyptologie besonders wichtig.Henry G. Fischer: An Egyptian Royal Stela of the Second Dynasty. In: Artibus Asiae. Band 24, Nr. 1, 1961, , S. 45–56, hier besonders Abbildung 1.
Aus einer privaten Kunstsammlung (Sammlung Georges Michailidis) stammt die Statuette eines Königs mit der Weißen Krone Oberägyptens. Die Figurine ist 13,5 cm groß und besteht aus blassem, grünlich schimmerndem Quarzit-Alabaster. Die Figur wird auf einem Thron sitzend und in einem hautengen Sed-Fest-Gewand gekleidet dargestellt. In die Seitenflächen des Throns ist der Thronname des Ninetjer eingraviert.Toby Wilkinson: Early Dynastic Egypt. London / New York (NY) 1999, S. 86, Figur 3. 2. Die künstlerische Ausführung wirft unter Ägyptologen Fragen auf. Während Forscher wie W. K. Simpson die Königsfigur in die 4. Dynastie datieren, zweifeln andere Ägyptologen wie z. B. Günter Dreyer, Dietrich Wildung und Hourig Sourouzian an ihrer Echtheit.Dietrich Wildung: Die Rolle ägyptischer Könige im Bewusstsein ihrer Nachwelt. Berlin 1969, S. 38.; Hourig Sourouzian: Concordances et écarts entre statuaire et représentations à deux dimensions des particuliers de l’Époque Archaïque. In: N. Grimal (Herausgeber): Les critères de datation stylistiques à l'Ancien Empire. In: Bibliothéque d'étude. (BdE) Band 120, 1998, S. 305–352.
Herrschaft Regierungsdauer und Ereignisse Über die Dauer von Ninetjers Herrschaft gibt es unterschiedliche Angaben. Der Turiner Königspapyrus bescheinigt ihm die hohe Anzahl an 96 Regierungsjahren, was aber als Verlesung älterer Quellen oder als unbeabsichtigte Übertreibung angesehen wird. Jacques Kinnaer - The Ancient Egypt Site: Turin kinglist Der antike Chronist Manetho spricht hingegen von 47 Jahren.Walter Bryan Emery: Ägypten. Geschichte und Kultur der Frühzeit. Wiesbaden 1980, S. 105. Die moderne Forschung billigt Ninetjer mindestens 43 Jahre zu. Gestützt wird diese Schätzung durch die Inschriften des Kairosteins (ein weiteres Fragment des Annalensteins), deren Aufzeichnungen unmittelbar nach dem 21. Horusgeleit (42. Regierungsjahr) enden.Toby Wilkinson: Royal Annals of ancient Egypt. The Palermo Stone and its associated Fragments. London u. a. 2000, S. 204. Wolfgang Helck hält sogar bis 45 Jahre für möglich. Er wirft ein, dass der Annalenstein gewiss nicht alle Ereignisse aus den Regierungszeiten der dort verewigten Könige auflistet. Unter Ninetjer wurde das Horusgeleit durch die sogenannte Viehzählung ergänzt. Dabei handelte es sich um eine besondere Form der Steuererhebung, bei der Viehbesitzer zur Naturalienabgabe verpflichtet wurden. Die Viehzählung blieb in der Folgezeit bestehen, das Horusgeleit hingegen wurde in der 3. Dynastie aufgegeben.Petra Andrassy: Untersuchungen zum ägyptischen Staat des Alten Reiches und seinen Institutionen (= Internet=Beiträge zur Ägyptologie und Sudanarchäologie. Band XI). Berlin / London 2008, ISBN 978-1-906137-08-3, S. 16 ().
Vieles, was aus Ninetjers Regierungszeit bekannt ist, wird auf dem Palermostein geschildert. Die Bruchkante des Steins verläuft genau diagonal durch das 7. und 21. Fenster; daher fehlen die Reste der jeweils geschilderten Ereignisse. Jedoch kann davon ausgegangen werden, dass hier die übliche Viehzählung genannt wird. Auf dem Kairostein sind dazu ergänzend die Regierungsjahre 34 bis 42 erhalten. Leider sind hier fast sämtliche Einträge in den Jahresfenstern durch Abrieb schwer lesbar oder gänzlich zerstört.Toby Wilkinson: Royal Annals of ancient Egypt. The Palermo Stone and its associated Fragments. London u. a. 2000, S. 119–129. Der Palermostein nennt folgende Ereignisse: